Der Notruf ging um kurz nach halb fünf ein. Mark Winger meldete sich mit aufgelöster Stimme, ein Mann sei in seinem Haus, habe seine Frau mit einem Hammer angegriffen. Im Hintergrund waren gurgelnde Geräusche zu hören, dann legte er auf, weil er sich um das weinende Baby kümmern müsse. Als die Einsatzkräfte eintrafen, bot sich ihnen ein grauenhafter Anblick.

Im Wohnzimmer lag ein blutüberströmter Mann mit einer Schusswunde am Kopf, nicht weit von ihm entfernt Donna Winger, ebenfalls schwer verletzt, neben ihr ein Hammer. Beide lebten noch, wurden sofort ins Krankenhaus gebracht. Detective Charlie Cox übernahm die Ermittlungen. Bei der Kontrolle des Ausweises des Angreifers stockte ihm der Atem.
Roger Lee Harrington, 27 Jahre alt. Charlie kannte ihn persönlich. Roger lebte mit seinen Eltern auf demselben Campingplatz wie der Detective selbst. Während Donna und Roger medizinisch versorgt wurden, nahm Charlie im Obergeschoss die Aussage des Ehemanns auf.
Mark Winger wirkte sichtlich erschüttert. Er erzählte, er habe gerade auf dem Laufband trainiert, als er ein lautes Geräusch hörte. Er sei sofort nach unten gerannt und habe gesehen, wie ein fremder Mann mit einem Hammer auf Donna einschlug. Er habe seine geladene Waffe geholt, sei zurückgekehrt und habe dem Angreifer in den Kopf geschossen.
Als der Mann zu Boden ging, habe er ein zweites Mal geschossen. Donna sei zu diesem Zeitpunkt bereits bewusstlos gewesen. Die Ermittler fanden die Pistole auf dem Esstisch, daneben einen Kaffeebecher und eine Packung Zigaretten. Am Haus gab es keinerlei Einbruchsspuren.
Mark beteuerte, die Türen seien stets abgeschlossen gewesen. Der Hammer stammte aus der eigenen Garage, er hatte ihn am Vortag benutzt, um Bilder aufzuhängen. Für die Polizei ergab sich ein klares Bild. Donna musste Roger selbst hereingelassen haben.
Aber warum? Sie kannte Roger, und sie hätte ihn niemals freiwillig eingelassen. Roger Harrington war in Springfield kein Unbekannter. Er galt als instabil, impulsiv, psychisch auffällig.
In seinem Auto, das vor dem Haus der Wingers parkte, fand die Polizei einen Zettel mit der Adresse der Wingers und der Uhrzeit 16:30 Uhr. Die Handschrift war eindeutig Rogers. Als Detective Cox Mark mit diesem Fund konfrontierte, reagierte der aufgebracht. „Das ist der Typ, der Donna terrorisiert hat“, sagte er.
Dann berichtete er von einem Vorfall, der sich eine Woche zuvor ereignet hatte. Donna war mit der dreimonatigen Tochter Bailey aus Florida zurückgekehrt. Da Mark beruflich eingespannt war, hatte ihre Mutter einen Shuttleservice vom Flughafen organisiert. Der Fahrer war Roger Lee Harrington.
Schon nach wenigen Minuten bemerkte Donna, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er wirkte abwesend, sprach wirr und lachte an unpassenden Stellen. Er erzählte ihr von Stimmen in seinem Kopf, besonders von einem Geist namens Dom, der ihm befehle, Menschen zu töten. Dann machte er anzügliche Bemerkungen über ihr Aussehen.
Donna hatte große Angst, vor allem um ihr Baby. Roger fuhr außerdem viel zu schnell und schlug sich während der Fahrt mehrfach selbst ins Gesicht. Auf ihre Bitte anzuhalten, reagierte er nicht. Neunzig Minuten dauerte die Fahrt, bis Donna hastig aus dem Auto flüchtete und sich im Haus einschloss.
Am nächsten Tag versuchte Mark, sie zu überreden, den Vorfall zu melden. Donna zögerte, sie wollte alles am liebsten vergessen. Doch Mark blieb hartnäckig, und schließlich setzte sie sich hin und schrieb einen detaillierten Bericht über das Erlebte. Währenddessen wurde sie immer wieder von einer anonymen Nummer angerufen.
Wenn sie abnahm, meldete sich niemand, nur das Atmen am anderen Ende der Leitung war zu hören. Mark war sich sicher, dass es sich um Roger handelte, und rief die Shuttlefirma an. Diese reagierte sofort und kündigte Roger fristlos. Für Detective Cox ergab sich daraus ein klares Motiv.
Roger hatte durch Donnas Beschwerde seinen Job verloren und aus Wut darüber ihre Familie angegriffen. Mark zeigte dem Ermittler Donnas handschriftlichen Bericht. Doch weder sie noch Roger konnten jemals befragt werden. Donna starb eine Stunde nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus, Roger noch auf dem Weg dorthin.
Die Polizei ging von einem klaren Fall von Notwehr aus. Aber damit war der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Nach Donnas Tod verfiel Mark in eine tiefe Depression. Er trank, zog sich zurück.
Donnas Mutter Sarah zog für einige Zeit bei ihm ein, um sich um Bailey zu kümmern. Auch Donnas beste Freundin Anne war regelmäßig vor Ort. Als Sarah nach Florida zurückkehren musste, sagte sie Mark, er brauche dringend Unterstützung. Im Januar 1996 stellte er das Kindermädchen Rebecca Simic ein.
Sie war freundlich, ruhig, aufmerksam. Bailey mochte sie sofort. Auch Sarah war von Rebecca angetan. Nur Anne begegnete ihr von Anfang an mit Ablehnung.
Sie fand ihre Freundlichkeit aufgesetzt, machte abfällige Bemerkungen und sagte, sie traue ihr nicht. Vier Monate später kam heraus: Rebecca war schwanger von Mark. Donnas Tod lag gerade einmal ein halbes Jahr zurück. Viele Freunde waren irritiert und verurteilten die neue Beziehung, doch die meisten akzeptierten sie nach und nach.
Auch Sarah versöhnte sich mit der Situation. Sie glaubte, Donna hätte gewollt, dass Bailey in einem stabilen, liebevollen Zuhause aufwächst. Nur Anne blieb misstrauisch, sie verabscheute Rebecca regelrecht. Mark erhielt in dieser Zeit 50.
000 Dollar aus Donnas Lebensversicherung. Dazu kam eine hohe Summe aus einer Zivilklage gegen die Shuttlefirma sowie ein Bonus von seinem Arbeitgeber. Er begann wieder zu arbeiten und wirkte fröhlicher. Die dunkle Phase schien vorbei zu sein.
Dann tauchte Mark eines Tages unangekündigt auf dem Polizeirevier auf. Er wollte seine Waffe zurück. Detective Cox war überrascht, aber nicht wegen der Waffe an sich, sondern wegen der Fragen, die Mark stellte. Ob der Fall jemals wieder aufgerollt werden könne.
Ob es möglich sei, dass irgendwann gegen ihn ermittelt werde. Der Detective war über diese Fragen sehr verwundert, reagierte aber nicht weiter. Rebecca brachte ihr Kind zur Welt. Kurz darauf machte Mark ihr einen Heiratsantrag.
Sie zögerte kurz, sagte dann aber ja. Die beiden heirateten nur mit ihren Kindern am Strand. Eine Woche später informierte Mark seine Verwandten. Donnas Eltern waren schockiert, auch darüber, dass er zum Christentum konvertiert war.
Wenig später verkaufte Mark das Haus in Springfield und zog mit Rebecca, Bailey und dem Baby in ein abgelegenes Farmhaus aufs Land. Dort lebten sie abgeschottet. Sarah versuchte immer wieder, ihre Enkelin zu sehen, doch Mark blockte jeden Kontaktversuch ab. Er sagte ihr offen, sie solle sich nicht mehr als Baileys Großmutter sehen.
Rebecca blieb höflich, zog sich aber ebenfalls zurück. In den nächsten Jahren bekamen die beiden zwei weitere Kinder. Die Familie lebte zurückgezogen in ihrem Haus am See. Für viele schien Mark sein Glück gefunden zu haben.
Doch Donnas Mutter blieb misstrauisch. Für sie war klar: Dieser Mann hatte sich verändert. Auch Detective Charlie Cox konnte den Fall Jahre später nicht vergessen, besonders nicht seit dem seltsamen Besuch von Mark auf dem Revier. Bei einer zufälligen Begegnung mit Sergeant Duck Williams, einem der ersten Beamten am Tatort, stellte er fest, dass er nicht allein mit seinen Zweifeln war.
Duck sagte offen, er habe Marks Geschichte nie geglaubt, sich damals aber nicht getraut, etwas zu sagen. Er war neu in dem Job, und der Fall war schnell als aufgeklärt eingestuft worden. Die beiden sahen sich die Fallakte noch einmal genauer an – und fanden tatsächlich eine Reihe von Punkten, die nicht zusammenpassten. In Rogers Auto hatte man unter anderem einen Baseballschläger gefunden.
Warum hätte er den im Auto lassen und unbewaffnet ins Haus kommen sollen, um sich erst dort zu bewaffnen? Und warum hatte die verängstigte Donna ihn scheinbar freiwillig hereingelassen? Unklar blieb auch, was es mit den Zigaretten und dem Kaffeebecher in der Küche auf sich hatte, die nicht den Wingers gehörten. Eine Nachbarin hatte außerdem ausgesagt, zwei Schüsse mit ungefähr fünf Minuten Abstand gehört zu haben.
Das passte nicht zu Marks Schilderung, er habe zweimal direkt hintereinander geschossen. Auf einem Foto vom Tatort lag Roger weit entfernt von Donna. Mark behauptete aber, Roger habe über ihr gestanden und auf sie eingeschlagen, als er ihn erschoss. Die Position der Leichen sprach eine andere Sprache.
An Marks Kleidung fand man außerdem keinen Tropfen Blut, obwohl er angeblich aus nächster Nähe jemanden erschossen und sich danach um die schwer verletzte Donna gekümmert haben wollte. Auch eine Nachbarin und Freundin von Roger, Susan Collins, hatte ausgesagt, dass er einen Tag vor der Tat einen Anruf erhalten und sich während des Telefonats eine Adresse notiert habe. Genau den Zettel mit der Adresse der Wingers hatte man später in seinem Auto gefunden. Dem Hinweis war nie nachgegangen worden.
Als man nun, Jahre später, die Telefondaten kontrollierte, stellte man fest: Roger hatte an diesem Tag einen Anruf aus dem Haus der Wingers erhalten. Für den Detective war klar: Mark selbst musste Roger angerufen und ihn zu sich nach Hause bestellt haben. Ob Donna davon wusste, blieb unklar. Die Ermittler entwickelten eine ganz neue Theorie.
Mark hatte Roger eingeladen, unter dem Vorwand, die Sache klären zu wollen. Roger war zu diesem Zeitpunkt psychisch labil und stand durch den Jobverlust unter Druck. Möglicherweise gab Mark ihm das Gefühl, dass es noch eine Chance auf Wiedergutmachung gab. Vielleicht deutete er an, sich bei der Firma für ihn einzusetzen.
Roger kam zum Haus der Wingers in der Hoffnung auf ein persönliches Gespräch. Mark ließ ihn herein. Roger setzte sich, trank Kaffee, rauchte eine Zigarette. Dann schoss Mark ihm in den Kopf.
Der Schuss war laut. Donna war zu diesem Zeitpunkt mit Bailey im Kinderzimmer. Sie hörte das Geräusch, lief hinaus und kam ins Wohnzimmer. Dort sah sie Roger am Boden.
Im nächsten Moment schlug Mark mit dem Hammer auf sie ein. Sechs Mal. Was Mark nach dem Angriff tat, war schwer zu rekonstruieren. Denkbar war, dass er zunächst seine blutige Kleidung wechselte und Spuren entfernte.
Erst danach wählte er den Notruf. Laut der neuen Theorie der Ermittler hatte Mark alles von langer Hand geplant. Auch die anonymen Anrufe hatte er vermutlich selbst getätigt, um Donna einzuschüchtern und zu dem Bericht zu drängen. Was aussehen sollte wie der Angriff eines psychisch kranken Mannes, war in Wahrheit ein gezielter, vorbereiteter Mord, aus dem Mark als Held hervorgehen wollte.
Lange Zeit blieb die Frage nach dem Motiv unbeantwortet. Warum sollte Mark Winger seine Frau töten? Man ging davon aus, dass er es auf das Geld aus der Lebensversicherung abgesehen hatte. Doch der abschließende Beweis, um ihn zu verhaften und anzuklagen, fehlte.
Die Ermittler behielten Mark im Auge. Ganze vier Jahre lang. Erst im Februar 1999 klingelte das Telefon von Detective Charlie Cox. Am anderen Ende war Anne Schulz, Donnas beste Freundin.
Sie hatte gehört, dass es neue Ermittlungsansätze gab, und sie war bereit, endlich zu reden. In einem Gespräch mit dem Detective gab sie zu: Vor der Adoption von Bailey hatte sie eine Affäre mit Mark gehabt. Sie hätten sich anfangs bei ihr zu Hause getroffen, später in Hotels. Mark habe ihr wiederholt gesagt, sein Leben wäre einfacher, wenn Donna einfach nicht mehr da wäre.
Er habe ihr sogar vorgeschlagen, Donnas Tod vorzutäuschen, während er selbst unterwegs sei, um ein Alibi zu haben. Anne war damals aus Angst und Scham nicht zur Polizei gegangen. Nach Donnas Tod hatte sie gehofft, dass Mark sich nun für sie entscheiden würde. Doch Mark begann eine Beziehung mit dem jungen Kindermädchen.
Für Anne war das ein Schlag ins Gesicht. Sie fühlte sich benutzt und abgewiesen und zog sich zurück. Monatelang versuchte sie, damit fertig zu werden, doch es gelang ihr nicht. Jetzt wollte sie endlich die Wahrheit sagen.
Die Polizei konnte ihre Angaben weitgehend belegen: Hotelbuchungen, Kreditkartenzahlungen, Telefondaten passten zu ihren Aussagen. Damit hatte die Polizei endlich das fehlende Puzzleteil, um Mark zu überführen. Mark Winger wurde an seinem Arbeitsplatz verhaftet. Seine Frau und seine Familie gingen zunächst von einem Missverständnis aus.
Doch nach und nach bröckelte Marks Fassade. Im Mai 2002, sieben Jahre nach Donnas Tod, begann der Prozess gegen ihn. Er war angeklagt wegen des Mordes an Donna und an Roger. Die Liste der Beweismittel war lang: die Zigaretten, der Kaffeebecher, die forensischen Analysen, die Telefondaten, die Aussage von Susan Collins und schließlich das Geständnis von Anne Schulz.
Die Verteidigung versuchte, Zweifel zu säen. Sie stellte Anne als eifersüchtige, verbitterte Ex-Affäre dar, die aus Rache handle. Doch die Jury glaubte das nicht. Zu viele Indizien sprachen gegen Mark.
Mark Winger wurde in allen Punkten schuldig gesprochen. Er erhielt eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf Bewährung. Rebecca blieb mit vier Kindern zurück. Sie wollte das Urteil zunächst nicht glauben, klammerte sich an die Hoffnung, alles sei ein Irrtum.
Doch mit der Zeit begann auch sie zu verstehen. Vier Jahre nach der Verurteilung wurde in Marks Gefängniszelle ein Brief entdeckt. Darin schrieb er, dass er einen Mithäftling dafür bezahlen wolle, zwei Menschen zu töten: Anne Schulz und einen Mann namens Jeffrey German, der ihm kein Geld leihen wollte. Mark behauptete später, der Brief sei reine Fiktion, er habe mittlerweile gerne geschrieben.
Doch niemand glaubte ihm, weder die Ermittler noch seine Familie. Es kam zu einem neuen Verfahren, und zusätzlich zu seiner lebenslangen Haftstrafe erhielt er wegen des Auftragsmordversuchs zwei weitere 35-jährige Haftstrafen. Nach und nach brachen alle Leute aus seinem Umfeld den Kontakt zu ihm ab. Auch seine Kinder wandten sich ab.
Bailey, seine Adoptivtochter, sowie seine drei leiblichen Kinder mit Rebecca änderten ihren Nachnamen. Heute leben sie an einem unbekannten Ort irgendwo in den USA. Donnas Familie war froh, dass es am Ende doch noch Gerechtigkeit für ihre Tochter gegeben hatte.
Sie waren schockiert über Marks Handeln und trauerten bis heute um Donna, die nur 31 Jahre alt geworden war.


