Ich stand vor der Kathedrale von Rouen und staunte über den 75 Meter hohen Turm, bis mir jemand sagte: „Den hat die Kirche mit dem Geld von Sündern gebaut, die Butter gegessen haben.“ Butter. Ein…

Ich stand vor der Kathedrale von Rouen und staunte über den 75 Meter hohen Turm, bis mir jemand sagte: „Den hat die Kirche mit dem Geld von Sündern gebaut, die Butter gegessen haben.“ Butter. Ein...

Der Butterturm von Rouen ragt 75 Meter in den Himmel, fertiggestellt 1506, ein Meisterwerk der Spätgotik. Die Franzosen nennen ihn „Tour de Beurre“ – Butterturm. Was nach einem Witz über ein berühmtes Bauwerk klingt, ist in Wahrheit ein Denkmal der Ausbeutung. Bezahlt wurde dieser Turm mit dem Geld von Menschen, die sich von der Kirche freikaufen mussten, weil sie während der Fastenzeit Butter gegessen hatten.

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Butteressen galt als Sünde. Und für die Vergebung dieser Sünde verlangte die Kirche bares Geld. Heute streichen wir Butter aufs Brot, ohne nachzudenken. Dabei hat dieses einfache Stück Fett die Geschichte Europas geschrieben.

Es zog eine unsichtbare Grenze durch den Kontinent, die bis heute existiert. Es verschärfte religiöse Konflikte, trieb politische Bewegungen an und entfachte am Ende sogar Kriege zwischen ganzen Industrien. Kriege, in denen Regierungen per Gesetz vorschrieben, welche Farbe ein Brotaufstrich haben darf. Begonnen hat alles vor rund 4000 Jahren mit einem Zufall.

Niemand hat Butter erfunden. Butter ist passiert. Um 2000 vor Christus transportierten Nomaden in Mesopotamien oder den Steppen Zentralasiens frische Milch in Beuteln aus Tierhaut. Sie banden die Beutel an ihre Sättel und ritten los.

Die ständige Bewegung schüttelte die Milch durch, bis sich das Fett von der Flüssigkeit trennte. Was übrig blieb, war eine weiche, gelbliche Masse. Und irgendjemand – wahrscheinlich ein hungriger und neugieriger Nomade – war mutig genug, davon zu probieren. Diese zufällige Entdeckung verbreitete sich schnell.

In Indien entstand daraus Ghee, geklärte Butter, die durch langsames Erhitzen haltbar gemacht wurde. In der Hitze Südasiens verdarb frische Butter innerhalb von Stunden, Ghee hielt Wochen. Ghee wurde nicht nur zum Kochen genutzt. Es brannte in Tempellampen, galt als reinigend und spielte eine zentrale Rolle in hinduistischen Ritualen.

Bis heute ist es aus der indischen Küche nicht wegzudenken. Im Nahen Osten und in Nordafrika wurde Butter ebenfalls wichtig, besonders in Hochlagen, wo keine Olivenbäume wuchsen und tierische Fette die einzige Kalorienquelle waren. Im Himalaya trinkt man bis heute Tee mit Yakbutter, ein nahrhaftes Getränk für extreme Kälte. Butter war von Anfang an ein Lebensmittel der rauen Klimazonen.

Je kälter die Region, desto wichtiger wurde sie. Und dann ist da Irland. Auf einem irischen Acker wurde vor einigen Jahren ein Butterblock ausgegraben, der auf rund 3000 Jahre geschätzt wird. Die Butter war in einer feuchten, sauren Torfschicht konserviert worden.

Reste eines Holzbehälters zeigten: Das Fett war absichtlich vergraben worden. Das war keine vergessene Vorratshaltung, das war ein System. In Irland und Schottland war es über Jahrhunderte gängige Praxis, Butter in Mooren zu vergraben. Die sauerstoffarme, kühle, saure Umgebung konservierte das Fett natürlich, manchmal über Jahrtausende.

Archäologen haben Dutzende solcher Moorbutterfunde dokumentiert. Sie erzählen eine unmissverständliche Geschichte: Butter war für die Menschen in Nordeuropa schon in der Bronzezeit kein Luxus. Sie war ein Grundnahrungsmittel, das man so sorgfältig hortete, dass man es buchstäblich in der Erde versteckte. Doch diese Geschichte hat zwei Seiten.

Während die Völker im Norden Butter herstellten, vergruben und als Grundlage ihrer Ernährung betrachteten, passierte im Süden des Kontinents etwas völlig anderes. Rund um das Mittelmeer wuchsen Olivenbäume. Aus ihren Früchten gewannen die Menschen ein Öl, das sie zum Kochen, zur Körperpflege, als Lampenbrennstoff und sogar als Medizin verwendeten. Der französische Historiker Fernand Braudel schrieb in seinem monumentalen Werk über die mediterrane Welt einen Satz, der diese Teilung auf den Punkt bringt: „Wo der Olivenbaum aufhört, endet auch das Mittelmeer.

Braudel erkannte: Die Grenze zwischen Olivenöl und Butter war weit mehr als eine Frage des Geschmacks. Sie markierte eine der ältesten und tiefsten kulturellen Trennlinien des Kontinents. Nördlich dieser Linie ernährten sich die Menschen von Butter, Schmalz und tierischen Fetten. Südlich kochten und konservierten sie mit Olivenöl.

Und diese beiden Welten begegneten einander seit jeher mit Misstrauen. Die Römer machten diese Teilung besonders deutlich. Im antiken Rom war Olivenöl allgegenwärtig. In Pompeji haben Archäologen Geschäfte gefunden, die nichts anderes verkauften als verschiedene Sorten Öl.

Am Fuße des Monte Testaccio liegt ein künstlicher Hügel, fast vollständig aus den Scherben zerbrochener Olivenöl-Amphoren – ein stummer Zeuge dafür, in welchen Mengen das Öl durch die Hauptstadt des Imperiums floss. In der römischen Rezeptsammlung De re coquinaria taucht Olivenöl auf fast jeder Seite auf. Butter dagegen kam in der römischen Küche praktisch nicht vor. Sie wurde allenfalls als Medizin verwendet.

Für die Römer war Butter das Fett der Barbaren. Die germanischen Stämme jenseits von Alpen und Rhein aßen Butter zum Brot, kochten ihre Eintöpfe darin und rieben sich bei Kälte die Haut damit ein. Für einen kultivierten Römer war das ungefähr so appetitlich wie roher Fisch in einer Pfütze. Plinius der Ältere erwähnte Butter zwar in seiner Naturgeschichte, aber er beschrieb sie als Spezialität barbarischer Völker und betonte, dass ihr Verzehr die Grenze zwischen zivilisierten und unzivilisierten Nationen markiere.

Diese Herablassung war nicht nur kulturelle Arroganz. Sie hatte Folgen, die weit über das Ende des Römischen Reiches hinausreichten. Als das Christentum unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, brachte es eine kulinarische Vorliebe mit, die sich tief in die Kirchengesetze eingrub.

Olivenöl galt als heilig. Es wurde bei der Taufe verwendet, bei der Salbung von Kranken und Sterbenden, bei der Weihe von Priestern. In der christlichen Symbolik stand Olivenöl für Reinheit und göttliche Gnade. Butter dagegen war profan, ein Alltagsprodukt, das man mit den Händen knetete und das in der Hitze zerlief.

Diese Unterscheidung wäre belanglos geblieben, wenn die Kirche nicht angefangen hätte, strenge Fastenregeln aufzustellen. Und genau das tat sie – mit verheerenden Folgen für den Norden Europas. Die Fastenregeln waren weit umfassender, als wir uns das heute vorstellen. Es ging nicht nur um die 40 Tage vor Ostern.

Gläubige fasteten an Mittwochen, Freitagen und Samstagen. Dazu kamen Fasttage vor kirchlichen Feiertagen, ein großer Teil des Advents und natürlich die komplette Fastenzeit. Alles zusammengerechnet ergab das beinahe die Hälfte aller Tage im Jahr. Und an jedem dieser Tage waren Fleisch, Eier, Milch, Käse und Butter strikt verboten.

Für die Menschen in Südeuropa waren diese Regeln nicht besonders belastend. Sie kochten ohnehin mit Olivenöl. Sie aßen an Fasttagen Fisch, tunkten ihr Brot in Öl und vermissten die Butter nicht, weil sie sie nie gebraucht hatten. Aber für einen Bauern im winterlichen Norddeutschland, in den Niederlanden, in Skandinavien oder in England sah die Sache völlig anders aus.

Olivenöl war ein teurer Importartikel, den sich kaum jemand leisten konnte. Die einheimischen Fette hießen Butter, Schmalz und Talg – genau die waren verboten. Und der Winter im Norden war lang, kalt und dunkel. Ohne tierische Fette fehlten die Kalorien, die der Körper zum Überleben brauchte.

Die Kirche bot einen Ausweg an. Einen kostenpflichtigen Ausweg. Wer es sich leisten konnte, durfte sich durch eine Geldzahlung von der Fastenregel befreien lassen. Man nannte das einen Butterbrief.

Im Prinzip funktionierte er wie ein Ablass: Du zahlst der Kirche einen Betrag, und Gott drückt ein Auge zu, wenn du im Winter dein Brot mit Butter bestreichst. Wohlhabende Familien in den Städten Nordeuropas kauften sich diese Butterbriefe regelmäßig. Arme Familien hatten diese Option nicht. Sie mussten an den Fasttagen entweder hungern oder ihre wichtigste Kalorienquelle ersetzen.

Und genau hier wird die Geschichte der Butter zur politischen Geschichte Europas. Die Einnahmen aus den Butterbriefen flossen direkt in die Kassen der Kirche. In Rouen in der Normandie finanzierten diese Abgaben den gesamten Bau des Butterturms an der Kathedrale Notre-Dame. 75 Meter Stein, bezahlt von Gläubigen, die sich das Recht erkauft hatten, im Winter Butter auf ihr Brot zu streichen.

Claude Monet malte diese Kathedrale später in seiner berühmten Serie, 33 Gemälde in unterschiedlichem Licht. Aber er malte nicht die Geschichte hinter dem Turm. Die Butter war längst zum Symbol geworden. Zum Symbol für alles, was im Verhältnis zwischen der Kirchenführung in Rom und den Gläubigen im Norden schiefgelaufen war.

Die Männer, die das Fastenrecht bestimmten, saßen in Italien, wo Olivenöl billig, Fisch reichlich und das Klima mild war. Für sie waren die Fastenregeln leicht einzuhalten. Für die Menschen in Norddeutschland, Dänemark, Schweden und den Niederlanden bedeuteten dieselben Regeln echte körperliche Entbehrung. Und die Kirche verdiente an dieser Entbehrung.

Dann kam ein Augustinermönch aus Eisleben und veränderte alles. Martin Luther nagelte 1517 seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Seine Kritik richtete sich gegen den Ablasshandel, die Korruption des Klerus und die Machtanmaßung des Papstes. Aber Luther sprach auch über ganz alltägliche Dinge – über Butter.

In seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ von 1520 rechnete er vor, wie Rom das einfache Volk systematisch ausbeutete. Er prangerte an, dass die kirchliche Obrigkeit den Menschen das natürliche Recht genommen hatte, die von Gott geschaffenen Lebensmittel frei zu genießen – und dieses Recht dann gegen Geld zurückverkaufte. Luthers Formulierungen waren schärfer als alles, was andere vor ihm gewagt hatten. Er sagte sinngemäß, die Kirchenmänner behaupteten, Butter zu essen sei eine größere Sünde als zu lügen, zu lästern oder sich der Unzucht hinzugeben.

Dieser Satz war ein direkter Angriff auf die Glaubwürdigkeit der gesamten kirchlichen Hierarchie. Die Logik dahinter war simpel: Wenn Gott die Erde erschaffen hatte und alles, was darauf lebte, dann war Butter ein Geschenk Gottes. Und wer dem Volk verbot, dieses Geschenk zu nutzen, und dann noch Geld dafür verlangte, es zu erlauben, der maßte sich eine Autorität an, die ihm nicht zustand. Die Butterfrage war nur ein Teil von Luthers Kritik, aber sie war der Teil, den gewöhnliche Menschen sofort verstanden.

Theologische Debatten über die Rechtfertigung allein durch den Glauben waren für die meisten zu abstrakt. Aber dass der Pfarrer dir verbietet, im kalten Dezember Butter aufs Brot zu streichen, und dann Geld dafür verlangt, das traf die Menschen dort, wo sie lebten – in der Küche, am Tisch, beim Abendessen mit der Familie. Es war eine Ungerechtigkeit, die jeder Bauer spürte. Buchstäblich im Magen.

Die Historikerin Elaine Khosrova bemerkte, dass es kaum ein Zufall sein könne, dass die meisten milchreichen Länder, die Butter produzierten und konsumierten, dieselben Nationen waren, die sich im 16. Jahrhundert von der römisch-katholischen Kirche lossagten. Skandinavien, die Niederlande, Norddeutschland, England und Schottland – alles Butterländer, und alle wurden protestantisch. Südeuropa, die Welt des Olivenöls, blieb katholisch.

Luther bot den Menschen nicht nur geistliche Befreiung vom päpstlichen Machtanspruch. Er bot ihnen auch kulinarische Befreiung. In einer Welt voller Missernten, harter Winter und begrenzter Fettquellen war das Recht, Butter zu essen, ohne dafür zu zahlen, eine ganz konkrete Verbesserung des täglichen Lebens. 1522 aß eine Gruppe von Bürgern demonstrativ Würste an einem Fastentag – eine milde Form des Protests am Esstisch, die sich schnell zu einer veritablen theologischen Krise auswuchs.

Selbst der Dresdner Christstollen hat eine Buttergeschichte. In seiner ältesten Form von 1427 wurde er ohne Butter gebacken, weil die Fastenregeln es verboten. Er schmeckte fad und trocken. Erst nachdem der sächsische Kurfürst jahrelang beim Papst um eine Sondergenehmigung gebeten hatte, erlaubte Rom den Sachsen schließlich, Butter in ihren Stollen zu geben.

Das Gebäck wurde dadurch überhaupt erst zu dem, was es heute ist. Man könnte meinen, dass nach der Reformation die Buttergeschichte vorbei war. Der Norden wurde protestantisch, die Fastenregeln fielen, Butter konnte frei gegessen werden. Und tatsächlich erlebte die Butterkultur in Nordeuropa im 17.

und 18. Jahrhundert eine Blütezeit. In den Niederlanden bauten Bauern riesige Milchwirtschaften auf und exportierten gesalzene Butter in die halbe Welt. In Frankreich wurde Butter zum Fundament der Haute Cuisine.

Die französische Kochkunst mit ihren Saucen, ihrem Blätterteig, ihren Croissants ist im Kern eine Butterküche. Julia Child, die berühmte amerikanische Köchin, sagte einmal: „Mit genug Butter wird alles gut. “

Aber dann kam Napoleon. Und mit ihm ein völlig neues Kapitel.

Frankreich befand sich Ende der 1860er Jahre in einer komplizierten Lage. Das Land rüstete sich für den Krieg gegen Preußen. Die Bevölkerung wuchs, und Butter war teuer und für die breite Masse oft unerschwinglich. Napoleons Armee brauchte dringend ein Fett, das billig herzustellen war, nicht schnell verdarb und sich in großen Mengen produzieren ließ.

Der Kaiser schrieb einen Wettbewerb aus. Er suchte einen fettigen Stoff, der Butter ähnelt, aber weniger kostet, länger haltbar ist und sich für die Marine und die weniger wohlhabenden Bevölkerungsschichten eignet. Diesen Wettbewerb gewann ein Chemiker aus Draguignan in der Provence namens Hippolyte Mège-Mouriès. 1869 meldete er ein Patent an für ein Produkt, das er Oleomargarine nannte.

Der Name setzte sich zusammen aus dem lateinischen oleum für Öl und dem griechischen margarites für Perle – wegen des leichten Perlmutt-Schimmers der Masse. Das Produkt bestand im Wesentlichen aus Rindertalg, der geschmolzen, mit Magermilch verrührt und zu einer butterähnlichen Konsistenz geschlagen wurde. Napoleon war zufrieden. Der französische Markt deutlich weniger.

Die Franzosen hatten kein Interesse an einem Butterersatz, der grauweiß aussah, leicht nach Talg roch und geschmacklich nur entfernt an echte Butter erinnerte. Mège-Mouriès scheiterte kommerziell in seiner eigenen Heimat. 1871 verkaufte er sein Patent an die niederländische Firma Jürgens. Die Niederländer – seit Jahrhunderten erfahren im Handel mit Butter und Milchprodukten – erkannten sofort das eigentliche Problem: Das Zeug sah nicht aus wie Butter.

Kein Mensch wollte sich eine grauweiße Masse aufs Brot streichen. Also begannen sie, die Margarine gelb zu färben, bis sie optisch kaum noch von echter Butter zu unterscheiden war. Ein gewisser Simon van den Bergh, ein Konkurrent aus derselben Stadt Oss, überholte Jürgens bald in der Produktion und baute einen starken Exportmarkt auf. Später fusionierten Jürgens und Van den Bergh zur Margarine Unie.

Dieses Unternehmen wurde schließlich Teil von Unilever, einem der größten Konzerne der Welt. Ein Imperium, das mit grauweißem Rindertalg begann. Die Margarine verbreitete sich in den 1870er Jahren rasant über Europa und Nordamerika. Und die Butterindustrie geriet in Panik.

Was dann folgte, gehört zu den absurdesten Kapiteln der Lebensmittelgeschichte. In den Vereinigten Staaten entbrannte ein regelrechter Krieg zwischen Butter und Margarine. Die mächtige Milchlobby betrachtete Margarine als existentielle Bedrohung und mobilisierte ihre gesamte politische Macht. Zeitungen und Lobbyisten diffamierten Margarine als ungesund, unhygienisch und voller schädlicher Chemikalien.

20 Bundesstaaten regulierten die Kennzeichnung von Margarine. Sieben verboten den Verkauf komplett, darunter Maine, Michigan, Minnesota, Pennsylvania, Wisconsin und Ohio. Senator Joseph Quarles aus Wisconsin donnerte im Kongress: Butter müsse aus der Molkerei kommen und nicht aus dem Schlachthof. Er wolle Butter, die das natürliche Aroma von Leben und Gesundheit habe, und lehne es ab, ein Substitut aus eingeweichtem Fett zu akzeptieren, das unter dem Hauch des Todes gereift sei.

1886 verabschiedete der Kongress den Oleomargarine Act, der Margarine mit einer Sondersteuer belegte und Herstellern wie Händlern eine spezielle Lizenz abverlangte. Händler, die Margarine als Butter verkauften, riskierten Gefängnisstrafen. Aber die Gesetze gingen noch weiter. Weil Margarine von Natur aus weiß ist und Hersteller sie gelb einfärbten, damit sie wie Butter aussah, erließen 32 Bundesstaaten sogenannte Anti-Farb-Gesetze.

Die meisten verboten es, Margarine gelb zu färben. Aber mindestens fünf Staaten trieben es noch weiter. Minnesota, South Dakota, Vermont und West Virginia verlangten per Gesetz, dass Margarine rosa eingefärbt werden musste. Rosa – damit absolut niemand auf die Idee kommen konnte, es handle sich um echte Butter.

Der Supreme Court kippte die Rosapflicht 1898 als verfassungswidrig. Das Gericht urteilte, dass die Rosafarbe das Produkt praktisch unverkäuflich mache. Die Richter schrieben, die vorgeschriebene Färbung wecke auf natürliche Weise Vorurteile und verstärke eine Abneigung, die bis zur absoluten Weigerung reiche, das Produkt zu irgendeinem Preis zu kaufen. Das Verbot gelber Margarine dagegen blieb bestehen.

1902 verschärfte der Kongress die Gesetze sogar und erhöhte die Steuern auf künstlich eingefärbte Margarine. Die Margarinehersteller fanden einen kreativen Ausweg. Sie verkauften weiße Margarine zusammen mit einem kleinen Beutel gelber Lebensmittelfarbe. Die Kunden kneteten die Farbe zu Hause selbst in die Margarine, bis sie die gewünschte Butterfarbe hatte.

So verstieß das Produkt beim Kauf nicht gegen das Gesetz. Erst am eigenen Küchentisch verwandelte es sich in das, was es sein sollte. Das Einfärben in amerikanischen Haushalten wurde zu einer alltäglichen Beschäftigung. Fast schon zu einem Ritual.

Kanada war sogar noch strenger. Das gesamte Land verbot Margarine komplett von 1886 bis 1948. Über sechs Jahrzehnte durfte in ganz Kanada keine Margarine hergestellt, importiert oder verkauft werden. In Wisconsin, dem Bundesstaat, der sich stolz „America’s Dairyland“ nennt, hielt das Verbot gelber Margarine bis 1967.

Menschen, die dort lebten und Margarine wollten, fuhren über die Grenze in Nachbarstaaten. Selbst nach Aufhebung des Verbots blieben Einschränkungen bestehen. Restaurants durften Margarine nicht als Ersatz für Tischbutter servieren, es sei denn, der Gast verlangte ausdrücklich danach. In staatlichen Einrichtungen, in Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen war Margarine komplett verboten.

Teile dieser Regelungen bestanden bis weit ins 21. Jahrhundert hinein. Noch 2025 debattierte der Senat von Wisconsin über eine Verschärfung dieser Gesetze. Während die Margarinekriege in Nordamerika tobten, blieb die viel ältere kulinarische Trennlinie in Europa bestehen.

Sie ließ sich nirgendwo besser beobachten als in Italien. In Norditalien, in der Lombardei und im Piemont, kochte man traditionell mit Butter. In Mailand gehörte Butter in jedes Risotto, in jede Pastasoße. Aber südlich von Rom, in Kampanien, Apulien und Sizilien, war und ist Olivenöl die unangefochtene Grundlage jeder Mahlzeit.

Diese Teilung läuft mitten durch ein einzelnes Land. In Ligurien, der einzigen norditalienischen Region mit einer traditionellen Olivenölküche, erklärt sich die Ausnahme allein dadurch, dass dort an der Küste Olivenbäume wachsen. Die Trennlinie zwischen Butter und Olivenöl war nie nur eine Frage der Geografie oder des Klimas. Sie war eine Frage der Religion, der Wirtschaft, der Politik und der Identität.

Im Norden bedeutete Butter Wärme, Kalorien und Überleben in kalten Wintern. Im Süden stand Olivenöl für Zugehörigkeit zur zivilisierten Welt. Und die Grenze verlief nie sauber entlang von Staatsgrenzen. Sie verlief entlang der Linie, an der Olivenbäume aufhören zu wachsen.

Diese Grenze existiert bis heute. Wenn du in Kopenhagen ein Brot bestellst, bekommst du ein Stück Butter dazu. In Rom bringt dir der Kellner eine Schale Olivenöl. In Paris bekommst du beides, denn Frankreich liegt genau auf dieser Linie.

Der Norden gehört zur Butterzone, der Süden zur Welt des Olivenöls. Französische Schulbücher haben diesen Unterschied über Generationen als eine der fundamentalen Trennlinien der nationalen Kultur dargestellt. Heute ist Butter ein Milliardenmarkt. Die Europäische Union produziert jährlich rund zwei Millionen Tonnen.

Deutschland, Frankreich und Irland zählen zu den größten Produzenten. Gleichzeitig erlebt Butter eine stille Renaissance. Nachdem sie jahrzehntelang als Risikofaktor für Herzerkrankungen und Übergewicht geächtet wurde, haben neuere Studien dieses pauschale Urteil teilweise revidiert. In Frankreich gab es 2017 sogar eine Butterkrise, als die Nachfrage das Angebot überstieg und Butter in den Supermärkten zeitweise ausverkauft war.

Die Franzosen reagierten mit einer Mischung aus Empörung und Panik, die deutlich machte, wie tief Butter in der nationalen Identität verankert ist. Und die Margarine? Die Mège-Mouriès-Rezeptur aus Rindertalg ist längst Geschichte. Moderne Margarine besteht aus Sonnenblumenöl, Rapsöl oder Palmöl.

Die Transfette, die bei der industriellen Härtung pflanzlicher Öle entstanden und als gesundheitsschädlich erkannt wurden, werden heute weitgehend vermieden. Aber der Ruf der Margarine hat sich nie vollständig erholt. Für viele bleibt sie ein Kompromiss, ein Produkt zweiter Wahl, etwas, das man kauft, wenn echte Butter gerade zu teuer ist. Die Geschichte der Butter zeigt, wie tief Essen mit Kultur, Religion und Politik verwoben ist.

Ein Nahrungsmittel, das zufällig in einem Lederbeutel auf dem Rücken eines Kamels entstand, hat Kirchen gespalten, eine Reformation mitbefeuert, Regierungen dazu gebracht, die Farbe von Brotaufstrichen gesetzlich zu regeln – und einen Konzern hervorgebracht, der heute hunderte Marken besitzt. Die unsichtbare Linie zwischen Butter und Olivenöl, die Braudel als eine der ältesten kulturellen Grenzen Europas beschrieb, lässt sich immer noch ablesen. In jedem Restaurant, in jedem Supermarktregal, auf jedem Frühstückstisch zwischen Kopenhagen und Palermo. 75 Meter Stein in Rouen.

Bezahlt mit dem schlechten Gewissen von Menschen, die im Winter Butter auf ihr Brot gestrichen haben. Wenn das kein Beweis dafür ist, dass Essen Politik ist, dann gibt es keinen.