„Heidrun Michel? Hier ist ihr Vater. Ich wollte nur Bescheid sagen, ich komme morgen früh zum Heckenschneiden vorbei. Gegen neun Uhr.

”
Heidrun lachte am Telefon. „Oh, da musst du mich erstmal aus dem Bett klingeln. Ich habe Urlaub. ”
„Kein Problem, das kenne ich.
Bis morgen. ”
Es war Samstag, der 10. August 2002. Heidrun Michel, 38 Jahre alt, hatte sich gerade von ihrem langjährigen Lebensgefährten getrennt und war in eine neue Wohnung im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses in einem Münchner Vorort gezogen.
Sie genoss ihr neues Leben als Single, liebte ihren Kater Rocky und freute sich auf die ruhigen Abende allein zu Hause. Am Sonntagmorgen stand ihr Vater vor ihrer Tür. Er klingelte, dann klingelte er nochmal. Nichts rührte sich.
Er rief ihre Nummer an, niemand nahm ab. Beunruhigt holte er eine Nachbarin, die einen Ersatzschlüssel hatte. Die Terrassentür war gekippt. Das Licht brannte.
Im Wohnzimmer stand ein umgefallener Wäscheständer, auf dem Teppich waren Blutflecken. Und in der fast vollständig gefüllten Badewanne lag Heidrun Michel, nackt, nur mit einem BH bekleidet. „Die Art und Weise der Tatbegehung ließ einem die Haare zu Berge stehen”, sagte ein Ermittler später. „Ein normaler Mensch kann sich so etwas nicht vorstellen.
”
In der Wanne fanden die Kriminaltechniker verschiedene Substanzen – Putzmittel, Reinigungsmittel. Der Täter hatte versucht, seine Spuren zu vernichten oder die Geruchsbildung zu unterbinden. Es half ihm nichts: Die Rechtsmedizin fand an der Leiche seine DNA. Der Befund war grausam.
Der Täter hatte Heidrun von hinten mit einem Elektroschocker attackiert, sie geschlagen und gewürgt, bis sie bewusstlos war. Dann hatte er ihr mit einem kleinen Messer mehrfach in den Hals gestochen – die Stiche durchtrennten das Rückenmark. Einige Wunden deuteten darauf hin, dass er versucht hatte, ihr den Kopf abzutrennen. Das Messer wurde nie gefunden.
Bei der Kripo in Erding wurde sofort eine Sonderkommission eingerichtet. Die Ermittler standen vor einem Rätsel: Es gab keine Einbruchsspuren. Heidrun musste dem Täter die Tür geöffnet haben – oder er war durch den Garten hereingekommen, als sie Rocky rausließ. Das Gartentürchen war leicht zu überklettern, und ihre Erdgeschosswohnung bot von außen freien Blick ins Wohnzimmer.
Die Frage war: War da einer, der einfach nur zuschaute? Dann meldete sich ein 14-jähriger Nachbarjunge. Er hatte gegen zwei Uhr nachts einen Mann um das Haus herumschleichen sehen. Der Verdacht kam auf: ein Spanner, der zum Mörder geworden war.
Die Ermittler überprüften den Ex-Lebensgefährten, Freunde, Arbeitskollegen – alle alibisicher, alle negativ. Medienaufrufe brachten keine verwertbaren Hinweise. Also beauftragten sie eine operative Fallanalyse. Die Profiler der Polizei bestätigten: Der Täter war höchstwahrscheinlich ein junger Mann zwischen 17 und 28 Jahren, der in der Siedlung lebte oder sich dort gut auskannte.
Seine Persönlichkeit war geprägt von emotionaler Kälte, mangelndem Selbstwertgefühl und fehlender Empathie. Er konsumierte Gewalt- und Pornovideos und zeigte sadistische Tendenzen. „Wir waren uns sicher, dass der Täter in der Nähe wohnte”, sagte der Fallanalytiker. „Ein Täter ohne Ortsbezug hätte sich in diese kleine Stichstraße am Ende der Siedlung nicht verirrt.
”
Ende September 2002, anderthalb Monate nach der Tat, startete die Kripo Erding die bis dahin größte DNA-Reihenuntersuchung Bayerns. 1. 475 männliche Bewohner der Siedlung wurden zur Speichelprobe gebeten. Alle Ergebnisse waren negativ.
Auch eine Fragebogenaktion ergab zwar Hinweise auf Spanner und Wäschediebstähle in der Vergangenheit – aber keinen Täter. Monate vergingen. Die Ermittler vergrößerten den Radius um den Wohnort des Opfers, testeten weitere Männer. Immer noch nichts.
Im Oktober 2003, über 14 Monate nach Heidrun Michels Tod, betrat eine junge Frau eine Polizeidienststelle in München. Sie war sichtlich aufgelöst. „Ich will nicht mehr länger damit rumtragen. Es macht mich fertig.
”
Die Beamten hörten ihr zu. Sie erzählte von einem Video, das sie vor fast einem Jahr, kurz vor Weihnachten, bei ihrem Freund Ludwig entdeckt hatte. Es zeigte eine Frau, die offensichtlich tot war. Ihr Freund hatte sich darauf als „Natural Born Killer” bezeichnet.
„Warum sind Sie nicht sofort zur Polizei gegangen? “, fragte der Beamte. „Ich habe meinen Freund geliebt. Unser Sohn war gerade erst auf die Welt gekommen.
Und er hat mir immer wieder gedroht, mich umzubringen, wenn ich zur Polizei gehe. “
Doch dann hatte er sie rausgeworfen und das Baby behalten. Sie landete in einem Frauenhaus, und es begann ein monatelanges Hin und Her um den kleinen Sohn – mit ständigen Drohungen. Jetzt hatte sie ihr Kind endlich zurück und wollte alles sagen.
Die Beamten waren sich sicher: Das war ihr Mann. Die Aussage war so detailliert, dass es keinen Zweifel gab. „Den holen wir uns noch heute Nacht“, sagte der Kommissar. Die Festnahme erfolgte wenige Stunden später.
Ludwig Peschke wurde in seiner Wohnung überwältigt. Als er das Wort „Mord“ hörte, verlangte er einen Anwalt und schwieg. Doch er stimmte einer Speichelprobe zu. „Es war ein Highlight in meinem Polizistenleben, als wir erfuhren, dass diese DNA passte“, erinnerte sich der Ermittler.
Die Durchsuchung seiner Wohnung und des Hauses seiner Mutter förderte Grauenhaftes zutage: In einem Karton lagen rund 30 Damenunterwäsche-Stücke, sorgfältig eingeschweißt in Plastikfolie, um den Geruch zu erhalten. Dazu fanden die Beamten das Tatmesser aus Heidrun Michels Wohnung. Und dann eine Speicherdiskette. Darauf der Entwurf einer Internetseite.
„NBK – Natural Born Killer“ prangte auf der Startseite. Eine Dropdown-Liste zeigte mehr als ein halbes Dutzend Positionen für „Opfer 1“ bis „Opfer 3“ – darunter bereits bearbeitete Bilder der toten Heidrun Michel. Die restlichen Positionen waren leer. Die Ermittler waren überzeugt: „Wir haben einen potenziellen Serienmörder vor seiner zweiten Tat aufgehalten.
Er hätte weitergemacht, da sind wir uns absolut sicher. “ Zudem fanden sie ein Schriftstück mit 14 Telefonnummern – alle gehörten zu alleinstehenden Frauen in Erdgeschosswohnungen, die im Vorfeld Schweiganrufe erhalten hatten. Nach drei Wochen kündigte der Anwalt an, dass sein Mandant aussagen wolle. Ludwig Peschke entwickelte eine abenteuerliche Geschichte: Er habe Heidrun im Supermarkt kennengelernt, sie seien ein Paar geworden, hätten miteinander geschlafen und es gefilmt.
Das Video, das seine Freundin sah, sei also kein Mordvideo, sondern ein Sexvideo gewesen. Ihre Aussage sei reine Eifersucht und Lüge. Und die zweite Nacht? „Ich wollte nur so tun, als ob ich sie umbringe, um meine Beziehung zu beenden.
Sie sollte nur bewusstlos werden. Aber es lief aus dem Ruder. Ich wollte sie nicht umbringen. Wirklich nicht.
“
Die Anklagebehörde glaubte ihm nicht. Sein Geständnis vor Gericht sah anders aus – fast schon gelangweilt, ohne jede Emotion. „Es ist fast alles richtig. Wir hatten keine Beziehung.
Ich wollte sie nur filmen für meine Homepage. Es sollte nur so aussehen, als ob sie tot sei. Aber nach den Elektroschocks und unserem Kampf lag sie auf dem Boden und röchelte. Das Geräusch war total nervig.
Ich musste das abstellen. Da habe ich aus der Küche das Messer geholt und in ihren Hals gestochen, bis Ruhe war. Ich wollte sie nicht umbringen. Wirklich nicht.
“
Die Verhandlung fand vor der Jugendkammer des Landgerichts München II statt, denn Peschke war zur Tatzeit 20 Jahre alt – ein Heranwachsender. Angeklagt war er wegen Mordes, unter anderem zur Befriedigung des Geschlechtstriebs und heimtückisch. Einen Punkt behielt er für sich: Wie er in Heidrun Michels Wohnung gekommen war. Es spielte für das Urteil keine Rolle mehr.
Ludwig Peschke wurde zu zehn Jahren Jugendstrafe verurteilt – der Höchststrafe für Heranwachsende. Gleichzeitig ordnete das Gericht seine Unterbringung in der forensischen Psychiatrie an. Im Mai 2012, nach acht Jahren Haft, stellte er einen Antrag auf Entlassung oder Verlegung in den normalen Strafvollzug. Die Anträge wurden abgelehnt.
Im Januar 2013 nahm sich Ludwig Peschke in der Haft das Leben.


