Der Mann stand direkt neben ihr, und Katrin Hoffmann brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass es nicht der Freund der Nachbarin war. Es war ein Fremder, mitten in der Nacht, vor ihrer Haustür in Bochum. Sie fragte ihn noch, ob er jemanden besuchen wolle, da drückte er alle sechs Klingeln des Hauses auf einmal. Als sie die Tür öffnete, spürte sie einen Stoß im Rücken.

Einen zweiten. Einen dritten. Erst im Krankenhaus, nach der Notoperation wegen ihrer kollabierten Lunge, wurde klar, was wirklich geschehen war: Der Mann hatte dreimal mit einem Messer durch seine Jackentasche auf sie eingestochen. Der Notarzt konnte Katrin Hoffmann das Leben retten, doch die Polizei stand vor einem Rätsel.
Die 35-jährige Sozialpädagogin kannte ihren Angreifer nicht. Kein Raub, kein erkennbares Motiv – nur ein Mann, der in einer Sommernacht zustach und im Dunkeln verschwand. Das Ermittlungsteam unter Leitung von Kriminalhauptkommissar Axel Pütter tappte im Dunkeln. Ein Nachbar hatte Hilferufe gehört, eine Frau aus dem Nachbarhaus ein rotes Auto wegfahren sehen.
Die Spurensuche entlang des Fluchtwegs blieb erfolglos, selbst das später gefundene Messer war alt und vergraben – nicht die Tatwaffe. Dann kam die erste heiße Spur: ein Phantombild, das in der Zeitung erschien. Am nächsten Morgen sprach ein Kollege Pütter an: „Hast du den Jörg schon festgenommen? “ Der Beamte der Kriminalwache sah dem Phantombild zum Verwechseln ähnlich – gleiche Größe, gleiches Alter, gleiche Gesichtsform.
Für Pütter und sein Team war das ein Schock, aber sie mussten ermitteln, auch gegen einen eigenen Kollegen. Der Kollege hatte kein Alibi, war krankgeschrieben gewesen. Bei der Wohnungsdurchsuchung wurde er blass und nervös, doch dann stellte sich heraus: Seine Frau bestätigte sein Alibi, und Katrin Hoffmann erkannte ihn auf einem Foto nicht wieder. Entlastet.
Die Ermittlungen begannen von vorn. Eine Lichtbildvorlage aus der Polizeidatenbank brachte den nächsten Kandidaten: einen Gärtner, der in der Nähe von Katrins Wohnung arbeitete und einst wegen Diebstahls registriert war. Katrin erkannte ihn auf einem alten Foto sofort. Doch das Foto war zehn Jahre alt – der Gärtner hatte inzwischen über 30 Kilo abgenommen, und auf einem aktuellen Foto erkannte sie ihn nicht wieder.
Wieder ein Rückschlag. Dann meldete sich Claudia Wolf. Wochen vor dem Angriff auf Katrin war sie nachts von einem roten Auto verfolgt worden, von einer Ü30-Party bis zu ihrer Wohnung. Sie war dem Mann entkommen, hatte sich in ihrer Sackgasse geduckt und die Haustür gerade noch erreicht.
Als sie in der Zeitung vom Angriff auf Katrin las, erkannte sie die Parallelen – und den Täter: das Phantombild, dem ihr Verfolger glich. Zwei Frauen, gleiches Alter, gleiche Statur, gleiche schwarze Haare, gleiche Ü30-Party, gleiche Beschreibung des Täters. Die Mordkommission wusste: Sie suchten einen Serientäter. Die Öffentlichkeit wurde informiert, ein neues Phantombild veröffentlicht.
Daraufhin meldeten sich Frauen aus ganz Deutschland und sogar aus dem Ausland. Drei Hinweise erwiesen sich als entscheidend. Nicole Krüger war im Juni 1999 in Dortmund verfolgt worden – sie hatte sich in eine Polizeiwache gerettet, die Beamten fanden den roten Wagen, der Fahrer saß noch drin. Sie durchsuchten das Auto: Paketschnur, Klebeband, ein Messer.
Der Mann, Dirk E. , behauptete, er habe sich verirrt und die Dinge für einen Umzug gebraucht. Er wurde gehen gelassen. Sandra Schäfer, eine Krankenschwester in Herdecke, erzählte ebenfalls von einer Verfolgungsfahrt im Sommer 1999.
Ein Mann hatte sie bis nach Hause verfolgt, angeblich wegen eines platten Reifens – der aber intakt war. Erst am nächsten Morgen war er durch einen winzigen Einstich tatsächlich platt. Eine Kollegin aus der Klinik berichtete von exakt derselben Erfahrung. Die Polizei überwachte den Krankenhausparkplatz – und erwischte wieder Dirk E.
, der angab, sich verirrt zu haben. Pütter und sein Team zogen die Akten zusammen. Erstmals hatten sie einen Namen, einen möglichen Verdächtigen. Doch Katrin Hoffmanns frühere Fehlidentifikation des Gärtners schwächte ihre Glaubwürdigkeit vor Gericht – nur eine Vernehmung konnte Klarheit bringen.
Die Vorbereitung war akribisch. Dirk E. arbeitete als IT-Mitarbeiter im Ruhrgebiet, war unbescholten, intelligent, 28 Jahre alt. Die Beamten suchten ihn an seiner Firma auf, ohne Vorankündigung, um seine Reaktion zu testen.
Er reagierte seltsam ruhig, stellte keine einzige Frage, schwieg auch auf dem Weg zum Präsidium – wo den Kollegen sofort auffiel, wie stark er dem Phantombild ähnelte. Sieben Stunden lang vernahmen sie ihn. Dirk E. stritt alles ab.
Doch in einer kurzen Pause, als nur noch ein junger Kollege bei ihm saß, sagte er plötzlich: „Ich weiß, was ihr wissen wollt. Ihr wollt hören, dass ich die Frau in Bochum niedergestochen habe. Ja, das war ich. Und holt jetzt einen Zettel und einen Bleistift – ich habe noch mehr gemacht.
“
Das Geständnis änderte alles. Dirk E. berichtete von 60 verfolgten Frauen, begangen über mehr als acht Jahre, seit er Anfang zwanzig war. Die Ermittler konnten 16 Verfolgungsfahrten bestätigen, auf fünf Angriffe folgte eine Anklage.
Nur ein von ihm gestandener Angriff auf eine Frau in Delmenhorst konnte nie verifiziert werden – die Frau hatte keine Anzeige erstattet. Die Taten waren brutal: In Emden stach er einer Frau vor der Haustür mehr als zehnmal mit einem Messer in die Brust, verletzte Rippen, Leber, Zwerchfell und Bauchspeicheldrüse. In Wuppertal schlug er mit einem Radmutternschlüssel auf den Kopf einer Frau ein, die sich im letzten Moment wegdrehte. In Münster stach er vor einem Studentinnenwohnheim etwa siebenmal auf Beine und Bauch einer Frau ein.
In Venlo, nur drei Tage vor seiner Festnahme, versuchte er eine Frau mit einem Küchenmesser anzugreifen – sie wehrte sich und entkam unverletzt. Wie durch ein Wunder überlebten alle Frauen. Doch ihr Leben veränderte sich radikal: Schlafstörungen, Albträume, Angst vor der Dunkelheit, Angst, allein zu sein. Eine Frau hatte zeitweise Suizidgedanken.
Im Prozess vor dem Landgericht Bochum wurde klar, was Dirk E. getrieben hatte: sexuelle Fantasien. Er stammte aus einer streng gläubigen protestantischen Familie, in der über Sexualität nicht gesprochen wurde. Als Kind unterdrückte er seine Triebe und flüchtete sich in Fantasien, in denen er mächtig war statt beschämt.
Der Psychiater diagnostizierte eine sadistisch-perverse Entwicklung – Dirk E. habe die Angst in den Augen seiner Opfer sehen wollen. Am 22. Mai 2001 wurde er wegen versuchten Mordes in drei und wegen gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen zu zwölf Jahren Haft verurteilt und anschließend in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.
Jahre später telefonierte Axel Pütter mit Katrin Hoffmann. Sie hatte über Jahre eine Therapie gemacht und ihre Erfahrung verarbeitet. Sie hatte verstanden, dass sie nicht das Ziel war – es hätte jede andere Frau treffen können.
Genau das beruhigte sie.


