Es ist der 15. Juli 2011, kurz vor 16 Uhr, als ein harmloser Spaziergang in Hannovers Innenstadt zu einem Albtraum wird. Ein Mann mit zusammengeklapptem Regenschirm läuft eine ruhige Hinterstraße entlang, telefoniert und streift dabei einen Passanten. Niemand ahnt, dass dieser flüchtige Kontakt Monate später tödlich enden wird.

Christoph Bulwin, 40 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier kleiner Kinder, ist an diesem Freitagnachmittag auf dem Weg zu seinem Auto. Der Softwareentwickler arbeitet bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie in Hannover und parkt gewöhnlich ein paar Gehminuten von seinem Büro entfernt. Als er das Gebäude durch den Hinterausgang verlässt, fällt ihm auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Mann auf: Basecap, Sonnenbrille, Regenschirm, telefonierend. Eine unauffällige Szene, doch mehrere Zeugen werden sich später an diesen Typen erinnern.
Christoph setzt seinen Weg fort, die Fischerstraße entlang, bis er plötzlich einen stechenden Schmerz in seiner linken Gesäßhälfte spürt. Er dreht sich um und sieht den Mann von eben, der ihm im Vorbeigehen die Spitze seines Regenschirms in den Körper gerammt hat. Sofort setzt ein brennender Schmerz ein. Nach einem kurzen Schock nimmt Christoph die Verfolgung auf, holt den Angreifer ein und es kommt zu einem Gerangel.
Doch der Fremde kann entkommen – nicht ohne dass Christoph ihm ein Stück der Schirmspitze abreißt: eine kleine Röhre, in der eine Spritze mit einem Rest heller Flüssigkeit steckt. Mehrere Zeugen sehen den Mann mit dem Schirm davonlaufen. Christoph ruft sofort die Polizei und lässt sich vorsorglich in ein nahegelegenes Krankenhaus bringen. Die Ärzte vermuten zunächst, man habe ihm Drogen verabreicht, doch sein Zustand bleibt stabil.
Als die Laborergebnisse keine Drogen nachweisen, erhält er vorsorglich Medikamente zur HIV-Prophylaxe – ein seltener Fall, in dem Fremde versuchen, andere mit Spritzen zu infizieren. Am selben Abend wird der Familienvater nach Hause entlassen. Die Polizei ermittelt wegen Körperverletzung gegen Unbekannt. Doch zu Hause geht es Christoph plötzlich schlechter.
Schwere Übelkeit quält ihn, was der Arzt auf die starken Nebenwirkungen der HIV-Prophylaxe zurückführt. Christoph setzt das Medikament ab und es geht ihm übers Wochenende wieder besser. Doch am 22. Juli, eine Woche nach dem Zwischenfall, verschlechtert sich sein Zustand dramatisch: Übelkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Fieber und ein schwerer Ausschlag, bei dem sich seine Haut abschält.
Am 23. Juli muss er erneut ins Krankenhaus, wo erhöhte Entzündungswerte gemessen werden. Sein Zustand verschlechtert sich rapide. Er kann sich nicht mehr selbstständig bewegen oder sprechen und fällt Anfang August ins Wachkoma.
Erst sechs Wochen nach dem Angriff geben Christophs Blutwerte Aufschluss: Sein Körper enthält 4200 Mikrogramm Quecksilber pro Liter Blut – mehr als 2000-mal so viel wie der Durchschnittswert eines normalen Menschen. Christoph wurde vergiftet. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Spritze mit Methylquecksilber gefüllt war. Doch die Vergiftung liegt bereits Wochen zurück, und das bedeutet nichts Gutes für seine Prognose.
Im Frühjahr 2012 verbessert sich sein Zustand minimal, er wird in eine Reha-Einrichtung verlegt, bleibt aber ein Vollpflegefall. Am 9. Mai 2012 stirbt Christoph, zehn Tage vor seinem 41. Geburtstag, an einem epileptischen Anfall infolge von Komplikationen durch die Quecksilbervergiftung.
Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen eines mutmaßlichen Tötungsdelikts, die Mordkommission übernimmt den Fall. Dank Christophs genauer Beobachtung gibt es eine außergewöhnlich detaillierte Täterbeschreibung: Der Mann war etwa 40 bis 50 Jahre alt, zwischen 1,75 und 1,85 Meter groß, schlank mit hageren Gesichtszügen und markanten Wangenknochen. Seine Haut war leicht gebräunt, trocken und narbig wie nach abgeheilter Akne. Er hatte schmale Lippen, dunkelblonde bis hellbraune kurze Haare, ein großes beigefarbenes Pflaster auf der rechten Wange, trug eine Basecap mit weißer Schrift, eine Sonnenbrille, eine verwaschene hellblaue Jeans und eine schwarz glänzende Lederjacke mit bunten Ärmeln und einer bunten Gürtellinie.
Mehrere Zeugen bestätigen diese Beschreibung. Den Ermittlern ist klar: Der Täter muss sich gut mit Chemie ausgekannt haben. Methylquecksilber ist nicht leicht zu beschaffen, in Europa und den USA gelten strenge Richtlinien für den Erwerb. Schon eine Minidosis kann tödlich sein – wie der Fall der Chemikerin Karen Wetterhahn zeigt, die 1996 an einem einzigen Tropfen starb, der durch einen porösen Latexhandschuh in ihre Haut gelangte.
Auch der Täter selbst hat sich beim Präparieren der Spritze in Gefahr gebracht. Eine These lautet, dass der Angriff ein Racheakt gegen die IGBCE als Institution gewesen sein könnte – jemand, der sich von der Gewerkschaft im Stich gelassen fühlte und Christoph einfach nur Pech hatte, im falschen Moment am falschen Ort zu sein. Eine andere Theorie: Christoph könnte sich das Quecksilber selbst zugefügt haben. Er soll vor der Vergiftung über Angstzustände und Zukunftssorgen geklagt haben und hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen, deren Todesfallklausel erst drei Jahre nach Vertragsabschluss greifen würde – ziemlich genau zum Tatzeitpunkt.
Zudem finden sich seine DNA-Spuren am Klebeband, das die Spritze am Schirm befestigt hatte – auch auf der Innenseite, was darauf hindeuten könnte, dass er die Tatwaffe selbst gebaut hat. Im Auto von Christoph finden sich Quecksilberrückstände, was die Ermittler lange Zeit an einen Suizid glauben lässt. 2013 werden die Ermittlungen ohne Ergebnis eingestellt – keine Funkzellenauswertung, obwohl der Täter telefoniert hatte. Doch die Selbstmordthese hat von Anfang an große Schwächen: Mehrere unabhängige Zeugen haben den Mann mit dem Regenschirm gesehen und beschrieben.
Und dass sich jemand einen langsamen, qualvollen Tod über Monate hinweg freiwillig antut, ist kaum vorstellbar. 2023 werden die Beweismittel erneut auf DNA-Spuren untersucht – und das ändert alles: Die DNA am Klebeband stammt gar nicht von Christoph. Möglicherweise führte 2011 eine Spurenvermischung oder ein zu kleiner DNA-Abschnitt zu einer Fehlbewertung. Die Suizidtheorie ist damit vom Tisch.
Die neuen Untersuchungen ergeben außerdem: Auf der Spritze befinden sich die DNA-Spuren von mindestens zwei weiteren Männern – der Täter könnte Helfer gehabt haben. Den Anstoß zur Wiederaufnahme der Ermittlungen gab der Fall des sogenannten Pausenbrotmörders: Zwischen 2016 und 2018 vergiftete Klaus O. in Bielefeld wiederholt die Pausenbrote seiner Arbeitskollegen mit verschiedenen Substanzen, darunter auch Methylquecksilber. Ein Kollege starb.
Die Mordkommission prüfte 21 mögliche Verbindungsfälle, darunter auch den Fall Christoph Bulwin – doch eine Verbindung zum Pausenbrotmörder wurde nicht nachgewiesen, und seine DNA passt nicht zu den Spuren an der Spritze. 2022 wird der Fall bei „Aktenzeichen XY ungelöst” vorgestellt. Nach der Sendung gehen über 300 Hinweise ein, die teilweise noch 2024 ausgewertet werden. Der Täter hatte offenbar das Gelände der IGBCE ausgekundschaftet: Eine Zeugin erinnert sich an einen Mann, der seit Ende Juni 2011 immer wieder in der Nähe des Hinterausgangs herumlungert und sie wegen ihres Hundes anmeckert.
Die Polizei geht davon aus, dass es sich um denselben Mann handelt – was bedeuten würde, dass der Täter das Büro und Christophs Gewohnheiten über Wochen beobachtet hat. Es gibt sogar Parallelen zu einem spektakulären Fall von 1978 in London: Damals wurde dem bulgarischen Regimekritiker Georgi Markow an einer Bushaltestelle mit einem Regenschirm eine mit Rizin präparierte Spritze ins Bein gestochen – er starb vier Tage später. Die Tat wurde dem bulgarischen Geheimdienst zugeschrieben. In Deutschland ist der Fall Christoph Bulwin jedoch absolut einzigartig.
Erst durch Christophs Geistesgegenwart, die Spritze vom Schirm abzureißen, gibt es überhaupt DNA-Spuren – und damit eine Chance, den Fall doch noch zu lösen. Fast 15 Jahre nach dem rätselhaften Regenschirmmord hoffen die Hinterbliebenen, dass der Täter irgendwann gefasst wird.


