Der Vater von Yunjia schickte seiner Tochter nach ihrem Livestream noch eine Nachricht mit Feedback. Er bekam keine Antwort. Er wunderte sich, doch als nach sieben Stunden endlich eine knappe Rückmeldung kam, war er nicht beruhigt – die Worte passten nicht zu seiner Tochter. Diese elterliche Intuition sagte ihm, dass etwas nicht stimmte.

Am nächsten Morgen, als weiterhin Funkstille herrschte, gab er eine Vermisstenmeldung auf und machte sich selbst auf den Weg zu der Insel, von der aus Yunjia zuletzt gestreamt hatte. Yunjia lebte ihren Traum. Anfang zwanzig, lebte sie in Südkorea und war als Influencerin erfolgreich. Auf TikTok folgten ihr mehr als 300.
000 Menschen. Sie wirkte authentisch, warmherzig und nahbar. Vor allem ihre Livestreams kamen gut an. Dort konnten Zuschauer ihr digitale Geschenke senden, die in einer Rangliste sortiert wurden.
Wer am meisten spendete, landete ganz oben. Die Spenden waren ihre Einnahmequelle, und für ihre Fans war es ein kleiner Wettkampf, ganz oben zu stehen. Eigentlich war die Influencer-Karriere für Yunjia nur ein Sprungbrett. Sie wollte Schauspielerin werden.
Seit Mai 2025 hatte sie ein Management. Der CEO einer IT-Firma hatte sich bereit erklärt, sie zu unterstützen und ihre Bekanntheit auszubauen. Er galt als Investor, der kleinere Creator förderte. Wenn sie den großen Durchbruch schaffte, würde er mitprofitieren.
Für Yunjia war das eine riesige Chance, also blieb sie am Ball und lieferte ständig neuen Content. Am 11. September 2025 saß sie auf der wunderschönen Insel Jong Jongdo im Gelben Meer, vor der Küste der Großstadt Incheon. Dort startete sie ihren letzten Livestream.
In traumhafter Kulisse plauderte sie mit den Zuschauern im Chat, verabschiedete sich gegen 15 Uhr und beendete das Live. Auch ihr Vater hatte zugeschaut. Wenige Stunden später wurde Yunjia getötet. Ihr Leichnam wurde am Abend des 12.
September auf einem Hügel am Rande der Kleinstadt Muju entdeckt – rund 100 Kilometer von der Insel entfernt, an einem Ort, zu dem die junge Frau keinerlei Verbindung hatte. Wanderer fanden sie im Gras. Die Autopsie ergab, dass sie durch Gewalteinwirkung gegen den Hals getötet worden war. Ihr Körper wies mehrere Hämatome auf, besonders im Gesicht.
Yunjia wurde also ermordet – und der Täter muss sehr wütend auf sie gewesen sein, um mit solcher Aggression vorzugehen. Doch die Polizei war dem Täter bereits dichter auf den Fersen, als es zunächst schien. Die Überwachungskameras von Jong Jongdo lieferten entscheidendes Material. Die Bilder stammten von etwa 15:27 Uhr, eine halbe Stunde nach dem Ende ihres Livestreams.
Man sah, wie Yunjia vor ihrem Auto stand und von einem Mann gepackt und in den Wagen gezerrt wurde. Zeugen berichteten, die Tür habe sich noch einmal geöffnet, als Yunjia versuchte zu fliehen. Doch der Mann zerrte sie zurück, das Auto fuhr davon. Auf anderen Aufnahmen von demselben Tag war zu sehen, wie sich der Mann vor Yunjia auf die Knie warf und sie wegen irgendetwas anflehte.
Zeugen berichteten von einem Streit. Der Mann wurde schnell als Hauptverdächtiger identifiziert. In den Medien wurde er nur „Choy“ genannt. Er war kein Unbekannter.
In der Social-Media-Blase, in der Yunjia unterwegs war, kannte man ihn unter dem Namen „Blackhead“. Er selbst war kein Influencer, aber er unterstützte regelmäßig verschiedene Creator – und zwar in einer Größenordnung, die anderen auffiel. Bei zahlreichen Influencern führte er die Spendenlisten an, auch bei Yunjia. Sein Level bei TikTok lag bei 46.
Um so hoch einzusteigen, musste er Geschenke im Wert von mehreren hundert Millionen Won an verschiedene Creator geschickt haben. Ein Branchenexperte schätzte den Betrag auf umgerechnet mindestens 60. 000 bis 100. 000 Euro.
Zum Vergleich: Das jährliche Medianeinkommen in Südkorea liegt bei etwa 42. 000 Euro. Choy hatte also unfassbar viel Geld für Yunjia und andere ausgegeben. Doch die Rechnung ging nicht auf.
Der CEO der IT-Firma war gar kein Geschäftsmann – und wenn doch, sicher kein guter. Privat steckte Choy bis zum Hals in Schulden. All das Geld, das er an Influencer wie Yunjia gespendet hatte, war geliehen. Zwar besaß er eine Immobilie, doch die wurde genau am 11.
September 2025 zwangsversteigert – an dem Tag, an dem er Yunjia ermordete. Die Ermittler vermuteten, dass Yunjia das alles herausgefunden hatte. Einer koreanischen Berichterstattung zufolge erfuhr sie am 10. September, was wirklich hinter Choy steckte.
Schon zuvor wollte sie die Zusammenarbeit beenden, weil sie sich von ihm bedrängt fühlte. Er hatte sie gnadenlos gepusht, unermüdlich neuen Content zu erstellen, und sie kam nicht mehr hinterher. Am 10. September wollte sie sich endgültig aus dem Vertrag zurückziehen.
Genau das könnte das Motiv gewesen sein. Vielleicht hatte Choy gehofft, Yunjia zur Berühmtheit zu pushen, um an ihrem Erfolg teilzuhaben und sein verzocktes Geld zurückzubekommen. Am Tag des Mordes wurde ihm seine finanzielle Sackgasse wohl schmerzlich bewusst, denn an diesem Tag wurde sein Haus zwangsversteigert. Es ist denkbar, dass er seine Wut auf Yunjia richtete, weil sie seiner Meinung nach nicht schnell genug das große Geld machte.
Doch es ist auch möglich, dass noch dunklere Absichten dahintersteckten. Nachdem die Verhaftung von Choy bekannt wurde, meldete sich eine weitere mutmaßlich betroffene Person zu Wort. Auch dieser Influencer gab an, mit Choy zusammengearbeitet zu haben, und berichtete, Choy habe gedroht, gewalttätig zu werden, sollten seine Forderungen nicht erfüllt werden. Diese Vorwürfe standen nicht allein da.
Bereits im Dezember 2024 hatte es einen schweren Zwischenfall gegeben. Damals hatte Choy eine andere Influencerin in ihren Zwanzigern angegriffen und in seiner Wohnung eingesperrt. Dort soll er Geld von ihr verlangt und sie zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Die junge Frau war etwa eine Stunde in seiner Gewalt, ehe sie entkommen konnte.
Choy stellte sich daraufhin sogar der Polizei und gestand. Der Fall wurde an die Staatsanwaltschaft übergeben, doch einen Haftbefehl gab es nicht. Das Verfahren lief zwar, aber er blieb auf freiem Fuß – und konnte so den Mord an Yunjia begehen. In den ersten Befragungen leugnete Choy noch, etwas mit ihrem Tod zu tun zu haben.
Die beiden seien einfach Geschäftspartner gewesen. Doch nach wenigen Stunden brach er unter dem Druck der Ermittler zusammen. Dieses Mal blieb er nicht auf freiem Fuß, sondern kam in Untersuchungshaft. Ihm wurden Mord und Beseitigung eines Leichnams vorgeworfen.
Der Prozess gegen ihn lief zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch. Es wurde allerdings erwartet, dass seine Verteidigung darauf abzielte, auf fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge zu plädieren. Für die Angehörigen von Yunjia war das unverzeihlich. Ihr Vater sagte, Choy habe nicht nur seiner Tochter das Leben genommen, sondern indirekt seiner ganzen Familie.
Er erinnerte auch an die anderen Geschädigten, die Choy zuvor ausgesetzt war. Der einzige Lichtblick für ihn sei die Gewissheit, dass Choy nie wieder einer anderen Frau Schaden zufügen könne. Man muss es leider so sagen: Wäre Choy wegen seines Verbrechens im Dezember 2024 verhaftet worden, wäre Yunjia wahrscheinlich noch am Leben. Gewalt gegen Frauen ist in Südkorea ein strukturelles Problem.
Zwar gibt es für Sexualverbrechen hohe Strafen und sogar online zugängliche Listen mit den Daten verurteilter Straftäter, doch in der Praxis fallen die Strafen oft deutlich geringer aus. Oder, wie im Fall von Choys Verbrechen von 2024, es dauert einfach lange, bis es zu Prozessen und Urteilen kommt. Es gibt eine stabile feministische Bewegung, die sich einsetzt, doch gleichzeitig auch eine große antifeministische Welle. Das Schicksal von Yunjia zeigt die Schattenseiten des Influencer-Daseins.
Man weiß am Ende des Tages nie, wer einem da eigentlich zuschaut. Es wird Menschen wie Choy geben, die den großen Traum anderer ausnutzen. Dass es so schlimm endet, ist zum Glück selten – dennoch sollte man wachsam sein, wie viel man im Internet preisgibt. Sollte Choy wegen des Mordes an Yunjia verurteilt werden, droht ihm eine lebenslange Freiheitsstrafe.
Die Frage bleibt, ob auch das frühere Verbrechen im Prozess berücksichtigt wird.


