Am 4. Januar 1988 wurde ich auf einem Parkplatz in Aschaffenburg in mein eigenes Auto gezerrt. Ein Mann hielt mir einen Schraubenzieher an den Hals und zischte: „Los, fahr los!“ Ich dachte erst,…

Am 4. Januar 1988 wurde ich auf einem Parkplatz in Aschaffenburg in mein eigenes Auto gezerrt. Ein Mann hielt mir einen Schraubenzieher an den Hals und zischte: „Los, fahr los!“ Ich dachte erst,...

Aschaffenburg, 4. Januar 1988, kurz nach zwei Uhr nachts. Ursula B. , 22 Jahre alt und Friseurin, verlässt die Diskothek „Nachtcafé“.

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Sie hat getanzt, gelacht, einen schönen Abend gehabt. Nun will sie nach Hause, zu ihrem weißen Mitsubishi Colt, der nur wenige Meter entfernt parkt. Sie setzt sich hinters Steuer, als plötzlich die Beifahrertür aufgerissen wird. Ein Mann stürzt sich auf sie, drückt sie nach vorn ans Lenkrad, hält ihr einen Schraubenzieher an den Hals.

„Los, fahr los! “, zischt er. Ursula glaubt zunächst an einen schlechten Scherz. „Wenn du nach Hause willst, nimm dir doch ein Taxi“, sagt sie.

Doch der Mann wird aggressiv, schlägt zu. Da begreift sie, dass das kein Spiel ist. Sie fährt los. Der Täter dirigiert sie durch dunkle Nebenstraßen, immer weiter hinaus aus der Stadt, Richtung Haibach.

Irgendwann befiehlt er ihr, in einen Waldweg abzubiegen. Sie gehorcht, in der stillen Hoffnung, das Ganze irgendwie zu überleben. Im Wald soll sie den Motor ausmachen. Der Mann zündet sich erst einmal eine Zigarette an.

Dann schlägt er sie, fesselt sie, verbindet ihr die Augen. Drei Stunden dauert das Martyrium. Sie bettelt, fleht, denkt nur noch: Lass es mich überleben. Als der Täter von ihr ablässt, zerrt er sie aus dem Auto.

Er zwingt sie zu urinieren, um Spuren zu verwischen. Dann sticht er mit dem Schraubenzieher auf sie ein, immer wieder und wieder. Ursula denkt: Jetzt stehst du nicht mehr auf. Sie wird mit Erde und Laub bedeckt zurückgelassen.

Sie liegt da, hält die Luft an, als er zurückkommt und sie mit dem Fuß anstupst, um zu prüfen, ob sie sich noch bewegt. Dann hört sie, wie sein Auto davonfährt. Und dann wird es seltsam still und leicht. Der Schmerz ist weg, die Kälte nicht mehr spürbar.

Ursula sieht ein Licht, sieht sich selbst liegen. Sie will einfach bleiben, da ist es friedlich. Doch dann denkt sie an ihre Mutter und ihre kleine Schwester, die acht Jahre jünger ist. Sie weiß: Die beiden halten das nicht durch, wenn ich hier liegen bleibe.

Mit letzter Kraft robbt sie durch den Wald zur Straße. Ein Autofahrer hält an, ein Direktor des Frankfurter Flughafens, bringt sie sofort ins Krankenhaus. Dort entdecken die Ärzte, dass ihre Arterie durchtrennt ist. Sie wird notoperiert.

Sie hat sechzehn Stichverletzungen überlebt – knapp. Am selben Tag findet die Polizei ihren Wagen auf einem Parkplatz in der Stadt. Die Ermittler suchen Spuren, doch 1988 gibt es noch keine DNA-Analyse. Man sichert Fingerabdrücke, Fasern und Blut.

Über tausend Hinweise gehen ein, doch keiner führt zum Täter. Das Phantombild wird gedruckt, in der Zeitung veröffentlicht, überall in der Region aufgehängt. Der Täter bleibt verschwunden. Nach einigen Wochen wird die Sonderkommission aufgelöst.

Der Fall wird zu den ungelösten Akten gelegt. Ursula B. lebt weiter. Sie kämpft sich zurück in ein normales Leben, arbeitet wieder, heiratet.

Aber die Angst bleibt. Sie beginnt zu joggen, immer nur ein Stück in den Wald hinein, dann wieder zurück. Über Jahre trainiert sie sich ihre Freiheit zurück. Heute läuft sie zehn bis zwölf Kilometer am Tag.

Sie sagt: „Ich wollte kein Opfer sein. Nur weil man Opfer wird, muss man nicht Opfer bleiben. “ Doch die Scham, die Wut, das Gefühl, dass der Täter nie gefasst wurde, bleiben unter der Oberfläche. 2015, fast dreißig Jahre später, bekommt der Fall eine neue Chance.

Kriminaldirektor Markus Schlemmer, neuer Leiter der Kripo Aschaffenburg, lässt ungelöste Tötungsdelikte aus den letzten Jahrzehnten prüfen. Zwei erfahrene Ermittler, Jörg Albert und Thomas Bütner, stoßen im Keller der Polizei auf die Akte Ursula B. Eigentlich gilt der Fall nicht als vorrangig, schließlich war es „nur“ ein versuchter Mord. Aber die außergewöhnliche Brutalität der Tat lässt sie nicht los.

Sie lesen das Vernehmungsprotokoll immer wieder. Jedes Mal packt sie die Wut von neuem. Sie fahren zum Tatort, durchforsten alte Unterlagen. Ihre große Hoffnung: eine gezielte Medienkampagne, um neue Zeugen zu finden.

Und dann entdeckt Bütner in einem Ordner einen Umschlag mit zehn Klebestreifen. Sie wurden 1988 benutzt, um Fasern von den Autositzen zu sichern. Es gibt keinen Vermerk über eine Untersuchung. „Schick sie zum LKA“, sagt Albert.

Im DNA-Labor in München nimmt sich die erfahrene Assistentin Angelika Fürst der Klebestreifen an. Sie arbeitet sie zentimeterweise ab, geduldig, ohne große Erwartung. Über ein Jahr lang extrahiert sie rund 500 Proben. Immer wieder nur Spuren des Opfers.

Dann, beim letzten Klebeband, findet sie plötzlich eine männliche DNA. Der Abgleich in der BKA-Datenbank liefert einen Treffer: Jürgen R. , 55 Jahre alt, aus Haibach. Er wurde 2004 wegen Vergewaltigung seiner damaligen Ehefrau verurteilt und nach der Haftentlassung in die DNA-Datei aufgenommen.

Für die Ermittler ist das der Durchbruch. Am 22. Oktober 2017 nehmen sie ihn fest. Er gesteht die Vergewaltigung, aber nicht den Mordversuch.

Im Prozess vor dem Landgericht Aschaffenburg im Mai 2018 sieht Ursula B. ihren Peiniger zum ersten Mal wieder. Sie erkennt ihn kaum. Er sitzt da, schaut zu Boden, vermeidet jeden Blickkontakt.

Sie sagt: „Ich wollte ihm zeigen: Ich bin hier. Du hast es nicht geschafft. “ Als das Urteil verkündet wird – lebenslange Haft wegen versuchten Mordes – fällt eine Last von ihr ab. Zum ersten Mal spürt sie keine Scham mehr.

Nach dreißig Jahren hat die Gerechtigkeit ihn eingeholt. Und Ursula B. beginnt ihr drittes Leben.