Der Kopf des Opfers wird mit brutaler Gewalt unter Wasser gedrückt, bis keine Luftblasen mehr aufsteigen. Der Körper bleibt leblos am Strand zurück, von der Dunkelheit verschluckt. Am Morgen um fünf Uhr entdecken zwei Garnelenfischer die Leiche im flachen Wasser der Nordsee. Ein belgischer Bürger zur falschen Zeit am falschen Ort – so scheint es zunächst.

Belgien, Sonntag, der 8. November 2004. In der Kleinstadt Turnhout lebt der ehemalige Politiker Tony Debreo mit seiner Ehefrau. Sein Sohn Dominik erinnert sich bis heute an den Tag, an dem sein Vater einfach nicht mehr nach Hause kam.
„Meine Mutter erzählte, dass mein Vater an diesem Abend nicht zum Abendessen heimkehrte. Er ging auch nicht ans Handy. Da fing sie an, sich Sorgen zu machen. “
Weil er mit dem Auto unterwegs war, konnte sie ihn nicht suchen.
In ihrer Verzweiflung rief sie nachts ein Taxi und fuhr durch die Gegend, doch sie fand ihn nicht. „Das waren wir nicht von ihm gewohnt“, sagt Dominik. „Er war gerne unterwegs, aktiv in der lokalen Politik. Nach einer Sitzung trank er gern noch ein Glas in geselliger Runde.
Aber wenn es länger dauerte, nie ohne meine Mutter zu verständigen. “
Die ersten Tage waren die Hölle. Man ahnt, dass etwas nicht stimmt, aber man weiß nicht, was. Man weiß nicht, was man denken soll.
Einen Tag später, etwa 130 Kilometer entfernt, im niederländischen Katwijk aan Zee, machen Fischer im Morgengrauen eine grausige Entdeckung: Am Ufer liegt eine männliche Leiche. Hauptinspektor Erik Pastor übernimmt den Fall. Handelt es sich um einen Unfall, einen Suizid oder einen Mord? „Da hat man natürlich mehrere Hypothesen.
Wir hatten ja nur die Leiche. Man muss die Umstände prüfen: Ist jemand ertrunken, oder ist etwas anderes passiert? Und so geht man Schritt für Schritt voran. “
Doch die Identität des Toten ist zunächst völlig unklar.
Dann melden sich Kollegen aus dem Nachbarland Belgien. Die belgische Justiz sucht den vermissten Tony Debreo. Aus den Telefondaten geht hervor, dass seine letzten Kontakte in der Umgebung von Den Haag lagen. Ist der Tote vom Strand dieser vermisste Politiker?
Erik Pastor hält es für sehr wahrscheinlich. Das Fahndungsfoto ähnelt dem Toten stark. Die Familie wird verständigt und gebeten, nach Holland zu kommen. „Ein paar Tage nach seinem Verschwinden wurden wir hierher gebracht, um meinen Vater zu identifizieren.
Danach wurden wir auch vernommen“, erinnert sich Dominik. Ein Schock. Warum musste Tony Debreo sterben? Doch während die niederländischen und belgischen Ermittler noch rätseln, arbeitet die Polizei in Deutschland an einem ähnlich mysteriösen Fall.
In Neubrandenburg sucht Kommissar Olaf Hildebrand nach dem verschwundenen Handyverkäufer Jörn S. Der 34-Jährige ist verheiratet, Vater eines Kindes und betreibt einen Handyshop in einem Einkaufszentrum. Am Tag seines Verschwindens war er ganz normal zur Arbeit gekommen. Am Nachmittag verabschiedete er sich von seiner Angestellten und schrieb ihr eine SMS, sie solle sich um den Ladenschluss kümmern.
Auch seiner Frau schickte er Nachrichten: „Brauche Zeit zum Nachdenken. Es klappt mit uns nicht mehr so. Melde mich die Tage. Macht euch keine Sorgen.
“
Doch die Frau kommen die Nachrichten seltsam vor. Jörn S. hat eine Schreibschwäche und schreibt normalerweise nie so ausführlich. Außerdem werden in den folgenden Tagen insgesamt 2000 Euro vom Geschäftskonto abgehoben.
Die Ehefrau sperrt das Konto. „Sie machte sich Gedanken, wo ihr Mann sein könnte, wie es ihm gehen würde“, erinnert sich der Kommissar. „Das veranlasste sie, zur Polizei zu gehen und eine Vermisstenanzeige aufzugeben. “
Zunächst nimmt niemand die Sache besonders ernst.
Es war ein erwachsener Mann, der angekündigt hatte, seinen Lebensmittelpunkt verlegen zu wollen. Doch dann, am 17. September, beobachten Zeugen an einer Kreuzung bei Neubrandenburg drei junge Leute, die nach einem selbstverschuldeten Unfall ein kaputtes Auto zurücklassen: ein weißer Renault Mégane – dasselbe Modell, dieselbe Farbe wie der Wagen von Jörn S. Daran ein Wiesbadener Kennzeichen, das zuvor an anderer Stelle gestohlen worden war.
Im Kofferraum finden die Ermittler Blutspuren. Und in einer Tankstelle in Österreich wurde mit dem Fahrzeug ein Tankbetrug begangen. Die Überwachungsbilder zeigen eine Person – undeutlich, aber erkennbar: Es ist nicht der Vermisste, sondern Stefan K. , der Polizei in Neubrandenburg bestens bekannt.
Stefan K. verwickelt sich in Widersprüche. Schließlich erzählt er eine Geschichte: Er und sein Kumpel Sven S. hätten Kontakt zu Jörn S.
gesucht. Es sei zu einer Auseinandersetzung gekommen, und Sven habe den Vermissten getötet. Er selbst sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr anwesend gewesen. Die gesamte Schuld schiebt er auf seinen Komplizen.
Sven S. ist jedoch nicht auffindbar. Offenbar wurde er gewarnt und ist abgetaucht – über Parchim nach Hamburg. Die Ermittler hören seine Telefonate ab und finden heraus, wo er wohnt.
Er bestellt sogar eine Pizza und gibt seine Adresse an. Die Hamburger Kollegen stürmen die Wohnung – doch Sven ist bereits geflohen, weiter Richtung Holland. In Holland schließt er sich einem Bekannten aus Gefängniszeiten an: Iran B. Die beiden ziehen durch das Land, immer auf der Suche nach Geld.
Olaf Hildebrand informiert die niederländische Polizei über die zwei extrem gefährlichen Männer. Erik Pastor, der bereits am Mordfall Tony Debreo ermittelt, erhält eine beunruhigende Mitteilung: Die Deutschen haben ein Telefonat mitgeschnitten. Sven ruft seine Freundin an. Plötzlich ruft er: „Ruhe!
“ Als sie fragt, was los sei, sagt er, er habe jemanden im Kofferraum liegen. Seine Freundin antwortet kalt: „Dann bring ihn doch um. “
Der Mann im Kofferraum ist mutmaßlich der bereits getötete Tony Debreo. Die niederländischen Ermittler müssen Sven und Iran B.
stoppen, bevor sie weitere Menschen töten. Die beiden sind mit dem schwarzen Audi ihres Opfers unterwegs. Am 9. November fällt der Wagen einer Streife in Rotterdam auf.
Doch Sven flieht und entkommt. Später versucht er in Delft, mit der Bankkarte von Debreo Geld abzuheben – der Automat zieht die Karte ein. Am 12. November tauchen die Verdächtigen anhand ihrer Telefondaten wieder auf: Sie sind zurück Richtung Deutschland geflohen.
Bei erster Gelegenheit schlägt ein deutsches Spezialeinsatzkommando zu. Nach einer rasanten Verfolgungsjagd, bei der sieben Einsatzfahrzeuge und der belgische Audi zu Schrott gefahren werden, werden Sven S. und Iran B. festgenommen.
Jetzt will Kommissar Hildebrand vor allem eines wissen: Wo ist Jörn S.? „Wir wollten unbedingt mit ihm sprechen. Es war immer noch unklar, wo sich Jörn S. befindet.
Wir hatten keinerlei Anhaltspunkte über den Ablageort der Leiche. “
Zu seiner Überraschung ist Sven geständig. Noch am selben Abend fahren die Ermittler mit ihm in ein Waldstück bei Lingen, nahe der holländischen Grenze. „Da machte es bei ihm Klick.
Er sagte: ‚Stopp, hier kann ich mich erinnern. Hier waren wir gewesen. ‘ Von da an war er sich sicher und konnte die Stelle zielgerichtet anfahren. “
Die Kriminaltechniker bergen die Leiche von Jörn S.
Die Verletzungen stimmen genau mit Svens Schilderung überein. Sven sagt aus: Sandys B. , die Freundin des dritten Tatverdächtigen Stefan K. , hatte Jörn S.
in seinem Handyshop kennengelernt. Um sie zu beeindrucken, prahlte er mit viel Geld. Als Sandy das ihren Freunden erzählte, schmiedeten Sven und Stefan einen Plan: Sandy sollte als Lockvogel dienen. Am 30.
August lädt Sandy Jörn zu sich in die Wohnung. Als er eintrifft, schlagen die beiden Männer sofort mit dem Griffstück einer Schreckschusspistole auf seinen Kopf. Jörn geht zu Boden. Sie nutzen seine Hilflosigkeit gnadenlos aus, erpressen die PIN, nehmen seine Geldkarte.
Während der schwer verletzte und gefesselte Jörn am Boden um sein Leben kämpft, holt Stefan eine Flasche Shampoo, um den Überfall zu feiern. Mit Paketklebeband fesseln sie seine Hände und wickeln es auch um seinen Kopf. Jörn erstickt qualvoll. Nun schließt sich der Kreis.
Sven schildert auch den Mord an Tony Debreo: Sie folgten ihm bis zu seiner Garage. Als er seinen Wagen abgeschlossen hatte, wurde er von Sven von hinten angesprungen, bedroht und misshandelt. Sie zwangen ihn, die Garage zu öffnen, nahmen ihm Geldbörse, Telefon und Autoschlüssel. Tony wurde in den Kofferraum seines Audis gesperrt.
Die Täter fuhren mit ihm nach Katwijk an den Strand. Dort zwangen sie ihn, ins Meer zu gehen. Doch Tony weigerte sich: „Ich kann das nicht, ich will das nicht. “ Er versprach ihnen alles, wenn sie ihn nur laufen ließen.
Doch Sven packte seinen Kopf und drückte ihn so lange unter Wasser, bis Tony ertrank. Vor dem Landgericht Neubrandenburg wird Sven S. zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Auch Stefan K.
muss lebenslang ins Gefängnis. Sandy B. wird wegen Beihilfe zum Mord zu sieben Jahren Jugendhaft verurteilt. Iran B.
wird in Den Haag zu acht Jahren Haft verurteilt. Dominik Debreo leidet bis heute unter dem Tod seines Vaters. Dennoch ist er den Ermittlern dankbar, dass die Mörder gefasst wurden. „So wie früher wird es trotzdem nie mehr sein.
“
Berlin, 20. Juni 2009. Ein Jogger ist im Spandauer Forst unterwegs, als er plötzlich einen Schrei hört. Wenig später findet er eine schwer verletzte Frau – ein Unbekannter hat mehrfach mit einem Messer auf sie eingestochen.
Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner nennt es „eine albtraumhafte Tat, die aus dem Nichts geschehen ist. Es gab keinerlei feststellbare Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer. Es ist ein Verbrechen, das jedem hätte passieren können. “
Bevor der Zeuge sie findet, ritzt Kirsten Saling mit letzter Kraft ihren Namen und ihre Telefonnummer in den Erdboden.
Der Jogger kann noch mit ihr sprechen. „Der auf dem Fahrrad… Gott in Weiß, der Blonde. Der sah so jung aus. “
Sie bittet ihn, ihren Mann zu suchen, der ebenfalls im Wald unterwegs ist.
„Sagen Sie meinem Mann, dass ich ihn liebe und unsere ganze Familie. “
Der Jogger findet den Ehemann und bringt ihn zum Tatort. Doch Kirsten ist bereits bewusstlos. Er kann nur noch ihre Hand halten.
Sie stirbt wenig später im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Die siebte Mordkommission des Berliner LKA übernimmt. Es gibt keine Augenzeugen. Eine Zigarettenkippe am Tatort führt nicht zum Täter.
Keine verwertbaren DNA-Spuren. Mantrailerhunde folgen der Fluchtroute des Täters über das Gelände des Evangelischen Johannesstifts. Kurz nach der Tat zeichnet eine Überwachungskamera einen jungen Radfahrer auf: 17 bis 20 Jahre, blonde Haare, rotes Mountainbike. Dann reißt die Spur ab.
Kirsten Saling war 39 Jahre alt. Sie hatte den Beruf der Krankenschwester erlernt, erkrankte in jungen Jahren an Krebs – eine Erfahrung, die sie dazu bewegte, sich beruflich um Krebspatienten zu kümmern. Sie war seit 20 Jahren mit ihrem Mann zusammen, der sie durch die Krankheitszeit begleitet hatte. An jenem Morgen begleitete sie ihren Mann spontan zum Frühsport.
Während er joggte, machte sie Dehnübungen an einer Wiese. Eine Joggerin beobachtete kurz zuvor einen Radfahrer in weißer Kleidung, der auffällig lange in ihrer Nähe verweilte. Dann wandte er sich ab – und kurze Zeit später tötete er Kirsten Saling. „Es gab kein Gespräch vorher, keins nachher.
Eine Tat komplett aus dem Nichts. “
Die Profiler der operativen Fallanalyse kommen zu dem Schluss, dass der Täter sich in der Gegend auskennt, möglicherweise einen Ankerpunkt im Johannesstift hat, ein Einzelgänger ist. Hinweise auf psychische Erkrankung gibt es nicht. Die These: Mordlust – jemand, der töten wollte, einfach um zu töten.
Die Ermittler werten Handydaten aus, überprüfen 240 Personen im Umfeld des Johannesstifts, vernehmen über 900 Zeugen in der Wohngegend, danach weitere 1700 in erweiterten Postleitzahlgebieten. Ohne Erfolg. Im Mai 2010 wird der Fall bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorgestellt. Doch der entscheidende Hinweis bleibt aus.
Ein junger Mann, der in der Nähe des Tatorts gelebt hat, wird zum Beschuldigten, sogar Telefonüberwachung wird angeordnet. Doch der Anfangsverdacht bestätigt sich nicht. Die letzte heiße Spur erlischt. Bis heute sucht die Polizei einen jungen Mann, der zur Tatzeit 17 bis 20 Jahre alt war, blonde Haare hatte und mit einem roten Mountainbike unterwegs war.
Am Tatort steht ein neuer Gedenkstein. „Vollkommen sinnlos wurde Kirsten Saling aus dem Leben gerissen – von einem Täter, der immer noch frei herumläuft. “
Am Morgen des 7. März 2024 entdeckt ein Passant an der NATO-Rampe in Hockenheim einen verkohlten Leichnam.
Für Kommissar Stefan V. und die Kripo Heidelberg beginnt ein Fall, der bundesweit für Aufsehen sorgt. „Bei unserem Eintreffen bot sich kein schöner Anblick. Der Leichnam war nicht mehr identifizierbar.
“
Die Rechtsmediziner finden heraus: Es ist eine Frau, zwischen 25 und 35 Jahren, getötet durch stumpfe Gewalt. Eine Sonderkommission wird eingerichtet, bis zu 60 Beamte ermitteln. Dann kommt ein Hinweis völlig überraschend aus der Ukraine. Eine Frau schreibt, sie könne ihre Mutter und ihre Schwester seit Tagen nicht erreichen.
Die 27-jährige Rita R. und ihre 51-jährige Mutter Marina S. sind Geflüchtete, zuletzt in einer Gemeinschaftsunterkunft in Wiesloch untergebracht. Anhand von Schmuckstücken und einem Smartphone aus sozialen Medien wird die Tote identifiziert: Es ist Rita R.
Ihre Mutter ist spurlos verschwunden. Und dann erfahren die Ermittler: Rita hatte kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Auch von dem Baby fehlt jede Spur. Die Ermittler konzentrieren sich auf das Umfeld von Rita.
Der Freund, der sie am Abend des 6. März zuletzt gesehen hatte, berichtet von einem Ehepaar, das sich wie Wohltäter um Rita und Marina gekümmert habe. Laut Ritas Schwester hatte dieses Ehepaar die beiden Frauen am Abend vor dem Fund der Brandleiche zu einer Geburtstagsfeier in ein Lokal bei Karlsruhe eingeladen. Die Auswertung der Funkzellendaten zeigt: Genau zwei Handys waren an diesem Abend sowohl am Restaurant als auch in der Unterkunft aktiv – die von Ina O.
(43) und ihrem Ehemann Marco (42), beide wegen Betrugs vorbestraft. Dann geht ein anonymer Hinweis ein: Marco und Ina hätten auf einer Familienfeier einen Säugling als ihre neue Tochter vorgestellt, angeblich in Tschechien adoptiert. Doch der Hinweisgeber glaubt nicht daran – das Paar hätte für eine solche Adoption kein Geld gehabt. Die Ermittler schlagen zu.
Ina wird mit einem Säugling auf dem Arm festgenommen, Marco widerstandslos zu Hause. Ein DNA-Abgleich bestätigt: Das Baby ist die Tochter von Rita, der Toten von der NATO-Rampe. Ina und Marco schweigen zunächst. Doch die Auswertung der Handydaten führt zu einer Seenlandschaft in Bad Schönborn, wo sich das Paar in der Tatnacht aufgehalten hatte.
Drei Tage lang suchen Polizeitaucher, Hubschrauber und Spürhunde – vergeblich. Erst nachdem die Anwälte die Beschuldigten im Gefängnis aufgesucht haben, finden die Taucher am vierten Tag die Leiche von Marina in einem der Seen. Sie wurde mit Schlägen auf den Kopf getötet. Im Haus des Paares finden die Ermittler einen Benzinkanister und ein Stahlseil.
Die Handychats offenbaren das Motiv: Über ein Jahr lang planten Ina und Marco, in den Besitz eines weiblichen Säuglings zu gelangen. Sie haben selbst drei Kinder. Zunächst planten sie die Entführung eines Babys im Ausland. Dann trafen sie Anfang 2024 auf Rita.
Ina baute eine enge Bindung zu Rita auf, war bei der Geburt im Krankenhaus anwesend. Sie schaffte es, Situationen zu kreieren, in denen Rita ihr das Kind allein überließ. Ina erschien mehrfach mit dem Baby bei einer Frauenärztin und erhielt eine Bescheinigung über eine „spontane Hausgeburt“. Damit besorgte sie sich eine Geburtsurkunde auf einen neuen Namen.
Der Plan: die beiden Erwachsenen trennen. Unter dem Vorwand eines Geburtstagsessens luden sie Rita und Marina in ein Restaurant ein. Nach dem Essen verabreichten sie ihren Opfern Getränke mit sedierenden Medikamenten. Marinas Zustand verschlechterte sich drastisch.
Ina und Marco boten an, sie ins Krankenhaus zu fahren – doch sie brachten sie zu dem See, den sie zuvor ausgekundschaftet hatten. Dort schlugen sie Marina mit mehreren Schlägen auf den Kopf, bis sie handlungsunfähig war. Sie legten ihr das Stahlseil um den Hals und zogen sie ins Wasser. Mitten in der Nacht riefen sie Rita an: Ihre Mutter habe einen Herzinfarkt erlitten, ihre Anwesenheit sei nötig.
Rita verließ mit dem Baby die Unterkunft und stieg zu den beiden ins Auto. Gegen fünf Uhr morgens kamen sie an der NATO-Rampe in Hockenheim an. Rita war schläfrig, nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Sie wurde aus dem Auto geholt, in ein Gebüsch gelegt und mit Schlägen auf den Kopf getötet.
Dann übergossen die Täter ihre Leiche mit Benzin und zündeten sie an. Das Kind nahmen sie mit nach Hause. Im Januar 2025 legen Ina und Marco vor dem Landgericht Mannheim ein Geständnis ab. Sie werden wegen Mordes in zwei Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt. „Das Ehepaar hat ohne Skrupel und überaus kaltblütig gehandelt“, so die Urteilsbegründung. Die kleine Tochter von Rita R. lebt inzwischen in der Obhut ihrer Familie in der Ukraine.
In Anklam nimmt sich Ermittler Ulf Jokiel im Jahr 2015 die Akten eines 38 Jahre zurückliegenden Tötungsdelikts vor. Der Fall: Ramona Müsebeck. „Ramona war 21 Jahre, ein lebenslustiges Mädchen, Kindergärtnerin, allseits sehr beliebt in Spandow-Hagen, fest eingebettet in das soziale Leben des Ortes. “
Am Morgen des 3.
August 1986 finden Spaziergänger gegen 10 Uhr ihre Leiche in einem Waldstück nahe der Landstraße Richtung Spandow-Hagen. Sie ist noch bekleidet, aber die Kleidung ist zerrissen. Sie weist Verletzungen auf, die auf ein Sexualdelikt mit Todesfolge hindeuten. Es gab Spuren eines abrupten Kampfes.
In der Nähe werden ihr Fahrrad und eine Zigarettenkippe gefunden. In Berlin wird eine daktyloskopische Spur, ein Handabdruck am Fahrrad, gesichert – die Ermittler sind überzeugt, es sei die Spur des Täters. In der Nacht vor ihrem Tod war Ramona mit Freunden in der Diskothek „Teufelstein“. Danach fuhren sie gemeinsam mit dem Fahrrad nach Hause.
Ramona fuhr voran. Ihre Freunde glaubten, sie seien nur wenige Minuten hinter ihr. Dann sahen sie zwei Fahrräder am Straßenrand: eins gehörte Ramona, das andere ein rotes Herrenrad. Die Freunde fuhren weiter.
Später werden sie sich deshalb Vorwürfe machen. Andere Heimkehrer sahen die Räder nicht mehr – die Tatzeit konnte auf etwa 0:30 Uhr eingegrenzt werden. Die Ermittler richten ihren Blick auf den Nahbereich des Opfers. Auch Ramonas Freund, der an dem Abend in der Disco war, wird intensiv vernommen, kann aber ein Alibi vorweisen.
Er berichtet von einer seltsamen Beobachtung: Wochen vor der Tat stand eine Person auf einem Dach hinter Ramonas Haus und schien sie zu beobachten. Die Person konnte nie identifiziert werden. Tausende Fingerabdrücke werden genommen, auch von Bauarbeitern des nahegelegenen Kernkraftwerks – bis zu 10. 000 Vergleichsspuren.
Der Täter ist nicht darunter. 1989, mit der Wende, wird die Akte geschlossen. Ulf Jokiel lässt der Fall nicht los. 2015 gründet er eine Cold Case Einheit.
Eine operative Fallanalyse wird durchgeführt. Die junge Ermittlerin Norma Wohner arbeitet die 15 Aktenordner auf. Gemeinsam mit Experten von BKA und LKA wird der Fall eine Woche lang in einem Hotel neu aufgerollt. Das Team beschließt, dem Handabdruck weniger Beachtung zu schenken und den Tathergang zu rekonstruieren.
Dabei wird klar: Die Fahrräder lagen ordentlich abgelegt. Es war keine chaotische Szene. Ramona muss den Täter gekannt haben. „Es ist sehr naheliegend, dass Ramona den Täter kannte, dass sie bewusst anhielt und sich bewusst mit ihm zu dieser Stelle begeben hat“, sagt Jokiel.
Der Fall wird am 13. September 2023 bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ ausgestrahlt. Ein anonymer Spender erhöht die Belohnung um 50. 000 Euro.
Doch die Ermittler konzentrieren sich auf erneute Vernehmungen – mit einer besonderen Technik, dem kognitiven Interview: Zeugen sollen die Augen schließen, sich in den Sommer 1986 zurückversetzen, ihre Gefühle und Gedanken von damals reaktivieren. „Wir haben mehr Informationen von denselben Zeugen bekommen als 1986“, sagt Jokiel. Der Täter ist noch nicht identifiziert. Doch die Ermittler sind zuversichtlich: „Wir haben einen Weg eingeschlagen, von dem wir glauben, dass wir die richtige Spur aufgenommen haben.
Wir werden in diesem Fall nicht aufgeben. “


