Es war der 15. November 1997, ein Samstag. Die 14-jährige Kate Bushel hätte sich kein schöneres Wochenende vorstellen können. Ihre Nachbarn waren übers Wochenende verreist und hatten sie gebeten, auf ihre Hündin Jemmer aufzupassen.

Für zwei Tage fühlte es sich fast so an, als hätte Kate ein eigenes Haustier. Am Vormittag bummelte sie mit ihrer Mutter durch die Innenstadt von Exeter. Kate kaufte sich von ihrem Taschengeld eine CD. Die beiden verstanden sich inzwischen nicht nur als Mutter und Tochter, sondern auch als gute Freundinnen.
Der Einkaufsbummel war entspannt und fröhlich. Zu Hause hörte Kate ihre neue CD und machte etwas für die Schule. Um 16:30 Uhr war es dann so weit: Zeit, Jemmer auszuführen. Um 16:40 Uhr verließ sie das Haus der Nachbarn in Burrator Drive.
Es dämmerte bereits, aber Exwick war eine Gegend, in der jeder jeden kannte. Niemand hier hätte mit Gefahr gerechnet. Kate ging mit Jemmer einen weitläufigen Landweg entlang. Ein Vater, der mit seinen Kindern unterwegs war, kam an ihr vorbei.
Er sah auf die Uhr: 16:55 Uhr. Der Spaziergang verlief völlig unspektakulär. Dann kam eine Autofahrerin den einspurigen Weg entlang. Kate stellte sich an den Grasstreifen und wartete, bis der Wagen vorbei war.
Ein paar Meter weiter sah die Autofahrerin einen blauen Van am rechten Straßenrand stehen. Daneben stand ein Mann mit dem Rücken zu ihr. Er wirkte beinahe, als wolle er nicht gesehen werden. Diese Frau würde sich später schreckliche Vorwürfe machen.
Sie fragte sich jahrelang, ob sie den Täter kurz vor einem Verbrechen gesehen hatte. Nur 90 Meter von dieser Stelle entfernt fand man Kate wenig später leblos auf. Um 18 Uhr sollte bei den Bushels das Abendessen auf dem Tisch stehen, aber Kate war nicht nach Hause gekommen. Eine 14-Jährige, die die Zeit vergisst, ist normal.
Trotzdem machten sich ihre Eltern Sorgen. Sie stiegen ins Auto und fuhren die übliche Route ihrer Tochter ab. Kates Mutter hatte ein schlechtes Bauchgefühl. Irgendetwas sagte ihr, dass etwas Schreckliches passiert war.
Sie fanden Kate nicht. Sie alarmierten die Polizei und gaben eine Vermisstenanzeige auf. Sofort wurde eine Suchaktion gestartet. Es war längst dunkel, also wurde ein Hubschrauber losgeschickt.
Kates Vater ging mit einer Taschenlampe erneut Richtung Waldweg. Nach wenigen Minuten fand er zuerst Jemmer. Noch während er sich dem Tier näherte, erfasste seine Taschenlampe etwas anderes. Zu seiner Rechten, nur ein paar Meter entfernt, lag seine leblose Tochter.
An ihrem Hals befand sich eine blutende Wunde. Kate, die nur drei Stunden zuvor an ihrem Schreibtisch gesessen hatte, lebte nicht mehr. Keine halbe Stunde später bemerkte ein Anwohner etwas Merkwürdiges. Er trat vor die Haustür, um den kreisenden Polizeihubschrauber zu beobachten.
Da sah er, wie ein Mann aus der Richtung des Fundortes angerannt kam. In einigen Medienberichten hieß es, der Mann habe blutverschmierte Kleidung getragen. In anderen war davon keine Rede. Dieser Mann wurde nie ausfindig gemacht.
Ein weiterer Zeuge berichtete von einem Mann, den er in der Gegend mehrfach gesehen hatte: Er hatte langes, zerzaustes Haar, einen Bart und trug einen abgetragenen braunen Mantel – selbst im September, als es noch warm war. Der Zeuge hatte den Mann drei Tage vor Kates Tod in der Nähe von Kates Straße gesehen. Er sprang plötzlich hinter einem Baum hervor und rannte an ihm vorbei. Es war genau der Weg, auf dem Kate oft spazieren gegangen war.
Eine Anwohnerin wollte am selben Wochenende in der Nähe des späteren Fundortes ein orangefarbenes Zelt gesehen haben. Die Polizei fand tatsächlich mehrere provisorische Unterschlupfe in der Gegend. Aber niemand wusste, wer dort gelebt hatte. Nach dem Mord wurde kein Landstreicher mehr in der Gegend gesehen.
Die drei Männer, die von Zeugen gemeldet worden waren, meldeten sich nie bei der Polizei. Der Fall Kate Bushel wurde zum Cold Case. Doch nicht einmal ein Jahr später erlitt eine andere Frau ein fast identisches Schicksal. Der 20.
Oktober 1998. Der Mord an Kate Bushel lag elf Monate zurück und war immer noch ungelöst. Im kleinen Dorf Ruan Highlanes in Cornwall machte sich kaum jemand Gedanken darüber. Hier lebten keine 300 Menschen.
Jegliche Gefahr schien weit weg. Die 40-jährige Lyn Bryant war zweifache Mutter und schon Großmutter. Ihre jüngere Tochter wohnte noch bei ihr, ihr älteres Kind lebte mit dem Enkelsohn in einer eigenen Wohnung. Ihre Familie war für Lyn das Allerwichtigste.
An diesem Oktoberdienstag fuhr Lyn ihre jüngere Tochter zur Arbeit. Gegen 13 Uhr hielt sie an einer Tankstelle an. Dort traf sie zufällig eine alte Bekannte. Die Unterhaltung fiel kurz aus.
Ein Mann in einem weißen Van, etwa 50 Jahre alt mit auffälligem graumeliertem Vollbart, wartete ungeduldig. Die Bekannte fuhr weg, aber der Fahrer des weißen Vans grüßte nicht. Er startete nur weiter geradeaus in Richtung von Lyns Auto. Als Lyn ebenfalls abfuhr, setzte der weiße Van zurück und folgte ihr.
Vielleicht hatte das nichts mit dem zu tun, was Lyn in wenigen Stunden passieren würde. Vielleicht war der Fahrer aber auch schuld an allem. Lyn schaffte es unbeschadet nach Hause. Um 13:35 Uhr verließ sie das Haus wieder, gemeinsam mit ihrer Hündin Jay.
Sie ging ihre übliche Route: einen kleinen Trampelpfad hinunter in Richtung der Methodist Chapel, dann weiter in Richtung der kleinen Ortschaft Treworgan. Zwischen 13:45 und 14 Uhr sah ein Zeuge sie mit einem fremden Mann. Der Mann war etwa Ende 30, hatte dunkle Haare und buschige Augenbrauen. Ein Landwirt kümmerte sich zur selben Zeit um seine Kühe.
Ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Doch nur kurz später fand man Lyn genau dort tot. Sie wurde mitten am helllichten Tag mit außergewöhnlicher Brutalität mit einem Messer getötet. Wie bei Kate Bushel saß die Hündin Jay unversehrt neben ihrer toten Besitzerin.
Merkwürdigerweise wurde Lyn eine Sache gestohlen: ihre Brille. Der Tatort wurde akribisch abgesucht, aber die Brille fehlte. Als der Fall bei „Crimewatch” gezeigt wurde, wurde explizit darauf hingewiesen. Vier Monate nach Lyns Ermordung tauchte die Brille plötzlich wieder am Auffindeort der Leiche auf.
Der Täter schien zurückgekehrt zu sein und sie zurückgelegt zu haben. Ob er etwas wieder gutmachen oder die Polizei verspotten wollte, blieb Spekulation. Auch im Fall Lyn Bryant gab es drei Männer, die von Zeugen gesehen wurden und sich nie meldeten: den Mann aus dem weißen Van, den Mann, mit dem Lyn kurz vor ihrem Tod gesehen wurde, und einen Mann, der von einem Bauern mitten auf einem Feld gesehen wurde, aus Richtung des Tatortes kommend. Im Oktober 2018 wurde bekannt gegeben, dass man ein teilweises Profil potenzieller Täter-DNA sicherstellen konnte.
Der Abgleich mit der Datenbank war erfolglos. Aber wenigstens konnten mögliche Verdächtige ausgeschlossen werden. Der Mörder von Lyn Bryant war immer noch da draußen. Den Ermittlern fiel sofort auf, wie ähnlich die Fälle waren.
In beiden Fällen waren weibliche Personen allein tagsüber mit ihren Hunden unterwegs, an abgelegenen Orten, aber durchaus an Plätzen, an denen Zeugen sie leicht bemerken konnten. Beide Hündinnen blieben unverletzt. Hunde können durchaus angreifen, wenn ihre Bezugsperson bedroht wird. Der Täter hatte also ein großes Risiko eingegangen.
Die Hunde waren die einzigen stummen Zeugen. Für die Ermittler musste das wahnsinnig frustrierend sein. Am 31. Dezember 1998 passierte etwas, das die Vermutung eines Serientäters verstärkte.
Am Silvestertag gingen eine Mutter und ihre 17-jährige Tochter mit dem Familienhund in Netherton spazieren. Der Ort war so winzig, dass er nicht einmal als eigenständiges Dorf zählte. Netherton lag in Devon, etwa 30 Kilometer von Exwick entfernt. Auf einmal wurde die Tochter von einem Auto angefahren.
Bevor die Mutter helfen konnte, stieg der Fahrer aus. Er hielt der Tochter ein Messer an den Hals und zwang beide Frauen, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Der Mann fuhr in Richtung eines abgelegenen Feldes. Doch die Tochter machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Von hinten griff sie ihm um den Hals, das Auto kam zum Stehen. Der Mann versuchte, die beiden zu verletzen. Er verletzte die Mutter mit seinem Messer an den Händen, aber die beiden konnten sich befreien und wegrennen. Sie beschrieben das Auto als eine blaugraue Vauxhall Cavalier Limousine.
Das Auto war erst an ihnen vorbeigefahren, Minuten später war es plötzlich erneut hinter ihnen aufgetaucht und direkt in die Tochter hineingefahren. Der Mann war zwischen 35 und 40 Jahre alt, mit vollen Lippen, rundlichem Gesicht, kurzen blonden Haaren und heller Hautfarbe. Sowohl die Polizei von Devon als auch von Cornwall sah deutliche Parallelen zwischen den Fällen von Kate, Lyn und dem Silvesterzwischenfall. Auch danach häuften sich die Zwischenfälle.
Im Januar 1999 wurde eine Frau angegriffen, als sie mit ihrem Hund in der Nähe von Camborne spazieren ging – nur wenige Kilometer von Lyns Fundort entfernt. Sie konnte fliehen. Auch sie beschrieb den Angreifer ähnlich: recht groß, zwischen 30 und 40, helle Haare. Im Juli 2000 geriet eine weitere Frau aus Devon in eine lebensbedrohliche Situation.
In Salcombe wurde sie von einem Mann mit einem Messer angegriffen. Er stieg aus einem dunkelblauen Volvo und verfolgte sie über etwa 300 Meter, ehe der Hund der Frau den Angreifer in die Flucht schlug. Es war immer wieder dasselbe Muster: weibliche Personen in winzigen Ortschaften mit ihren Hunden, angegriffen von einem mit einem Messer bewaffneten Mann. Die beiden Morde und drei Angriffe ereigneten sich innerhalb von nur 18 Monaten.
Der mögliche Täter wurde immer wieder anders beschrieben, aber er hätte auch die Berichterstattung verfolgen und sein Aussehen verändern können. Bei den drei Angriffen zwischen Silvester 1998 und Juli 2000 wurde der Angreifer jedes Mal abgehängt oder in die Flucht geschlagen. Wer weiß, ob die Frauen sonst dasselbe Schicksal ereilt hätte wie Kate und Lyn. Es gab immer wieder Spekulationen, ob der hypothetische Serientäter schon viel früher angefangen haben könnte – im März 1987, elf Jahre vor Kates Tod.
Damals wurde die 66-jährige Helen Fleetord ebenfalls beim Gassi gehen getötet. Auch ihr Mord ist bis heute ungelöst. Die Polizei hat offiziell nie einen Zusammenhang hergestellt, aber die Parallelen sind da. Und in keinem der Fälle wurde der Verantwortliche jemals gefunden.
Die Familien von Lyn und Kate müssen seit fast 30 Jahren mit dieser Ungewissheit leben. Die Taten haben sich so nah an ihren Häusern abgespielt. Wenn es ein Serientäter ist, gibt es durch das DNA-Profil im Fall Lyn wenigstens Hoffnung, dass der Fall doch noch gelöst werden kann.
Der Täter muss der Polizei nur irgendwie ins Netz gehen.


