Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Am nächsten Morgen sollte ich vor Gericht aussagen, aber ich konnte nur an den Anruf denken – seine Stimme am Telefon, die Panik, dann Stille. „Da ist…

Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan. Am nächsten Morgen sollte ich vor Gericht aussagen, aber ich konnte nur an den Anruf denken – seine Stimme am Telefon, die Panik, dann Stille. „Da ist...

Die Leiche blutete noch, als die ersten Helfer eintrafen. Die Frau, die den Notruf gewählt hatte, sprach davon, dass der Mann noch geröchelt habe. Niemand wusste, ob der Täter das Haus bereits verlassen hatte oder sich noch irgendwo versteckte. Die Beamten evakuierten das gesamte Gebäude in Frankfurt-Sachsenhausen, kontrollierten jede Person, die sich darin aufhielt.

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Am 3. Januar 2014 fanden Rettungssanitäter einen schwer verletzten Mann in einem Hauseingang. Als sie Patronenhülsen auf dem Boden entdeckten, alarmierten sie die Polizei. Die Mordkommission rückte an.

David MSIL, Ermittler von Anfang an, erinnert sich genau an die Lage: Das Opfer wurde identifiziert, als dessen Bruder anrief und das Telefon neben der Leiche klingelte. Es war der 50-jährige Geschäftsmann Oliver F. , dessen Bruder im selben Haus, im siebten Obergeschoss, sein Büro hatte. Die Obduktion ergab: Drei Schüsse, zwei in den Kopf- und Halsbereich, einer in den Torso.

Jeder einzelne davon wäre tödlich gewesen. Nichts wurde geraubt, weder Geldbörse noch Autoschlüssel. Der Schütze hatte gezielt gehandelt. Da niemand die Schüsse gehört hatte, ging man von einem Schalldämpfer aus.

Die Ermittler sicherten alles, was sie konnten, durchsuchten sogar die Mülltonnen der Umgebung – ohne Erfolg. Dann meldete sich die Berliner Polizei: Zielfahnder hatten nur zehn Stunden nach der Tat in Neu-Isenburg einen gesuchten Straftäter festgenommen. Ivan M. , ein 41-jähriger Kroate, wurde wegen versuchten Mordes in Berlin gesucht.

Er hatte auf einen Geschäftspartner geschossen und war seit Jahren flüchtig. In seinem Fahrzeug fanden die Beamten Waffenteile. Doch zunächst fand die Frankfurter Mordkommission keinerlei Verbindung zwischen Ivan M. und dem toten Oliver F.

Der Bruder des Opfers berichtete von einem heftigen Streit mit einem ehemaligen Geschäftspartner: Alexander D. Es habe Drohungen gegeben, die Oliver F. nicht ernst genommen habe. Alexander D.

war bereits nach Serbien ausgereist und schien nicht persönlich an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittler befragten in den folgenden Monaten fast 400 Personen, viele aus dem Zockermilieu, denn Oliver F. hatte ein Wettspielunternehmen betrieben. Immer wieder stießen sie auf Berichte über Streitigkeiten und Drohungen.

Schließlich führte eine Spur zu einem Spielcasino in Bad Homburg. Alexander D. , selbst spielsüchtig, hatte dort regelmäßig eine Frau getroffen. Diese Frau hatte Kontakt zu einem Mann, der sich als Ivan M.

herausstellte. Je tiefer die Ermittler gruben, desto klarer wurde: Alexander D. und Ivan M. hatten sich wahrscheinlich im Sommer 2013 kennengelernt.

Ivan M. war auf der Flucht, Kroatien war der EU beigetreten, und sein Haftbefehl wurde zum Problem. Er brauchte Unterstützung. Alexander D.

beeindruckte ihn mit Geld und Einfluss und überzeugte ihn, Oliver F. aus dem Weg zu räumen. Im Gegenzug sollte er Hilfe bei seiner Flucht bekommen. Ivan M.

handelte hochprofessionell. Er wechselte ständig die Handys, sprach konspirativ, mied jeden Kontakt. Nach der Tat zerlegte er die Waffe. In seinem Fahrzeug fanden die Ermittler nur das Griffstück – Lauf und Schlageinrichtung fehlten.

Erst später konnte eine vergleichbare Waffe sichergestellt werden, mit der man das Modell zuordnen konnte. Es passte. Auch ein Postpaket nach Kroatien, das er direkt nach der Tat verschickt hatte, war ein starkes Indiz, ebenso wie seine fast geständigen Andeutungen gegenüber Bekannten. Vor Gericht bestritt Ivan M.

, den Mord begangen zu haben. Er sei wegen eines Kokaingeschäfts in Frankfurt gewesen. Doch die Ermittler konnten seine Aussagen weitgehend widerlegen. Der Mann, den er angeblich treffen wollte, hielt sich schon lange nicht mehr in Frankfurt auf.

Das Landgericht Frankfurt verurteilte Ivan M. wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Alexander D. , der Auftraggeber, bleibt bis heute auf der Flucht.

Ivan M. war einer der cleversten Täter, die ich in meiner Karriere kennengelernt habe, sagt David MSIL. Aber es zeigt auch: Clever allein reicht nicht, um damit davonzukommen. In Hamburg zwischen 2011 und 2019 gab es drei schwere Banküberfälle, die zusammenhängen.

Einer davon endete für einen Bankmitarbeiter beinahe tödlich. Am 12. Januar 2017 betrat ein maskierter Mann eine Filiale der Hamburger Sparkasse in der Holstenstraße. Mit vorgehaltener Waffe forderte er Bargeld.

Der Kassierer saß hinter Panzerglas in einer Sicherheitsbox und erklärte, das Geld sei zeitschlossgesichert, es dauere ein wenig. Da wurde der Täter unruhig. Er drohte, einen anderen Mitarbeiter zu erschießen. Aus Angst warf der Kassierer einige Scheine durch die Durchreiche.

Doch der Täter schoss trotzdem – auf den Mitarbeiter Lars K. , der den Schuss in den Bauch nur durch eine Notoperation überlebte. Der Täter flüchtete mit 488 Euro. Am 10.

Januar 2019, fast auf den Tag genau zwei Jahre später, wurde erneut eine Haspa-Filiale in der Nähe des Bahnhofs überfallen. Diesmal waren zufällig Polizeibeamte aus einem ganz anderen Grund vor Ort. Sie bemerkten die Tat und schnappten den Räuber. Ohne dieses zufällige Zwischentreten wäre er wahrscheinlich untergetaucht.

Der Mann war der Polizei bekannt: Michael J. , 70 Jahre alt. Ihm konnten drei Überfälle zugeordnet werden: einer im Dezember 2011, der verhängnisvolle Überfall von 2017 und der von 2019. Michael J.

war kein Neuling. Mit 23 Jahren hatte er seinen ersten Banküberfall begangen, zwischen 1985 und 1988 raubte er meist Banken in Hamburg aus. Dafür saß er von 1989 bis 1993 im Gefängnis, wo er eine Gefangenenrevolte in der JVA Fuhlsbüttel anführte – stolz ließ er sich damals auf dem Dach der Anstalt fotografieren. Seine Mutter hatte ihm den Schwur abgenommen, nie wieder Banken zu überfallen, und er hielt sich daran, solange sie lebte.

Nach ihrem Tod begann er wieder. Der psychiatrische Sachverständige Dr. Christoph Lenk diagnostizierte eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dissozialen, paranoiden und vor allem narzisstischen Anteilen. Michael J.

rechtfertigte seine Taten mit einem Brecht-Zitat: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? “ Er hielt sich für klüger als die LKA-Beamten und glaubte, er werde als Staatsfeind behandelt, weil er damals im Gefängnis Steckdosen für die Zellen durchgesetzt hatte. In der Verhandlung wandte er sich an das Opfer, dem er in den Bauch geschossen hatte, und erklärte: „Sie wissen schon, dass Sie an dem, was Ihnen passiert ist, selbst schuld waren. “ Er hatte sein eigenes Rechtssystem, in dem Bankraub erlaubt war, weil die Banken den Leuten nur das Geld abnehmen wollten.

Das letzte Wort des Angeklagten zog sich über fünf Verhandlungstage. Trotz der schweren Persönlichkeitsstörung galt Michael J. als voll schuldfähig – seine Taten waren sorgfältig geplant, er hatte Tatorte ausgekundschaftet, Fluchträder bereitgestellt. Am 7.

Oktober 2019 verurteilte das Landgericht Hamburg ihn zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Völlig empathielos, unverbesserlich, mit einer Persönlichkeit, wie man sie sich kaum vorstellen kann – dieser Fall ließ niemanden unberührt. Michael J. wird wahrscheinlich den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

Am 3. August 2015 entdeckte die Besatzung eines Dienstbootes des Schifffahrtsamts Braunschweig im Mittellandkanal in Hannover-Bothfeld einen schwarzen Plastiksack im Wasser. Zuerst dachten sie an Tierabfälle, aber dann sahen sie den menschlichen Torso. Taucher wurden hinzugezogen, der Uferbereich abgesucht.

Am selben Tag, gegen 15 Uhr, wurde zwei Kilometer weiter ein zweiter Sack mit den Beinen eines Mannes gefunden. Die Mordkommission Kanal wurde gegründet. Hans Täuber wurde Aktenführer. Der Täter hatte die Leiche zerteilt und die Teile im Kanal versenken wollen, damit alles wie ein Vermisstenfall aussah.

Doch er machte einen gravierenden Fehler: Er beschwerte die Säcke nicht. Eine Leiche bildet Gase, und so kam der Sack wieder an die Oberfläche. In den Säcken fanden die Ermittler neben den Leichenteilen zwei Handtücher, Klebeband, einen Korkuntersetzer und einen CD-Player mit einer selbstgebrannten Andrea-Berg-CD. Der Kopf, die Hände und die Füße fehlten.

Die Obduktion ergab: ein älterer, kräftiger Mann mit Rippenbrüchen und Abwehrverletzungen an den Armen. Die Täter hatten die Spuren in der Wohnung gründlich verwischt. Über einen DNA-Abgleich mit Gegenständen aus einer Wohnung in Hannover-Stöcken wurde das Opfer identifiziert: der 70-jährige Bernt M. , ein ehemaliger Mitarbeiter der Stadtwerke, der regelmäßig Passanten ansprach und aus seinem Küchenfenster schaute.

Am 28. Juli 2015, dem Tag seines Verschwindens, hörte eine Zeugin morgens um 9:30 Uhr einen lauten Streit vor seinem Fenster – eine Person stand direkt am Fenster, eine andere an seinem Auto. Eine weitere Zeugin hörte abends Stimmen mehrerer Männer in seiner Wohnung. Bernt M.

hatte 500 Euro von der Bank abgeholt, 50 Euro ausgegeben, den Rest fand man nicht. Es wurde geraubt. Es gab keine Aufbruchspuren an der Tür – er muss seinen Mördern selbst geöffnet haben. Sein graublauer Peugeot 206 mit der fehlenden vorderen rechten Radkappe wurde am 12.

August 2015 auf einem Parkplatz in Hannover-Bothfeld gefunden – dort stand er über 10 bis 14 Tage und wurde immer wieder bewegt. Im Auto fand man eine DNA-Spur, die nicht von Bernt M. stammte, und Spuren, die darauf hindeuteten, dass die Müllsäcke mit den Leichenteilen im Kofferraum transportiert worden waren. Das Fahrzeug wurde auch in Bergheim bei Köln gesehen, wo ein Zeuge sich das Kennzeichen notierte.

Am 6. Juni 2016 fand ein Hund in Hannover-Langenhagen einen schwarzen Müllsack am Ufer des Wüste-Sees – darin waren der Kopf, die Hände und die Füße von Bernt M. Die Todesursache waren massive stumpfe Verletzungen am Schädel. Die Soko wurde aufgelöst, der Fall wurde zum Cold Case.

Hans Täuber wurde 2025 pensioniert, arbeitete aber zwei Tage pro Woche weiter, um den Fall zu verfolgen. Er ist sicher, dass es Menschen gibt, die etwas wissen, aber bisher geschwiegen haben. Die Hoffnung bleibt, dass sich eines Tages jemand meldet. Und dann ist da der Fall Tatjana Schneeva.

Berlin, 13. September 1999. Thomas, ein junger Schauspieler, kochte für seine Freundin, als das Telefon klingelte. „Thomas, komm schnell her.

Es ist ein fremder Mann in meiner Wohnung. Ich habe Angst. “ Wenig später war die 31-jährige Tatjana tot – erstochen mit mehreren Messerstichen, zum Schluss ein Schnitt über die Kehle. Thomas rannte in Todesangst mehrere Kilometer durch Berlin, aber als er ankam, war es zu spät.

Die Polizei fand keine Einbruchsspuren – der Täter muss mit einem Schlüssel hineingekommen sein. Es wurde nichts gestohlen, nur eine Schublade durchwühlt. Der Täter nahm das Festnetztelefon, das Handy und den Rucksack mit. Tatjana stammte aus Odessa, war nach Deutschland gekommen, hatte sechs Jahre mit dem Geschäftsmann Kurt K.

zusammengelebt und arbeitete auch nach der Trennung als Buchhalterin in seiner Firma. Am Tag ihres Todes verließ sie das Büro grußlos, was ungewöhnlich war. Gegen 17:30 Uhr kam sie in ihrer Wohnung in Berlin-Halensee an. Um 18:31 Uhr rief sie Thomas an – ihr letzter Hilferuf.

Die Ermittler untersuchten ihr Umfeld. Sie hatte einen Englischlehrer, mit dem sie ein Verhältnis hatte, und einen Klavierlehrer, der als Täter ausschied. In ihrer Wohnung fand man einen fast 20-seitigen Briefentwurf, in dem sie ihre Zweifel an der Beziehung zu Thomas beschrieb – der Brief wurde nie abgeschickt. Auch Tatjanas Handy tauchte wieder auf: Es wurde einen Tag nach der Tat mit einer neuen SIM-Karte aktiviert, von einer Frau, die behauptete, es von ihrem Mann bekommen zu haben.

Der wiederum sagte, er habe es im Irish Pub des Europa-Centers von einem Blumenhändler mit russischem Akzent gekauft. Niemand konnte sich an den Mann erinnern. Ein Phantombild wurde veröffentlicht, auch in „Aktenzeichen XY ungelöst“, doch der Rosenverkäufer blieb verschwunden. Kurt K.

trat während der Ermittlungen sehr vehement auf, lobte eine Belohnung von 10. 000 Mark aus und forderte Hinweisgeber auf, sich persönlich bei ihm zu melden. Das sorgte für Skepsis. Auch seine Speichelprobe ergab keinen DNA-Treffer.

Die Ermittler vermuteten, dass es sich um eine Tat aus dem persönlichen Umfeld handeln könnte, vielleicht sogar einen Auftragsmord – aber belastbare Beweise fehlen bis heute. Der Fall bleibt ungelöst. Und dann ist da Peter Jannik. Ende November 2015 fand der Hausmeister einer Schule in Kassel im Nebeneingang die Leiche eines Obdachlosen in seinem Schlafsack.

Peter J. wurde brutal erschlagen. Die Spurenlage war eindeutig: Der Fundort war auch der Tatort. Die Ermittler suchten mit einem Fahndungsplakat nach Zeugen, eine Belohnung von 3000 Euro wurde ausgesetzt.

Die Hinweise führten zu einer Gruppe Jugendlicher, die oft in der Nähe der Schule Streit mit dem Opfer gehabt hatten – doch die DNA-Spur am Tatort ergab keinen Treffer. Peter Jannik war 53 Jahre alt, kam 1982 aus Polen nach Deutschland, arbeitete fast 20 Jahre bei einem Autohersteller und wurde dann arbeitslos. Nach dem Tod seiner Eltern und dem Verlust seiner Partnerin rutschte er ab, lebte auf der Straße, sammelte Flaschen, übernachtete in Parks und unter Brücken. Die Filmemacherin Dorothea Könike lernte ihn 2013 kennen und begleitete ihn ein halbes Jahr mit der Kamera.

Er war froh über das Interesse, freute sich, dass jemand fragte, was für ein Mensch er sei. Er träumte davon, eine Frau zu finden und wieder eine Wohnung zu haben. Aber er hatte auch Angst, dass jemand ihn im Schlaf erschießt oder ersticht, weil jeder Zugang zu seinem Schlafplatz hatte. In seinem Film sprach er über Angriffe, die er erlebt hatte – sogar davon, dass drei Männer seinen Schlafplatz mit Benzin übergossen hatten.

Kurz vor seinem Tod schlief er mehrere Tage unter dem Dach des Schuleingangs. Er wurde heimtückisch umgebracht, ohne sich wehren zu können. Die Täter wurden nie gefunden. Die Staatsanwaltschaft sagt, die Akte bleibe nicht komplett geschlossen, aber aktuell wird nicht ermittelt.

Dorothea Könike kann es bis heute nicht fassen: „Dass ein Menschenleben ausgelöscht wurde und die Täter ihr Leben weiterleben, ist für mich unerträglich. Ich hoffe, dass Mitwisser, die damals geschwiegen haben, jetzt den Mut finden, sich zu äußern. “ Für sie war Peter Jannik nicht einfach nur ein Obdachloser, sondern ein Mensch mit Hoffnungen und Träumen, der am Ende grausam sterben musste.