Der Obdachlose war auf der Suche nach Essbarem in den Mülltonnen des Budapester Arbeiterbezirks Csepel, als er die Plastiktüte entdeckte. Darin steckte eine menschliche Hand. Noch am selben Nachmittag, dem 22. Mai 1992, fanden die Beamten in den umliegenden Containern weitere Körperteile – insgesamt siebzehn, alle von derselben Person.

Der Kopf des Toten lag zwar in Einzelteilen vor, aber er war vollständig. Ein Fachmann rekonstruierte das Gesicht aus dem Schädel, und die Polizei veröffentlichte die Bilder in Ungarn. Gleichzeitig berichteten österreichische Zeitungen über einen vermissten Filmemacher und Produzenten: Fritz K. Der erfolgreiche Geschäftsmann, der in Wien ein gutgehendes Tonstudio betrieb, war seit Wochen verschwunden.
Doch er hatte sich gemeldet. Per Telefon, in Briefen und sogar per Telegramm erzählte er seinen Freunden, er habe seine große Liebe kennengelernt und wolle mit ihr ein neues Leben beginnen. Seine Freunde glaubten kein Wort davon. Es passte nicht zu ihm, sich so abzumelden.
Er hätte sich verabschiedet, hätte anders gehandelt. In einem Brief an eine Freundin schrieb der vermeintliche Fritz K: „Wir werden die schönsten Plätze dieser Welt besuchen. ” Über seine zurückgelassene Arbeit hieß es: „Es mag brutal klingen, aber sie interessiert mich nicht. ”
Eine Ungarin, die sowohl die Berichte über den unbekannten Toten als auch die Artikel über den vermissten Österreicher gelesen hatte, gab den entscheidenden Hinweis.
Die Fingerabdrücke bestätigten es: Der Tote war Fritz K. Er war ermordet worden, noch vor dem Tag, an dem seine Leichenteile gefunden wurden. Doch auch an diesem Tag wurden noch Nachrichten an seine Freunde verschickt. Wer gab sich hier als der Tote aus?
Der vermeintliche Fritz K tauchte sogar in London auf. Er checkte in ein Luxushotel ein und erschien in der österreichischen Botschaft, wo er seinen Ausweis vorlegte und eine Vollmacht unterzeichnete. Damit übergab er die Kontrolle über sein Studio und sein Vermögen an einen Mann namens Gabor P. , seinen Steuerberater.
In Budapest spürte die Polizei derweil durch eine Anwohnerbefragung die Wohnung auf, in der Fritz K zerteilt worden war. Der Mieter dieser Wohnung: ebenfalls Gabor P. In der Wohnung fanden sich zahlreiche Blutspuren. Sie war offenbar gezielt für die Tat angemietet worden.
Die Freunde von Fritz K kannten Gabor P. Er galt als enger Vertrauter des berühmten Journalisten und Filmemachers Helmut F. , der in ganz Österreich ein Fernsehstar war. Helmut F.
war der Hauptkonkurrent von Fritz K in der Filmbranche – und die Ermittlungen ergaben: Es war tatsächlich Helmut F. , der in London als Fritz K aufgetreten war. Er hatte sich verkleidet, aber vor allem hatte er die Stimme, die Gesten und das Auftreten seines Opfers so perfekt nachgeahmt, dass niemand den Unterschied bemerkte. Helmut F.
und Gabor P. wurden in Wien festgenommen. Den Ermittlern wurde klar: Helmut F. war die treibende Kraft hinter dem Verbrechen.
Er wollte seinen Hauptkonkurrenten aus dem Weg räumen. Fritz K hatte offenbar gewusst, dass Helmut F. Menschen bestochen hatte, um an Aufträge zu kommen, und hatte damit gedroht, das öffentlich zu machen. Um die Korruption zu vertuschen, entwickelte Helmut F.
einen filmreifen Plan. Eine wichtige Rolle spielte dabei die vermeintliche neue Frau im Leben von Fritz K. Helmut F. kannte seinen Konkurrenten gut genug, um zu wissen, dass dieser unter einer zerbrochenen Beziehung litt.
Er wusste sogar, wie die Frau aussah, die Fritz K als seine Traumfrau betrachtete. Er engagierte die dreißigjährige Bliana N. , ein Model, mit dem er angeblich selbst ein Verhältnis hatte. Sie sah der Traumfrau nicht nur ähnlich, sondern wurde von Helmut F.
detailliert angeleitet, sich auch charakterlich wie sie zu verhalten. Fritz K verliebte sich in sie. Nach kurzer Zeit überredete sie ihn zu einer Reise nach Budapest. Sie übernachteten in einem Hotel.
Am nächsten Tag wollte sie ihn ihrem Onkel vorstellen. Sie gingen gemeinsam zu einer Wohnung, wo Gabor P. den Onkel spielte. Der Plan war ausgeklügelt: Gabor P.
bot Fritz K Speisen und Getränke an, die mit einem Schlafmittel versetzt waren. Als das Opfer das Bewusstsein verlor, betrat Helmut F. die Wohnung und tötete seinen Kontrahenten mit vier Kopfschüssen. Anschließend wurde die Leiche zerteilt.
Siebzehn Körperteile wurden in Plastiktüten verpackt und in ganz Budapest verteilt. Den Rest der Leiche zerkleinerten die Männer mit einem Häcksler. Nach der Aufklärung der Tat machte Bliana N. eine MS-Erkrankung öffentlich und beteuerte in Interviews, nichts von den Plänen gewusst zu haben.
Die Staatsanwaltschaft konnte ihr das Gegenteil nicht beweisen und sah von einer Strafverfolgung ab. Der Prozess gegen Helmut F. und Gabor P. begann Ende 1993 am Wiener Landesgericht.
Die Beziehung zwischen den beiden Männern war wie eine Symbiose, fast parasitär. Einer manipulierte den anderen und ließ ihn nicht mehr los. Gabor P. behauptete noch nach seiner Freilassung, er sei hineingezogen worden und habe nicht gewusst, worum es wirklich ging.
Die Gründe für seine Beteiligung blieben mysteriös – er hatte nichts davon gehabt. Helmut F. und Gabor P. wurden wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Der filmreife Plan hatte Fritz K das Leben gekostet und ganz Österreich erschüttert. Zwanzig Jahre später, im September 2015, meldeten Angehörige einen Mann namens Erhan D. in Hamburg als vermisst. Vielen war er unter dem Namen „Chinchin” bekannt.
Zwei Wochen später wurde seine Leiche gefunden: unter einer frisch gegossenen Betondecke im Nebenraum des Restaurants Casa Alfredo. Die Spürhunde hatten an der Stelle angeschlagen. Das Opfer lag mit dem Kopf nach unten in einer Grube, vollständig angezogen, bedeckt mit Säcken Kalk und Zement. Er hatte noch etwa 550 Euro Bargeld bei sich – ein Raubmord schied damit nahezu aus.
Chinchin war eine schillernde Figur im Rotlichtmilieu. Er lief in kurzen Hosen und Badelatschen herum, wurde von manchen als Clown bezeichnet, hatte aber auch eine strafrechtlich relevante Vergangenheit: Drogendelikte, Zusammenarbeit mit Verdiensten im Bordellbereich, Schutzgelderpressung. Der Restaurantbesitzer Alfredo S. gab zu, Chinchin erschossen zu haben – aber er habe ihn nicht töten wollen.
Vor Gericht schilderte er eine Geschichte von subtiler Schutzgelderpressung. Chinchin hatte sich ihm als Beschützer angeboten. Als Alfredo S. einmal nicht zahlen wollte, wurden Scheiben eingeschlagen, Gäste bedroht und Fotos seiner Töchter vorgelegt.
Am Tattag kam Chinchin mit einer scharfen Schusswaffe ins Restaurant, legte sie auf den Tisch und drohte: „Wenn du nicht zahlst, dann geht einer von uns beiden drauf. ” Besonders erregte den Angeklagten, dass das spätere Opfer sagte: „Denk mal an deine beiden Töchter, die sind ja jetzt alt genug, die können ja auch mal arbeiten. ” Die Botschaft war eindeutig: Schick deine Töchter zum Anschaffen, dann hast du genug Geld. Daraufhin sei er ausgerastet.
Das Gericht führte einen Ortstermin durch, um die Enge des Raumes nachzuvollziehen. Alfredo S. beschrieb die Tat als Notwehr: Im Gerangel sei er an die Waffe gekommen, die Schüsse seien zufällig gefallen. Die Leiche habe er in der Baugrube versteckt, weil das Restaurant gerade renoviert wurde und dort bereits ein Schacht ausgehoben war.
Er sei mit der Situation völlig überfordert gewesen. Die Geschichte wirkte glaubwürdig und wurde durch Zeugenaussagen gestützt. Im August 2016 wurde Alfredo S. vom Vorwurf des Mordes freigesprochen – aus Notwehr.
Für den portugiesischen Wirt hatte die Geschichte trotzdem kein Happy End. Massive Bedrohungen und körperliche Angriffe durch Angehörige des Opfers zwangen ihn, sein Restaurant aufzugeben. Er zog aus Hamburg weg und eröffnete anderswo ein neues Lokal. Im Juni 1979 wird in Gera um drei Uhr morgens die Feuerwehr alarmiert: Aus einer Wohnung in der Ernst-Toller-Straße dringt Rauch.
Die Feuerwehrleute finden einen toten Mann – er trägt nur ein weißes Unterhemd und eine Hose. Im Korridor hängt eine Polizeiuniform mit dem Dienstgrad eines Hauptwachtmeisters. Es handelt sich um den Polizisten Lutz L. In der Wohnung herrscht Unordnung: Bierflaschen, Weinflaschen, benutzte Gläser, volle Aschenbecher.
Hans Tiers, damals bei der Kripo, vermutet ein Trinkgelage. Die Obduktion ergibt: Lutz L. starb an einer Gasvergiftung, hatte 4,2 Promille Alkohol im Blut und hatte Rußpartikel eingeatmet – er hat noch eine Weile gelebt, während das Gas ausströmte und der Schwelbrand entstand. Es wurden zwei Brandherde gelegt.
Außerdem fehlten Gegenstände aus der Wohnung. Die Polizei veröffentlichte Abbildungen der fehlenden Dinge, doch niemand meldete sich. Die Ermittlungen liefen ins Leere. Im August waren die Beamten ziemlich ausermittelt und frustriert.
Zeitgleich arbeitete die Polizei in Dresden an einem Raubmordfall mit zwei Verdächtigen: Horst S. und Uwe J. , beide zwanzig Jahre alt. Hans Tiers und drei Kollegen sollten die Männer zum ungeklärten Fall in Gera vernehmen.
Tiers begann mit Horst S. , der zugänglicher wirkte. Plötzlich sagte der aus heiterem Himmel: „Ja, wir könnten ja miteinander reden, aber ich hätte da schon etwas von euch gehabt. Ich trinke gerne Vita Cola, und ich rauche und trinke gerne Kaffee.
Außerdem esse ich mit Vorliebe Camembert – aber nicht den im Silberpapier, sondern den im Goldpapier. ”
Das war ein Hinweis. Wollte der Mann kommunizieren, sie verarschen – oder war es ernst? Die Beamten besorgten Vita Cola und den Camembert im Goldpapier.
Horst S. freute sich sichtlich, als er sah, dass sie es gebracht hatten. Sie sagten: „Du kannst es bekommen, aber es muss eine Gegenleistung entstehen. ”
„Ja, mache ich.
Wir waren in einer Stadt mit G”, sagte Horst S. Er wusste nicht, dass sie aus Gera kamen. Es folgten etliche Colaflaschen und Käseportionen, bis er schließlich alles gestand. Die beiden waren erschrocken, als sie in der Wohnung eines Polizisten standen.
Sie hatten Angst vor höheren Strafen und beschlossen, ihn zu töten. Sie wurden wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. In Bielefeld wird am 21. März 1990 auf einem Spielplatz die Leiche eines Mannes entdeckt, mit einem Gebüsch bedeckt.
Der 52-jährige Erhard Büker, Zeitungsangestellter, ist durch massive stumpfe Gewalt gegen Kopf und Oberkörper zu Tode gekommen. Seine Geldbörse samt Bargeld und EC-Karte fehlt. Zeugen beobachteten ihn kurz vor seinem Tod in Begleitung eines Mannes mit blonden Haaren am Bahnhof. Es wurde ein Phantombild gefertigt, aber die Fahndung verlief im Sande.
Eine Adresse in Halle führte zu zwei Verdächtigen, die einen Überfall geplant hatten, der aber nie stattfand. Ein dritter Mann, der angeblich gestanden hatte, hatte ein Alibi: Er machte an genau dem Tag des Mordes eine Zeugenaussage vor Gericht in den neuen Bundesländern. Ausgeschlossen. Die Akte wurde geschlossen.
2003 untersuchten Experten die Asservate auf Fremd-DNA und wurden fündig – aber die Spur war unvollständig, nicht für einen Abgleich geeignet. Erst 2023, als die Polizei Bielefeld eine Cold-Case-Einheit gründete, kam Bewegung in den Fall. Mit modernsten Methoden konnte die Spur fast vollständig ausgeschärft werden. Jetzt gibt es einen genetischen Fingerabdruck des mutmaßlichen Täters.
Mehr als die Hälfte der rund hundert früheren Kontaktpersonen haben bereits Speichelproben abgegeben. Eine Belohnung von 7000 Euro wurde ausgelobt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es eine realistische Chance, den Mord aufzuklären. Am 30.
Mai 1996 wird in Münster eine Prostituierte in ihrem Studio ermordet. Der Tatort sieht aus wie ein Schlachtfeld. Lydia S. hat mehr als achtzig Messerstiche erlitten und ist verblutet.
Die Matratze ist bis ins Lattenrost durchstochen. Hauptkommissar Ulrich Bux, einer der ersten Ermittler, findet am Tatort Blutspuren, die nicht vom Opfer stammen, ein benutztes Kondom mit Sperma und ein Ettui mit drei Schlüsseln. Bux lässt hundert Kopien eines Schlüssels anfertigen und mit einer Einsatzhundertschaft an 43. 000 Privatobjekten in Münster ausprobieren.
Bei sechs Objekten passt der Schlüssel, aber die Schlösser waren ausgeleiert – die Besitzer fallen als Täter aus. Auch die Suche über den Hersteller des Ettuis bringt nichts: 68. 000 Exemplare wurden importiert, die Käufer kommen alle nicht in Frage. Eineinhalb Jahre später kann die DNA vom Tatort in die neue Datenbank eingespeist werden – keine Übereinstimmung.
Fünf Jahre danach die Wende: Ein 24-jähriger Mann wird wegen mehrerer Sexualstraftaten festgenommen. Seine DNA stimmt mit der am Tatort gefundenen überein. Der Mann stammt aus einer normalen Familie, lebte bei seinen Eltern, hatte aber bereits fünf Jahre wegen eines brutalen Überfalls auf eine Joggerin im Gefängnis gesessen. Eine Woche nach seiner Entlassung hat er Lydia S.
ermordet. Er gesteht und beschreibt den Tathergang: Die Tat begann auf dem Bett, verlagerte sich zum Fenster, das Opfer versuchte zur Tür zu fliehen, aber er zog sie zurück. In der Endlage vor dem Bett kamen die tödlichen Stiche. Das Chaos in der Wohnung entstand durch die Tat selbst – er suchte nichts.
Der Mord gehörte zu seinen Fantasien. Er zeigte keine Reue, sondern ergötzte sich an der Erinnerung. 2002 wurde der Mann zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Er sitzt noch heute ein.
In Bozen, Südtirol, meldet am 5. Januar 2021 ein Sohn seine Eltern als vermisst: das pensionierte Lehrerpaar Peter N. und Laura P. Der 30-jährige Benno N.
, der seit einem halben Jahr wieder bei seinen Eltern wohnt, habe bei einer Freundin übernachtet. Am Morgen sei er zurückgekehrt, um den Hund auszuführen. Als er sah, dass die Eltern nicht da waren, meldete er sie als vermisst. Die Ermittlungen ergeben schnell Ungereimtheiten.
Warum fuhr der Sohn am Vorabend mit dem Wagen seines Vaters zur Freundin, obwohl der Vater das Auto normalerweise nie verlieh? Am 7. Januar wird Benno beobachtet, wie er mit dem Volvo seines Vaters zu einer Waschanlage fährt. Die Carabinieri halten ihn an und beschlagnahmen das Auto – um den Zustand zu konservieren.
Am 8. Januar finden Polizisten an einer Brücke über die Etsch eine wichtige Spur im Schnee: einen Abdruck und rot eingefärbten Schnee, der sich als Blut herausstellt. Ein dunkler Volvo wurde in der Nacht des 4. Januar dreimal von Überwachungskameras erfasst – das letzte Mal um 21 Uhr an genau dieser Brücke, als der Wagen plötzlich die Lichter ausschaltete.
Die Rekonstruktion der Funkzellendaten zeigt: Benno brauchte an diesem Abend eine Stunde bis zur Freundin, statt der üblichen zwanzig Minuten. Das Labor aus Parma findet im Kofferraum des Volvos DNA-Spuren beider Eltern. Das Blut aus dem Schnee stammt sicher von Peter N. In der Wohnung entdeckt die Polizei im Flur mit einem scharfen Reinigungsmittel behandelte, ausgebleichte Stellen.
Im Schuppen eines Schlosses werden Gegenstände gefunden, die Benno dorthin gebracht hatte – darunter ein frisch ausgewaschener Kanister für Aktivsauerstoff. Auf seinem Handy finden sich Suchanfragen vom 4. Januar nach „Körperflüssigkeiten”, „Blut” und „Bleiche”. Benno N.
wird festgenommen. Die Leiche der Mutter wird am 6. Februar aus der Etsch geborgen, 34 Tage nach dem Verschwinden. Als man ihm die Fotos zeigt, bricht er zusammen und gesteht.
Fast drei Monate später wird auch die Leiche des Vaters entdeckt, in der Nähe von Trient. Im März 2022 beginnt der Prozess in Bozen. Benno N.
wird wegen Doppelmordes und Leichenverbergung zu lebenslanger Haft verurteilt.


