Die Ermittler betraten das Schlafzimmer und wussten sofort: Das war kein gewöhnlicher Tatort. Die 70-jährige Maria M. lag in ihrem Bett, die Hände zum Gebet gefaltet, mit einem Schal fixiert, ein Kreuz in der Hand. Sie war erdrosselt worden – mit einem Telefonkabel, einer Klebebordüre und einem Schal.

Der Täter hatte sie nach der Tat sorgfältig arrangiert, als wollte er eine Botschaft hinterlassen. Doch die Botschaft war eine Falle. Überall im Raum fanden sich arabische Schriftzeichen, mit rotem Filzstift an Schrank und Handtasche gemalt. Die Ermittler Martin Schwer und Heiko Gieser standen vor einem Rätsel.
War der Täter ein Fremder? Ein religiöser Fanatiker? Oder wollte jemand sie auf eine falsche Fährte locken? Der Ehemann, der die Polizei alarmiert hatte, wusste von nichts.
Er hatte in der Nacht nur ein kratzendes Geräusch gehört, war aber nicht aufgestanden. Das Paar schlief in getrennten Zimmern. Erst am Morgen bemerkte er, dass Dinge fehlten: sein Handy, Geld, und die Tür zum Schlafzimmer seiner Frau, die sonst offen stand, war verschlossen. Die Spurensicherung begann.
Im Schlafzimmer entdeckten sie eine Kuhle auf dem Bett, wo der Täter gekniet hatte. Blaue Fasern einer Jeans. Im Keller fanden sie einen Handabdruck am Öltank und eine weitere blaue Faser. Vor dem Haus, in einem Busch, steckte ein Schürhaken vom Ofenbesteck.
War der Täter durch den Lichtschacht in den Keller eingedrungen, der nie verschlossen war? Dann der Durchbruch: Auf dem Dachboden, auf der Treppe, lag ein Kehrblech, vollgeschmiert mit arabischen Schriftzeichen. Und sie fanden heraus, warum das Telefon im Haus nicht funktionierte: Der Täter hatte die ISDN-Anlage manipuliert. Er war stundenlang durch das ganze Haus gewandert, vom Keller bis zum Speicher, und hatte überall Spuren hinterlassen.
Mittags kam der Anruf vom Landeskriminalamt: DNA-Treffer. Am Fesselungswerkzeug, am Kreuz, am Papierschnipsel auf dem Boden. Die DNA gehörte Abubakar C. , einem 27-jährigen Pakistani, der wegen Drogendelikten bekannt war.
Er wurde in seiner Asylbewerberunterkunft festgenommen, 40 Kilometer vom Tatort entfernt. Er leugnete alles, wirkte aber gelassen. Bei ihm fanden die Ermittler Schmuck aus dem Haus, Bargeld aus der Geldbörse des Ehemanns, das gestohlene Handy, einen blauen Kapuzenpulli, dessen Fasern zu denen am Öltank passten, und rote Turnschuhe, deren Sohlenabdrücke mit den Spuren im Haus übereinstimmten. Auch die arabischen Schriftzeichen waren eine Finte: Der Täter hatte sie angebracht, um von seinem Raub abzulenken.
Es war eine Gelegenheitstat, kein religiöses Verbrechen. Abubakar C. wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellte eine besondere Schwere der Schuld fest.
Er wird das Gefängnis wahrscheinlich nie verlassen. Die Ermittler waren erleichtert, aber auch nachdenklich. Stundenlang hatte sich der Täter im Haus bewegt, während der Ehemann und die Familie der Tochter schliefen. „Hätte jemand ihm begegnet, weiß ich nicht, was passiert wäre“, sagte einer von ihnen.
„Das treibt einem schon einen Schauer über den Rücken. “
Im Februar 2012, an einem Freitag gegen 18 Uhr, wurde eine Frau auf einem Verbindungsweg in Braunschweig niedergeschlagen. Sie hatte eine schwere Schädelverletzung, überlebte die Tat zunächst, starb aber später an einer Lungenentzündung, die sie sich durch die künstliche Beatmung zugezogen hatte. Die 53-jährige Angelika E.
war mit nur 20 Euro in der Tasche unterwegs gewesen. Ihre Geldbörse und ihr Handy waren verschwunden. Die Ermittler um Kommissar Winfried Kessler standen vor einem Rätsel. Kein Motiv, keine Tatwaffe, keine Zeugen.
Angelika E. hatte kurz vor ihrem Tod ein rosa-rot gefärbtes Prinzessinnenkleid für ihre Enkelin gekauft, als Geschenk zum Karneval. Auch das war nicht auffindbar. Dann, vier Tage nach der Tat, kam die entscheidende Meldung: Die SIM-Karte des Opfers war in einem anderen Handy, einem polnischen Gerät, aktiviert worden.
Die Ortung führte die Polizei auf den Parkplatz eines Lebensmittelmarktes. Dort saß ein Mann in einem polnischen Wagen und entfernte gerade die SIM-Karte. Es war der 33-jährige Pole Majid M. In seinem Auto fanden die Ermittler die Tatwaffe: eine Axt.
Und auf dem Kofferraum lag das Prinzessinnenkleid. Im Aschenbecher entdeckten sie Papiere einer 49-jährigen Frau aus Hannover. Ein Anruf bei den Kollegen dort brachte die Wahrheit ans Licht: Am Tag vor der Tat in Braunschweig war diese Frau in Hannover auf dem Weg zur Spätschicht auf dieselbe Weise mit einer Axt niedergeschlagen worden. Sie hatte schwer verletzt überlebt.
Majid M. gestand beide Taten. Seine Lebensgefährtin hatte sich Wochen zuvor von ihm getrennt, das gemeinsame Kind blieb bei ihr. Er war mittellos und alkoholisiert.
Die Beute: etwas mehr als 100 Euro. Ohne die Ortung des Handys hätte er vielleicht noch weitere Menschen angegriffen. Er wurde für die Tat in Hannover zu acht Jahren und für die Tat in Braunschweig zu lebenslanger Haft verurteilt, mit besonderer Schwere der Schuld. Am 4.
Januar 1999 verschwand Roswita Hed spurlos aus ihrem Haus in Knesebeck. Die 52-jährige Friseurmeisterin, dreimal verheiratet, Mutter von drei Kindern, war gläubiges Mitglied der neuapostolischen Kirche. An diesem Tag hatte sie einen Arzttermin, fuhr dann 60 Kilometer nach Braunschweig, um bei Metro einzukaufen: Bettwäsche, Kleidung, für fast 1. 846 D-Mark.
Gegen 16 Uhr verließ sie das Geschäft. Eine Freundin, Christa Gordes, war überrascht vom Besuch. „Roswita wirkte auf mich, als wenn sie mal was loswerden müsste“, sagte sie. Sie erzählte, dass ihr Mann genervt sei von ihrem Engagement in der Kirche.
Die Freundin hatte keine Zeit für lange Gespräche. Gegen 19 Uhr verabschiedeten sich die Frauen. Roswita stieg in ihren roten VW Scirocco und fuhr los. Es war das letzte Mal, dass sie lebend gesehen wurde.
Ihr Ehemann meldete sie erst fünf Tage später bei der Polizei als vermisst. Er sei von Eheproblemen ausgegangen, sie wolle sich eine Auszeit nehmen. Die schriftliche Anzeige folgte erst am 13. Januar.
Wertvolle Zeit war verloren. Am Abend des 4. Januar wurde viermal die Telefonauskunft von ihrem Handy angerufen – zwischen 22:32 und 22:40 Uhr, jedes Gespräch nur wenige Sekunden. Dann verstummte das Gerät für immer.
Die Anrufe kamen aus Wolfenbüttel, dem Geburtsort von Roswita. Ein Monat später meldete sich eine Zeugin: Auf dem Parkplatz des Klinikums stand ein roter Scirocco. Es war ihr Auto. Die Tür war offen, die Einkäufe lagen noch darin.
Persönliche Dinge wie Ausweis und Autoschlüssel fehlten. Keine Kampfspuren, keine fremde DNA. Hundertschaften suchten die Wälder ab, ohne Erfolg. Zwei Monate später sprach sich der Ehemann gegen weitere öffentliche Suchmaßnahmen aus und reichte die Scheidung ein.
Er wurde überprüft, aber es gab keine Indizien gegen ihn. 26 Jahre blieb der Fall ungelöst. 2024 wandte sich die Tochter Angela an die Öffentlichkeit. Nicht zu wissen, was passiert ist, sei furchtbar, sagte sie.
Die Polizei erneuerte die Ermittlungen, ließ Altersbilder erstellen, hinterlegte die DNA in der Datenbank des Bundeskriminalamts. 25 Personen meldeten sich, aber der entscheidende Hinweis fehlt bis heute. Eine Belohnung von 3. 000 Euro wurde ausgesetzt.
Die Polizei gibt den Fall nicht auf. Im Februar 2021 wurde der 64-jährige Kfz-Werkstattbesitzer Hans-Günther H. in einer Werkstattgrube gefunden. Er lag auf dem Rücken, eine blaue Mülltüte über dem Kopf, mit Kabelbindern verschlossen.
Am Hals ein Strick. Erst beim Entkleiden fanden die Kriminaltechniker einen 50 Zentimeter langen Bolzen, der quer durch seinen Körper steckte. Bei der Obduktion entdeckten sie einen weiteren Schusskanal im Kopf. Hans-Günther H.
war mit einer Armbrust beschossen worden, in die Grube gestürzt und dann erdrosselt worden, weil er noch lebte. Das Opfer galt als Einzelgänger, der nur für seine Arbeit und seine Katzen lebte. Die Ermittler um Kriminalhauptkommissar Uwe Schüssler standen vor einer schwierigen Aufgabe. Das Gelände war riesig, überall Dreck, der Spuren schwer sichtbar machte.
Doch dann fanden sie sie: eine Armbrust, versteckt in einem abgedunkelten Raum hinter Gegenständen. Das Modell war erst ein Jahr alt, nur 40 Stück waren nach Deutschland geliefert worden. Eine Bestellung stammte aus der Nähe des Tatorts, auf Nachname, mit exakt den Bolzen, die im Opfer steckten. Der Käufer: der 51-jährige Fliesenleger Michael G.
Er hatte kurz zuvor Hausverbot beim Opfer bekommen, weil er versucht hatte, der Ex-Lebensgefährtin des Ermordeten einen VW T3 zu verkaufen. Der Streit um 3. 000 Euro war der Auslöser. Überwachungsvideos zeigten, wie Michael G.
am Tatabend mit einem roten Kastenwagen an der Werkstatt vorfuhr und kurz darauf zu Fuß weiterging. Ein Tankstellenvideo zeigte ihn 28 Minuten vorher in der gleichen Kleidung. Die Beweiskette war geschlossen. Michael G.
machte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch, prahlte aber vor einem Mithäftling mit dem „perfekten Mord“. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, mit besonderer Schwere der Schuld. Ein Hausverbot und eine Kränkung hatten genügt. Am 23.
August 1981 verschwand die 21-jährige Swantje S. in Neuenkirchen. Sie hatte an diesem Tag in einem Blumenladen gearbeitet, war abends noch mit einem Freund spazieren gegangen und ging dann alleine los. Am Morgen des 26.
August wurde ihre Leiche in einem Wassergraben gefunden. Sie war 63-mal erstochen worden, 44 Stiche in den Rücken. Sie trug nur noch ihre Kniestrümpfe. Am Tatort wurden ein Kalberstrick und ein weißer Kinderschal gefunden, aber keine Tatwaffe.
Die Ermittlungen verliefen ins Leere. 27 Jahre später nahmen sich Reiner Brenner von der Mordkommission Cuxhaven und Staatsanwalt Arne Wieben den Fall wieder vor. Sie fanden die alte Opferkleidung und entdeckten daran eine vollständige DNA. Aber der Vergleich mit allen Männern, die damals im Fokus standen, ergab keinen Treffer.
Dann stolperte Brenner über eine Tonbandkassette, auf der ein Notruf aus dem Jahr 1981 gespeichert war. Eine anonyme Frau nannte einen Namen: Ferdinand H. , ein damals 21-jähriger Straßenarbeiter, der im selben Ort lebte. Die Ermittler luden ihn vor.
Als ihnen ein harmloses Passfoto von Swantje vorgelegt wurde, reagierte Ferdinand H. körperlich so stark, dass er fast erbrach. Er behauptete, sie nicht zu kennen. Aber die DNA am T-Shirt des Opfers stammte von ihm.
Ferdinand H. behauptete, er habe die Leiche zufällig entdeckt, als er nachts mit dem Auto vorbeifuhr. Die Ermittler rekonstruierten die Situation: Sie legten eine Schaufensterpuppe in den Wassergraben, hängten einen Mantel über einen Leitpfosten und fuhren nachts in völliger Dunkelheit los. Selbst mit modernen Scheinwerfern konnten sie den Mantel nicht sehen.
Noch nicht einmal den Feldweg war zu erkennen. „Da wussten wir: Er lügt“, sagten sie. Seine Lebensgefährtin sagte aus, dass Ferdinand H. nach der Speichelprobe zu ihr gesagt hatte, er müsse vielleicht „länger eingesperrt werden“.
Am T-Shirt des Opfers fand man sein Haar, am Kalberstrick und am Kinderschal ein DNA-Fragment. Doch das Landgericht Stade lehnte die Anklage ab: zu wenig Beweise. Erst das Oberlandesgericht Celle hob den Beschluss auf. Bei einer erneuten Tatortbegehung mit Richtern und Angeklagtem wurde Ferdinand H.
dann doch überführt. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Frage blieb: Warum gab es keine Abwehrverletzungen? Die Antwort fand sich in einem Brief, den Swantje drei Jahre vor ihrem Tod aus Amerika geschrieben hatte: Sie war einmal vergewaltigt worden und hatte sich nicht gewehrt, weil sie wusste, dass Mädchen, die sich wehren, oft getötet werden.
Sie hatte gehofft, die Situation zu überleben. Am 10. November 2005 verschwand der zweijährige Tim aus Elmshorn. Seine Mutter meldete ihn vermisst.
Sie gab an, sie sei krank gewesen und eingeschlafen, als sie aufwachte, war ihr Sohn weg. Die Polizei prüfte, ob der Junge die Wohnung alleine verlassen konnte: Die Tür ließ sich leicht öffnen, die Treppe war steil, aber nicht unüberwindbar. Kommissar Marco Klein übernahm die Ermittlungen. Tims Eltern lebten getrennt, es gab einen Sorgerechtsstreit.
Die Mutter hatte einen neuen Lebensgefährten, Oliver H. , einen Tischler. Er sollte bei der Erziehung helfen, war aber häufig überfordert. Er fand es unverständlich, dass ein Zweijähriger beim Essen kleckerte, und hielt das Kind wider Willen auf der Toilette fest.
Dann kam heraus: Tim war in der Nacht seines Verschwindens gar nicht bei seiner Mutter, sondern bei Oliver H. Sie hatte das verschwiegen, wegen des Sorgerechtsstreits. Oliver H. geriet unter Verdacht.
Bei seiner Vernehmung wurde Tims Leichnam in einer Sporttasche gefunden, versteckt in einem Gebüsch auf einem Grundstück, zu dem Oliver H. Zugang hatte. In einem speziell ausgestatteten Vernehmungszimmer wurde Olaf H. mit Tims Mutter zusammengebracht.
Minutenlanges Schweigen, dann erzählte er: Tim sei beim Duschen ausgerutscht und habe sich den Kopf angeschlagen. Er habe es nicht für schlimm gehalten, ihn ins Bett gelegt und sei zu seiner Mutter gegangen. Am Morgen sei das Kind tot im Bett gelegen. Die Mutter brach zusammen.
Doch die Obduktion zeigte: Tim war keines natürlichen Todes gestorben. Er wurde Opfer eines sogenannten Shaken-Impact-Syndroms – er war heftig geschüttelt und der Kopf wurde angeschlagen. Die Verletzungen ließen sich nicht mit einem Unfall erklären. Bei einer Rekonstruktion in der Wohnung des Beschuldigten mit einer Vergleichspuppe stellten die Rechtsmediziner fest, dass seine Darstellung unmöglich war.
Die wahren Ereignisse: ein Streit beim Essen, gewaltsames Handeln, das Schütteln des Kindes. Tim starb. Oliver H.
wurde wegen Totschlags zu elf Jahren Haft verurteilt.


