Ich hätte nie gedacht, dass ein harmloser Besuch bei meinem Schützling im Rollstuhl mein Leben für immer verändern würde. Als ich nach Tagen kein Lebenszeichen von Ilian bekam, ging ich mit einem…

Ich hätte nie gedacht, dass ein harmloser Besuch bei meinem Schützling im Rollstuhl mein Leben für immer verändern würde. Als ich nach Tagen kein Lebenszeichen von Ilian bekam, ging ich mit einem...

Der erste Kriminalhauptkommissar Markus Weber leitet die Cold-Case-Einheit der Kripo Köln. Für ihn hat der ungeklärte Mord im Unicenter einen besonderen Stellenwert. „Dieser Fall ist insofern schon mal besonders, weil der Tatort eine gewisse Besonderheit hat, das riesige Hochhaus hier, das in Köln auch jeder als Unicenter kennt“, sagt er. Im April 1988 wird im Unicenter, einem der größten Wohnhäuser Europas, ein Mann in seiner Wohnung umgebracht.

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Die Täter gehen mit ausgesprochener Grausamkeit vor. Wer hat Ilian Andres brutal aus dem Leben gerissen? Ilian Andres ist damals 29 Jahre alt. Er leidet unter multipler Sklerose und ist seit Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die Wohnung an der Luxemburger Straße ermöglicht ihm ein recht eigenständiges Leben. Unterstützt wird er im Alltag von mehreren Freunden, darunter ein 17-jähriger Lehrling und eine Hausfrau. Die engsten Freunde wissen auch, dass Ilian transsexuell ist. Er wurde als Mädchen geboren und befand sich zum Tatzeitpunkt noch in dem langwierigen Prozess einer Geschlechtsangleichung.

Seine Mutter und seine Schwester wussten davon, der Vater hat es wahrscheinlich nie erfahren. Im April 1988 hat sich Ilian Andres Fernseher und Videorecorder zugelegt. Der befreundete Lehrling ist froh darüber, die Geräte sind erst wenige Tage vorher eingerichtet worden. Der junge Mann hatte extra eine Videokassette abgegeben, weil er einen bestimmten Film aufgenommen haben wollte, der um die Ostertage lief.

Die Kassette wollte er später wieder abholen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Am 7. April 1988, einem Donnerstag, wird Ilian Andres in seiner Wohnung zum letzten Mal lebend gesehen.

Die Frau, die ihn betreut, hat an diesem Tag ein Geschenk dabei: zwei neue Lampen für Wohnzimmer und Flur. Sie versucht, ihn zu einem Ausflug zu überreden, doch er lehnt ab. Er redet sich heraus, ohne zu sagen, warum er nicht mitgehen will. Hatte er an diesem Nachmittag noch eine Verabredung?

Irgendwann in den nächsten Tagen bekommt Ilian Andres Besuch. Die Tür öffnet er offenbar freiwillig. Er wird zusammengeschlagen und mit einer Telefonschnur gefesselt. Mit Mullbinden und einem Küchenhandtuch wird er geknebelt, bevor ihm auch noch eine Plastiktüte über den Kopf gezogen wird.

Er erstickt qualvoll. Bis heute ist unklar, ob ein oder zwei Männer an der Tat beteiligt waren. Entdeckt wird das Verbrechen erst fünf Tage später, am 12. April 1988.

Die befreundete Hausfrau hatte schon länger versucht, Ilian zu erreichen. Als das immer noch nicht gelingt, entscheidet sie sich, mit einem Freund die Wohnung aufzusuchen. Über eine Nachbarwohnung gelangen sie auf den Balkon und können von außen feststellen, dass der Rollstuhl im Wohnzimmer steht. Für sie ist das ein Anlass anzunehmen, dass auch Ilian in der Wohnung ist, weil er ohne diesen Rollstuhl nicht mehr mobil war.

Daraufhin wird die Polizei verständigt, die Wohnung aufgebrochen und die Leiche im Schlafzimmer auf dem Bett liegend vorgefunden. Im Wohnzimmer fällt der Frau ein Detail auf: Eine der Lampen, die sie Ilian geschenkt hatte, wurde in der Zwischenzeit montiert. Das kann Ilian nicht selbst gemacht haben. Außerdem liegt ein Kassenzettel in der Wohnung, auf dem eine Glühbirne gekauft wurde.

Gekauft wurde sie in dem Supermarkt, der sich damals im Erdgeschoss des Unicenters befunden hat. Wenn das jemand war, der sonst vielleicht nichts mit der Tat zu tun hat, bitten wir diesen Menschen, sich dringend bei uns zu melden. Die Spurenlage ist für die Ermittler wenig vielversprechend. Der oder die Täter haben in diversen Schränken nach Beute gesucht, allerdings nur oberflächlich.

Mit Sicherheit gestohlen wurden eine blaue oder schwarze Umhängetasche der Marke Samsonite, der neue Fernseher von Ilian Andres, ein Gerät der Marke Siemens, silbergrau mit 36 cm Bildröhre, und ein Videorecorder der Marke Fischer. Auch die Kassette des Lehrlings haben die Täter mitgenommen, Marke Kodak mit der Beschriftung „drei gegen drei“. Es ist durchaus denkbar, dass auch andere Dinge, möglicherweise Geldbeträge, entwendet wurden, aber das lässt sich nicht hundertprozentig nachvollziehen. In der Wohnung wird außerdem ein fremder Schuhabdruck gefunden.

Er passt zu einem Sportschuh der Marke Puma, die Schuhgröße dürfte etwa 45 gewesen sein. Dieser Schuhabdruck passt nicht in die Wohnung, er dürfte schon vom Täter stammen. Die Gerichtsmedizin kann den Todeszeitpunkt nicht mehr genau bestimmen. Ilian war offensichtlich schon einige Tage nicht zu erreichen gewesen, der Zustand der Leiche war bereits fortgeschritten, in Verwesung übergegangen.

Man mutmaßt, dass er vielleicht am 8. oder 9. April getötet wurde. Besonders herausfordernd ist auch das Unicenter als Tatort.

Fast 1000 Wohnungen sind in dem dreiflügeligen Hochhaus untergebracht. Videoüberwachung gibt es damals nicht. Zwar gibt es einen Pförtner am Empfang, der normalerweise registrieren sollte, wer das Haus betritt, aber auch da gibt es natürlich Möglichkeiten, das Haus zu betreten, ohne am Pförtner vorbeizukommen. Die Kripo Köln führt unmittelbar nach der Entdeckung der Tat eine Hausbefragung im Unicenter durch, insbesondere in der sechsten Etage, wo Ilian Andres lebte, um möglicherweise eine Tatzeit einzugrenzen oder auffällige Personen festzustellen.

Die Befragung ist gemacht worden, hat aber leider keine konkreten Anhaltspunkte ergeben. Am 14. Mai 1988 kommt es im 21. Stock des Unicenters zu einem weiteren Tötungsdelikt.

Der 26-jährige Mohan A. wird in seiner Wohnung überfallen und mit mehreren Messerstichen umgebracht. In diesem Fall können Verdächtige ermittelt werden. Im Fall Ilian Andres scheiden sie allerdings aus.

Ging es im Fall Ilian lediglich um Raub oder liegt das Motiv doch im persönlichen Umfeld? Der Kripo gelingt es, ein Geheimnis aus dem Leben des Opfers zu lüften: Ilian Andres hat vor seinem Tod Kontaktanzeigen aufgegeben. Damals gab es ein Blatt namens „Marktplatz“, in dem man insbesondere Anzeigen aufgab, nicht nur um Kontakte zu suchen, sondern auch um Videokassetten auszutauschen. Pornovideos sind damals wohl auch getauscht worden.

Es ist schwer nachvollziehbar für die Ermittler, wer wirklich auf so eine Anzeige reagiert hat. Ilian hat selbst auch auf Anzeigen reagiert, sodass ein sehr großer Personenkreis möglicherweise in Frage kommt. Der Kripo gelingt es zwar, neue Zeugen zu ermitteln, die auf Kontaktanzeigen von Ilian Andres geantwortet haben. Spuren zum Täter ergeben sich daraus aber nicht.

Wegen des relativ kleinen bekannten Kreises war das Aufkommen nicht so groß, und man kommt schnell an den Punkt, dass man sagt: Wir sind mit den Ermittlungsansätzen durch. Dann bietet es sich an, den Fall noch einmal bei „XY“ darzustellen. Der Fall gibt der zuständigen Kripo in Köln eine Menge Rätsel auf. Wen kannte Ilian Andres über seinen kleinen Bekanntenkreis hinaus so gut, dass er ihn vielleicht sogar nachts in seine Wohnung ließ?

Am 4. November 1988 wird der Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt. Zwar gehen nach der Ausstrahlung Hinweise ein, doch eine heiße Spur ergibt sich daraus nicht. Ohne neue Ermittlungsansätze wird der Fall schließlich über Jahrzehnte hinweg zum Cold Case.

34 Jahre später, im Jahr 2022, gründet die Kripo Köln eine besondere Ermittlungsgruppe, die sich ausschließlich mit der Bearbeitung von Altfällen befasst. Markus Weber übernimmt die Leitung. Er und sein Team nehmen sich auch den Mordfall Ilian Andres wieder vor. Die DNA-Analyse ist fortgeschritten, die Untersuchungsmethoden haben sich weiterentwickelt.

Man konnte damals schon eine Spur feststellen, die haben wir mit den heutigen Methoden noch einmal überprüft, noch weitere Reservate untersuchen lassen. Damit können wir sagen, dass wir eine tatsächlich tatrelevante Spur haben, die wir bislang allerdings leider keiner Person zuordnen konnten. Wenn Weber und sein Team einen Hinweis auf eine konkrete Person erhalten würden, könnte per DNA-Abgleich überprüft werden, ob sie sich damals am Tatort aufgehalten hat. „Wir wissen effektiv nichts über den Täter, außer seiner DNA“, sagt Weber.

Es könnte jemand aus dem engeren Freundeskreis gewesen sein oder eine Bezugsperson aus diesem Freundeskreis, oder vielleicht jemand, der einfach nur auf eine Anzeige geantwortet hat und man vereinbart hat, dass er vorbeikommt. Demzufolge könnte Ilian Andres natürlich auch einer fremden Person die Tür geöffnet haben. Wichtige Ansatzpunkte sind auch weiterhin der Fernseher und der Videorecorder, die aus der Wohnung entwendet wurden. Hat der oder haben die Täter versucht, sie irgendwo zu verkaufen?

Es ist nicht ganz gewöhnlich, dass jemand mit einem Fernseher unterm Arm durch die Gegend läuft. Es war ein recht umständliches Gerät im Vergleich zu den Flachbildschirmen von heute. Von daher mag durchaus sein, dass da jemand eine Beobachtung gemacht hat, wie jemand im Haus mit Fernseher oder Videorecorder unterm Arm herumgelaufen ist. Weber ist noch immer an Zeugen interessiert, die den Rollstuhlfahrer Ilian Andres am 7.

April 1988 oder danach noch gesehen haben – in der Luxemburger Straße, im Unicenter selbst oder auch im Supermarkt des Hochhauses, wo er öfter eingekauft hatte. Hatte er dort Kontakt zu Leuten, die sich bislang nicht bei der Polizei gemeldet haben? „Dann gibt es natürlich das große Thema Kontaktanzeigen. Da gibt es durchaus Leute, ich gehe schwer davon aus, dass sich damals nicht alle Leute gemeldet haben, aus welchen Gründen auch immer.

Diese Leute würden wir bitten, sich auf jeden Fall bei der Polizei zu melden. Braucht doch keiner irgendwelche Bedenken oder Scham zu haben, weil man damals auf irgendwelche Anzeigen reagiert hat. Die Zeiten haben sich geändert, die Leute sind älter geworden. “ So eine Tat ist für den Täter belastend, und es gibt durchaus Fälle, in denen Täter dann gegenüber Freunden etwas aus der Tat preisgeben.

„Dann wären wir natürlich sehr interessiert an diesen Dingen. Und zum anderen haben wir natürlich diese Spur. Auch nach so langer Zeit gibt es schon Fälle, wo wir dann noch Spurentreffer haben, sodass wir durchaus noch Möglichkeiten sehen, auch diesen Fall zu klären. “

Hinweise zum Mordfall Ilian Andres nimmt die Kripo Köln entgegen oder jede andere Polizeidienststelle.

Christine Groß ist sehr gerne an den Wochenenden hier in der Stadt unterwegs, in Diskotheken, gerne auch ins Tanzcafé Antik. „Wir vermuten, dass der Täter ausgespäht haben dürfte, dass sie alleine ist. Sie war ohne Begleitung. Infolgedessen dürfte es für den Täter leichter gewesen sein, das Opfer in seine Gewalt zu bringen.

Wilhelmshaven, Herbst 1989. In der Nacht vom 14. zum 15. Oktober feiert die Bevölkerung in der Stadthalle das sogenannte Bierfest.

Am Morgen danach ist eine Frau spurlos verschwunden. Was ist mit der 38-jährigen Christine Groß geschehen? Ist sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Geriet sie möglicherweise sogar in die Fänge eines Serienmörders?

Kriminaloberkommissar Björn Widau von der Kripo Wilhelmshaven lässt dieser Fall nicht los. „Ich bin Wilhelmshavener. Zum Zeitpunkt, als Christine Groß verschwand, war ich 12 Jahre alt. Ich habe das natürlich auch in der Zeitung verfolgt und wir haben auch in der Familie darüber gesprochen, was ist da passiert?

Es kann doch nicht einfach eine Frau so spurlos verschwinden. “

Bis zum Herbst 1989 lebt Christine Groß in der Pillauerstraße im Jadeviertel von Wilhelmshaven. Sie ist alleinerziehende Mutter einer 16-jährigen Tochter. Beruflich ist sie als kaufmännische Angestellte in einem Lebensmittelsupermarkt tätig, wo sie unter anderem an der Kasse arbeitet.

Zeugen beschreiben sie als eine sehr angenehme, freundliche Persönlichkeit, absolut zuverlässig. An den Wochenenden geht sie gerne aus, immer wieder zieht es sie auch zur Stadthalle Wilhelmshaven, direkt daneben befindet sich damals eine Diskothek, das Tanzcafé Antik. Kommissar Widau trifft sich mit Michael Bornschein, der früher in der Disco arbeitete, auch in der Nacht, als Christine Groß verschwand. „Ich könnte sagen, das war mein zweites Zuhause gewesen, weil ich 18 Jahre lang hier meinen Dienst gemacht habe an der Kasse.

Die Tanzfläche war natürlich die Brücke, der Anziehungspunkt für viele Leute, die mit dem Auto die Peterstraße rauf und runter gefahren sind, um zu sehen: Mensch, da muss ich mal hin, da ist ja was los. “

So wie am 14. Oktober 1989. An dem Samstag findet in der Stadthalle das Bierfest statt, das tausende Besucher anlockt.

Es treten unter anderem Schlagersänger auf. Die Stimmung ist ausgelassen, die Stadthalle fasst bis zu 3500 Personen. Die Leute wechseln zwischen Stadthalle und Tanzcafé Antik hin und her. Christine Groß lässt sich gegen 23 Uhr mit einem Taxi zur Stadthalle bringen.

Sie ist in guter Stimmung. Aus Zeugenaussagen ist belegt, dass sie mit mehreren Personen getanzt hat, sich mit Frauen und Männern unterhalten hat. Sie wirkte nicht verstört oder traurig. Gegen 1 Uhr wechselt sie ins Tanzcafé Antik.

Bis in die frühen Morgenstunden hält sie sich dort auf, tanzt ausgelassen und unterhält sich mit Besuchern. Zwei Männer, mit denen sie gesprochen hat, können später von der Polizei nicht ermittelt werden. Mit einem dritten hat sie Zeugen zufolge auch längere Zeit getanzt. Irgendwann nach 3 Uhr muss Christine Groß das Tanzcafé Antik verlassen haben.

Ob sie in Begleitung war, welchen Weg sie genommen hat – bis heute sind das die offenen Fragen. Sie hatte mehrere Möglichkeiten, die Stadthalle zu verlassen: über den Haupteingang an der Peterstraße Ecke Grenzstraße oder über eine brückenartige Überführung mit Treppe, die ins angrenzende Parkhaus führt. Die Kripo befragt später sämtliche Taxifahrer in Wilhelmshaven. Keiner von ihnen hat die Frau in jener Nacht mitgenommen.

Nach Zeugenaussagen hat es in der Nacht zeitweise stark geregnet, es war 9 Grad Celsius, also relativ kühl. Christine Groß war leicht bekleidet. Es ist durchaus möglich, dass sie sich zum Taxenstand begeben hat, kein Fahrzeug dort zur Verfügung stand und jemand anders sich angeboten hat, den sie vielleicht kannte oder der ihr vertrauenswürdig erschien. Seit diesem Zeitpunkt ist Christine Groß spurlos verschwunden.

Als ihre Tochter am nächsten Tag bemerkt, dass ihre Mutter nicht nach Hause gekommen ist, gibt sie eine Vermisstenanzeige auf. Es gab keinerlei Anhaltspunkte, dass Christine Groß in einer Not gewesen ist: keine Substanzabhängigkeiten, keine Erkrankungen, keine Suizidgedanken. Ihr Auto ließ sie zu Hause zurück, ihren Führerschein, ihre Zahlungskarte. Sie hatte nur etwas Bargeld bei sich.

Die Kripo Wilhelmshaven beginnt mit einer umfassenden Suchaktion, an der auch ein Polizeihubschrauber beteiligt ist. Die Polizei geht an die Presse, es werden Zettel verteilt im Bereich des Marinestützpunkts und des Marinearsenals, um festzustellen, wer mit der Frau Kontakt gehabt hat. Wer hat Christine Groß, Spitzname Tina, in der Nacht vom 14. auf den 15.

Oktober 1989 gesehen? Sie war damals 38 Jahre alt und 1,63 m groß. Sie trug rötlich blonde gewellte Haare, grüne Augen, dazu eine schwarze Weste mit bunten Applikationen, einen knielangen Damenrock, schwarze Damenstrumpfhosen und schwarze Pumps. Ferner war sie im Besitz einer schlichten schwarzen Damenhandtasche.

Von Zeugen erhält die Kripo eine genauere Beschreibung der Männer, mit denen Christine Groß im Tanzcafé Antik noch Kontakt hatte. Mit dem ersten Mann hatte sie sich angeregt unterhalten. Er war ungefähr 1,80 m groß, eventuell Brillenträger, mit braunen, kurzen, welligen Haaren. Er hatte einen dunklen Teint und soll freundlich und nicht angetrunken gewirkt haben.

Mit dem zweiten Mann hatte Christine Groß in jener Nacht getanzt. Er war Anfang 30, schlank, 1,70 m groß und trug einen Oberlippenbart. Er hatte eine runde Kopfform und dunkle, glatte Haare, die bis in die Stirn reichten. Diese Männer wurden damals gebeten, sich in der Presse zu melden, was bislang ausgeblieben ist.

„Wir kennen nicht die Identität dieser zwei Männer. Sie müssen auch nicht zwingend etwas mit dem Verschwinden zu tun haben. “ Schließlich gibt es noch einen dritten Unbekannten aus der Diskothek, der mit Christine Groß an jenem Abend gesprochen haben soll. Auch er hat sich nach der Veröffentlichung eines Phantombilds nicht bei der Polizei gemeldet.

Die Ermittler finden außerdem heraus, dass sich Christine Groß vor ihrem Verschwinden mit einem Marineangehörigen namens Volker getroffen haben soll. Es wurde seinerzeit versucht, diesen Volker ausfindig zu machen. Die damaligen Marineangehörigen wurden befragt, teilweise auf den deutschen Marineschiffen durch Vorgesetzte. Durch Briefe aus dem Besitz von Christine Groß wird klar: Sie war auf der Suche nach neuen Bekanntschaften, hat Kontaktanzeigen aufgegeben und auf solche auch geantwortet.

Sie hat sich daraufhin mit einigen Herren getroffen, aber es blieb bei relativ kurzzeitigen Bekanntschaften, die aus diversen Gründen abgebrochen worden sind. Die besagten Herren wurden überprüft und ihre Alibis kontrolliert, aber es gab keinerlei Hinweise, dass sie mit dem Verschwinden der Frau in Zusammenhang zu bringen sind. Ob die Kripo damals wirklich alle Bekanntschaften von Christine Groß ermitteln konnte, ist bis heute unklar. Alles in allem vernimmt die Kripo Wilhelmshaven in dem Vermisstenfall mehrere hundert Zeugen.

Doch eine heiße Spur ergibt sich nicht. Christine Groß bleibt verschwunden. 36 Jahre später unternimmt Kriminaloberkommissar Björn Widau einen neuen Anlauf, das Schicksal der Frau zu klären. Er hat dazu alle Zeugenaussagen aus dem Tanzcafé Antik akribisch studiert.

Dabei fällt auf, dass dort die Personenbeschreibung von einem Mann an einer Theke vorhanden war, der blonde Haare hatte, circa 50 Jahre alt war und Brillenträger. Unter anderem ging auch ein Hinweis zum damaligen oder mutmaßlichen Serienmörder Kurt-Werner Wichmann ein, der nicht mehr lebt und 1993 durch Suizid verstorben ist. Kurt-Werner Wichmann ist mutmaßlich verantwortlich für die sogenannten Gördemorde. Im Mai und Juli 1989 wurden in dem Naherholungsgebiet bei Lüneburg zwei Paare von demselben Täter misshandelt und getötet.

Außerdem wurde später die Leiche der 1989 verschwundenen Birgit M. auf dem Grundstück von Wichmann entdeckt. Darüber hinaus gibt es weitere Verdächtigungen, dass Wichmann auch im Bereich der Discomorde im Kücksland, also im Bereich Cuxhaven, Bremerhaven, als möglicher Mörder in Frage kommt. War Kurt-Werner Wichmann Ende der 1980er Jahre in Norddeutschland auf der Suche nach weiteren Opfern?

Frauen, die damals von Wichmann angegriffen worden sind und dies nicht zur Anzeige gebracht haben, werden dringend gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Eine Zeugenaussage lässt Kommissar Widau besonders aufhorchen: Kurt-Werner Wichmann wurde laut einer Zeugin im Tanzcafé Antik im April bzw. im Mai 1989 angetroffen, ferner zu einem anderen Termin an einer anderen Diskothek, im „Casa Blanca“. Selbstverständlich sind solche Zeugenaussagen kritisch zu hinterfragen.

War Wichmann tatsächlich im Tanzcafé Antik? Fest steht, er hatte Verwandtschaft in Wilhelmshaven und besuchte die Stadt auch für ein jährliches Treffen der Guttempler, einer Organisation, die sich damals für ein Leben ohne Suchtmittel einsetzte. Die Polizei sucht dringend Zeugen, die im Herbst 1989 mit Kurt-Werner Wichmann in Friesland Kontakt hatten. Und wer sind die drei Männer aus der Diskothek, mit denen Christine Groß noch gesehen wurde?

Die Polizei interessiert außerdem, wo diese Männer rund um den 15. Oktober in der Region Wilhelmshaven übernachtet haben. Das kann ein Fremdenzimmer oder eine Ferienwohnung gewesen sein, woran sich noch einige Vermieter oder Gastgeber erinnern, dass ihnen diese Männer oder Kurt-Werner Wichmann in Erinnerung geblieben sind. Widau sucht außerdem dringend nach Fotos vom Bierfest in der Stadthalle, die Besucher in der Nacht vom 14.

zum 15. Oktober 1989 gemacht haben. Vielleicht zeigen sie Christine Groß oder ihre letzten Begleiter. Seit über 36 Jahren ist das Schicksal der alleinerziehenden Mutter ungeklärt.

„Die Chance ist natürlich nach so langer Zeit extrem schwierig, zumal wir auch nicht wissen, wo der Leichnam dieser Frau ist. Andererseits kann ich als Polizist entgegensetzen, dass wir verpflichtet sind, diese Fälle weiter zu bearbeiten, und wir werden das nicht zu den Akten legen, solange wir nicht genau wissen, was da geschehen. “

„Wir haben bei Ölschläger zu Hause eine scheinbar frisch verlassene Wohnung festgestellt. Es haben keine Klamotten oder irgendwelche Taschen gefehlt.

Es wurden Leichenspürhunde eingesetzt, die allerdings nicht spezifisch nach Leichen suchen, sondern es ging auch einfach darum, möglicherweise ein Fremdverschulden auszuschließen. Er hat sich halt dann auch gefreut, dass er dann endlich auch seine Enkelin sehen kann. Das Schlimme ist natürlich diese Ungewissheit. Konkret können wir nachweisen, dass er gegen 10:30 Uhr noch einen Kontoauszug bei der Bank geholt hat.

Im persönlichen Bereich ist es natürlich auch ein Wunsch, dass so ein Fall geklärt wird, weil man weiß, was für die Angehörigen alles dahinter steht. “

Rothenburg in Hessen. Harald Ölschläger lebt hier in einer kleinen Wohnung im Haus seines Bruders. Als seine Kinder den 69-jährigen Mann im Mai tagelang nicht erreichen können, melden sie ihn als vermisst.

Hauptkommissarin Katrin Herschel leitet die Ermittlungen und erinnert sich noch gut an den Moment, als sie das Zuhause des Rentners zum ersten Mal betreten hat. „Wir haben eine scheinbar frisch verlassene Wohnung festgestellt. Die Kaffeetasse stand noch da, ein angebissener Schokoriegel, der Laptop war aufgeklappt, lief noch. Es machte alles den Eindruck, als hätte er nur kurz diese Wohnung verlassen.

Oder ist der Rentner verreist, ohne jemandem Bescheid zu geben? Sein Auto steht noch auf dem Hof. Kleidung und Taschen sind unberührt. Das Bett ist nicht gemacht.

Mitgenommen wurden nur Handy, Geldbörse und Schlüssel. Nichts spricht für eine Reise. Die Ermittler denken auch an ein Unglück im häuslichen Umfeld. Die Wohnung liegt auf einem ehemaligen Gestüt, einem weitläufigen Komplex mit vielen Räumen und Kellern.

„Wir haben tatsächlich alle Wohnungen durchsucht, auch den Dachboden und auch den Garten. Dann gab es zum Beispiel auch einen alten Brunnen, der eigentlich zugemacht worden ist. Auch da haben wir nachgeschaut, um sicherzugehen, dass der nicht aufgemacht worden ist und es hier zu einem Unfall gekommen sein könnte. “

Bei der Durchsuchung kommen auch Leichenspürhunde zum Einsatz.

Die speziell ausgebildeten Tiere können selbst kleinste Spuren von Blut oder Verwesung wittern. Ziel der Ermittler ist es, ein mögliches Fremdverschulden auszuschließen. Sollte es in der Wohnung zu einem Kampf gekommen sein, würden die Hunde entsprechende Spuren anzeigen. „Da wurde alles wirklich hermetisch abgesucht.

Der Hund hat aber zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Form angeschlagen, sodass wir nicht davon ausgehen können, dass hier in irgendeiner Form ein Gewaltverbrechen direkt stattgefunden hat. “

Das Verschwinden bleibt rätselhaft. Zu seinen Kindern Aaron und Sarah, die ihn auch als vermisst gemeldet haben, pflegt er ein enges und gutes Verhältnis. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens ist der Rentner gerade frisch Großvater geworden.

„Er hat sich halt dann auch gefreut, dass er dann endlich auch seine Enkelin sehen kann. Und sonst weiß ich, dass er mit seinen Freunden wieder seine ganz normalen Pläne geschmiedet hätte, auf welche Festivals man geht oder welche Feiern man organisiert. “ Harald Ölschläger ist leidenschaftlicher Musiker, spielt mehrere Instrumente und trifft sich regelmäßig mit Freunden zum Musizieren. Doch auch die Ermittlungen in diese Richtung verlaufen im Sande.

Auch im familiären Umfeld gibt es keine brauchbaren Anhaltspunkte. Außer dem Bruder wohnt noch der Neffe des 69-jährigen auf dem alten Gehöft. Beide werden mehrfach vernommen. Das Verhältnis war kühl, aber gut.

Es gab immer mal Spannungen darüber, wie der Haushalt zu führen ist, wer sich um den Garten kümmert, aber es gab keine finanziellen Streitigkeiten oder Konflikte, und es gab keinerlei Hinweise, dass die beiden etwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könnten. Was ist also mit dem Rentner passiert? Alle bisherigen Ermittlungen führen ins Leere. Fest steht nur, unmittelbar vor seinem Verschwinden war Harald Ölschläger viel unterwegs.

Die letzte Sichtung war am 16. Da hat er Freunde im Bereich Münster besucht, um zu musizieren, und ist dann vermutlich am 18. zurückgekommen. Es ist der Tag, an dem sich seine Spur verliert.

Bei Vermisstenfällen ist die Auswertung von Handydaten ein zentrales Ermittlungsinstrument. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens hatte Harald Ölschläger sein Mobiltelefon vermutlich bei sich. Für eine Ortung muss das Gerät in der Regel jedoch eingeschaltet sein. „Das Handy war zu diesem Zeitpunkt schon ausgeschaltet.

Ich habe trotzdem versucht, noch an die letzten Daten zu kommen, also sprich vielleicht einen letzten Standort zu bekommen. Manchmal ist das möglich. In dem Fall war es leider nicht der Fall. Das Handy ist ausgeschaltet und wir haben keinen letzten Standort.

Doch dann gibt es endlich einen konkreten Anhaltspunkt. Herschel und ihr Team finden in der Wohnung einen Bankbeleg, der hilft, die letzten Stunden vor dem Verschwinden zu rekonstruieren. „Konkret können wir nachweisen, dass er gegen 10:30 Uhr noch einen Kontoauszug bei der Bank geholt hat. Das Ganze können wir über eine Videoüberwachung nachweisen, die hier vorlag und die wir einsehen konnten.

Herr Ölschläger ist dort definitiv zu sehen, wurde auch durch seinen Sohn identifiziert. Man hat in keiner Weise gesehen, dass er verwirkt gewirkt hat. Im Gegenteil, er ist ganz klar an den Automaten gegangen und hat sich seinen Kontoauszug geholt. “

Es bleibt nicht das einzige Lebenszeichen.

Die Ermittler erhalten so einen Einblick in finanzielle Aktivitäten, wie Kartenzahlungen. „Nachdem er bei der Bank war, ist er in den Supermarkt gegangen und hat dort eingekauft. Das können wir durch die Kontrollmitteilung im Nachhinein nachweisen. Ab hier verliert sich aber die Spur, und das ist das Ungewöhnliche an dieser ganzen Sache.

Daher entscheiden sich die Ermittler für eine Öffentlichkeitsfahndung. Sie gilt als letztes Mittel und wird nur angeordnet, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und eine Gefahr für Leib und Leben des Vermissten besteht. „Wir haben mit dem Einverständnis von den Kindern eine Internet-Suchmeldung herausgegeben mit dem Bild von dem Ölschläger, um das Ganze weiterzubringen und zu hoffen, dass sich jemand aus der Bevölkerung meldet, der ihn in den Tagen vor seinem Verschwinden oder auch danach gesehen haben könnte. Es gab einige wenige Hinweise, die aber nicht zu einem Auffinden geführt haben.

Keine Spuren in der Wohnung, keine Zeugen, kein Motiv für eine mögliche Straftat. Auch Schulden hat der Rentner nicht. Sein Verschwinden bleibt ein Rätsel. „Was wir klar ausschließen können, ist ein geplantes, gezieltes Verschwinden von dem Ölschläger und einen Suizid.

Das bedeutet aber leider auch, dass alles andere offen ist. Wir können von einem Unglücksfall nicht im Nahbereich vielleicht auch ausgehen. Wir können aber auch eine Fremdeinwirkung nicht ausschließen. “

Im August 2021 werden die aktiven Suchmaßnahmen eingestellt.

Der Fall wird zum Cold Case. Ein Jahr später stellt Katrin Herschel den Fall in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ vor. „Die Sendung ist in dem Fall leider so verlaufen, dass wir sagen müssen, es ist nichts gekommen, was uns weitergebracht hat. Wir haben keinerlei Hinweise, wir haben keinerlei Richtungen, die wir noch ermitteln können.

Ernüchternd auch für Aaron und Sarah. Sie versuchen weiterhin herauszufinden, was mit ihrem Vater passiert ist. In Tankstellen, Supermärkten und an Laternenpfosten hängen sie Plakate auf. „Das Schlimme ist natürlich diese Ungewissheit.

Man merkt halt, es holt einen doch in manchen Situationen wieder ein. Man ist irgendwo unterwegs und sieht jemanden, der ihm irgendwie ähnlich sieht, von hinten. Dann geht man extra hin und schaut, weil man einfach hofft, dass er irgendwann wieder auftaucht und dass man gegebenenfalls abschließen kann. “

Mittlerweile sind Jahre vergangen, seitdem Harald Ölschläger zuletzt lebend gesehen wurde.

Für Kommissarin Katrin Herschel ist das Schicksal des damals 69-jährigen bis heute sehr präsent. „Rein ermittlungstechnisch ist es natürlich frustrierend, so einen Fall nicht aufklären zu können, aber im persönlichen Bereich ist es natürlich auch ein Wunsch, dass so ein Fall geklärt wird, weil man weiß, was für die Angehörigen alles dahintersteht, dass sie massiv darunter leiden, wenn sie einfach nicht wissen, was mit dem Vater, mit dem Großvater passiert. Und der große Wunsch ist natürlich da, dass man auch nach 5 Jahren, auch nach 10 Jahren vielleicht sagen kann: Wir haben ihren Vater gefunden. “

Erinnert sich selbst nach so langer Zeit noch jemand an eine Beobachtung, die vielleicht belanglos erschien, und kann helfen, dass die Kinder von Harald Ölschläger endlich eine Antwort auf die Frage bekommen, was mit ihrem Vater passiert ist.

„Die Eltern haben die Tochter erst vermisst, weil sie eigentlich abends um 19 Uhr wieder zu Hause sein wollte und sie galt als sehr zuverlässig. Die Eltern haben sich schon gleich Sorgen gemacht und gesagt: Wenn die sich nicht meldet, da stimmt irgendwas nicht. Zwei Tage später wurde von der Polizei auf dem Rasthof das Fahrzeug offen aufgefunden. Der Tank war leer und der Schlüssel lag im Auto, aber von Kerstin keine Spur.

Ungefähr 80 m von dem einsamen Waldweg entfernt haben Spaziergänger eine Plastikfolie gefunden, unter der Plastikfolie nachgesehen und dann gesehen, dass es sich hierbei um einen Leichenfund handelt. “

Am 17. November 1988 verschwindet die 21-jährige Kerstin S. aus Südhessen spurlos.

Die junge Frau war früh morgens mit ihrem Dienstwagen Richtung Kassel aufgebrochen, um Kunden zu besuchen. Als sie am Abend gegen 19 Uhr immer noch nicht zurück ist, melden ihre Eltern sie als vermisst. Harald Schneider vom Hessischen Landeskriminalamt hat sich Jahre später mit dem Fall beschäftigt. Kerstin S.

galt als zuverlässig, ihr Verschwinden konnte sich niemand erklären. „Es war so, dass sie an dem Tag als Außendienstmitarbeiterin für ein Feinkostunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet Außendienst hatte oder Kunden besuchen wollte in Nordhessen. Wir wissen auch, dass sie noch einen Kunden in Nordhessen besucht hat in der Nähe von Kassel. Später ist sie auch noch in einer Tankstelle gesehen worden, dass sie getankt hat, und sie ist auch noch bei einem Bäcker gesehen worden, dass sie sich ein belegtes Brötchen gekauft hat.

Alle weiteren Kundenbesuche an dem Tag haben nicht mehr stattgefunden. Als sie an dem Abend gegen 19 Uhr nicht wieder zu Hause war, sie hatte sich mit ihrem Bruder zum Schwimmtraining verabredet, haben sich die Eltern riesige Sorgen gemacht und sind dann zur Polizei gegangen und haben eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Danach ging die Ermittlung erst richtig los. “

Sie wurde von ihren Kolleginnen und Kollegen so beschrieben, dass sie eigentlich Fremden gegenüber sehr vorsichtig war.

Sie hätte nicht mit jemandem ein Gespräch angefangen oder Kontakt während ihrer Berufstätigkeit aufgenommen. Das wurde von den Eltern, Geschwistern und Firmenmitarbeitern eindeutig ausgeschlossen. „Das hätte sie niemals gemacht. Sie war froh, dass sie diesen Job hatte, und hat ihn auch sehr gut ausgeführt.

Sie war sehr beliebt, aber sie wurde als sehr scheu und zurückhaltend dargestellt. Es war eigentlich undenkbar, dass sie jemanden kennenlernt, mit dem sie unterwegs ist. “

Nach der Vermisstenanzeige wurde das Kennzeichen des Fahrzeugs, ein Firmenfahrzeug, durchgegeben. Zwei Tage später wurde das Fahrzeug auf einer Rastanlage in der Nähe von Herborn aufgefunden.

Das Fahrzeug war nicht verschlossen, der Schlüssel war im Auto und der Tank war leer. Das deutete schon darauf hin, dass hier irgendetwas passiert sein muss, was mit einem normalen Kontakt nicht mehr erklärbar war. Es wurde umfangreiche Spurensicherung gemacht, auch 1988 schon. Die Tatortgruppe des LKA Hessen wurde gerufen, das Fahrzeug wurde auf den Kopf gestellt.

Es wurde nach Fingerabdrücken gesucht und es wurden Spurensicherungsfolien vom Fahrersitz, Beifahrersitz, von der Rückbank und vom Kofferraum genommen. „Was natürlich auffiel, das hatten die Kollegen auch schon auf der Raststätte erkannt, dass eine leichte Beschädigung vorne im Bereich der Fahrerseite an der Windschutzscheibe war, und zwar von innen angebracht. Bei der feineren Untersuchung im KTI in Wiesbaden ist aufgefallen, dass da noch ein Stiefelabdruck drauf war. Das heißt, man musste eigentlich davon ausgehen, dass es einen Kampf gegeben hat, mutmaßlich von der Geschädigten und dem unbekannten Täter, sodass sie von innen praktisch die Scheibe eingetreten hat.

Der Stiefelabdruck von ihr konnte später zugeordnet werden. Und das war natürlich schon der erste Hinweis, dass wir hier ein Kapitalverbrechen haben. “

Hat in dem Auto tatsächlich ein Kampf stattgefunden? Wurde Kerstin S.

brutal überfallen und umgebracht? Es gibt keine Blutspuren im Wagen. Allerdings werden an den Klebefolien, mit denen die Sitze abgeklebt worden waren, Fasern entdeckt. Sie passen nicht zur Kleidung von Kerstin.

Drei Wochen bleibt die Frau verschwunden. Doch dann machen Spaziergänger in einem Wald in der Nähe von Bad Hersfeld einen überraschenden Fund. „Ungefähr 80 m von dem einsamen Waldweg entfernt haben Spaziergänger eine Plastikfolie gefunden, unter der Plastikfolie nachgesehen und dann gesehen, dass es sich hierbei um einen Leichenfund handelt. Haben dann die Polizei informiert, und dann ging die komplette Spurensicherung am Tatort los.

Die Identifizierung der Leiche war am Anfang ein Problem, weil man keinen Ausweis fand. Aber es gab eine Vermisstenmeldung. Die Kleidung war relativ gut beschrieben, und die Kleidung mit den Schmuckgegenständen, die noch am Opfer waren, mit der Kette, mit den Ohrringen, war alles sehr gut beschrieben. Deshalb konnte man relativ schnell sagen, dass es sich um die Vermisste handelt.

„Was man schon im ersten Anblick sehr gut erkennen konnte, dass es sich wohl um ein Tötungsdelikt handelt, weil Kerstin auf der linken Kopfhälfte eine massive Kopfverletzung hatte. Man hat damals gedacht, es könnte durch einen Hammer entstanden sein, es könnte durch einen Stein entstanden sein, dass man ihr einen Stein auf den Kopf geschlagen hat. Es waren so massive Verletzungen, das ist auch später in der Obduktion bestätigt worden, dass die auch todesursächlich waren. “

Der Tatort wird weiträumig abgesperrt, die komplette Kleidung des Opfers wird abgeklebt und gesichert.

Die Leiche geht in die Rechtsmedizin. Dort werden die Fingernagelproben gesichert, jeder einzelne Fingernagel wird abgeschnitten, in einzelnen Tüten asserviert und kommt zur Untersuchung ins LKA. Es gab keinen Hinweis auf ein Raubdelikt. Man hat auch überprüft, ob es sich um ein Sexualdelikt handeln könnte.

Im Rahmen der Obduktion wurden Abstrichproben genommen, aber aufgrund der Auffindesituation konnte man ein Sexualdelikt weitestgehend ausschließen. Jetzt gab es die Situation, dass die Leiche an einer ganz anderen Stelle aufgefunden worden ist als das Fahrzeug. Man kann davon ausgehen, dass das Fahrzeug von dem oder den unbekannten Tätern bewegt worden sein muss. Dabei haben sie natürlich ihre Spuren ins Fahrzeug übertragen.

Das hat man 1988 mit den Faserspuren gemacht. Es gab schon Hinweise, dass möglicherweise eine bislang unbekannte Person im Fahrzeug gesessen haben muss, sowohl auf dem Fahrersitz als auch auf dem Beifahrersitz. Diese Information gab es nur anhand von Fremdfasern, Fasern, die man nicht im Wohnbereich des Opfers gefunden hat, die also durch eine andere Person in das Fahrzeug gekommen sein mussten. Und diese Person kannte man nicht.

Deshalb hat man 1989 den Fall zu den Altakten gelegt und gesagt: Okay, es ist ausermittelt, wir haben keinen konkreten Hinweis auf eine Person. Der Fall wird als Cold Case in die Akten gelegt. Der Unbekannte, so viel ist klar, muss Kerstin S. im Wald bei Bad Hersfeld umgebracht haben.

Anschließend fuhr er mit ihrem Wagen ins rund 138 km entfernte Herborn. Offenbar war da das Benzin alle, der Tank war leer. Hier in Herborn verliert sich die Spur des Täters. Es dauert rund 20 Jahre, bis der Fall neu aufgerollt wird.

Harald Schneider, DNA-Spezialist beim Landeskriminalamt in Wiesbaden, hat bereits mehr als 700 Mordfälle im Labor lösen können. Im Jahr 2008 hat sich die Kriminaltechnik entscheidend weiterentwickelt. „In dem Fall war die Spurenlage aus meiner Sicht, auch rückblickend, perfekt. Wir hatten alle Spurenträger noch im Original.

Es sind relativ wenig Untersuchungen an diesen Spurenträgern durchgeführt worden, und wir haben uns diese Mikrospurensicherungsfolien wieder hervorgeholt, weil die Annahme war, der Täter muss dieses Fahrzeug von A nach B bewegt haben. Die Erfahrungswerte zeigen einfach, dass es unmöglich ist, ein Fahrzeug zu bewegen, ohne dass man seine eigenen DNA-Spuren im Fahrzeug lässt, in Form von Haaren, in Form von Hautschuppen. Das haben wir in so vielen Fällen gesehen, dass das funktioniert hat. Deshalb, warum sollte das in diesem Fall nicht auch wieder funktionieren?

Das sind so große Tesafilmstreifen, die haben eine Klebeseite und eine glatte Seite. Wenn man damit ein Textil abklebt, einen Fahrzeugsitz oder ein Kleidungsstück, dann hat man alle Mikrospuren auf dieser Klebeseite. Diese Klebeseite wird unter das Mikroskop gelegt, und unterm Mikroskop findet man neben einer Vielzahl von Faserspuren auch Haarspuren, aber auch mikroskopisch kleine Partikel, und das sind häufig Kopfhautschuppen, die jeder zu jedem Zeitpunkt verliert, natürlich auch Schuppen von der Hautoberfläche, die immer übertragen werden. „Diese Spuren sind für uns mittlerweile so entscheidend in so vielen Fällen, dass es eigentlich ein Kunstfehler wäre, diese Spuren nicht auszuwerten.

Das haben wir gemacht, haben ungefähr 500 Spuren ausgewertet in diesem Spurenkomplex Fahrzeug und eine Vielzahl von Fremdspuren gefunden. Wir fangen dann an mit einer unbekannten Person A, dann können wir noch bestimmen, ob die Spur männlich oder weiblich ist. Wir hatten fast nur männliche Spuren im Fahrzeug, neben den Spuren natürlich von der Kerstin. Insgesamt sieben Fremdspuren haben wir nachgewiesen, sieben männliche Fremdspuren im Fahrzeug, und da war auch ein vollständiges DNA-Profil dabei.

Das ist eigentlich schon der erste Schritt zur Tataufklärung. “

Jetzt kann man in der Akte nachschauen, ob es damals einen konkreten Tatverdacht gegen einzelne Personen gab. Von diesen Personen werden Speichelproben genommen und mit dem DNA-Profil abgeglichen. „Was wir sehen konnten, ist, dass alle sieben Spuren zumindest mit den Personen aus dem Umfeld des Opfers nicht übereinstimmen.

Das heißt, alle sieben Personen hatten nichts mit dem Opfer direkt zu tun. Seit 1998 können wir diese DNA-Profile in der sogenannten DNA-Analysedatei speichern. Das haben wir natürlich auch gemacht mit unseren sieben Profilen, und eine Spur, die sogenannte unbekannte männliche Person D1, hat in der Datenbank zu einer Person getroffen, die wegen Sexualstraftaten und Raubdelikten in der Datenbank gespeichert war. Das war natürlich für uns schon mal ein Aha-Moment, wo wir gesagt haben: Moment, der muss jetzt intensiv überprüft werden.

Dann gehen die eigentlichen Ermittlungen erst los. Wir haben für die Ermittler praktisch eine Spur zu einer Person gelegt, und jetzt muss die Ermittlung überprüfen, kann das überhaupt sein oder ist das vielleicht jemand gewesen, der Kontakt hatte, von dem wir nichts wissen? Dabei konnte man schon sehen, dass diese Person dringend tatverdächtig ist, Kerstin S. getötet zu haben.

Bei dem Mann handelt es sich um den damals 25-jährigen Winfried E. , einen drogenabhängigen Mann, der schon mehrfach durch Raub und Sexualdelikte aufgefallen war. Die Ermittlungen der Polizei ergeben, dass er am 17. November 1988, an dem Tag, an dem Kerstin getötet wurde, ebenfalls in Nordhessen unterwegs war.

„Die Polizei hat ermittelt, dass sich Winfried E. zum tatkritischen Zeitraum in einer Drogensuchtklinik aufgehalten hat. Es ging wohl um Entzug, und er war stark drogenabhängig. Aber an dem Tattag hatte er die Drogeneinrichtung verlassen und hätte also sehr gut auch im Bereich der Autobahn sich aufhalten können, wo Kerstin S.

vorbeigefahren ist. Und deshalb gab es auch eine Frage des Gerichts, aber auch der Ermittler an den Tatverdächtigen, ob er sich denn vorstellen könnte, dass er irgendwie Kontakt mit der Geschädigten gehabt hat. Er sagte: ‚Ja, ich bin Anhalter unterwegs gewesen. Möglicherweise hat sie da auch angehalten, dann hat sie die Scheibe vielleicht runtergedreht, und ich habe mich mit ihr unterhalten, aber ich bin sicher nicht in ihrem Fahrzeug gewesen.

‘ Das hat er ausgeschlossen, und er wollte damit versuchen zu erklären, dass möglicherweise durch diesen losen Kontakt am Auto seine DNA-Spuren ins Fahrzeug übertragen worden sind. Das konnten wir damals relativ sicher ausschließen, weil die Spurenverteilung von ihm im Fahrzeug, sowohl auf dem Fahrer- als auch auf dem Beifahrersitz, so gehäuft war, dass wir gesagt haben, das ist mit einem losen Kontakt einfach nicht erklärbar, diese Spur zumindest nicht unter den Bedingungen, die er uns genannt hat. Das würden wir als eher unwahrscheinlich ansehen, und das hat das Gericht damals auch überzeugt. Das Gericht hat gesagt, die Erklärung des Beschuldigten würden sie so nicht akzeptieren, sie wäre wenig glaubhaft.

Das Gericht kommt zu der Auffassung, dass Winfried E. am 17. November nach Hause nach Wesel in Niedersachsen wollte. Dafür ist er auf der Suche nach einem Fahrzeug gewesen.

Vermutlich trifft er auf Kerstin S. Als die Frau die Herausgabe ihres PKWs verweigert, kommt es vermutlich zum Kampf, in dessen Verlauf die 21-Jährige stirbt. 20 Jahre nach dem brutalen Verbrechen kennen die Ermittler den Mörder der jungen Frau. Dank der akribischen Arbeit der Experten des Hessischen Landeskriminalamts kann Winfried E.

überführt werden. Er wird wegen Mordes zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt. „Letztendlich kann man behaupten, dass dieser Mordfall tatsächlich italienische Kriminalgeschichte geschrieben hat. Die Todesursache war, dass die Frau zu Tode getreten worden ist.

Also schon ein brutaler Mord. “

„Ich glaube, dieser Mord war für Toblach, für die Dorfgemeinschaft, ein Sakrileg. Das heißt, eine Entweihung. Man ist plötzlich vom idyllischen Dorf im Hochpustertal zu einem Ort geworden, wo die Reporter von allen Seiten auf das Dorf hereinstürzen.

Na ja, in dem Moment haben wir eigentlich keine große Ahnung gehabt, was da passiert sein kann oder wer das hätte sein können. “

Der kleine Ort Toblach in Südtirol, Ostermontag 2002. Die Polizei wird zu einem kleinen Häuschen gerufen. „Dann hat mich ein Carabiniere angerufen und hat mir gesagt: ‚Ja, sie haben hier eine Tote gefunden, und sie gehen von einem Tötungsdelikt aus.

‘ Dann habe ich gesagt: ‚Ja gut, dann fahren wir los. ‘ Ich wohne auch nicht weit weg, 30 km entfernt, und bin dann nach Toblach gefahren und habe dort die Ermittlungen übernommen. “

Bei der Toten handelt es sich um die 74-jährige Maria F. Die Rentnerin lebt allein.

Offensichtlich wurde bei ihr eingebrochen, der Täter muss durchs Fenster gekommen sein. „Hinter dem Fenster war ein Stein, mit dem der Täter das Fenster aufgebrochen hat. Der lag auf einer Couch. Es ist ein kleines Häuschen mit zwei Zimmern, einer Wohnküche und einem Schlafzimmer, und er ist in diese Wohnküche eingedrungen mehr oder weniger.

Und das war das Erste, so viel ich mich erinnern kann, dass man mir gezeigt hat. Dann sind wir in das andere Zimmer gegangen, wo dann die tote Frau lag. Die Leiche ist nur halb bekleidet, sie liegt auf dem Rücken, auf dem Fußboden. Es war natürlich eine geschundene Leiche, das hat man schon gesehen.

Vor allen Dingen im Gesicht hat man die Verletzungen gesehen, am Körper nicht so sehr. “

Arthur Oberhofer ist Journalist bei der Neuen Südtiroler Tageszeitung. Auch ihn beschäftigt dieser Mordfall von Beginn an. „Damals, als dieser Mord passiert ist, natürlich gleich nach Toblach gefahren.

Wir haben uns im Dorf umgehört. Die beste Quelle für Journalisten in so kleinen Gegenden ist immer die Dorfkneipe. Man hat damals gespürt, die Menschen waren erstens entsetzt, aber sie waren auch davon überzeugt, dass das Böse von auswärts kommt. Die Leute waren sicher, dass keiner im Ort für diesen brutalen Mord verantwortlich ist, sondern dass es sich um eine importierte Geschichte handelt.

In Toblach verschaffen sich die Ermittler erste Erkenntnisse über den Täter. „Wenn man sich das Fenster hier anschaut, das ist ungefähr 1,70 m hoch, und da muss man schon ziemlich sportlich sein, um da reingehen zu können. “ Welche Motivation hatte der Unbekannte, hier einzubrechen und die alte Dame zu töten? „Einerseits war da die Hypothese, dass jemand von auswärts gekommen ist, spezialisierte Diebe, die in Häusern einbrechen.

Aber dagegen sprach vor allen Dingen die Tatsache, dass das Haus kein Haus war, wo man irgendwelche Wertgegenstände hätte finden können. Wir haben versucht, das Ganze weitestgehend zu rekonstruieren, um eine Ahnung zu bekommen, was geschehen konnte, ob es jemand vom Umfeld war oder nicht. “

Doch bevor Staatsanwalt Bisignano und die Carabinieri das Umfeld der Toten befragen, werden zunächst Spuren an der Leiche gesichert. „Die Carabinieri haben bei der Frau im Schambereich gesehen, dass da etwas geglänzt hat, und sind zu dem Schluss gekommen, dass da männliche Samenspuren sein könnten, und haben diese Spuren dann gesichert.

Warum musste Maria F. sterben? Ihre Leiche wird in Bozen obduziert. Der Staatsanwalt ist persönlich dabei, und das Ergebnis ist auch für ihn überraschend.

Das Opfer wurde vergewaltigt. „Da hat mir dann der Pathologe die Spuren gezeigt im Genitalorgan der Frau, die Verletzungen, die der Vergewaltiger hinterlassen hatte. Und er hat mir gesagt, diese Verletzungen sind praktisch durch die Vergewaltigung entstanden. Natürlich ist es schon eher unerwartet, dass man eine eher ältere Frau vergewaltigt.

Journalist Arthur Oberhofer berichtet nun fast täglich über den mysteriösen Mordfall. Die Umstände und auch das Opfer selbst geben viele Rätsel auf. „Umso größer war dann die Angst im Dorf, weil ja niemand wusste, was steckt hinter dieser Tat. Die Dorfgemeinschaft wusste nicht: Kommt der Täter von auswärts?

Gibt es jemanden im Dorf, der alten Menschen auflauert und sie umbringt? Es war ein kollektives Gefühl der Verunsicherung. Das war greifbar, als man in Toblach herumging damals. Das Dorf war gelähmt, Toblach war in einer Schockstarre.

Staatsanwalt Bisignano schließt aus, dass die engere Familie des Opfers etwas mit der Tat zu tun hat. Er hat die DNA des Spermas und mittlerweile auch einen Fingerabdruck. „Das waren die zwei Spuren, die wir hatten in dem Moment. Natürlich sind das schon sehr zwingende Spuren in dem Moment, wo man die Person herausfindet, die den Fingerabdruck bzw.

die DNA hinterlassen hat. Diese Spuren sind viel und gleichzeitig sind sie auch wenig. Viel in dem Moment, wo ich sie zuordnen kann zu einer Person, dann haben wir die Straftat eindeutig nachgewiesen, dann sind es hundertprozentige Spuren. Aber in dem Moment, wo ich die Spuren nicht zuordnen kann, sind sie eigentlich wertlos.

Bei der Beerdigung von Maria F. zeigt sich eindrücklich, was die Tat mit den Dorfbewohnern gemacht hat. „Beeindruckend war vor allen Dingen die Stimmung auf der Beerdigung. Dort hat man die vielen Sicherheitsbeamten in Zivil gemerkt, die die Beerdigung auch gefilmt haben.

Am nächsten Tag hat es in den Medien geheißen beziehungsweise wurde die Frage gestellt: Ist der Mörder vielleicht zurückgekehrt an den Ort des Geschehens? Man hat auf der Beerdigung gemerkt, dass dieser Fall die Dorfgemeinschaft nicht nur schockiert, sondern auch in zwei Lager spalten würde. Es gab die, die sagen, das Böse ist von auswärts gekommen. Andere meinten, der Mordfall hat sich hier abgespielt, da wird auch der Täter von hierher kommen oder aus der Dorfmitte.

Es war ein Klima der Angst, ein Klima, wo jeder jeden verdächtigt hat. Man hat gespürt, die Menschen hatten die Hoffnung: Bitte klärt diesen Fall endlich auf, damit wir wieder in Ruhe leben können. “

Doch Bisignano und die Polizei haben keine heiße Spur. Um einen Tatverdächtigen zu ermitteln, ziehen sie jetzt alle kriminalistischen Register.

„Wir haben auch andere Ermittlungen durchgeführt. Wir haben mit einem Profiler gesprochen, wir haben die ganzen Telefonauszüge ausgewertet, wer war mit wem in Kontakt. Es wurden auch Observierungen gemacht. Das war schon ziemlich umfassende und umfangreiche Ermittlungen.

“ Doch nichts davon führt zum erhofften Erfolg. Der Staatsanwalt und seine Leute wollen jetzt neue Wege beschreiten. Wege, die es bis 2002 in Italien so noch nicht gegeben hat. „Wir wussten, dass es möglich war, aufgrund des Genmaterials, das wir als Spur hatten, das entsprechende DNA-Profil des Täters herauszufiltern.

Das ist natürlich schon einmal das Erste, und dann ergibt sich fast zwangsläufig die Entscheidung, dass man sagt: Wir nehmen die ganze männliche Bevölkerung in dem Dorf und machen eine flächendeckende Rasterfahndung. Es war sicherlich Neuland, das war von niemandem bisher so gemacht worden. Man wusste damals, dass DNA-Proben genommen werden. Das hat sich natürlich in einer kleinen Realität wie Toblach sofort herumgesprochen, wer da zum Test muss.

Dann war es nur eine Frage der Zeit, wann kommt der erste Treffer. Man hat förmlich diese Spannung gespürt, die Medien haben Toblach belagert. Man hat das Gefühl gehabt, die Schlinge zieht sich langsam zu. “

Und tatsächlich, es wird ein DNA-Profil gefunden.

Es passt allerdings nicht zu 100 % zu den Spuren, die der Täter hinterlassen hat. „Mich hat der Leiter dieser Einheit in Parma angerufen und mir mitgeteilt, dass sie auf einer guten Spur sind. Der hat mir damals von einem Vater gesagt, dass da irgendwie ein Sohn oder zumindest ein Verwandter sein muss. Es waren in dem Moment noch keine ganz klaren Angaben darüber, dass man wirklich ganz nahe am Treffer war.

Die Polizei sucht jetzt die engsten Verwandten dieses Mannes, unter anderem seinen Sohn. „Ein paar Tage später ruft mich ein Carabiniere an und sagt: ‚Wir haben ihn. ‘ Und ich habe mir gedacht: Ja, was heißt es, wir haben ihn? Ich kann mich erinnern, ich war hier in diesem Büro.

Da lief gerade ein Fußballspiel, das war die Weltmeisterschaft, und hier saß der Chef, und da bekamen wir diesen Anruf, und es hieß halt: Ja, wir haben ihn. Wer wen habt ihr? Wir haben den Mörder. “

Es handelt sich um den 19-jährigen Andreas K.

Noch am selben Tag legt er ein Geständnis ab. „Den Carabinieri hat er erzählt, dass er die Nacht vom Ostersonntag zum Ostermontag durchgezecht hat und dass er ziemlich viel getrunken hat und dass er sich von seinen Freunden dann in dieser Nacht verabschiedet hat und sich dann gedacht hat: Ach, jetzt gehe ich noch was stehlen, und hat sich dieses Haus gesehen und sich gedacht: Ich hole mir da jetzt noch was. Hat mit dem Stein das Fenster aufgebrochen. Die Frau hat dieses Geräusch gehört, ist aufgewacht, kommt aus ihrem Schlafzimmer.

Er sieht sie, streckt sie mit einem Fausthieb nieder, merkt, dass die Frau halb nackt ist, weil sie nur ein Nachthemd anhatte, und beschließt in dem Moment, die Frau zu vergewaltigen. Und der nächste Entschluss war, dass er gesagt hat: Die Frau weiß jetzt genau, wer das getan hat, und das bin ich. Und er daraufhin sich entscheidet, die Frau zu töten, und das auf diese brutale Art und Weise, indem man sie praktisch zu Tode getreten hat. “

Die Nachricht vom gefassten Mörder verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Für den Journalisten Arthur Oberhofer ist dieser Fall einzigartig. „Dieser Mordfall war ein Crescendo an Emotionen. Zuerst die Tatsache, niemand konnte sich einen Reim darauf machen, warum diese Frau sterben musste. Dann Schock Nummer 2, als man erfahren hat, dass der Täter aus dem Ort stammt, ein junger Mann noch dazu.

Dann die dritte Ebene, als herausgekommen ist: Ja, dieser Bub, der war völlig normal. Der war integriert in die Dorfgemeinschaft, der hatte keine Vorstrafen, der war ein Bauausenstreicher, aber völlig normaler Junge. Und natürlich haben sich dann alle gefragt: Wie kommt ein junger, gesunder, allseits geschätzter, fleißiger junger Mann dazu, eine alte Frau zu vergewaltigen und dann noch umzubringen? Diesen Schock kann kein Dorf verkraften, und deswegen zieht sich dieser Riss, den die Tat damals in die Dorfgemeinschaft geschlagen hat.

Ich glaube, diese Spaltung des Dorfes in zwei Lager, die spürt man in Toblach bis heute. “

Andreas K. wird 2003 wegen Mordes zu 18 Jahren Haft verurteilt.

Mittlerweile ist er wieder auf freiem Fuß.