Der Lederbeutel lag ganz hinten in der Holzkiste, eingeklemmt zwischen dem Kurbelradio und den versiegelten Streichhölzern. Mein Großvater ließ niemanden daran, nicht einmal meinen Vater. Als ich ihn als Kind einmal fragte, was da drin sei, antwortete er nur: „Das geht dich nichts an. Das ist für den Tag, an dem das Papier nichts mehr wert ist.

“
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, was er damit meinte. Und als ich es verstand, war er schon tot und die Kiste stand längst bei mir im Keller. Er nannte das, was er sammelte, nicht Prepping. Er nannte es Vorrat.
Auf dem Brett hinter dem Kohlenkasten standen zwölf Weckgläser mit Schweinefleisch im eigenen Fett, eine Blechdose mit Streichhölzern, deren Rand er mit Kerzenwachs versiegelt hatte, ein Kurbelradio aus dem Jahr 1958 und dieser kleine Lederbeutel mit Silbermünzen. Heute wissen die meisten nicht einmal mehr, wo der Sicherungskasten in der eigenen Wohnung hängt. Mein Großvater wusste, wie man eine Petroleumlampe vom Geruch her von einer Kerze unterscheidet. Er wusste, wie viel Holz man braucht, um einen Winter zu überstehen, und dass ein Radio ohne Batterie mehr wert ist als ein Fernseher mit Stromanschluss.
Er hatte all das nicht aus Angst gehortet, sondern weil er wusste, wie schnell die Dinge kippen können. Ich erinnere mich an das Kurbelradio. Ein Grundig, schwer, mit schmalem Lederriemen an der Seite. Wenn man kurbelte, kam erst ein Rauschen, dann eine Stimme aus der Mittelwelle.
Heute kostet so ein Gerät im Fachhandel zwischen 80 und 120 Euro. Eine Investition für ein ganzes Leben, sagte mein Großvater. Wenn das Stromnetz ausfällt, verschwinden zuerst die Nachrichten. Kein Internet, kein Mobilfunk, kein Fernsehbild.
Dann zählt nur noch, was man im Keller stehen hat. Ein Mann, der die Welt noch hören kann, kann seine Familie noch schützen. Neben dem Radio stand die Petroleumlampe. Keine Kerze, eine richtige Lampe mit Glaszylinder und flachem Docht.
Das gedämpfte Gelb auf dem Küchentisch, der Geruch des Petroleums, wenn der Docht frisch geschnitten war. Den Docht schnitt mein Großvater mit der Schere schräg an, damit die Flamme gleichmäßig brannte. Eine Kerze brennt vielleicht vier Stunden, eine Petroleumlampe brennt die ganze Nacht und die nächste dazu. Ein Liter Petroleum kostet heute keine drei Euro und hält vier Abende.
Mein Großvater kannte den Unterschied. Heute stehen in den meisten Haushalten nur noch Teelichter aus der Großpackung, die nach zwei Stunden ausgehen. Dann war da das Brennholz. Mein Großvater schlug es ein Jahr im Voraus und lagerte es ordentlich unter einem Dach.
Gespaltene Buche und Eiche, mindestens zwölf Monate getrocknet. Ich erinnere mich an den Geruch frisch gespaltener Buche im November und an den Holzfeuchtemesser, den er ans Hirnholz hielt. Achtzehn Prozent oder weniger, sonst rußt der Ofen, sagte er. Drei Raummeter pro Winter waren seine Rechnung für ein kleines Haus.
Seit der neuen Verordnung im Januar 2024 dürfen viele alte Kaminöfen nicht mehr betrieben werden. Wer einen behalten will, braucht einen Filter, der mehr kostet als der Ofen selbst. Mein Großvater hätte nur den Kopf geschüttelt. Ein Haus, das sich selbst heizen kann, verhandelt mit niemandem.
Die Weckgläser mit dem Schweinefleisch im eigenen Fett standen in der kühlen Ecke des Kellers. Der Gummiring, der beim Abkühlen den Deckel ansaugte. Das satte Klicken, wenn das Glas zugezogen hatte. Mein Großvater legte Schweinebraten ein, mit Salz, Pfeffer und Lorbeer.
Das hielt zwei Jahre und länger. Ein Keller voll davon brachte die Familie durch den ganzen Winter, ohne einen Pfennig beim Metzger zu lassen. Die Hausschlachtung, die dazu gehörte, ist heute praktisch nicht mehr möglich, ohne amtliche Fleischbeschau, ohne EU-Zulassung, ohne Zertifikat. Ein Glas Fleisch, das meine Großmutter im Oktober eingeweckt hat, ernährte die Familie im Februar.
Heute bräuchte man dafür einen Schein und einen Beamten. In der Werkstatt hing ein Werkzeugkasten aus Stahlblech, mit Werkzeug, das den Besitzer überlebt. Haset aus Remscheid, Gedore, ebenfalls aus Remscheid. Die Wasserpumpenzange, die in keiner ordentlichen Schublade fehlen darf.
Den Geruch von Maschinenöl am Schraubstock, das satte Klicken einer Zange, wenn sie greift. Mein Vater hat mir zum ersten Mal selbst einen Schraubstock aufgesetzt. Ein vernünftiger Steckschlüsselsatz kostete 1972 vielleicht 60 Mark. Heute hängt derselbe Satz noch in derselben Werkstatt, während die meisten zum chinesischen Nachbau greifen, der nach drei Anwendungen rundgedreht ist.
In den letzten zwanzig Jahren haben in Deutschland über 100. 000 Handwerksbetriebe für immer zugemacht. Wer heute einen Klempner ruft, wartet drei Wochen und legt für den Anfahrtsweg 80 Euro auf den Tisch, bevor der Mann den Werkzeugkoffer überhaupt geöffnet hat. Der Handwerkernotstand ist kein Pech.
Er ist die Rechnung für vierzig Jahre, in denen man den Jungs gesagt hat, sie sollen lieber studieren, anstatt sich die Hände schmutzig zu machen. Mein Großvater hatte auch die richtigen Kerzen. Langbrennende Kerzen und echte Bienenwachskerzen vom Imker, kein Paraffin aus dem Sonderangebot. Die gelbe Flamme, der leise Honiggeruch, wenn der Docht gerade gezogen hatte.
Eine ordentliche Bienenwachskerze von zwanzig Zentimetern brennt acht bis zehn Stunden. Ein Teelicht brennt zwei. Ich habe mir das ausgerechnet, als der Strom in unserem Dorf einmal drei Tage weg war. Und dann das Wasser.
Mein Großvater hielt Trinkwasser in Glasflaschen und in Kanistern aus Bundeswehrbeständen, mindestens zwanzig Liter pro Person. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt genau das, aber die wenigsten wissen, dass es diese Empfehlung überhaupt gibt. Alle sechs Monate tauschte er das Wasser aus, kühl gelagert, dunkel gestellt. Das ist keine Hexerei, sagte er, das ist Hausverstand.
Ich habe die Bilder aus dem Ahrtal gesehen. Wie schnell aus einem Wasserhahn nichts mehr kommt. Tagelang, wochenlang, in manchen Dörfern Monate. Die Speisekammer roch nach Mehl und Salz.
Ein Sack Weizenmehl Type 405 aus der Mühle nebenan, Roggenmehl Type 1150 fürs Schwarzbrot, Salz aus Bad Reichenhall in der blauen Pappschachtel. Trockenhefe hält drei Jahre, ein Hefewürfel hält drei Wochen. Beides gehörte dazu. Dazu Hülsenfrüchte, Linsen aus dem Schwäbischen, getrocknete Bohnen, Erbsen.
Zwei Kilogramm davon kosten keine fünf Euro und retten dir vier Wochen, wenn es darauf ankommt. Brot ist das politischste Lebensmittel überhaupt, hat mein Großvater einmal gesagt. Ein Haushalt mit Mehl, Salz und Hefe muss morgens niemanden um Erlaubnis fragen. In der Küche hing die gusseiserne Pfanne.
Eine richtige Eisenpfanne aus Alfeld, von Hand geschmiedet seit 1857. Das schwarze Eingebrannte, das sich über Jahrzehnte aufbaut und besser wird mit jeder Runde Reibekuchen. Die Pfanne braucht keinen Strom, keine besondere Pflege, kein neues Beschichtungspulver alle zwei Jahre. Ein bisschen Fett, ein sauberes Tuch, fertig.
Die Pfanne, in der meine Großmutter für vier Kinder Reibekuchen gebraten hat, brutzelt heute Abend noch irgendwo. Garantiert. Die Streichhölzer lagen in einer Blechdose mit festem Deckel. Mein Großvater hatte den Rand mit Kerzenwachs versiegelt, damit keine Feuchtigkeit hinkam.
Der Geruch des angerissenen Schwefels, das Knistern, wenn der Holzspan Feuer fängt. Eine Schachtel im Auto, eine im Keller, eine in der Werkstatt. Heute findet man in vielen Haushalten nur noch billige Feuerzeuge, die bei Kälte versagen oder leer sind, wenn man sie braucht. Feuer ist das älteste, was ein Mann zu machen weiß.
Das zu verlieren heißt mehr zu verlieren als Bequemlichkeit. Der Erste-Hilfe-Kasten hing bei uns im Flur, wie ihn das Deutsche Rote Kreuz früher in jedem Haushalt hängen sah. Mullbinden, Verbandpäckchen, Jodtinktur, Schmerztabletten, eine Verbandsschere, eine ordentliche Pinzette, sterile Kompressen. Dazu Heftpflaster auf der Rolle, ein Dreieckstuch, eine Rettungsdecke.
Wer einen Garten hat und mit der Axt arbeitet, hat irgendwann eine Schnittwunde. Wer auf der Leiter steht, fällt irgendwann von der Leiter. Wenn die Hilfe vierzig Minuten entfernt ist, ist der Mann im Raum die Hilfe. Sonst niemand.
Mein Großvater hatte auch Bargeld versteckt, in kleinen Scheinen, an einem Ort, den nur er kannte. Ein paar hundert Euro in Zehnern und Zwanzigern in einer alten Blechdose hinter den Büchern. Er erinnerte sich an die Ausfälle der EC-Karten im Mai 2022, als in ganz Deutschland Supermärkte plötzlich nichts mehr verkaufen konnten. Ein paar Stunden nur, aber lang genug, um zu begreifen, wie dünn das Eis ist.
Wenn der Bildschirm schwarz wird, ist Papier immer noch Papier. Das hat mein Großvater schon zweimal erlebt, 1923 und 1948. In seiner Hosentasche steckte immer ein Taschenmesser, ein Mercator aus Solingen, schwarz mit der Katze auf dem Griff. Den Wetzstein hatte er in der Schublade, mit einem Tropfen Öl darauf.
Wie der Daumen eines alten Mannes über die Schneide streicht, ganz vorsichtig, ohne hinzuschauen, und sofort weiß, ob das Messer scharf ist. Das richtige Schleifen hat einem der Vater oder der Lehrmeister beigebracht. Den Winkel halten, beide Seiten gleichmäßig, den Grat abziehen mit dem Lederriemen. Heute haben die meisten jungen Männer kein Messer mehr in der Tasche, und wenn doch, dann eines, das sie nicht schärfen können.
Ein stumpfes Messer ist gefährlicher als ein scharfes. Im Schuppen lagen die kleinen Papiertütchen mit Saatgut, in der Handschrift meines Vaters, das Erntejahr daneben. Samenfeste Sorten, keine Hybriden. Die Bauerntomate, die er von seinem Vater bekommen hatte, die dicke Ackerbohne, der Wintersalat, der im November noch etwas hergibt.
Seit dem Sortenschutzgesetz und den EU-Verordnungen sind über tausend alte Sorten still und leise aus dem legalen Handel verschwunden. Die Kleingärtner reichen sie unter der Hand weiter über den Zaun beim Vereinsabend. Mein Großvater sagte immer: Ein Mann mit Saatgut hat das nächste Jahr. Ein Mann ohne ist auf die Gnade dessen angewiesen, der noch welches hat.
Und dann war da der Lederbeutel. Alte Fünfmarkstücke, die bis 1965 in echtem Silber geprägt wurden. Jedes Stück wiegt sieben Gramm reines Silber und ist heute sechzehn bis zwanzig Euro wert. Mein Großvater hat es niemanden anfassen lassen, nicht einmal meinen Vater.
Er hatte die Mark im November 1923 scheitern sehen, als die Leute mit Schubkarren voller Geldscheine zum Bäcker gingen. Er hatte gesehen, wie die Reichsmark im Juni 1948 über Nacht zu Papier wurde, wie aus tausend Reichsmark vierzig Deutsche Mark in der Tasche wurden und der Rest gestrichen war. Er hat das Silber behalten, weil Silber die Mark, die Reichsmark und jedes Versprechen auf Papier überlebt hat. Er ließ niemanden daran, weil er genau wusste, wofür es war.
Vor ein paar Monaten stand ich in meinem Keller und sah die Kiste wieder. Die Wand ist kühl, auch im August. Die Hand wüsste noch, wohin sie greifen muss. Irgendwo steht heute noch eine Holzkiste hinter einem Kohlenkasten, mit Weckgläsern, Streichhölzern, einem Kurbelradio und einem Lederbeutel, den niemand anfassen darf.
Nur greift keiner mehr.


