Sie wussten ganz genau, dass die Gegenseite ab diesem Moment das Recht hatte, mich zu töten. Die Familie des Mannes, den ich getötet hatte, durfte mich ab jetzt ebenfalls töten. Man glaubt, dass so etwas in der heutigen Zeit nicht mehr möglich ist. Gerade hier in Deutschland.

Aber dann selbst durch die Arbeit damit befasst zu sein, war unvorstellbar. Es war klar, dass wir nur einen der Beteiligten vor Gericht bringen konnten und nur einer für diese Tat verurteilt worden ist. Dass da noch welche fehlten, war auch klar. Natürlich waren wir nie wirklich von diesem Fall weg.
Es war eine offene Rechnung, die wir zu erfüllen hatten. Albanien auf dem Balkan gilt als demokratischer Rechtsstaat, und doch findet man vor allem in ländlichen Regionen ein archaisches Relikt aus dem Mittelalter: den Kanun. Der Kanun ist ein geschriebenes Gewohnheitsrecht, das im Norden Albaniens eine gewichtige Rolle spielt. Darin steht, wie man Dinge im Zivilrecht lösen kann, aber eben auch das Thema Blutrache.
Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn ich jemanden vorsätzlich töte, hat die Familie des Opfers das Recht, auch mich zu töten. Im Jahr 2011 arbeitete Qutim P. als Türsteher in einer Disco in der albanischen Hauptstadt Tirana.
Als der 41-Jährige dort tätlich angegriffen wurde, zog er seine Pistole und erschoss einen Gast. Wegen Mordes wurde der Türsteher in Albanien angeklagt und verurteilt. Erst waren es achteinhalb Jahre, dann wurde die Strafe wegen guter Führung auf sechs Jahre herabgesetzt. Er war im Gefängnis und wurde nicht beurlaubt, weil man sagte, er sei in Gefahr durch Blutrache.
Als er schließlich nach Verbüßung der Strafe freigelassen wurde, floh er sofort, weil er wusste, dass auf ihn die Blutrache geschworen worden war. Qutim P. beantragte Asyl in Deutschland und erhielt zunächst subsidiären Schutz. Der Albaner kam mit seiner Familie in Fisselhövede in Niedersachsen unter.
Doch auch hier war er nicht sicher vor seinen Verfolgern. Am 9. Januar 2017 wurde er gegen 11 Uhr morgens auf dem Weg zum Supermarkt von einem Motorrad aus niedergeschossen, direkt vor der örtlichen Grundschule. Meine erste Handlung war, dass ich mit einer Kollegin ins Krankenhaus bin und mich mit dem Opfer beschäftigt habe.
Die Töchter waren im Krankenhaus, und wir waren direkt mit ihnen konfrontiert. Die eine Tochter konnte sehr gut Deutsch und erzählte uns sofort, was früher passiert war. „Das war eine Rache, da sind wir sicher. Unser Vater wurde erschossen, weil er mal jemanden in Albanien getötet hat.
“
Vier Tage nach dem Attentat verstarb Qutim P. im Krankenhaus. Bei der Polizeiinspektion Rotenburg wurde eine Mordkommission aufgestellt. Zeitweise arbeiteten bis zu 50 Ermittler fast rund um die Uhr daran, den Mord aufzuklären.
Bald rückte ein Mann aus Albanien, der in Hannover lebte, in den Fokus der Ermittler: Florian F. , ein Cousin des 2011 in Tirana getöteten Armando F. Bei seiner Festnahme gestand der Mann, das Motorrad gesteuert zu haben. Er belastete einen Paulin P.
als Schützen. Auch dieser Mann gehörte zur Familie des getöteten Armando F. Wir haben festgestellt, dass Florian definitiv an dieser Tat beteiligt gewesen ist, das Motorrad gefahren hat. Das haben wir beweiskräftig hinbekommen.
Schlussendlich war es zum damaligen Zeitpunkt die richtige Entscheidung, dass Paulin nicht verurteilt wurde, weil wir nicht genügend Beweise hatten. Florian F. wurde im März 2018 vor dem Landgericht Verden an der Aller zu lebenslanger Haft verurteilt. Paulin P.
wurde mangels Beweisen freigesprochen. Das hinterließ einen bitteren Nachgeschmack bei den Ermittlern. Der Auftraggeber fehlte uns, der Schütze fehlte uns. Wir sind immer davon ausgegangen, dass wir im Hintergrund noch Menschen haben, die eine Rolle spielen.
So eine Art der Ausführung bekommt man nicht mit drei Personen hin. Der Fall schien ausermittelt. Doch dann erreichten die Ermittler im Jahr 2020 ungewöhnliche Nachrichten aus der Justizvollzugsanstalt Celle. Florian F.
hatte sich mehrfach bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und versucht, Kontakt aufzunehmen. Er sagte, er müsse etwas richtigstellen. Florian F. schien unzufrieden darüber zu sein, dass er als einziger für die Tat büßen sollte.
Er wollte auspacken. Bei der ersten Vernehmung erzählte er unter Dolmetschung sehr ausführlich, wie aus seiner Sicht die Gesamtumstände der Tatvorbereitung, Ausführung und Nachtatphase stattgefunden hatten. Er bat um einen Stift und Papier und begann, einen Lageplan aufzuzeichnen. Es war wirklich krass.
Er zeichnete auf, wo die Waffe lag, wo die Tatbekleidung lag, wo sie hinfuhren, wo möglicherweise der Schlüssel lag. So etwas hat man in seiner Karriere als Ermittler nicht oft. In seiner Aussage nannte Florian F. neben Paulin P.
zwei weitere Mittäter: Gentian F. , einen Bruder des getöteten Armando, der der Schütze gewesen sein soll, und einen weiteren Cousin, Clodian P. , der das Opfer am Tattag observiert haben soll. Auf der Rückfahrt von der Erstvernehmung war uns klar, dass wir absolut auf der richtigen Spur waren.
Wir haben ganz viel von unseren Ermittlungsergebnissen bestätigt bekommen und natürlich auch neue Ansätze bekommen, um weitere Mittäter in Haft zu bringen. Die Ermittler stellten die Mordkommission wieder auf. Alle waren hochmotiviert und hatten Lust, diesen Fall noch einmal aufzurollen. Obwohl das eine enorme Belastung bedeutete, gab es keinen, der nicht sofort wieder dabei war.
Die Ermittler werteten 42 Millionen Datensätze aus. Sie hatten einen Datenpool von 38 Funkzellen und über 100 Rufnummern. Durch den Abgleich der Verbindungsdaten konnten sie unterschiedliche Ereignisse einer neuen Wertigkeit zuordnen. Sie nahmen die Zeitstempel der Verkehrsdaten und guckten, wo sich die Verdächtigen bei der Kommunikation befunden hatten.
Für die erneute Auswertung der Überwachungskameras vom Tatort war ein Ermittler zuständig. „Ich habe was gefunden. Hier ist der Ford Focus, den Clodian gefahren hat, der Grüne. Florian hat das Motorrad gefahren.
Paulin ist mit Gentian mit dem Golf hinterhergefahren beziehungsweise vorweggefahren, und Clodian ist schon vorher mit dem Ford Focus losgefahren, um die Wohnanschrift zu observieren. “
Die Ermittler konnten den Tatablauf jetzt vollständig rekonstruieren. Sie gingen davon aus, dass das Motorrad vor der Tat an einem bestimmten Ort gestanden hatte. Knapp 1,5 Kilometer entfernt lebte Qutim P.
mit seiner Familie. Wie jeden Morgen brach er gegen kurz nach 11 Uhr zum Supermarkt auf. Wir gehen davon aus, dass Clodian mit einem PKW vor dem Gebäude gestanden hat, geschaut hat, wann Qutim das Haus verlässt, und dann per Handy die Mittäter angerufen hat. Die Täter verließen dann den Golf, gingen fußläufig zum Motorrad, stiegen auf und fuhren in Richtung Tatort.
Während Qutim P. sich auf seinem täglichen Weg zum Supermarkt befand, kam ihm das Motorrad entgegen. In Höhe der örtlichen Grundschule begegneten sie sich. Die Überwachungskamera eines Cafés neben der Schule zeigte die letzten Schritte im Leben von Qutim P.
Er war fußläufig in Richtung Ortsausgang unterwegs. Wir gehen davon aus, dass er zum Supermarkt wollte. Von hinten kam ein Motorrad mit zwei Personen, beide hatten orangefarbene Warnwesten an. Das Motorrad hielt direkt neben Qutim P.
, und der Sozius schoss mehrfach auf ihn. Qutim P. ging zu Boden, das Motorrad flüchtete. Am späten Nachmittag entdeckte die Polizei das verlassene Motorrad in der Nähe der Autobahnausfahrt Fallingbostel.
In seinem nachträglichen Geständnis hatte Florian F. genaue Angaben über den weiteren Verlauf der Flucht gemacht. Er erzählte, dass man nach der Tat auf die Autobahn gefahren sei. Dem Florian sei sehr kalt gewesen, und er habe die Autobahn verlassen wollen.
Am Ablageort des Motorrades sei man zum Stehen gekommen, habe sich der Waffe entledigt und sei dann in ein Waldstück gegangen, um weitere Bekleidungsgegenstände abzulegen, die die Täter identifizieren würden: den Helm, die Warnwesten, die Handschuhe. Mit Unterstützung von Beamten der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen begann eine aufwendige Suche. Die Ermittler fanden zuerst Schaumstoffteile des Helms. Später fanden sie einen Handschuh der Marke Maxiflex, der zu dem passte, was Florian F.
gesagt hatte. Dann fanden sie eine Warnweste. Einen Handschuh kann man im Wald irgendwie erklären, aber eine Warnweste ist etwas, wo man sagt: Okay, das wird mit Sicherheit der Tat zuzuordnen sein. Das wichtigste Beweisstück wurde um 13:45 Uhr gefunden: ein weiterer Handschuh, an dem Schmauchspuren festgestellt wurden und die DNA von Gentian F.
Anhand dieser Gegenstände konnten die Ermittler nachvollziehen, in welchem Baumarkt die Westen gekauft worden waren und wo die Handschuhe gekauft worden waren. Den Helm konnten sie zuordnen. Schließlich konnte sogar die Tatwaffe entdeckt werden. Sie war in mehreren Teilen gefunden worden, stark angerostet.
Die Ermittler konnten feststellen, dass mit dieser Waffe das Kaliber 9 Millimeter verschossen worden war. Durch die entsprechenden Untersuchungen konnten sie nachvollziehen, dass mit dieser Waffe die Munition verfeuert wurde, die am Tatort gefunden worden war. Das war der Beweis, den sie brauchten. Im Jahr 2022 begann vor dem Landgericht Verden an der Aller der Prozess.
Weil Paulin P. im ersten Verfahren freigesprochen worden war, konnte er für den Mord an Qutim P. nicht mehr angeklagt werden. Florian war der Motorradfahrer gewesen.
Paulin war der Logistiker, der den silbernen Golf gefahren hatte und die Motorradbesatzung bis zur Tat beherbergt hatte. Gentian war der Schütze auf dem Motorrad gewesen, und Clodian war der Observant am Wohnhaus von Qutim P. Gentian und Clodian wurden letztendlich angeklagt und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Im Urteil allerdings ist auch Paulin genannt, dass er vor Ort als Mittäter gewirkt hat.
Das heißt, alle vier standen im Urteil als Täter, als Mittäter dieser Tötung. Über fünf Jahre hatten die Ermittler gearbeitet. Eine Dolmetscherin, die die Mordkommission über die ganze Zeit begleitet hatte und selbst albanische Staatsangehörige ist, sagte, sie sei froh, dass diese Tat in Deutschland passiert ist, weil sie festgestellt habe, wie die Ermittler hier geführt wurden. Wenn mir jemand so etwas sagt, das habe ich mit in die Gruppe genommen.
Das ist der Ansporn: Wenn wir es nicht tun, macht es keiner. Zur gleichen Zeit, in den Jahren zuvor, waren Lebensmittelerpresser sehr häufig. Sieben Millionen war die erste Forderung. Betroffen war ein deutscher Süßmittelhersteller.
Der Erpresser kündigte an, dass in Supermärkten vergiftete Produkte hinterlegt seien. Der Konzern reagierte nicht. Das veranlasste den Erpresser, eine Steigerungsstufe einzuleiten, indem er vergiftete Süßigkeiten auf Kinderspielplätzen auslegte. Wenn wir ein Bild von einem Menschen veröffentlichen, der androht, Kinder zu vergiften, dann kommt eine große Resonanz.
Und so war es auch. Wien, 1994. Ein Erpresser versetzte die Menschen in der Stadt in Angst. In Supermärkten der österreichischen Hauptstadt wurden kontaminierte Lebensmittel gefunden.
Kriminalrat Ernst Geiger hat in dem Fall ermittelt. Ein Taxifahrer lieferte am Morgen des 11. Januar 1994 ein Paket in der Wiener Zentrale des Süßwarenherstellers ab. Im Paket: Produkte der Firma, die angeblich vergiftet waren, und ein Erpresserbrief, in dem sieben Millionen österreichische Schilling gefordert wurden.
Die Drohung: Bei Nichtzahlung würden in österreichischen Supermärkten vergiftete Kekspackungen ausgelegt. Die sieben Millionen Schilling sollte der Konzern nicht direkt übergeben, sondern auf 70 konkret benannte Sparbücher überweisen, jeweils 100. 000 Schilling. Der Erpresser nannte sich Robert Reisinger und argumentierte, der Konzern komme mit den sieben Millionen noch gut weg.
Er habe betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Adressiert war das Schreiben an Otto Maurer, Geschäftsführer des Süßwarenherstellers in Wien. Der verständigte sofort die Polizei und die Konzernleitung in Hannover. Die Ermittler mussten erkennen, dass der Erwerb der nicht personalisierten Sparbücher nicht nachzuverfolgen war, genauso wenig wie die Abhebung des Geldes.
Die Bankangestellten wurden sensibilisiert. Als eine Reaktion des Konzerns ausblieb, wurde es ernst. In der ersten Tranche wurden in verschiedenen Supermärkten in ganz Österreich kontaminierte Süßmittelpackungen hinterlegt. Die Polizei stellte die markierten Produkte sicher und ließ sie untersuchen.
Drinnen waren Zigarettensud, Wasserenthärter, aber auch Rattengift. Gestorben wäre niemand, aber gesundheitliche Beeinträchtigungen hätten entstehen können. Otto Maurer lehnte es ab, die geforderte Summe zu bezahlen. Doch der Druck stieg.
Als das Geld weiterhin nicht auf den Sparbüchern einging, schrieb der Erpresser immer bedrohlichere Briefe. Die Häufigkeit der hinterlegten Packungen nahm zu. Der Konzern reagierte nicht. Das veranlasste den Erpresser, vergiftete Süßigkeiten auf Kinderspielplätzen auszulegen.
Das war eine Bedrohungslage, denn wenn Kinder das gegessen hätten, hätten schwere Schäden entstehen können. Kriminalrat Ernst Geiger beschloss, sich an die Bevölkerung zu wenden. Die Medien reagierten zurückhaltend, machten die Warnungen, verursachten aber keine zusätzliche Panik. Die Polizei hoffte, dass der Erpresser sich selbst verriet.
Möglicherweise, weil aufgefallen war, dass er sehr viele Sparbücher gleichzeitig eröffnet hatte. Er war dabei aufgefallen, weil die Bankangestellten viel Arbeit damit hatten. Auf die Frage, wozu er das mache, sagte er, er veranstalte eine Tombola für Pensionisten und brauche dafür kleine Gewinne. Tatsächlich wurde dem Erpresser seine Vorgehensweise zum Verhängnis.
Einem Bankangestellten kam das Verhalten des Mannes sehr verdächtig vor, und er löste vorsichtshalber die Alarmkamera aus. Es gab ein Foto von ihm. Als die Polizei bei den Banken Erhebungen machte, stieß sie auf dieses Zufallsfoto. Für seine Bankbesuche hatte sich der Mann verkleidet.
Dennoch ging die Polizei mit den Fotos an die Öffentlichkeit. Es kamen Hinweise auf Peter Z. , 36 Jahre alt, Wirtschaftswissenschaftler. Die Fotos des Mannes waren tagelang in ganz Österreich präsent.
Der Erpresser sah es. Er versuchte sofort, alle Beweismittel zu vernichten. Er fuhr ins Waldviertel und vergrub alle Utensilien im Wald. Als Peter Z.
vorgeführt wurde, staunte Kriminalrat Ernst Geiger nicht schlecht. Er kannte den Mann. Er war sein Rhetoriktrainer an der Verwaltungsakademie gewesen. Als Geiger vor Jahren einen Kurs machte, war Peter Z.
sein Trainer. Auch Peter Z. erkannte Geiger wieder. Peter Z.
war gleichgeständig. Er gab zu, der Erpresser zu sein, und zeigte sogar, wo er die Beweismittel vergraben hatte. Die Polizei konnte alle Beweismittel sicherstellen. Was bringt einen Unternehmensberater aus geordneten Verhältnissen dazu, eine derartige Erpressung zu starten?
Er hatte Angst, dass er nicht genug Geld hat, um seinen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, dass die Unternehmensberatung nicht genug Geld abwirft. Aus dem Grund wollte er mit der Erpressung Geld erwerben. Er hatte sogar vor, wenn das gut geht, es bei anderen Firmen zu versuchen. Im Frühjahr 1994 fand vor dem Wiener Landesgericht der Prozess gegen Peter Z.
statt. Im Kern ging es um die Frage, inwieweit der Erpresser durch die manipulierten Kekse gesundheitliche Schäden der Konsumenten in Kauf genommen hatte. Obwohl die Staatsanwaltschaft eine deutlich höhere Strafe forderte, kam Peter Z. mit zweieinhalb Jahren Haft davon.
Bereits im Herbst 1996 war er wieder auf freiem Fuß. Verkleidet trat er im österreichischen Fernsehen auf und behauptete, 800. 000 Schilling Schulden hätten ihn zu der Tat bewogen. Seine Firma, für die er gelebt habe, war de facto aus.
Es waren keine Aufträge in Sicht. Was Peter Z. zunächst nicht wusste: Am Tag der Fahndung nach ihm starb sein Onkel und hinterließ ihm sein Vermögen. Ironie des Schicksals: Bevor der Erpresser Geld durch seine Straftat lukrieren konnte, machte er ein Erbe von 1,5 Millionen Schilling.
Er hatte alle seine finanziellen Sorgen erledigt. Er hatte genug Geld, und statt das Geld genießen zu können, kam er ins Gefängnis. Peter Z. veröffentlichte ein Buch über die gescheiterte Erpressung und riet etwaigen Nachahmern davon ab.
Auch Astrid Maurer, die Tochter des Geschäftsführers, hat das Buch mehrmals gelesen. Nach dem Tod ihres Vaters nahm sie das Buch bewusst wieder in die Hand und las es ganz anders. Am Schluss reflektiert der Erpresser sehr gut und schreibt, dass er mehrmals versucht hat, mit ihrem Vater Kontakt aufzunehmen, um sich bei ihm zu entschuldigen. Doch Otto Maurer lehnte jeden Kontakt zum Täter ab.
Für Kriminalrat Ernst Geiger waren die Wochen während der Zuckererpressung aufreibend, auch aufgrund der Person des Täters. Der Erpresser war kein Berufskrimineller. Er sah das als ein wirtschaftliches Spiel. Er wollte Geld lukrieren.
Er wollte niemanden vergiften oder ernsthaft schädigen. Das hat er alles als Drohung verwendet. Bis heute hat Peter Z. Nachahmer.
Im Frühjahr 2026 erpresste ein Mann in Österreich eine Firma für Säuglingsnahrung. In einigen Gläsern im Supermarkt wurden Spuren von Rattengift gefunden. Am Ende konnte der Täter, ein 39-jähriger Mann, gefasst werden. Ein anderer Fall, der die Ermittler über Jahre beschäftigte, war der Einbruch ins Grüne Gewölbe in Dresden.
Es war unvorstellbar, dass jemand einbricht und aus der Schatzkammer, wie sie genannt wird, Sachen entwendet. Das konnte man kaum fassen. Die Sammlung hat Diktaturen und Kriege überstanden. Jetzt durch diesen Einbruch war die Generation die erste, die sie nicht geschlossen an die Nachwelt übergeben konnte.
Kriminaloberrat Olaf Richter ist Leiter des Dezernats 2 für Jugend- und Rauschgiftkriminalität sowie Eigentumsdelikte bei der Kriminalpolizei Dresden. Er war als Kind im Albertinum und erinnert sich an den funkelnden Degen, das Wahrzeichen zumindest für ihn als Kind. 25. November 2019.
Wie an jedem Morgen macht sich Kriminaloberrat Richter zu Fuß auf den Weg zur Arbeit. In dem Moment, als es passierte, war er noch zu Hause. Es war in den frühen Morgenstunden, kurz vor 5 Uhr. Auf dem Gang über die Brücke nahm er einen Geruch wahr, der ihm brenzlig vorkam.
Gegen 6 Uhr traf er im Polizeipräsidium ein. Er rief das System auf, wo die Einsatzaufträge erfasst sind. Da war der Brand des Pegelhauses und der Einbruch ins Residenzschloss als Einsatzauftrag angelegt. In dem Moment klingelte schon das Telefon, weil sein Dezernat zuständig war.
Mit allem, was verfügbar war, gingen sie zum Grünen Gewölbe. Das Grüne Gewölbe ist die barocke Schatzkammer von August dem Starken im Erdgeschoss des Dresdner Residenzschlosses. Die Täter sind mit höchster Präzision vorgegangen. Um kurz vor 5 Uhr verschafften sie sich Zutritt zum Pegelhaus unter der Augustusbrücke.
Sie öffneten die Tür und deponierten zwei Töpfe mit einer brennbaren Flüssigkeit. Vor dem Einbruch zündeten sie die Flüssigkeit an und beschädigten die Kabel. Um 4:56 Uhr fielen um den Theaterplatz die Laternen aus. Im Schutz der Dunkelheit drangen die Täter ins Residenzschloss ein.
Das Gitter hatten sie bereits eine Woche zuvor unbemerkt durchtrennt. Mit einem hydraulischen Spreizer durchtrennten sie das Gitter und drückten das Fenster nach innen. Als es zu Boden fiel, löste es einen Berührungssensor aus. Nach gut vier Minuten waren sie wieder außerhalb des Grünen Gewölbes.
Die Überwachungskameras zeigen, wie die Täter um 4:58 Uhr das Panzerglas der Vitrinen mit Äxten zertrümmerten. Ihre Beute: 21 Schmuckstücke, besetzt mit 4300 Diamanten. Versicherungswert: 116 Millionen Euro. Das ist die Seele des Landes, der Staatsschatz.
Der sächsische Kurfürst hatte keine Krone, er sah sich als wandelnde Krone nach dem Vorbild Ludwig des 14. Er legte sich selbst die Garnituren an: Epaulette, Degen, Schuhschnallen, Rockknöpfe, um sich selbst als Krone darzustellen. Deswegen ist das der Staatsschatz. Das wertvollste Stück aus der Beute ist die sogenannte Epaulette.
Der obere Stein ist legendär: der Sächsische Weiße, der größte, mit knapp 50 Karat. Von August dem Starken angeschafft, kostete er 200. 000 Taler. Zum Vergleich: Die Dresdner Frauenkirche als Komplettbau kostete 280.
000 Taler. Es ist schon irre, wie viel Wert und Geld für so einen relativ kleinen Stein ausgegeben wurde. Die Spurensicherung im Grünen Gewölbe hatte gerade erst mit ihrer Arbeit begonnen, da zog ein weiterer Tatort das Interesse der Ermittler auf sich. In der Kötzschenbroder Straße im Dresdner Stadtteil Mickten hatte es am Morgen in einer Tiefgarage gebrannt.
Der völlig ausgebrannte Audi A6 stand offenbar im Zusammenhang mit dem Einbruch. In der Garage wurde von der Feuerwehr im Kofferraum des Audis bei der Nachbrandschau festgestellt, dass das Gitterteil, das zum Einstiegsfenster des Grünen Gewölbes gehört, sich in diesem Fahrzeug befindet. Bei der Kripo Dresden wurde eine Sonderkommission aufgestellt, die Soko Epaulette. An ihrer Spitze: Kriminaloberrat Olaf Richter.
Schon am Tag nach dem Einbruch erhielt er einen wichtigen Hinweis. Das Berliner Landeskriminalamt meldete sich. Die Kollegen hatten 2017 den Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum bearbeitet, wo zwei Täter verurteilt wurden. Sie kannten die Begehungsweise und sagten: Das kann nur Täterschaft aus Berlin sein.
Im Bode-Museum in Berlin wurde 2017 eine besondere Goldmünze mit dem Konterfei der Queen aufgestellt, die Maple Leaf. Gewicht: 100 Kilogramm, Wert rund 3,7 Millionen Euro. In der Nacht vom 26. auf den 27.
März brachen Diebe in das Museum ein und raubten die Goldmünze. Als Täter konnten später zwei Mitglieder des berüchtigten Remmo-Clans überführt werden. Den Berliner Ermittlern fielen sofort zahlreiche Parallelen auf. Für Dresden war es neu, dass ein Fluchtauto angezündet wurde.
Die Berliner Kollegen sagten: Du kannst drauf warten, wenn irgendwas in Berlin passiert, Banküberfall oder Geldtransporterüberfall, dass dann hinterher auch ein Auto brennt. Das ist durchaus üblich, um Spuren zu vernichten. Bislang kannte Kriminaloberrat Richter das Phänomen der Clankriminalität nur aus der Ferne. Er hatte sich innerlich ein bisschen gefreut, dass es in Dresden provinzialer zugeht.
Als er das erste Mal in Neukölln ausstieg, dachte er, er sei in einer anderen Welt. Auf Überwachungskameras entdeckten die Ermittler in der Tatnacht neben dem Audi ein zweites verdächtiges Fahrzeug. In der Nähe der Tiefgarage, die brannte, ist das sogenannte Ballhaus Watzke, ein Biergarten mit eigener Brauerei. Die überwachen ihr Objekt.
Da ist zu sehen, wie sich zwei Fahrzeuge zu einer passenden Zeit bewegen, und unmittelbar vor diesem Audi auf demselben Bild steht dieser Mercedes. Das ist kein Zufall. Sind die Täter mit dem als Taxi getarnten Mercedes geflüchtet? Die Ermittler durchforsteten die Kennzeichenerfassungssysteme und entdeckten den Fluchtwagen am Tattag um 5:58 Uhr auf der A13 von Dresden in Richtung Berlin.
Außerdem handelte es sich um ein besonderes Modell: kein AMG, aber mit AMG-Linie, ganz spezielle Felgen und ein Spoiler an der Kofferraumklappe. Es gab nicht viele Fahrzeuge dieser Art. Im Dezember 2019, wenige Wochen nach der Tat, fiel Beamten der Berliner Polizei in Neukölln ein Mercedes mit genau denselben Attributen auf. Nur die Farbe stimmte nicht überein.
Die Scheibe hinten links war offen. Die Polizei rief den eigentlichen Halter an, der sagte, das könne nicht sein, er sitze in seinem Fahrzeug. Da kam man langsam darauf: Hier stimmt etwas nicht. Der Mercedes wurde sichergestellt und auf dem Gelände der Berliner Polizei eingelagert.
Doch das schien irgendjemandem nicht zu passen. Es gab zwei Verwahrplätze für sichergestellte Fahrzeuge. Am ersten Verwahrplatz war das Auto nicht. Die Security wurde mit Reizgas niedergerungen.
Am zweiten Verwahrplatz wurde das Auto entdeckt. Dort wurde offensichtlich das Navigationsgerät herausgerissen und im Bereich der hinteren Sitzbank Feuer gelegt. Das konnte aber schnell gelöscht werden, sodass der Mercedes in einem halbwegs guten Zustand erhalten blieb. Erst jetzt rückte der Mercedes in den Fokus der Ermittler.
Könnte der Wagen etwas mit dem Einbruch zu tun haben? Er wurde den Dresdnern zur Auswertung überlassen. Die waren schwer begeistert. Sie überlegten, wie sie das Fahrzeug ranholen, weil die Täter wissen, dass Spuren drin sind.
Sie haben das Fahrzeug in einem LKW mit Plane, sodass nicht gesehen wurde, was transportiert wurde, von Berlin nach Dresden gefahren. Die Spurensicherung drehte den Wagen auf links. In einer Falz der Karosserie entdeckten sie einen winzigen elfenbeinfarbigen Folienrest. Offensichtlich war das Fahrzeug mit Folie als Taxi getarnt worden.
Was weiterhalf: Im hinteren Fußraum waren minimalste Glasreste, die in der Zusammensetzung identisch waren mit denen des Vitrinenglases. Es ist eine seltene Mischung, ein seltenes Glas. Das bestärkte die Ermittler, auf dem richtigen Weg zu sein. In dem Fluchtauto fanden sich konkrete Hinweise auf die Täter.
DNA-Spuren der Remmos lagen der Berliner Polizei aus zahlreichen Verfahren vor. Insgesamt fünf Mitglieder hatten ihre Spuren hinterlassen. Zwei der Männer standen wegen des Raubs der Goldmünze aus dem Bode-Museum vor Gericht. Die Motorelektronik half ebenfalls: Ein Physiker des LKA konnte bestimmen, an welchem Tag das Auto wie viel Kilometer gefahren war.
Das stimmte überein mit den Kilometern, die mit dem Auto zurückgelegt wurden. Alles sprach dafür, dass der sichergestellte Mercedes tatsächlich das Fluchtauto war. Für eine Anklage reichten die Indizien aber noch nicht aus. Doch dann gelang den Dresdner DNA-Analytikern neun Monate nach der Tat der entscheidende Durchbruch.
An der Mauer zum Residenzschloss, auf der Mauerkrone, war DNA gesichert worden. An der Innenseite der Mauer wurde DNA von den späteren Angeklagten festgestellt, und nur von diesen. Dieser DNA-Treffer an der Schlossmauer-Innenseite war entscheidend. Insgesamt fünf DNA-Profile konnten die Ermittler an der Schlossmauer und dem Fenstergitter feststellen.
Vier von ihnen hatten sie bereits im Mercedes ausgemacht, ein weiteres kam neu dazu. Am 17. November 2020, auf den Tag genau ein Jahr nach der Tat, rückten die Dresdner mit insgesamt 1638 Beamten an. Alle wurden unter dem Vorwand Kriegswaffenkontrollgesetz beordert und erfuhren erst in der Nacht um 2 Uhr, wohin es ging.
Um 4 Uhr rollten sie von Potsdam aus los, um 6 Uhr war es bekannt. Zwanzig Areale wurden durchsucht, drei Tatverdächtige festgenommen. Von der Beute fehlte weiter jede Spur. Es war schon eine Betroffenheit in der Familie.
Das war eine große Aktion, die geheim gehalten wurde. Mit 1600 Beamten in Berlin einzumarschieren, hinterlässt schon Wirkung. Insgesamt sechs Mitglieder des Clans wurden schließlich angeklagt. Der Prozess vor dem Landgericht Dresden begann im September 2021.
Wegen des Brandes in der Tiefgarage lautete die Anklage nicht nur auf Diebstahl, sondern auch auf besonders schwere Brandstiftung. Die Angeklagten gingen davon aus, dass sie für einen normalen Einbruch um die vier Jahre bekommen. Das sitzen sie ab, damit können sie leben. Aber wenn es zweistellig wird, das wollen sie nicht.
Als sie merkten, dass sie so nicht mehr rauskommen und die Verteidiger die Akte zur Verfügung hatten, bauten sie Druck auf die Familie auf, nach dem Motto: „Holt uns hier raus, lasst euch was einfallen. “
Tatsächlich bot der Clan dem Gericht an, den Teil der Beute zurückzugeben, der sich angeblich noch in seinem Besitz befand. Der Deal kam zustande. Kriminaloberrat Richter sollte die Juwelen in einer Kanzlei in Berlin persönlich übernehmen.
Da schließt sich der Kreis mit dem Degen. Als Kind gesehen und dann natürlich die Frage, als die Anwälte sich meldeten, dass Diebesgut zum Abholen bereitliegt: Ist der Degen dabei? Ja, der Degen ist dabei. Als Richter um die Ecke auf den Beratungstisch schaute, sah er den Degen nicht.
Er fragte: Wo ist denn der Degen? Na, das ist der Degen. Das diamantbesetzte Griffstück und was dazu gehört, war in neue Teile zerlegt, und die Klinge fehlte, sodass er es nicht sofort als Degen wahrgenommen hat. Insgesamt kehrten rund 60 Prozent der geraubten Juwelen zurück.
Der wertvollere Teil blieb verschwunden, darunter die Epaulette mit dem Sächsischen Weißen. An einem Samstag, dem 17. Dezember, kam die Presseinformation raus. Da waren die Ermittler gerade mit dem Enkelkind in einem Theaterstück zu Weihnachten.
Da kam von überall Dank und Lob. Das war schon ergreifend. Der Deal wirkte sich auf das Strafmaß aus. Fünf der sechs Angeklagten aus dem Kreis des Remmo-Clans wurden verurteilt.
Die Urteile lagen zwischen vier Jahren und sechs Jahren. In der Bevölkerung gab es geteilte Meinungen. Die einen sagen: Um Gottes willen, hier knickt der Rechtsstaat ein, und die bekommen so wenige Jahre. Meine Meinung: Ohne diesen Deal, der ja auch durch erfolgte Ermittlung zustande kam, hätten wir es nicht wiederbekommen, auch nie diesen Teil.
In 100 Jahren wird niemand mehr fragen, wie lange die gesessen haben. Hauptsache, es ist wieder etwas in der Vitrine zu sehen. Deswegen sehe ich das durchaus positiv. Für Kriminaloberrat Richter kein Grund, sich zurückzulehnen.
Solange der Sächsische Weiße und die restlichen fehlenden Juwelen nicht zurück sind, ist der Fall für ihn nicht abgeschlossen.


