Im Jahr 1099 eroberten die Kreuzfahrer Jerusalem – und brachten neben Blut und Gebeten etwas mit, das Europa für immer verändern sollte. Zucker. Die Kreuzritter waren in den Küstenstädten der Levante auf Zuckerrohrplantagen gestoßen. Ein Chronist beschrieb den Fund als ein Gewürz, das den Honig in den Schatten stellt.

Plötzlich wollte jeder in Europa dieses weiße Pulver. Das Problem: Zucker war unglaublich teuer. In den Hafenstädten Venedig und Genua, die den Orienthandel kontrollierten, wurde Zucker in Gramm abgewogen, nicht in Kilogramm. Ein Pfund Zucker kostete im mittelalterlichen England so viel wie ein ganzes Schwein.
Selbst Pfeffer, eines der teuersten Gewürze der Welt, war billiger. Zucker war kein Lebensmittel. Er war ein Statussymbol, ein Zeichen von Macht und Reichtum. Könige verschenkten ihn als diplomatische Geschenke.
Apotheker verkauften ihn als Medizin gegen praktisch jede Krankheit – von Fieber über Husten bis hin zu Melancholie. Die europäischen Aristokraten entwickelten einen regelrechten Zuckerkult. Auf Banketten wurden ganze Burgen und Schlösser aus Zucker modelliert. Königin Elisabeth I.
war berühmt für ihre Vorliebe für Süßes – ihre Zähne verfärbten sich schwarz vom übermäßigen Konsum. Am englischen Hof galten schwarze Zähne zeitweise sogar als Modeerscheinung, weil sie signalisierten, dass man sich Zucker leisten konnte. Doch solange Zucker ausschließlich aus dem Orient importiert werden musste, blieb er ein Luxus für die wenigen. Die Portugiesen waren die ersten, die das änderten.
Im 15. Jahrhundert legten sie auf den Atlantikinseln Madeira und São Tomé Zuckerrohrplantagen an. Madeira wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zum größten Zuckerproduzenten der westlichen Welt. Zum ersten Mal kam Zucker nach Europa, ohne den langen Weg über arabische und venezianische Zwischenhändler zu nehmen.
Die Preise fielen leicht, aber Zucker blieb teuer. Die Inseln waren klein, die Böden erschöpften sich schnell, und die Arbeitskraft war begrenzt. Es fehlte ein Kontinent. Dann kam Christoph Kolumbus – und mit ihm begann das dunkelste Kapitel dieser Geschichte.
Als Kolumbus 1492 den Atlantik überquerte, hatte er Gold und Gewürze im Sinn. Auf seiner zweiten Reise 1493 brachte er Zuckerrohr-Setzlinge auf die Insel Hispaniola, das heutige Haiti und die Dominikanische Republik. Sein Schwiegervater war selbst Zuckerpflanzer auf den Kanarischen Inseln gewesen – Kolumbus wusste genau, welches Potenzial diese Pflanze hatte. Das Zuckerrohr gedieh im tropischen Klima der Karibik wie nirgendwo sonst.
Innerhalb weniger Monate waren die ersten Setzlinge zu mannshohen Pflanzen gewachsen. Diese Entscheidung war folgenreicher als alles Gold, das die Spanier in der Neuen Welt je finden würden. Die europäischen Kolonisatoren erkannten schnell, dass die Karibik perfekte Bedingungen bot: vulkanische Böden, tropische Hitze, ausreichend Regen. Die Spanier, Portugiesen, Franzosen, Engländer und Niederländer stürzten sich auf die Inseln.
Barbados, Jamaika, Martinique, Guadeloupe, Saint-Domingue, Trinidad – eine Insel nach der anderen wurde zur Zuckerfabrik. Es gab nur ein Problem. Die Arbeit auf den Zuckerrohrplantagen war unvorstellbar brutal. Zuckerrohr muss innerhalb von 24 Stunden nach der Ernte verarbeitet werden, sonst beginnt die Fermentation.
Während der monatelangen Erntesaison bedeutete das pausenlose Arbeit bei Temperaturen über 40 Grad – 16 bis 18 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Das Schneiden der harten Stängel mit Macheten war Knochenarbeit. Die Verarbeitung in den Siedehäusern, wo der Saft in riesigen Kupferkesseln über offenem Feuer eingekocht wurde, war lebensgefährlich. Besucher beschrieben die Hitze in diesen Gebäuden als höllisch.
Die einheimische Bevölkerung der Karibik, die Taíno und Arawak, wurde durch eingeschleppte Krankheiten, Gewalt und Zwangsarbeit innerhalb weniger Generationen fast vollständig ausgelöscht. Auf Hispaniola lebten vor der Ankunft der Europäer schätzungsweise 300. 000 Taíno. 50 Jahre später waren es weniger als 500.
Also wandten sich die Plantagenbesitzer einer anderen Quelle billiger Arbeitskraft zu: Afrika. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden schätzungsweise 12 Millionen Menschen aus Westafrika gewaltsam verschleppt und über den Atlantik transportiert.
Mehr als die Hälfte von ihnen landete auf Zuckerrohrplantagen – nicht auf Baumwollfeldern, nicht in Goldminen, auf Zuckerplantagen. Der transatlantische Sklavenhandel, eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, wurde im Kern von der europäischen Nachfrage nach einem einzigen Produkt angetrieben: Zucker. Die Bedingungen auf den Plantagen waren so grausam, dass die durchschnittliche Lebenserwartung eines neu angekommenen Versklavten nur sieben Jahre betrug. In den Zuckermühlen, wo schwere Walzen die Stängel zerquetschten, kostete die Arbeit unzähligen Menschen Finger, Hände und Arme.
Neben jeder Mühle lag eine Axt bereit, damit man einem Arbeiter, der in die Walzen geriet, sofort den Arm abtrennen konnte, bevor der ganze Körper hineingezogen wurde. Die Plantagenbesitzer kalkulierten den Tod ihrer Arbeiter nüchtern als Betriebskosten ein. Es war billiger, einen Menschen zu Tode arbeiten zu lassen und einen neuen zu kaufen, als die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das Dreieckshandelssystem funktionierte mit erschreckender Effizienz.
Europäische Schiffe brachten Waffen, Textilien und Alkohol an die westafrikanische Küste und tauschten sie gegen versklavte Menschen. Dann kam die sogenannte Mittelpassage – die Überfahrt über den Atlantik, die zwischen sechs und zwölf Wochen dauerte. Die Menschen wurden unter Deck aneinandergekettet, in Räume gepfercht, in denen man nicht aufrecht stehen konnte. Krankheiten breiteten sich rasend schnell aus.
Zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Verschleppten starben auf der Überfahrt. Ihre Körper wurden ins Meer geworfen. In den Häfen von Kingston, Bridgetown und Havanna wurden die Überlebenden auf öffentlichen Märkten versteigert, begutachtet wie Vieh, getrennt von Familien und Kindern. Von den Zuckerplantagen kamen nur die wenigsten jemals wieder weg.
Der produzierte Rohzucker und der aus Melasse destillierte Rum wurden zurück nach Europa verschifft. Jede Etappe des Dreiecks generierte enormen Profit. Im 18. Jahrhundert war Zucker das wertvollste Handelsgut der Welt – wertvoller als Tabak, Baumwolle oder Kaffee.
Die winzige Insel Barbados mit einer Fläche von nur 430 Quadratkilometern erwirtschaftete für das britische Imperium zeitweise mehr Handelsertrag als alle 13 nordamerikanischen Kolonien zusammen. Auf Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, schufteten Ende des 18. Jahrhunderts über 500. 000 versklavte Menschen auf den Zuckerplantagen.
Die Insel produzierte damals 40 Prozent des gesamten Zuckers und 60 Prozent des gesamten Kaffees, den Europa konsumierte. Der Preis dafür war menschliches Leben im industriellen Maßstab. Und es waren genau diese versklavten Menschen, die als erste erfolgreich gegen das System aufbegehrten. Im August 1791 brach auf der Insel ein Sklavenaufstand aus, angeführt von Toussaint Louverture, einem ehemaligen Sklaven, der zum militärischen Genie wurde.
Der Aufstand entwickelte sich zur haitianischen Revolution – dem einzigen erfolgreichen Sklavenaufstand der Neuzeit. 1804 erklärte Haiti seine Unabhängigkeit. Die Zuckerproduktion brach zusammen. Frankreich verlor seine profitabelste Kolonie.
Parallel formierte sich in Großbritannien eine Bewegung, die Zucker zum ersten Mal in seiner Geschichte mit einem moralischen Stigma belegte. Abolitionisten wie William Wilberforce kämpften im Parlament gegen den Sklavenhandel, während Aktivistinnen wie Elizabeth Heyrick einen Boykott von Zucker aus Sklavenarbeit organisierten. In den 1790er Jahren verzichteten schätzungsweise 300. 000 Briten auf karibischen Zucker.
Es war einer der ersten Verbraucherboykotte der Geschichte. 1807 verbot Großbritannien den Sklavenhandel. 1833 schaffte es die Sklaverei in seinen Kolonien ab. Aber die Plantagen verschwanden nicht.
Die Besitzer bekamen Entschädigungen – die befreiten Sklaven bekamen nichts. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Zuckerwelt grundlegend zu verändern. 1747 machte der preußische Chemiker Andreas Sigismund Marggraf in seinem Berliner Labor eine Entdeckung, die zunächst kaum jemand ernst nahm: Er isolierte Zuckerkristalle aus einer ganz gewöhnlichen europäischen Feldfrucht – der Runkelrübe.
Der Zucker war chemisch identisch mit dem des tropischen Zuckerrohrs. Sein Schüler Franz Karl Achard widmete sein halbes Leben der Aufgabe, daraus ein industrielles Verfahren zu entwickeln. 1801 eröffnete er in Cunern in Schlesien die erste Rübenzuckerfabrik der Welt. Die Ausbeute war miserabel, die Qualität schwankend, die Kosten hoch.
Achard starb verarmt – aber seine Idee überlebte und brauchte nur den richtigen Moment, um zu explodieren. Dieser Moment kam mit Napoleon Bonaparte. Als die britische Royal Navy ab 1806 eine Seeblockade gegen das französische Kaiserreich verhängte und den Import von karibischem Rohrzucker praktisch unmöglich machte, stand Frankreich vor einem Problem. Die Franzosen hatten sich an ihren Zucker gewöhnt, und Napoleon wusste: Ein Volk ohne Zucker ist ein unzufriedenes Volk.
Er erkannte die strategische Bedeutung der Zuckerrübe, ordnete den Bau von Rübenzuckerfabriken in ganz Frankreich an und stellte staatliche Mittel für die Forschung bereit. Innerhalb weniger Jahre standen über 300 Fabriken im Land. Was als Notlösung in Kriegszeiten begann, wurde zur landwirtschaftlichen Revolution. Plötzlich brauchte man keine tropischen Kolonien mehr, keine Schiffe, die monatelang über den Atlantik segelten, keine Plantagenökonomie.
Man konnte Zucker auf einem ganz normalen europäischen Acker anbauen, in einer Fabrik nebenan verarbeiten und direkt an den Verbraucher verkaufen. Deutschland, Frankreich, Österreich, Russland – überall entstanden Rübenzuckerfabriken. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts stammte bereits die Hälfte des weltweiten Zuckers aus der Rübe.
Die karibischen Plantagenökonomien verloren an Bedeutung. Die Produktionskosten fielen dramatisch. Die Industrialisierung verwandelte Zucker endgültig vom teuersten Luxusgut Europas in ein Alltagsprodukt. Dampfmaschinen trieben die Mühlen an, Eisenbahnen transportierten die Rüben zu den Fabriken, neue chemische Verfahren machten die Raffinierung effizienter.
Im Jahr 1800 enthielt eine Zuckerrübe etwa 5 Prozent Zucker – 100 Jahre später waren es 16 Prozent. Der Preis für ein Kilogramm Zucker fiel um mehr als 90 Prozent. Genau in dieser Zeit veränderte sich auch der Konsum dramatisch. Nirgends war das so sichtbar wie in Großbritannien.
Dort spielte Zucker eine Schlüsselrolle in einer der folgenreichsten kulturellen Veränderungen der Moderne: der Verbreitung des Teetrinkens unter der Arbeiterklasse. Tee, bitter und herb, wurde erst durch die Zugabe von billigem Zucker zum Massengetränk. Fabrikarbeiter, die 14 Stunden am Tag schufteten, bekamen süßen Tee als billige, schnelle Energiequelle. Dazu ein Stück Weißbrot mit Marmelade – ebenfalls voller Zucker.
Der Pro-Kopf-Verbrauch von Zucker in Großbritannien stieg zwischen 1800 und 1900 von etwa 2 auf über 40 Kilogramm pro Jahr. Eine Verzwanzigfachung in nur einem Jahrhundert. Das gleiche Muster zeigte sich überall in der industrialisierten Welt. Zucker wurde zur Standardzutat in Brot, Marmelade, Schokolade, Limonade, Gebäck und Konserven.
Er machte fade Nahrungsmittel schmackhaft, verlängerte die Haltbarkeit und war dabei so billig, dass es keinen Grund gab, ihn nicht in alles zu mischen. Im 20. Jahrhundert beschleunigte sich dieser Trend noch einmal drastisch. Die Erfindung von Coca-Cola 1886 in Atlanta, zunächst verkauft als Apothekengetränk mit Kokainextrakt und Zucker, markierte den Beginn einer neuen Ära.
Die Softdrink-Industrie machte den Zuckerkonsum portabel, bequem und allgegenwärtig. Coca-Cola, Pepsi und ihre Konkurrenten investierten Milliarden in Werbung, die Zucker mit Glück, Jugend und Freiheit assoziierte. Ab den 1970er Jahren kam in den Vereinigten Staaten eine weitere Entwicklung hinzu. Japanische Wissenschaftler hatten ein Verfahren entwickelt, um aus billigem Mais einen hochkonzentrierten Sirup herzustellen: High Fructose Corn Syrup – Maissirup mit hohem Fruktosegehalt.
Dieser Sirup war noch billiger als Rübenzucker, ließ sich in flüssiger Form leichter verarbeiten und machte Lebensmittel süßer. Die amerikanische Nahrungsmittelindustrie stieg massenhaft um. Ab 1984 war in praktisch jeder amerikanischen Softdrink-Flasche kein normaler Zucker mehr, sondern Maissirup – und in Brot, Müsli, Ketchup und Fertiggerichten kam überall noch mehr dazu, weil der Sirup so unglaublich billig war. Im Jahr 1972 passierte etwas in den Vereinigten Staaten, das die öffentliche Gesundheitsdebatte für Jahrzehnte in eine falsche Richtung lenken sollte.
Die Sugar Research Foundation, eine Lobbyorganisation der amerikanischen Zuckerindustrie, bezahlte drei Wissenschaftler der Harvard University dafür, eine Übersichtsarbeit im angesehenen New England Journal of Medicine zu veröffentlichen. Das Ziel: Die gesundheitlichen Risiken von Zucker herunterspielen und stattdessen gesättigtes Fett als Hauptverursacher von Herzkrankheiten darstellen. Die Strategie funktionierte perfekt. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass gesättigte Fette der primäre Risikofaktor für koronare Herzkrankheiten seien – Zucker praktisch unbedenklich.
Was in dem Artikel nicht erwähnt wurde: Die Sugar Research Foundation hatte die Forscher mit dem heutigen Gegenwert von etwa 50. 000 Dollar bezahlt und den Inhalt der Studie aktiv beeinflusst. Einer der beteiligten Forscher, Mark Hegsted, wurde später Leiter der Ernährungsabteilung im US-Landwirtschaftsministerium und gestaltete dort die offiziellen Ernährungsrichtlinien mit – die gleichen Richtlinien, die Fett verteufelten und Zucker ignorierten. Diese eine manipulierte Studie prägte die Ernährungspolitik der westlichen Welt für die nächsten 30 Jahre.
Fett wurde zum Feind. Die Lebensmittelindustrie reagierte, indem sie massenhaft fettreduzierte Produkte auf den Markt brachte: fettarmer Joghurt, fettarme Milch, fettarme Kekse, fettarmes Salatdressing. Und um den fehlenden Geschmack auszugleichen – genau, wurde noch mehr Zucker hinzugefügt. Erst 2016, fast 50 Jahre später, entdeckten Forscher der University of California in San Francisco interne Dokumente der Sugar Research Foundation, die das Ausmaß der Manipulation offenlegten.
Interne Memos zeigten, wie die Lobbyorganisation die Forschungsfragen vorgab, Entwürfe überprüfte und sicherstellte, dass das gewünschte Ergebnis herauskam. Der Skandal war enorm – aber der Schaden war längst angerichtet. Heute steckt Zucker in Produkten, in denen ihn kein Verbraucher vermuten würde: in Brot, in Wurst, in Tomatensoße, in Salatdressings, in Müslis, die sich als Gesundheitsprodukte vermarkten, in Babybrei, in sogenannten Fitnessprodukten. Die Lebensmittelindustrie verwendet über 60 verschiedene Bezeichnungen für Zucker auf ihren Zutatenlisten: Maltodextrin, Dextrose, Glucosesirup, Saccharose, Invertzucker, Isoglukose, Fruktose, Gerstenmalzextrakt.
Die meisten Verbraucher erkennen nicht einmal die Hälfte davon. Und genau das ist der Punkt. Wenn man Zucker unter fünf verschiedenen Namen auf eine Zutatenliste setzt, rutscht keine der einzelnen Zuckerarten an die erste Stelle. Der Verbraucher denkt, Zucker sei eine Nebenzutat.
In Wahrheit ist er oft die Hauptzutat. Ein einziger Liter einer handelsüblichen Cola enthält rund 110 Gramm Zucker – das sind 37 Stück Würfelzucker. Ein Becher Fruchtjoghurt aus dem Kühlregal enthält oft genauso viel Zucker wie eine Kugel Eis. Ein Glas industriell hergestellter Apfelsaft hat teilweise mehr Zucker als die gleiche Menge Cola.
In den letzten 20 Jahren hat die Neurowissenschaft gezeigt, dass Zucker im Gehirn ähnliche Belohnungsmechanismen aktiviert wie bestimmte Drogen. Wenn Zucker auf die Geschmacksknospen trifft, schüttet das Gehirn Dopamin aus – den Neurotransmitter, der für Belohnung, Motivation und Verlangen zuständig ist. Derselbe Botenstoff, der auch bei Alkohol, Nikotin und Kokain eine Rolle spielt. In Tierversuchen an der Princeton University zeigten Ratten mit freiem Zugang zu Zuckerlösung alle klassischen Merkmale einer Abhängigkeit: Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen beim Entzug, unkontrollierter Konsum trotz negativer Konsequenzen.
Ein Forscherteam des Connecticut College zeigte in einem viel beachteten Experiment, dass Ratten eine stärkere Vorliebe für Zucker entwickelten als für Kokain. Manche Forscher sprechen inzwischen offen von Zuckersucht – auch wenn die Lebensmittelindustrie diesen Begriff energisch bekämpft. Der durchschnittliche Deutsche konsumiert heute rund 35 Kilogramm Zucker pro Jahr. In den Vereinigten Staaten liegt der Wert bei über 60 Kilogramm.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt maximal 25 Gramm freien Zucker pro Tag für einen Erwachsenen – das sind sechs Teelöffel. Ein einziges Glas Orangensaft aus dem Supermarkt enthält oft schon mehr als das. Die gesundheitlichen Folgen sind mittlerweile unbestreitbar. Diabetes Typ 2, einst eine Erkrankung, die fast ausschließlich bei älteren Menschen auftrat, wird heute zunehmend bei Kindern und Jugendlichen diagnostiziert.
In den Vereinigten Staaten hat sich die Zahl der Diabetesdiagnosen bei Jugendlichen zwischen 2000 und 2020 mehr als verdoppelt. Weltweit leben über 500 Millionen Menschen mit Diabetes – die Internationale Diabetesföderation prognostiziert einen Anstieg auf über 700 Millionen bis 2045. Fettleibigkeit hat sich seit 1975 weltweit verdreifacht. In manchen Ländern, darunter die Vereinigten Staaten, Mexiko und mehrere pazifische Inselstaaten, ist mehr als ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung adipös.
Die Forschung zeigt zudem, dass übermäßiger Zuckerkonsum mit chronischen Entzündungen, einer nichtalkoholischen Fettlebererkrankung, Herzkreislauferkrankungen und bestimmten Krebsarten in Verbindung steht. Karies, die zu 90 Prozent auf Zucker zurückzuführen ist, gilt als die häufigste chronische Krankheit der Menschheit. Die Zuckerindustrie reagiert auf diese Erkenntnisse so wie die Tabakindustrie vor 50 Jahren: Sie säen Zweifel, finanzieren eigene Studien, die zu bequemen Ergebnissen kommen, und nehmen politischen Einfluss, um Regulierung zu verhindern. In den Vereinigten Staaten gibt die Zuckerbranche jedes Jahr Millionen von Dollar für Lobbyarbeit aus, um strengere Kennzeichnungspflichten und Zuckersteuern zu blockieren.
Die Branche finanziert Sportereignisse, Ernährungskongresse und sogar Gesundheitsprogramme in Schulen. Wer als Sponsor eines Gesundheitsprogramms auftritt, wird selten als Teil des Problems wahrgenommen. In Entwicklungsländern, wo die Regulierung schwächer ist, drängen die großen Getränke- und Lebensmittelkonzerne mit aggressivem Marketing in neue Märkte. In Indien, Indonesien und Nigeria wächst der Zuckerkonsum am schnellsten – oft in Regionen, in denen es gleichzeitig an grundlegender medizinischer Versorgung fehlt.
Es gibt auch Gegenbeispiele. Mexiko führte 2014 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke ein und verzeichnete einen spürbaren Rückgang des Konsums. Großbritannien folgte 2018 mit einer gestaffelten Zuckersteuer, die so klug konstruiert war, dass viele Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke freiwillig senkten, bevor die Steuer überhaupt in Kraft trat. In Deutschland scheiterte ein ähnlicher Vorschlag bislang am Widerstand der Lebensmittellobby.
Die globale Zuckerproduktion steigt trotzdem weiter. Im Erntejahr 2023/2024 wurden weltweit rund 170 Millionen Tonnen Zucker produziert. Brasilien ist der größte Produzent, gefolgt von Indien und Thailand. Das Geschäft mit dem Zucker ist heute eine globale Industrie mit einem Marktwert von über 100 Milliarden Dollar pro Jahr.
Die größten Zuckerproduzenten betreiben in Brasilien Plantagen, die sich über hunderttausende Hektar erstrecken – bewirtschaftet mit schweren Erntemaschinen und modernster Logistik. Von der Machete des Sklaven zur GPS-gesteuerten Erntemaschine. Die Methoden haben sich geändert. Die Pflanze ist dieselbe.
So stehen wir heute an einem seltsamen Punkt der Geschichte. Wir wissen mehr über die Risiken von Zucker als jede Generation vor uns. Wir können die neurologischen Mechanismen der Abhängigkeit erklären. Wir können die historischen Verbrechen nachzeichnen, die im Namen dieser Pflanze begangen wurden.
Wir kennen die Strategien der Industrie, die Manipulation der Wissenschaft, die versteckten Zutaten auf den Etiketten. Und trotzdem steigt der Konsum jedes Jahr weiter an. Die Ironie ist schwer auszuhalten. In einer Zeit, in der wir mehr Informationen über Ernährung haben als je zuvor, in der jeder mit einem Smartphone in drei Sekunden nachschauen kann, wie viel Zucker in seinem Frühstücksmüsli steckt, konsumieren wir mehr davon als jede Generation in der gesamten Menschheitsgeschichte.
Im Mittelalter war Zucker so teuer, dass nur Könige ihn sich leisten konnten. Heute ist er so billig, dass er in Produkten steckt, die gar nicht süß schmecken sollen. Und genau darin liegt das Problem. Es ist fast unmöglich, ihm auszuweichen.
Wer versucht, eine Woche lang keinen zugesetzten Zucker zu essen, merkt schnell, wie radikal sich der eigene Einkauf ändern muss. Die Regale im Supermarkt, die übrig bleiben, passen in einen Einkaufskorb. Es begann mit einer wilden Graspflanze im Südpazifik, die süßer schmeckte als alles andere in der Natur. 10.
000 Jahre später hat diese Pflanze Imperien gebaut und zu Fall gebracht. Sie hat den größten Menschenhandel der Geschichte angetrieben. Sie hat die Ernährungsgewohnheiten der gesamten Menschheit umgeformt. Und sie hat sich so tief in unseren Alltag eingenistet, dass die meisten von uns sie gar nicht mehr bemerken.
Als die Kreuzfahrer im 11. Jahrhundert zum ersten Mal Zucker kosteten, nannten sie ihn ein Geschenk Gottes. Heute, fast 1000 Jahre später, sind wir uns da nicht mehr so sicher.


