Ich war 21 und saß in einem Café in Miami, als mir ein Freund einen Artikel zeigte: Ein Mann namens Jeffrey Epstein, ein Milliardär, wurde nur „wegen Anstiftung zur Prostitution“ angeklagt –…

Ich war 21 und saß in einem Café in Miami, als mir ein Freund einen Artikel zeigte: Ein Mann namens Jeffrey Epstein, ein Milliardär, wurde nur „wegen Anstiftung zur Prostitution“ angeklagt –...

Es war ein warmer Oktobermorgen im Jahr 2007 in West Palm Beach, Florida. Die Sonne schien, die Palmen wiegten sich im Wind, und in einem Hotel trafen sich zwei Männer zum Frühstück. Sie kannten sich gut, saßen entspannt beieinander, doch sie besprachen eine 53-seitige Anklageschrift, die gerade von den Bundesbehörden vorbereitet wurde. Der Angeklagte war Jeffrey Epstein, einer der Männer war sein Anwalt Jay Lefkowitz, der andere der zukünftige US-Arbeitsminister Alexander Acosta.

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Bei diesem Frühstück wurden sie sich einig – und richteten damit unermesslichen Schaden an. Doch zurück zum Anfang. Es war Dezember 2001, als beim Polizeirevier in Palm Beach das Telefon klingelte. In der Abteilung für organisierte Kriminalität meldeten sich Kollegen: Eine Frau namens Ghislaine Maxwell soll am Palm Beach State College gezielt junge Frauen angesprochen haben.

Sie suchte angeblich eine junge, hübsche, unverheiratete Frau, die bei ihr zu Hause Telefon- und Büroarbeiten übernehmen sollte. Bezahlt wurde bar, 200 Dollar pro Tag. Einige der angesprochenen Studentinnen berichteten, dass in dem Haus die meisten Anrufe von Männern kamen, die ankündigten, bestimmte Mädchen vorbeizubringen. Zwei Frauen gaben an, dort von einem Mann unsittlich berührt worden zu sein.

Überall im Haus hingen Nacktfotos, Frauen lagen oben ohne am Pool. Es war seltsam, aber etwas offensichtlich Illegales hatten die Studentinnen nicht gesehen. Die Polizei ermittelte diskret. Das Haus gehörte nicht Ghislaine Maxwell, sondern einem Mann namens Jeffrey Epstein.

Die Beamten durchsuchten den Müll. Sie fanden Nacktfotos, Massageöl und eine Liste mit der Überschrift „People I want to meet“ – Namen junger Frauen, Telefonnummern, Alter, Berufe. Aber Beweise für ein Verbrechen fanden sie nicht. Die Ermittlungen wurden im April 2002 ergebnislos eingestellt.

Zwei Jahre später, im März 2004, meldete sich wieder eine Frau bei der Polizei. Sie wollte eine Beschwerde gegen Epstein einreichen: Er habe sie bei einem Treffen mehrfach aufgefordert, sich auszuziehen. Sie weigerte sich. Fünf Tage später rief die Polizei zurück, aber niemand ging ran.

Es blieb bei einer Nachricht. Weitere Kontaktversuche gab es nicht. Der Fall versandete. Im August 2004 schlug ein Polizist Alarm.

Ein Taxifahrer hatte ihn während einer Streife angehalten. Er hatte zwei Mädchen zu Epsteins Anwesen gefahren – sie waren höchstens 15 und 17 Jahre alt. Auf der Fahrt redeten sie darüber, wie viel Geld sie in letzter Zeit damit gemacht hätten, ältere Männer in Palm Beach zu treffen. Wieder wurde nichts unternommen.

Auch im November 2004 nicht, als die Polizei eine junge Frau in einem Auto vor Epsteins Haus fand. Sie sagte, sie warte auf einen Umschlag, den Epstein für sie hinterlassen habe. Darin sei Geld für Massagen, die sie gelegentlich gebe. Das würden viele junge Mädchen in der Gegend machen.

Plötzlich klingelte ihr Handy – ihre Mutter rief an. Das Mädchen entschuldigte sich, sie müsse in die Schule. Im Dezember 2004 spendete Jeffrey Epstein 90. 000 Dollar an genau dieses Polizeirevier in Palm Beach.

Doch das sollte die Beamten nicht davon abhalten, der Sache endgültig auf den Grund zu gehen. Es war der 14. März 2005. Ein Ehepaar erschien auf dem Revier und berichtete von ihrer 14-jährigen Tochter, die ich hier Mia nennen will.

Mia besuchte eine Art Sonderschule für verhaltensauffällige Schüler. Dort hatte sie einen heftigen Streit mit Mitschülerinnen, die sie eine Prostituierte nannten. Die Eltern fanden das zunächst übertrieben – bis sie 300 Dollar Bargeld in Mias Tasche entdeckten. Sie konnte nicht erklären, woher das Geld kam.

Also stellten die Eltern sie zur Rede. Was Mia ihnen dann erzählte, ließ sie sofort zur Polizei gehen. Mia war von einer älteren Bekannten namens Haley Robson angesprochen worden. Haley hatte ihr eine Möglichkeit zum Geldverdienen angeboten: Sie müsse nur einem älteren Typen Massagen geben, dafür gebe es mindestens 100 Dollar bar auf die Hand.

Also holte Haley Mia mit dem Auto ab, während Mia ihren Eltern erzählte, sie würde mit Haley einkaufen gehen. Stattdessen fuhren sie zu einem noblen Anwesen in Palm Beach. Haley schärfte ihr ein: Wenn jemand fragt, wie alt sie sei, solle sie einfach sagen, sie sei 18. Draußen stand ein Security-Mann.

Als Haley sagte, sie wollten zu einem gewissen Jeff, wurden sie hineingelassen. Mia erinnerte sich an alles: die Treppe nach oben, das Schlafzimmer mit der Massageliege, die vielen Lotionen, Öle und Seifenstücke in Form von Geschlechtsteilen, das Bad mit der riesigen Dusche und dem pink-grün gemusterten Sofa. Dann kam der Mann herein – nur in ein Handtuch gehüllt. Jeff.

Er sagte ihr, sie solle sich ausziehen und ihn massieren. Das tat sie. Dabei masturbierte er und drückte ihr einen Vibrator gegen die Unterwäsche. Dafür bekam sie 300 Dollar.

Mia ist 14. Der Mann ist Anfang 50. Diesmal wurden sofort Ermittlungen eingeleitet. Als Mia Fotos von Männern vorgelegt wurden, zeigte sie zielsicher auf ein Foto von Jeffrey Epstein.

Sie blieb nicht die einzige. Insgesamt 21 Betroffene erzählten ähnliche Geschichten: Sie wurden zu Epstein eingeladen, sollten ihn massieren, mussten sich ausziehen. Viele berichteten, dass er sich während der Massagen selbst befriedigte. Einige sagten, er habe sie vergewaltigt.

Ein Mädchen weinte, andere hatten sichtlich Angst. Eine sagte, sie habe während des Verkehrs die Augen geschlossen und versucht, nur an das Geld zu denken. Eine andere erzählte, Epstein habe sie nach ihrem Alter gefragt. Als sie sagte, sie sei 16, riet er ihr, niemandem davon zu erzählen.

Eine Jugendliche berichtete, Epstein habe ihr Geld dafür gegeben, Sex mit seiner damaligen Partnerin Nadia Marcinkova zu haben – einem Mädchen, das er angeblich als seine „jugoslawische Sexsklavin“ bezeichnet hatte, gekauft von ihrer Familie in Osteuropa. Bei einer Gelegenheit soll Epstein sie heruntergedrückt und sich an ihr vergangen haben, obwohl sie mehrfach Nein gesagt hatte. Danach gab er ihr 1. 000 Dollar statt der üblichen dreistelligen Summe – vermutlich, um sie zum Schweigen zu bringen.

Die Polizei fand die Aussagen glaubwürdig: Die Mädchen beschrieben die Einrichtung von Epsteins Haus bis ins Detail, und ihre Aussagen deckten sich. Die Ermittler erkannten das Muster: gezielt ansprechen, einladen, missbrauchen. Sie installierten eine Kamera in der Nähe seines Anwesens, überwachten seinen Privatjet und durchsuchten erneut seinen Müll. Diesmal fanden sie mehr: Sexspielzeug, Hygieneartikel und eine ausgedruckte Amazon-Bestellung mit Büchern wie „SM 101“, „Realistic Introduction to Slavecraft“ und „Roadmaps for Erotic Servitude“.

Sie fanden Unterlagen mit Namen und Telefonnummern von Mädchen, Notizen wie „Montag nach der Schule“ oder „Sie hat Schulschluss um 11:30 Uhr und kommt morgen vorbei“. Die Zahl der Betroffenen stieg auf 35, die Geschehnisse reichten mindestens bis 2001 zurück. Einer der Ermittler sagte später: „Ich war überrascht, wie schnell sich das Ganze verselbständigt hat. Jedes Opfer lieferte mir drei oder vier weitere Namen.

“ Es war ein Pyramidenschema: Epstein und seine Komplizen sorgten dafür, dass Opfer selbst zu Täterinnen wurden. Das galt auch für Haley Robson. Sie war selbst erst 18, als sie verhört wurde. Auch sie war als Teenager über eine Mitschülerin zu Epstein gekommen.

Sie sollte einen Mann in Unterwäsche massieren und nichts Genaueres über ihr Alter sagen. Dafür gab es 200 Dollar – viel Geld für ein Mädchen im Highschool-Alter. Bei der Massage soll Epstein darauf bestanden haben, dass sie sich komplett auszog. Sie tat es.

Er versuchte, sie zu vergewaltigen. Sie schlug seine Hand weg, und er hörte auf. Er sagte: „Okay, ich werde nichts mehr tun. Aber ich möchte, dass du mir deine Freundin bringst.

Je jünger, desto besser. “ Für jedes Mädchen sollte sie bezahlt werden. Und Haley tat es. Zwei Jahre lang brachte sie Teenager zu Epstein.

Er war nett zu ihr, wie ein Freund. Er gab ihr das Gefühl, gehört zu werden – etwas, das sie in ihrem Leben schmerzlich vermisste. Mit dem Geld konnte sie an Schulausflügen teilnehmen und fürs College sparen. Und sie finanzierte ihre Drogen.

Auch Courtney White kannte dieses System. Sie war 14, als sie Epstein kennenlernte, und schätzte, dass sie ihm zwischen 2002 und 2004 etwa 70 oder 80 Mädchen vorstellte – alle erst 14 oder 15 Jahre alt. Die Mädchen kamen aus finanziell benachteiligten Familien, aus Pflegefamilien, aus zerrütteten Verhältnissen. Manche hatten Eltern oder Freunde durch Suizid verloren, andere wurden selbst misshandelt.

Es waren Mädchen, die dringend Halt und Großzügigkeit brauchten – und die ihn offenbar nirgends bekamen außer in Epsteins Missbrauchssystem. Die Polizei fand in den Flugprotokollen von Epsteins Privatjet auch andere Namen, darunter den von Jean-Luc Brunel, einem französischen Modelagenten. Brunel war zwischen 1998 und 2005 mehrfach mit Epstein geflogen. Bei der Hausdurchsuchung 2005 fanden die Ermittler Notizen, die Epsteins Assistenten angefertigt hatten: „Brunel hat eine Lehrerin für dich, die dir Russisch beibringen könnte.

Sie ist zweimal 8 Jahre alt und nicht blond. “ Zweimal 8 – 16. In einer anderen Notiz prahlte Brunel: „Ich habe gerade eine gute erwischt. 18 Jahre alt.

Sie sagte: Ich liebe Jeffrey. “

Die Ermittlungen gegen Epstein liefen bereits 2005, als er Brunel bei einer Unternehmensgründung half. Brunel hatte seit den späten 80ern einen schlechten Ruf, es gab Vorwürfe der sexuellen Ausbeutung. Mit Epsteins finanzieller Unterstützung gründete Brunel seine eigene Modelagentur MC2 – offenbar eine Anspielung auf Epsteins Formel E=MC².

Brunel scoutete gezielt Mädchen in strukturschwachen Regionen Südamerikas und Osteuropas. Die Freundschaft der beiden hielt Jahrzehnte. Noch während der Ermittlungen flogen sie 2006 gemeinsam zu einem Modelcontest nach Ecuador. Die Gewinnerin, die unter Vertrag genommen wurde, kam aus Lettland und war erst 14.

Heute wird vermutet, dass Brunel Transport und Unterkunft junger Mädchen für Epstein organisierte. Eine ehemalige Angestellte von MC2, Matisa Basques Kess, berichtete, die Agentur habe Mädchen in Miami Beach und New York wohnen lassen – nicht als Models, sondern um Epsteins Partys zu besuchen. Die Aussicht auf eine Modelkarriere sei nur ein Köder gewesen. Sie erzählte auch, Brunel habe ihr anvertraut, er stehe auf junge Mädchen.

Als sie ihm sagte, das seien doch Minderjährige, antwortete er: „Tja, ich bin der Vater. “

Virginia Giuffre, eine der bekanntesten Betroffenen, sprach ebenfalls von einer starken Beteiligung Brunels. Er und Epstein hätten ausländischen Mädchen Versprechungen gemacht, sie in die USA geholt und dort systematisch missbraucht. Zu einem Geburtstag soll Brunel einmal drei erst 12-jährige Mädchen zu Epstein geschickt haben.

Brunel bestritt alles. Er wurde 2020 in Frankreich festgenommen wegen des Verdachts auf Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe und die Organisation des Transports junger Mädchen für Epstein. Doch 2022 nahm er sich im Gefängnis das Leben. Eine juristische Aufarbeitung seines Falls gab es nie.

Die französische Staatsanwaltschaft kündigte jedoch an, den Fall neu aufzurollen. Während die Polizei in Palm Beach gegen Epstein ermittelte, versuchte er, sich aus der Affäre zu ziehen – mit Drohungen und windigen Deals. Die Polizei fand heraus, dass Privatdetektive in seinem Auftrag Zeugen kontaktierten, um herauszufinden, was die Polizei gegen ihn in der Hand hatte. Manche gaben sich sogar als Polizeibeamte aus.

Beim leitenden Ermittler wurde der Hausmüll durchsucht, um etwas zu finden, das seinen Ruf zerstören könnte. Ein anderer Ermittler fuhr täglich einen anderen Weg zur Arbeit. Epsteins Anwaltsteam war prominent besetzt, unter anderem mit Alan Dershowitz, den Epstein seit den 90ern kannte. Dershowitz hatte bereits einen Gastbeitrag in der LA Times verfasst mit dem Titel „Statutory Rape“ – er plädierte dafür, das Alter der sexuellen Mündigkeit auf 15 Jahre zu senken.

Ein zweiter Anwalt, Jay Lefkowitz, hatte zuvor Hollywood-Stars vertreten. Er behauptete, die Polizei habe sich unverschämt verhalten, und wies darauf hin, dass Epstein einen Lügendetektortest bestanden habe. Er ließ sich eben gern massieren – das sei ihm auf spiritueller Ebene wichtig. Doch es ging noch weiter.

Die New York Times berichtete über Ungereimtheiten. Der Polizeichef von Palm Beach warf der Staatsanwaltschaft Sonderbehandlung vor. Die Polizei hatte bereits 2006 um einen Haftbefehl gegen Epstein gebeten. Stattdessen wurde eine Grand Jury einberufen.

Im Februar 2006 sollte sie entscheiden, ob Anklage erhoben wird. Doch die Anhörung wurde kurzfristig verschoben – nachdem sich Epsteins Anwälte mit Mitgliedern der Staatsanwaltschaft getroffen hatten und auf MySpace-Posts der betroffenen Mädchen hinwiesen: Alkohol, Gras, anzügliche Fotos. Ein Mädchen nannte sich „Pimpjuice“. Damit sollte ihre Glaubwürdigkeit zerstört werden – und es funktionierte.

In den folgenden Wochen meldeten sich zwei Familien geschädigter Mädchen bei der Polizei: Sie seien von Epsteins Privatdetektiven belästigt oder bedroht worden. Ein Vater berichtete, man habe versucht, sein Auto von der Straße zu drängen. Eine Quelle Epsteins habe gesagt: „Diejenigen, die ihm helfen, werden entschädigt. Diejenigen, die ihm schaden, werden zur Rechenschaft gezogen.

“ Die Polizei meldete diese Vorfälle der Staatsanwaltschaft – doch es gab keine Konsequenzen. Stattdessen wurde die nächste Anhörung erneut abgesagt. Die Staatsanwälte wichen den Anrufen der Polizei aus. Am 1.

Mai 2006 beantragte die Polizei erneut einen Haftbefehl gegen Epstein – mit fünf Opfern, die entweder unter 16 waren oder von ihm vergewaltigt wurden. Doch die Staatsanwaltschaft wartete weiter auf die Grand Jury. Als es am 19. Juli endlich so weit war, dauerte die Anhörung kaum vier Stunden.

Nur zwei betroffene Mädchen wurden vorgeladen, darunter Mia. Inzwischen war sie 15. Sie musste vor einer Reihe fremder Erwachsener erzählen, wie sie sich auszog, wie sie massierte, wie er den Vibrator benutzte. Und statt Empathie bekam sie direkte Fragen: zu ihren MySpace-Posts, zu Piercings, zu Alkohol und Gras.

„Hattest du nicht tief in deinem Inneren das Gefühl, dass das, was du getan hast, falsch war? “, fragte man sie. „Ja, hatte ich. “ – „Ist dir klar, dass du ein Verbrechen begangen hast?

“, wollte man wissen. „Jetzt schon. Als ich es tat, wusste ich nicht, dass es ein Verbrechen war. Ich glaube, es ist Prostitution oder so etwas.

Statt sich um Epsteins kriminelle Machenschaften zu kümmern, wiesen die Juroren eine 15-jährige Zeugin darauf hin, dass sie sich strafbar gemacht haben könnte. Das zweite Mädchen sagte, sie sei mit 16 zum ersten Mal bei Epstein gewesen, insgesamt etwa zehnmal. Er habe gewusst, wie jung sie war. Die sexuellen Handlungen seien eskaliert.

Sie habe nicht mit ihm schlafen wollen, aber auch nicht Nein gesagt. Auch sie wurde von der Staatsanwaltschaft darauf hingewiesen, dass das Prostitution sei – obwohl sie minderjährig war. Die Grand Jury entschied entsprechend: Epstein wurde nicht wegen ungesetzlicher sexueller Handlungen mit Minderjährigen angeklagt, sondern wegen schwerer Anstiftung zur Prostitution – in einem einzigen Fall. Dass das Mädchen erst 14 war, wurde nicht erwähnt.

Die Höchststrafe: fünf Jahre Haft. Am 23. Juli 2006 wurde Epstein ins Gefängnis von Palm Beach County überführt – und nur wenige Stunden später wieder freigelassen. Die Kaution von 3.

000 Dollar war für ihn Kleingeld. Die leitenden Ermittler entschuldigten sich öffentlich bei den Opfern. Das Polizeirevier gab sogar die 90. 000-Dollar-Spende zurück.

Geld von einem mutmaßlichen Sexualstraftäter wollte man nicht behalten. Alles, was die Polizei noch tun konnte, war, den Fall dem FBI zu übergeben. Das FBI war bereits in den 90ern über Epstein informiert worden, war den Hinweisen aber nicht nachgegangen. Nun begann es mit Befragungen in Florida, New York und New Mexico.

Doch je mehr das FBI ermittelte, desto mehr Druck baute Epsteins Anwaltsteam auf. Im Mai 2007 wurde eine Verhandlung auf Bundesebene vorbereitet – eine 53-seitige Anklageschrift entstand. Gleichzeitig begannen die Verhandlungen mit Epsteins Anwälten. Im Oktober 2007 trafen sich Jay Lefkowitz und Alexander Acosta zum Frühstück in einem Hotel.

Sie handelten einen Deal aus: das Non-Prosecution-Agreement. Epstein würde sich schuldig bekennen – aber nur wegen zweier Fälle von Prostitution. Dafür würde die FBI-Untersuchung gestoppt, die hätte klären können, ob es weitere Opfer und mächtige Komplizen gab. Epstein und vier namentlich genannte Komplizen erhielten Immunität von allen Bundesanklagen.

Und eine Klausel gewährte auch allen „potenziellen Mitverschwörern“ Immunität – ohne zu klären, wer das sein könnte. Die Opfer wurden nicht benachrichtigt. Die Vereinbarung wurde unter Verschluss gehalten. Alle Vorladungen vor die Grand Jury wurden aufgehoben.

Den Geschädigten wurde gesagt, die Ermittlungen würden weitergehen. Doch das FBI fand weiterhin Beweise, und die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass einige Geschädigte von Epsteins Anwälten schikaniert wurden. Erst als Epsteins Team das Gefühl bekam, sich verzettelt zu haben, kam es im Juni 2008 wieder zu Verhandlungen. Nur einen Monat später bekannte sich Epstein schuldig: einmal wegen Anstiftung zur Prostitution, einmal wegen Anstiftung zur Prostitution mit einer Minderjährigen unter 18.

Er wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt, gefolgt von einem Jahr gemeinnütziger Arbeit oder Hausarrest. Er wurde als Sexualstraftäter eingestuft. Die Geschädigten erfuhren erst einen Monat später davon. Sie hatten keine Chance, vor Gericht zu erscheinen.

Die Verbrechen wurden auf schwere Prostitutionsdelikte reduziert – Epstein konnte nun argumentieren, die Mädchen seien gar keine Opfer, sondern Prostituierte gewesen. Im Gefängnis bekam Epstein die Sonderbehandlung seines Lebens. Er wurde nicht in eine normale Anstalt gesteckt, sondern in einen privaten Trakt des Gefängnisses von Palm Beach County. Ihm wurden Arbeitsfreigangsprivilegien gewährt: sechs Tage pro Woche, zwölf Stunden täglich, durfte er das Gefängnis verlassen, um in seinem Büro zu arbeiten – für seine eigene Nonprofit-Organisation, die Florida Science Foundation, die er kurz vor Haftantritt gegründet hatte.

Dort durfte er auch weibliche Besucher empfangen. Die Tür zu seiner Zelle blieb unverschlossen, er hatte freien Zugang zu einem Büroraum mit Fernseher. Jean-Luc Brunel besuchte ihn mehr als 70 Mal. Später zog Epstein in den leerstehenden Krankenflügel des Gefängnisses – unter der Bedingung, dass er die Kosten für das Sicherheitspersonal übernahm.

Die Beamten, die ihn überwachen sollten, mussten Anzüge tragen und ihn bei seiner Ankunft begrüßen. Im internen Bericht wurde er selten „Häftling“ genannt, dafür oft „Kunde“ oder „Mr. Epstein“. Im Juli 2009 wurde Epstein entlassen – fünf Monate vor dem vorgesehenen Datum.

Er bekam ein Jahr Bewährung und Hausarrest. Er durfte sich nur in seinem Haus in Palm Beach und in seinem Büro aufhalten. Trotzdem zeigen Flugprotokolle, dass er in dieser Zeit regelmäßig nach New York und auf seine Privatinsel reiste. Am schockierendsten bei den Recherchen war, wie viel von all dem schon lange vor den späteren Enthüllungen bekannt war.

Es gab Artikel aus den 2000ern, die all das beschrieben. Die Opfer wurden nicht nur nicht geglaubt – sie wurden unsichtbar gemacht. Und Jeffrey Epstein konnte jahrelang weitermachen, als wäre nichts geschehen.