Ich saß mit meiner Kaffeeschnüffler-Geschichte in einem Berliner Café, als mir eine ältere Dame gegenüber plötzlich sagte: „Sei froh, dass du heute lebst. Meine Urgroßmutter hat ihren Kaffee…

Ich saß mit meiner Kaffeeschnüffler-Geschichte in einem Berliner Café, als mir eine ältere Dame gegenüber plötzlich sagte: „Sei froh, dass du heute lebst. Meine Urgroßmutter hat ihren Kaffee...

Die Berater drängten sich um den Thron des Papstes, ihre Stimmen scharf vor Empörung. Sie verlangten ein Verbot, ein sofortiges, unmissverständliches Verbot jenes dunklen Getränks, das aus dem Osmanischen Reich nach Italien geschwappt war. Eine bittere Erfindung des Satans, nannten sie es. Ein Trank der Ungläubigen, dunkel wie die Sünde selbst.

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Kein Christ solle dieses Zeug auch nur anrühren. Papst Clemens der Achte hörte sich das an. Dann tat er, womit keiner gerechnet hatte. Er verlangte eine Tasse.

Man brachte sie ihm, er trank, und seine Miene hellte sich auf. Begeistert soll er gesagt haben, dieses Getränk des Teufels sei so köstlich, dass es eine Schande wäre, es allein den Ungläubigen zu überlassen. Statt es zu verbannen, gab er ihm seinen Segen. Er erklärte den Kaffee zu einem wahrhaft christlichen Getränk und erlaubte damit Millionen von Katholiken in ganz Europa, ihn zu trinken.

Diese Entscheidung klingt wie eine nette Anekdote, aber sie hat den Lauf der europäischen Geschichte mitgeprägt. Ohne diesen päpstlichen Segen hätte sich der Kaffee in der katholischen Welt vielleicht nie durchgesetzt. Und ohne Kaffee sähe Europa heute ganz anders aus. Um zu verstehen, wie es so weit kam, muss man weit zurückgehen.

In die Berge Äthiopiens, ins 9. Jahrhundert. Dort, in der Region Kafa, beginnt die älteste Geschichte über die Entdeckung des Kaffees. Sie handelt von einem jungen Ziegenhirten namens Caldi.

Caldi beobachtete eines Tages, wie seine Ziegen von einem Strauch mit leuchtend roten Früchten fraßen. Danach sprangen die Tiere herum, als hätten sie den Verstand verloren. Sie schliefen nachts nicht mehr, waren aufgedreht, nervös, voller Energie. Caldi pflückte ein paar der roten Kirschen und probierte sie selbst.

Er spürte dieselbe Wirkung, ein Gefühl von Wachheit, das er nie gekannt hatte. Ob die Geschichte wirklich so passiert ist, weiß niemand. Die frühesten schriftlichen Aufzeichnungen über Kaffee aus Äthiopien stammen aus dem 10. Jahrhundert.

Sicher ist nur, dass die Kaffeepflanze Coffea Arabika seit Jahrtausenden wild in den Bergwäldern Äthiopiens wächst. Den Namen Kaffee leitet man sehr wahrscheinlich von genau dieser Region ab, von Kafa. Eine Version der Legende besagt, dass Caldi die Früchte zu einem Kloster brachte und dem Obermönch von der Wirkung auf seine Ziegen erzählte. Der Mönch war alles andere als begeistert.

Er nannte die Beeren ein Werk des Teufels und warf sie ins Feuer. Dann geschah etwas Unerwartetes. Ein Duft breitete sich im Kloster aus, so intensiv und angenehm, dass die anderen Mönche herbeiliefen. Sie holten die gerösteten Bohnen aus der Glut, zerdrückten sie, übergossen sie mit heißem Wasser und tranken das erste, was man als Kaffee bezeichnen könnte.

Die Mönche blieben wach, selbst während ihrer langen Nachtgebete. Statt das Teufelszeug zu verdammen, bereiteten sie es von nun an jeden Abend zu. So wie wir ihn heute kennen, existierte der Kaffee damals noch nicht. In den ersten Jahrhunderten wurde er eher als Aufguss aus Blättern und rohen Kirschen zubereitet, eine Art Tee.

Manche kauten die Beeren auch roh. Die Idee, die Bohnen zu rösten, zu mahlen und mit heißem Wasser aufzubrühen, entwickelte sich erst später, vermutlich auf der arabischen Halbinsel. Und dort begann die eigentliche Verwandlung des Kaffees von einer lokalen Nutzpflanze in ein Weltprodukt. Im 12.

oder 13. Jahrhundert gelangte die Kaffeepflanze über Handelsrouten in den Jemen. Die Jemeniten erkannten das wirtschaftliche Potenzial und begannen, sie gezielt anzubauen. Der Hafen von Mokka an der Küste des Roten Meeres wurde zum Zentrum des weltweiten Kaffeehandels.

Der Name Mokka, den wir bis heute mit Kaffee verbinden, stammt von dort. Der Jemen kontrollierte den gesamten Handel. Kein anderes Land besaß Kaffeepflanzen. Kein anderes Land durfte sie besitzen.

Die Araber schützten ihr Monopol mit allen Mitteln. Sie überbrühten jede Bohne, die das Land verließ, mit heißem Wasser und zerstörten so die Keimfähigkeit. Kein ausländischer Händler sollte aus den gekauften Bohnen eigene Pflanzen ziehen können. Das Monopol sollte für alle Zeiten bestehen bleiben.

Aber wie so viele Monopole in der Geschichte war auch dieses auf Dauer nicht zu halten. In der arabischen Welt entstand derweil eine richtige Kaffeekultur. Um 1500 eröffnete in Mekka das vermutlich erste Kaffeehaus der Welt. Weitere folgten in Kairo, Damaskus und Konstantinopel.

Die Osmanen nannten ihre Kaffeehäuser Schulen der Weisen. Dort trafen sich Gelehrte, Händler, Dichter und Philosophen. Man diskutierte Politik, spielte Schach und tauschte Nachrichten aus. Kaffee anzubieten war Teil des diplomatischen Protokolls, ein Zeichen des Respekts.

Genau diese Mischung aus freier Rede und gesellschaftlicher Bedeutung machte den Herrschenden Angst. Mehrfach versuchten osmanische Sultane, den Kaffee zu verbieten. Sultan Murat IV. ging im 17.

Jahrhundert am weitesten. Er stellte den Konsum unter Strafe, es gibt Berichte, wonach Kaffeetrinker sogar mit dem Tod bestraft werden konnten. Trotzdem scheiterten die Verbote, jedes einzelne. Die Menschen wollten ihren Kaffee, und die Kaffeehäuser blieben offen.

Während die Osmanen mit ihren Verboten kämpften, erreichte der Kaffee über die Handelsrouten der venezianischen Kaufleute Europa. Die erste dokumentierte Lieferung nach Venedig datiert auf das Jahr 1615. Europäische Diplomaten in Konstantinopel kannten das Getränk bereits. Als der Kaffee sich aber unter der breiten Bevölkerung zu verbreiten begann, war die Reaktion der Europäer gespalten.

Manche waren fasziniert von dem exotischen Trunk aus dem Orient. Andere waren zutiefst misstrauisch. Die Skepsis hatte einen klaren Grund. Kaffee kam aus der islamischen Welt.

Man nannte ihn ein Türkengetränk. In den Augen vieler Christen war er ein Produkt des Feindes. Die Berater des Papstes forderten ein Verbot. Papst Clemens der Achte kostete selbst, war begeistert und gab dem Kaffee seinen Segen.

Damit öffnete er ihm die Tür nach Europa. 1645 eröffnete in Venedig das erste europäische Kaffeehaus. 1650 folgte Oxford, 1652 London, 1659 Marseille, 1663 Amsterdam, 1671 Hamburg, 1672 Paris. In Bremen entstand 1673 das erste deutsche Kaffeehaus, und Wien folgte 1685, eng verknüpft mit einem Ereignis, das die Stadt für immer prägen sollte.

1683 standen 120. 000 osmanische Soldaten vor den Toren Wiens. Die Belagerung dauerte von Juli bis September und brachte die Stadt an den Rand des Zusammenbruchs. Als ein Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Jan III.

Sobieski die Osmanen zurückschlug, fanden die Wiener im verlassenen Lager der Türken neben Waffen und Zelten auch Säcke voller unbekannter Bohnen. Zunächst wusste niemand, was damit anzufangen war. Manche hielten sie für Kamelfutter. Ein Kaufmann namens Johannes Theodat, ein Grieche, der bereits mit dem Osmanischen Reich Handel getrieben hatte und das Getränk kannte, eröffnete 1685 eines der ersten Kaffeehäuser der Stadt.

Daraus entwickelte sich eine Tradition, die bis heute lebt. Die Wiener Kaffeehauskultur wurde im Jahr 2000 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Was als Kriegsbeute begann, wurde zu einem Stück Weltkultur. Aber Wien war nur ein Teil der Geschichte.

Die eigentliche politische und wirtschaftliche Sprengkraft des Kaffees zeigte sich in London und Paris. In London explodierten die Kaffeehäuser in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts regelrecht. Um 1680 soll es in der Stadt bereits 3.

000 davon gegeben haben. Man nannte sie Penny Universities, weil man für den Preis einer Tasse Kaffee, einen Penny, Zugang zu Wissen, Nachrichten und intellektuellen Gesprächen bekam. Wer sich keine Universität leisten konnte, ging ins Kaffeehaus und hörte zu. Wer eine Zeitung lesen wollte, fand sie dort ausgelegt.

Wer einen Geschäftspartner suchte, traf ihn dort eher als in seinem Kontor. Juristen trafen sich in einem bestimmten Haus, Ärzte in einem anderen, Schriftsteller in einem dritten. Manche Geschäftsleute gaben die Adresse ihres Stammkaffeehauses sogar als offizielle Geschäftsadresse an. Aus einem dieser Häuser entstand eine der mächtigsten Institutionen der globalen Finanzwelt.

1688 eröffnete ein ehemaliger Seefahrer namens Edward Lloyd ein Kaffeehaus in der Londoner Tower Street, direkt am Hafen. Lloyd versorgte seine Gäste, vorwiegend Reeder, Kapitäne und Kaufleute, mit aktuellen Schiffsnachrichten. Er hängte Segellisten, Berichte über Schiffsuntergänge und Marktpreise an ein schwarzes Brett. Sein Kaffeehaus wurde zur wichtigsten Informationsbörse der Schifffahrtsbranche.

Dort wechselten Schiffe ihre Besitzer, Ladungen wurden verhandelt, und Geschäftsleute begannen, Wetten darauf abzuschließen, welche Schiffe sicher in den Hafen zurückkehren würden. Aus diesen Wetten entwickelte sich ein System der Seeversicherung. Nach Lloyds Tod 1713 bestand das Haus unter seinem Namen weiter und wuchs zu dem heran, was heute Lloyd’s of London ist, eine der größten Versicherungsbörsen der Welt. Auch die Londoner Börse und die Bank of England hatten ihre Anfänge in Kaffeehäusern.

Drei der wichtigsten Finanzinstitutionen der Welt, geboren über einer Tasse Kaffee. In Paris nahm die Sache eine andere, nicht weniger dramatische Wendung. 1683 eröffnete der Sizilianer Francesco Procopio dei Coltelli das Café Procope in der Rue de l’Ancienne Comédie. Es ist das älteste noch bestehende Kaffeehaus in Paris und existiert bis heute unter demselben Namen.

Es lag direkt gegenüber der Comédie-Française und wurde innerhalb weniger Jahre zum Treffpunkt der intellektuellen Elite Frankreichs. Voltaire soll dort täglich bis zu 40 Tassen Kaffee getrunken haben, gemischt mit Schokolade. Jean-Jacques Rousseau war Stammgast. Denis Diderot arbeitete im Procope an seiner Enzyklopädie, jenem monumentalen Versuch, das gesamte Wissen der Menschheit in einem Werk zu versammeln.

Die französische Aufklärung nahm in einem Kaffeehaus Gestalt an. Nicht in einer Universität, nicht in einem Palast, sondern zwischen Kaffeetassen und Tabakrauch. Das Café Procope war nicht das einzige Pariser Kaffeehaus, das Geschichte schrieb. Am 12.

Juli 1789, zwei Tage vor dem Sturm auf die Bastille, stieg ein junger Journalist namens Camille Desmoulins auf einen Tisch vor dem Café de Foy im Garten des Palais Royal. Desmoulins hatte sein ganzes Leben lang gestottert. Aber in diesem Moment, aufgewühlt von der Nachricht, dass König Ludwig XVI. seinen beliebten Finanzminister Jacques Necker entlassen hatte, verschwand das Stottern.

Desmoulins rief die versammelte Menge zu den Waffen. Er steckte ein grünes Blatt an seinen Hut als Erkennungszeichen der Freiheitskämpfer und verteilte weitere Blätter an die Umstehenden. Die Kokarde war geboren, die Menge setzte sich in Bewegung. Noch am selben Abend stürmten die aufgebrachten Pariser die Zollbarrieren an der Stadtmauer.

Zwei Tage später, am 14. Juli 1789, fiel die Bastille. Eine Revolution, die Europa für immer veränderte, nahm ihren Anfang vor einem Kaffeehaus. Man kann darüber streiten, ob der Kaffee die Aufklärung und die Revolution im direkten Sinne ausgelöst hat.

Aber er hat etwas geschaffen, das es vorher nicht gab: einen nüchternen Raum für freies Denken. Vor dem Café waren die gesellschaftlichen Treffpunkte Europas Wirtshäuser und Tavernen. Man trank Bier und Wein. Man wurde müde, laut und betrunken.

In den Kaffeehäusern passierte das Gegenteil. Die Menschen wurden wacher, klarer, rätseliger. Das Denken wurde angeregt, nicht gedämpft, und das in einem Raum, der allen offen stand, zumindest allen Männern, unabhängig von Stand und Herkunft. Ein Kaffeehaus war der große Gleichmacher.

Ob Adliger oder Kaufmann, ob Gelehrter oder Handwerker, vor der Kaffeetasse waren alle gleich. Historiker haben den Kaffee als Treibstoff der Aufklärung bezeichnet. Die Enzyklopädie entstand im Café Procope. Die Börse entstand in einem Kaffeehaus.

Die Seeversicherung entstand in einem Kaffeehaus. Die französische Revolution begann vor einem Kaffeehaus. Das ist kein Zufall. Das ist ein Muster.

Während der Kaffee die Köpfe Europas wach machte, wuchs hinter den Kulissen ein wirtschaftliches Problem. Woher sollten die ganzen Bohnen kommen? Das jemenitische Monopol konnte den Hunger nicht mehr stillen, und europäische Kolonialmächte witterten ihre Chance. Die Niederländer machten den Anfang.

Schon um 1670 soll ein indischer Pilger namens Baba Budan keimfähige Bohnen aus Mekka nach Indien geschmuggelt haben. Doch es waren die Niederländer, die den Anbau im großen Stil betrieben. Bereits 1616 gelang es ihnen, Kaffeepflanzen aus dem Jemen zu entwenden. Sie versuchten zunächst, die Pflanzen in den Niederlanden zu züchten, aber das kalte Klima machte ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Also verlegten sie den Anbau in ihre Kolonien. Ab 1658 wuchs Kaffee auf Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. 1696 kamen die ersten Setzlinge nach Batavia, dem heutigen Jakarta auf Java. Die niederländische Ostindien-Kompanie machte den Kaffee zu einem ihrer profitabelsten Handelsgüter.

Java wurde so wichtig, dass sein Name im Englischen bis heute als Synonym für Kaffee dient. Die Franzosen legten Plantagen auf Martinique und Haiti an. Die Portugiesen brachten die Pflanze nach Brasilien, das im Lauf der Jahrhunderte zum mit Abstand größten Kaffeeproduzenten der Welt aufstieg. Diese koloniale Expansion hatte eine Schattenseite.

Der Kaffeeanbau beruhte in vielen Regionen auf Zwangsarbeit und brutaler Ausbeutung. Auf Java mussten einheimische Bauern auf Geheiß der Kolonialherren ein bestimmtes Soll an Kaffeepflanzen anbauen, unter erbärmlichen Bedingungen. In der Karibik und in Brasilien arbeiteten Versklavte auf den Plantagen. Der Kaffee, der in den eleganten Kaffeehäusern Europas ausgeschenkt wurde, hatte einen bitteren Beigeschmack, der nichts mit dem Aroma der Bohne zu tun hatte.

Zurück nach Europa. Dort spielte sich im 18. Jahrhundert eine Episode ab, die heute fast komisch klingt, damals aber bitterer Ernst war. Friedrich II.

von Preußen, besser bekannt als Friedrich der Große, hatte ein Problem mit dem Kaffee. Nicht, weil er ihn nicht mochte, sondern weil er fand, dass das Geld seiner Untertanen für importierte Bohnen ins Ausland floss, statt im eigenen Land zu bleiben. Kaffee musste importiert werden. Bier konnte man in Preußen selbst brauen.

Friedrich soll gesagt haben, er sei höchst selbst in der Jugend mit Biersuppe erzogen worden, und das sei viel gesünder als Kaffee. Er fand außerdem, dass Maurer, Mägde und dergleichen, die sich von ihrer Hände Arbeit ernährten, keinen Kaffee trinken sollten. Kaffee war aus seiner Sicht ein Luxus, der dem einfachen Volk nicht zustand. Also ging er ans Werk.

1766 holte er sich französische Steuerpächter ins Land, die ein ausgeklügeltes System von Verbrauchssteuern einführten. Der Kaffee wurde so stark verteuert, dass sich gewöhnliche Leute das Getränk kaum noch leisten konnten. Wer Kaffee zu Hause rösten wollte, brauchte einen sogenannten Brennschein, den nur Reiche sich leisten konnten. Das Ergebnis war vorhersehbar.

Der Schmuggel mit grünem, also ungeröstetem Kaffee, blühte an der preußischen Grenze. Am 21. Januar 1781 erließ Friedrich sein berüchtigtes Kaffeeröstgesetz. Es verbot jedem, Kaffee zu Hause zu rösten.

Nur die staatliche Rösterei durfte das. Um das Verbot durchzusetzen, stellte Friedrich rund 400 ehemalige Soldaten ein, Kriegsinvaliden aus dem Siebenjährigen Krieg. Ihre Aufgabe war ungewöhnlich. Sie sollten durch die Straßen ziehen und am Geruch erkennen, wo heimlich Kaffee geröstet wurde.

Die Berliner nannten sie sofort Kaffeeschnüffler oder Kaffeeriecher. Diese Männer hatten Befugnisse, die man sich heute kaum vorstellen kann. Sie durften in Uniform Häuser betreten, Küchen durchsuchen und sogar Frauen abtasten und beriechen, um versteckten Kaffee zu finden. Wenn sie ein illegales Kaffeekränzchen aufspürten, gab es eine Prämie obendrauf.

Die Berliner Hausfrauen versteckten ihre Kaffeekannen unter Tischtüchern und rösteten nachts bei geschlossenen Fenstern. Es war ein Katz-und-Maus-Spiel, das der König von Anfang an nicht gewinnen konnte. Friedrichs Kaffeekrieg war zum Scheitern verurteilt. Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm II.

schaffte die Kaffeeschnüffler 1787 ab, nur ein Jahr nach Friedrichs Tod. Der Schaden für die Staatskasse durch den Schmuggel war größer als der Gewinn durch das Monopol. Der Kaffee hatte gewonnen, gegen einen König. In den folgenden Jahrhunderten setzte der Kaffee seinen Siegeszug ungebremst fort.

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts machte ihn vom Luxusgut zum Alltagsgetränk der breiten Bevölkerung. 1884 meldete Angelo Moriondo in Turin ein Patent für eine Maschine an, die mit Dampfdruck arbeitete. Es war der Vorläufer der modernen Espressomaschine.

In den Fabriken des 19. Jahrhunderts war Kaffee der Treibstoff, der die Arbeiter durch zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden Schicht brachte. Die Bohne hatte sich vom Luxus der Gelehrten zum täglichen Begleiter der Arbeiterklasse gewandelt. Heute ist Kaffee eines der meist gehandelten Güter der Welt.

Rund zwei Milliarden Tassen werden täglich getrunken. In Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei etwa 162 Litern im Jahr, mehr als Bier. Die größten Produzenten sind Brasilien, Vietnam und Kolumbien. Äthiopien, das Land, in dem alles begann, ist heute der fünftgrößte Kaffeeproduzent der Welt und hat den höchsten Eigenkonsum aller Kaffeeländer.

Die äthiopische Kaffeezeremonie ist bis heute ein fester Bestandteil des Alltags. Grüne Bohnen werden vor den Augen der Gäste über Holzkohle geröstet, der Duft füllt den Raum, und der frisch aufgebrühte Kaffee wird in kleinen Tassen serviert. Das passiert bis zu dreimal am Tag. Der Kreis schließt sich hier.

In dem Land, wo ein Ziegenhirte vor über tausend Jahren beobachtet haben soll, wie seine Tiere nach dem Fressen roter Beeren verrückt spielten, wird Kaffee heute mit einer Ehrfurcht zubereitet, die man in europäischen Coffee-to-go-Ketten vergeblich sucht. Kaffee war nie einfach nur ein Getränk. Er war ein Werkzeug der Mönche, die wach bleiben wollten für ihre Gebete. Ein Werkzeug der Händler, die Monopole errichten und verteidigen wollten.

Ein Werkzeug der Kolonialmächte, die Plantagen betrieben und fremde Arbeitskraft ausbeuteten. Ein Werkzeug der Philosophen, die eine neue Welt denken wollten, und ein Werkzeug der Revolutionäre, die eine alte Welt stürzen wollten. Die Bohne, die Europa wach machte, hat das im wörtlichsten Sinne getan. Sie hat einen Kontinent aufgeweckt, der vorher in alkoholischem Nebel seine Geschäfte erledigte.

Sie hat Räume geschaffen, in denen frei gedacht und frei gesprochen werden konnte. Sie hat Wirtschaftsimperien begründet und politische Umwälzungen befeuert. Und sie hat das alles getan, obwohl sie immer wieder verboten, verflucht und bekämpft wurde. Vielleicht gerade deswegen.

Jedes Verbot ist gescheitert. Jeder Versuch, den Kaffee aufzuhalten, hat ihn nur populärer gemacht. Und der Papst, der vor über 400 Jahren vor der Entscheidung stand, den Kaffee zu verbannen, hat ihn stattdessen getauft.

Vielleicht die beste Entscheidung, die je ein Papst für unseren Morgen getroffen hat.