Im England des 18. Jahrhunderts gab es einen Markt, auf dem man Obst mieten konnte. Keine Äpfel, keine Birnen. Ananas.

Wer sich keine leisten konnte, mietete sie für einen Abend, stellte sie auf den Esstisch und gab sie am nächsten Morgen zurück. Ohne einen einzigen Bissen genommen zu haben. Eine einzige Ananas kostete damals umgerechnet bis zu 8. 000 Dollar.
Das war mehr als der Preis für ein kleines Haus. Aber wie konnte eine Frucht, die heute für unter zwei Euro im Supermarkt liegt, jemals so wertvoll sein? Die Geschichte beginnt auf einer Karibikinsel im Jahr 1493. Christoph Kolumbus war auf seiner zweiten Reise in die Neue Welt unterwegs.
Seine Schiffe ankerten vor der Küste von Guadeloupe, und die Besatzung ging an Land. In einer Siedlung der Kalinago, der Ureinwohner der Insel, fanden die Matrosen etwas, das keiner von ihnen jemals gesehen hatte. Eine Frucht, die aussah wie ein riesiger Kiefernzapfen mit einer Krone aus stacheligen Blättern. Die Schale war rau und schuppig, die Farbe golden, der Geruch süßer als alles, was diese Männer aus Europa kannten.
Kolumbus nannte sie „Pin de Indias“ – Kiefernzapfen der Inseln. Er nahm mehrere Früchte mit an Bord. Die Überfahrt zurück nach Spanien dauerte Wochen. Die Lagerräume waren feucht, die Luft stickig, es gab keine Kühlung.
Eine Ananas nach der anderen begann zu gären und zu faulen. Als die Schiffe endlich den Hafen von Cádiz erreichten, war von der gesamten Ladung genau eine einzige Ananas übrig. Diese eine Frucht wurde König Ferdinand von Spanien überreicht. Der Chronist am Hof hielt den Moment schriftlich fest.
Der König kostete die Frucht, und sein Urteil fiel eindeutig aus: Ihr Geschmack übertraf alle anderen Früchte. Man muss sich das Europa der späten Renaissance vorstellen, um zu verstehen, warum diese Reaktion so gewaltig war. Die Menschen des 15. Jahrhunderts lebten in einer Welt ohne billigen Zucker.
Raffinierter Rohrzucker war ein Luxusprodukt, das nur Adelige und wohlhabende Kaufleute bezahlen konnten. Obst aus den Gärten Europas war saisonal und oft herb. Honig war für die meisten Menschen das Süßeste, das sie kannten. Und jetzt stell dir vor, jemand bringt dir eine goldene Frucht aus einer unbekannten Welt, die süßer schmeckt als alles, was du und deine gesamte Ahnenreihe jemals probiert haben.
Die Ananas war in diesem Moment wahrscheinlich das Köstlichste, das je auf einer europäischen Tafel gelegen hat. Die Nachricht von dieser Frucht verbreitete sich schnell an den Höfen Europas. Von Spanien nach Frankreich, von Frankreich nach England, von England in die Niederlande. Jeder Monarch, jeder Herzog, jeder Adelige, der etwas auf sich hielt, wollte diese Frucht probieren.
Es entstand eine Nachfrage, die das Angebot um ein Vielfaches überstieg. Und genau hier begann das Problem. Die Ananas wächst ausschließlich in tropischem Klima. Sie braucht konstante Wärme, hohe Feuchtigkeit und viel Sonne.
Davon hat Europa ungefähr nichts. Der einzige Weg an eine frische Ananas zu kommen, war der Import über den Atlantik. Und dieser Weg war lang, gefährlich und völlig ungeeignet für eine empfindliche tropische Frucht. Die Handelsschiffe des 16.
und 17. Jahrhunderts brauchten Wochen, manchmal Monate für die Überfahrt. Die Lagerräume waren heiß, dunkel und feucht. Perfekte Bedingungen für Schimmel, katastrophale für Ananas.
Der überwiegende Teil jeder Ladung kam verdorben an. Was die Reise tatsächlich überlebte, war so selten, dass es im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert war. In England kostete eine einzige importierte Ananas im 17. Jahrhundert umgerechnet rund 14.
400 Dollar heutiger Kaufkraft. In den amerikanischen Kolonien des 18. Jahrhunderts lag der Preis sogar bei 8. 000 Dollar pro Stück.
Historiker schätzen den Wert einer Ananas im England des 18. Jahrhunderts auf 5. 000 bis 8. 000 britische Pfund heutiger Kaufkraft.
Das war mehr als das Jahreseinkommen eines Arbeiters, mehr als ein gutes Pferd. In manchen Regionen mehr als ein kleines Haus. Genau das machte die Ananas zu etwas, das weit über eine Frucht hinausging. Sie wurde zum ultimativen Statussymbol.
Nicht, weil sie besonders gesund war, nicht einmal primär wegen des Geschmacks, sondern weil der Besitz einer Ananas allen in deiner Umgebung eine einzige klare Botschaft sendete: Ich bin so reich, dass ich mir etwas leisten kann, das die meisten Menschen niemals auch nur zu Gesicht bekommen werden. Und die Art, wie man die Ananas behandelte, machte diese Botschaft noch deutlicher. Die wohlhabenden Familien Englands stellten ihre Ananas auf silbernen Tabletts in die Mitte des Esstisches. Nicht um sie zu essen.
Zum Anschauen. Die Ananas war eine Dekoration, ein Gesprächsstück, ein sichtbarer Beweis für Reichtum und Geschmack. Die Gäste kamen, bewunderten die Frucht und gingen wieder nach Hause. Die Ananas blieb auf dem Tisch, Tag für Tag.
Erst wenn sie anfing zu faulen, wenn die Schale weich wurde und der Geruch ins Säuerliche kippte, erst dann wurde sie aufgeschnitten und tatsächlich gegessen. Die Frucht war schlicht zu wertvoll, um sie vorher zu berühren. Und dann gab es diejenigen, die sich nicht einmal das leisten konnten. Die aufstrebende Mittelschicht, die bei den Dinnerpartys der Oberschicht mithalten wollte, aber nicht genug Geld für eine eigene Ananas hatte.
Für diese Menschen gab es eine Lösung, die heute vollkommen absurd klingt: Man konnte eine Ananas mieten. Händler in London boten diesen Service an. Man zahlte eine beachtliche Summe, bekam die Frucht für eine Nacht, stellte sie bei der eigenen Dinnerparty auf den Tisch und brachte sie am nächsten Morgen zurück. Ohne sie angefasst zu haben, ohne ein Stück herausgeschnitten zu haben.
Die Ananas wurde dann an den nächsten Kunden weitervermietet. Und an den übernächsten. Immer wieder, so lange, bis die Natur ihren Lauf nahm und die Frucht endgültig verdarb. Man stelle sich das vor.
Du gehst zu einem Händler in London, zahlst eine beträchtliche Summe und bekommst dafür eine Frucht in die Hand gedrückt. Du trägst sie nach Hause, stellst sie mitten auf den festlich gedeckten Tisch, und deine Gäste sind beeindruckt. Am nächsten Morgen packst du sie ein und bringst sie zurück. Du hast sie nicht probiert.
Du hast sie nicht einmal berührt. Es ging nie um den Geschmack. Es ging darum, gesehen zu werden mit einer Ananas. Es gibt Berichte, dass manche Leute die gemietete Ananas sogar unter dem Arm durch die Straßen Londons trugen, um beim Spazieren ihren vermeintlichen Wohlstand zu demonstrieren.
Gelegentlich mit einem Aufpasser im Schlepptau, damit niemand die wertvolle Frucht stahl. Kein Europäer verkörperte die Ananas-Versessenheit besser als König Karl II. von England. Im Jahr 1661 war ihm eine Ananas aus Barbados als Geschenk überreicht worden, und der König war sofort begeistert.
Er beauftragte seinen königlichen Gärtner John Rose damit, die Frucht in den königlichen Gärten zum Wachsen zu bringen. Rose versuchte es mit beheizbaren Gewächshäusern, ließ sich Ableger aus den Kolonien schicken und kämpfte jahrelang mit dem englischen Klima. Ob er tatsächlich eine Ananas auf englischem Boden züchten konnte, ist unter Historikern umstritten. Sicher ist, dass 1677 ein offizielles Gemälde entstand, das heute in der Royal Collection in Windsor Castle hängt.
Es zeigt Karl II. in einer weitläufigen Gartenanlage. Vor ihm kniet John Rose und überreicht dem König auf Knien eine Ananas. Kein Schwert, keine Krone, kein erobertes Territorium.
Eine Frucht. Das war kein Zufall, sondern ein bewusstes Statement. In diesem Moment war der Besitz dieser Frucht das größte Zeichen königlicher Überlegenheit, das ein Porträt zeigen konnte. Karl II.
taufte die Ananas „King Pine“, und der englische Name „Pineapple“, wörtlich Kiefernapfel, geht auf diese Verbindung zurück. Übrigens war er nicht der einzige gekrönte Kopf, der von der Ananas besessen war. Katharina die Große ließ sich Ananas nach Russland liefern. Ludwig XV.
züchtete sie in den Gärten von Versailles. In praktisch jeder Sprache der Welt heißt die Frucht Ananas, abgeleitet vom Wort „nana“ der Guaraní-Indigenen aus Südamerika. Nur im Englischen heißt sie anders, weil ein englischer König fand, sie sehe aus wie ein Kiefernzapfen. Während die Reichen ihre importierten Ananas zur Schau stellten, arbeiteten Botaniker in Nordeuropa an etwas, das die meisten für unmöglich hielten: Sie wollten die Ananas auf europäischem Boden züchten.
In den 1680er Jahren versuchte ein niederländischer Geschäftsmann und Gartenbauliebhaber zusammen mit seinem Gärtner, die Frucht auf einem Landgut bei Leiden zum Wachsen zu bringen. Doch der Durchbruch gelang nicht ihm – er gelang einer Frau. Agnes Block, geboren 1629 in Emmerich am Rhein, war Botanikerin, Kunstsammlerin und eine der bemerkenswertesten Gartenbaubetreiberinnen ihrer Zeit. Nach dem Tod ihres ersten Mannes kaufte sie ein Landgut namens „De Vijverhof“ zwischen Amsterdam und Utrecht, auf dem sie Gewächshäuser errichten ließ.
Im Jahr 1687 gelang ihr etwas, woran Gärtner in ganz Europa seit 200 Jahren gescheitert waren: Sie brachte eine Ananaspflanze aus einem Ableger zum Fruchten. Die erste Ananas, die jemals auf europäischem Boden gewachsen ist. Block hatte die Ableger aus dem botanischen Garten in Leiden verwendet, der unter der Förderung von Prinz Wilhelm von Oranien eine bedeutende Sammlung tropischer Pflanzen aufgebaut hatte. Es hieß, jeder Schiffskapitän, der aus einem niederländischen Hafen auslief, hatte Anweisungen, auf seinen Reisen Samen und Pflanzen zu beschaffen, wann immer sich die Gelegenheit bot.
Die Frucht, die Agnes Block züchtete, war klein und grün, weit entfernt von den goldenen, üppigen Ananas aus der Karibik. Aber sie existierte. Und der Beweis, dass es überhaupt möglich war, Ananas in Europa zum Wachsen zu bringen, löste eine Kettenreaktion aus. Blocks Erfolg markierte den Beginn eines regelrechten Wettlaufs.
In ganz England und den Niederlanden begannen wohlhabende Landbesitzer, spezialisierte Gewächshäuser zu errichten, die nur einem einzigen Zweck dienten: dem Anbau von Ananas. Man nannte sie „Pineries“. Die Konstruktion war aufwendig. Doppelwandige Mauern mit Hohlräumen, durch die heiße Luft zirkulierte.
Öfen, die rund um die Uhr befeuert werden mussten, das ganze Jahr hindurch, um die tropische Temperatur aufrechtzuerhalten. In den Beeten wurde zunächst Pferdemist verteilt, weil er beim Verrotten Wärme erzeugte. Später ersetzte man ihn durch Gerberlohe, also gemahlene Baumrinde aus den Gerbereien, weil sie langsamer gärte und für gleichmäßigere Wärmeverhältnisse sorgte. Der Kohle- und Holzverbrauch war enorm, die Personalkosten ebenso, denn jemand musste die Öfen auch nachts überwachen.
Eine einzige Ananas brauchte zwei bis drei Jahre, bis sie in einem europäischen Gewächshaus reif war. Der schriftstellerische Spott war vorprogrammiert. Eine Romanfigur aus dem 18. Jahrhundert wetterte, Ananas seien unnatürliche Erzeugnisse, die durch künstliches Feuer aus dreckigem Mist gepresst werden.
Und technisch gesehen hatte er nicht ganz unrecht. Aber das änderte nichts an der Begeisterung. Im Gegenteil: Das alles machte in Europa gezüchtete Ananas sogar teurer als importierte. Aber genau das war der Punkt.
Wer eine Pinery besaß und die Frucht selbst züchtete, zeigte nicht nur Reichtum. Er zeigte Wissen, Geduld, technische Überlegenheit. Eine Ananas kaufen konnte jeder, der genug Geld hatte. Aber eine selbst züchten in einem Land, in dem es elf Monate im Jahr regnet – das war eine eigene Kategorie von Prestige.
Die Obsession mit der Ananas blieb nicht bei Gewächshäusern und Esstischen stehen. Sie schaffte es in die Architektur, in die bildende Kunst, in die Sprache, in praktisch jeden Winkel der britischen und europäischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Steinerne Ananas tauchten auf den Torpfosten vor Herrenhäusern in ganz England auf.
Sie wurden in Treppengeländer geschnitzt, auf Kutschen gemalt, in Möbel integriert und in unzählige Gemälde aufgenommen. Die Porzellanmanufaktur Wedgwood begann, Tafelgeschirr und dekorative Objekte mit Ananasmotiven für die Oberschicht zu produzieren. Ananas erschienen auf Tapeten, auf Stoffen, auf Bucheinbänden. Silberschmiede fertigten Tafelaufsätze in Ananasform.
Architekten setzten steinerne Ananas auf die Spitzen von Gartentempeln, auf Brückengeländer und auf die Dächer von Landhäusern. In London findet man bis heute an den Fassaden etlicher historischer Gebäude steinerne Ananas, die meisten aus dem 18. Jahrhundert. Wer damals ein Herrenhaus baute und etwas auf sich hielt, ließ mindestens eine Ananas an der Fassade oder am Eingangstor anbringen.
Die Botschaft war immer dieselbe: Wer eine Ananas zeigte, ob als echte Frucht auf dem Tisch, in Stein gemeißelt über dem Eingang oder auf Porzellan gemalt, der signalisierte Wohlstand, Gastfreundschaft und einen Geschmack, der über das Gewöhnliche hinausging. Das vielleicht verrückteste Bauwerk dieser ganzen Ära steht bis heute in Schottland. In der Nähe des Dorfes Airth befindet sich das „Dunmore Pineapple“. John Murray, der vierte Earl of Dunmore, ließ es auf seinem Anwesen errichten.
1761 entstand zunächst der untere Teil, ein nüchterner klassizistischer Pavillon mit ionischen Säulen und Bogenfenstern. Im Erdgeschoss befand sich ein beheiztes Gewächshaus, in dem tropische Früchte gezogen wurden. Dann reiste Murray als Gouverneur nach Virginia in Nordamerika. Dort lernte er eine Tradition der Seeleute kennen: Wenn Matrosen von langen Reisen heimkehrten, steckten sie eine Ananas auf ihren Torpfosten, um der Nachbarschaft zu signalisieren: „Ich bin wieder da, und Gäste sind willkommen.
“ Als Murray nach Schottland zurückkam, nahm er diese Idee mit. Statt einfach eine Frucht auf einen Pfosten zu setzen, ließ er auf seinen Pavillon eine gigantische Kuppel in der Form einer Ananas bauen. Vierzehn Meter hoch, aus Stein gemeißelt von einem lokalen Steinmetz mit einer Präzision, die auch nach über 200 Jahren noch beeindruckt. Jedes einzelne Blatt der Ananaskrone hat einen eigenen Drainagekanal, um Frostschäden zu verhindern.
Die vier Schornsteine des Heizsystems tarnte man als griechische Vasen. Das Gebäude wurde 1777 fertiggestellt und steht dort bis heute, als hätte jemand eine riesige Ananas auf ein kleines Schloss gesetzt. Was auch genau der Punkt war. Die Ananas veränderte sogar die Sprache.
In den 1760er und 70er Jahren wurde es in England üblich, den Ausdruck „a pineapple of the finest flavour“ zu verwenden, wenn man sagen wollte, dass etwas das Beste vom Besten war. Man konnte eine Geburtstagsfeier so bezeichnen oder einen Menschen. Der irische Dramatiker Richard Brinsley Sheridan schrieb in seinem Theaterstück „The Rivals“ von 1775 eine berühmte Szene, in der eine Figur einen Mann mit den Worten lobt: „Er ist die wahre Ananas der Höflichkeit. “ Die Ananas war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur eine Frucht.
Sie war ein Konzept, ein Synonym für Perfektion, das sich in die Alltagssprache eingebrannt hatte. Und dann begann der Abstieg. Langsam, fast unmerklich, aber unaufhaltsam. Es war nicht ein einzelnes Ereignis, das den Fall der Ananas einleitete, sondern eine Kette von Veränderungen, die sich über Jahrzehnte hinzog.
Im 19. Jahrhundert wurden Gewächshäuser billiger und effizienter. Die Industrialisierung machte Kohle günstiger und Glas erschwinglicher. Die Technik der Ananaszucht, die einmal das bestgehütete Geheimnis einer Handvoll adeliger Gärtner gewesen war, verbreitete sich in die kommerziellen Gärtnereien der gehobenen Mittelschicht.
Anleitungen zum Bau von Pineries wurden veröffentlicht. Das Wissen war nicht mehr exklusiv. Gleichzeitig revolutionierten die Dampfschiffe des 19. Jahrhunderts den transatlantischen Handel.
Was unter Segeln Monate gedauert hatte, ging jetzt in Wochen. Die Überfahrt verkürzte sich spürbar, und damit stieg der Anteil der Ananas, die den Transport überstanden. Bereits in den 1850er Jahren wurden von Hawaii aus tausende Ananas nach Kalifornien verschifft, als der Goldrausch die Nachfrage nach exotischen Lebensmitteln an der Westküste anheizte. Die Verderblichkeit blieb ein Problem, die Gewinnmargen waren dünn, aber die Richtung war klar.
Die Ananas wurde langsam erreichbar. Nicht für alle, aber für immer mehr Menschen. Die Exklusivität bröckelte mit jedem Jahrzehnt. Eine Frucht, die 200 Jahre lang nur Königen und dem Hochadel vorbehalten gewesen war, tauchte auf den Tischen wohlhabender Kaufleute auf.
Immer noch teuer, aber nicht mehr undenkbar. Der Mann, der schließlich alles endgültig veränderte, hieß James Drummond Dole, geboren 1877 in Jamaica Plain, Massachusetts. Er studierte Landwirtschaft an der Harvard University und reiste 1899 mit 21 Jahren nach Hawaii. Dole hatte eine Idee, die so naheliegend war, dass sie vorher erstaunlicherweise niemand in diesem Maßstab umgesetzt hatte.
Er wollte Ananas nicht frisch über den Ozean verschiffen. Er wollte sie in Dosen verpacken. 1900 gründete er die Hawaiian Pineapple Company, erwarb ein Stück Land von etwa 24 Hektar in Wahiawa auf der Insel Oahu, pflanzte die süße Cayenne-Ananassorte an und baute eine Konservenfabrik direkt neben seinen Feldern. Die Nähe war entscheidend.
Die Ananas wurden geerntet und innerhalb von Stunden verarbeitet, solange sie noch frisch waren. In seinem ersten Jahr verpackte Dole knapp 2. 000 Kisten mit Dosenananas. 1905, nur vier Jahre später, waren es schon 125.
000 Kisten. Was Dole von allen unterschied, die vor ihm mit Ananas gehandelt hatten, war nicht die Frucht selbst. Es war die Einsicht, dass das eigentliche Problem nie die Ananas war. Es war der Zerfall.
300 Jahre lang hatte Europa versucht, eine empfindliche tropische Frucht frisch über Ozeane zu transportieren, und 300 Jahre lang war der größte Teil auf dem Weg verfault. Dole fragte sich, warum man das überhaupt versuchen sollte. Eine frische Ananas überlebt den Transport von Hawaii an die amerikanische Ostküste nicht. Eine Dose schon.
Eine Dose braucht keine Kühlung, keine besondere Verpackung, keinen schnellen Versand. Sie hält Wochen, Monate, sogar Jahre, und sie schmeckt beim Öffnen fast so gut wie am Tag der Ernte. Dole hatte das Problem, das die Ananas seit Kolumbus begleitet hatte, nicht mit besseren Schiffen gelöst, nicht mit schnelleren Routen, sondern mit einem Stück Blech und einem Deckel. 1922 ging er noch einen Schritt weiter.
Dole überzeugte Investoren und kaufte die gesamte Insel Lānaʻi. Er verwandelte sie in die größte Ananasplantage, die die Welt je gesehen hat. Über 8. 000 Hektar Land, ausschließlich für den Anbau von Ananas.
Dampfbetriebene Pflüge und Traktoren bearbeiteten die roten Vulkanböden der Insel. Bewässerungssysteme versorgten die endlosen Reihen von Ananaspflanzen mit Wasser. Tausende Arbeiter aus den Philippinen, Japan, China und Portugal wurden auf die Insel gebracht. Ganze Siedlungen entstanden mit Unterkünften, Geschäften und Schulen.
Die Produktion explodierte. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts produzierte die Fabrik fast fünf Millionen Dosen pro Tag. Die Insel Lānaʻi lieferte allein über 75 Prozent der weltweiten Ananasproduktion und bekam dafür den Spitznamen „Pineapple Island“.
James Dole wurde als der „Ananaskönig“ bekannt. Und was er in Gang gesetzt hatte, ließ sich nicht mehr aufhalten. Der Preis der Ananas fiel. Er fiel schnell, und er fiel tief.
Die Konservendose hatte den letzten Rest von Exklusivität zerstört. Eine Frucht, die 200 Jahre lang Königen vorbehalten gewesen war, stand plötzlich für wenige Cent in den Regalen von Lebensmittelgeschäften in Ohio, in Texas, in Kansas. Hausfrauen in der amerikanischen Vorstadt öffneten eine Dose Ananas und verwendeten den Inhalt für Obstkuchen. Kinder aßen Ananasringe aus der Dose als Snack nach der Schule.
Niemand dachte dabei an Könige, an Dinnerpartys der Aristokratie oder an steinerne Kuppeln in Schottland. Die Ananas war eine ganz normale Frucht geworden. Und zwar eine der billigsten auf dem Markt. Was bleibt?
Die steinernen Ananas auf den Torpfosten alter Herrenhäuser in England und Schottland. Viele davon stehen seit 300 Jahren dort, und die meisten Passanten gehen achtlos daran vorbei. Das Dunmore Pineapple steht immer noch in seiner vollen absurden Pracht in den schottischen Lowlands und wird heute vom National Trust for Scotland verwaltet. Man kann es sogar als Ferienhaus mieten.
Die Ananasmotive auf antikem Wedgwood-Porzellan tauchen auf Auktionen und in Museen auf. Und in den Südstaaten der USA gilt die Ananas bis heute als Symbol der Gastfreundschaft. Man findet sie an Hotelfassaden, auf Haustüren und über den Eingängen von Restaurants. Die wenigsten wissen, warum sie dort steht.
Dass Seeleute im 18. Jahrhundert eine Ananas auf ihren Torpfosten setzten, um zu zeigen, dass sie von der Reise zurück sind und Gäste willkommen heißen. Dass diese Geste über Jahrhunderte in die Architektur gewandert ist und heute als hübsche Dekoration wahrgenommen wird. Die Geschichte der Ananas ist am Ende die Geschichte darüber, wie Knappheit Wert erzeugt und wie schnell dieser Wert verschwinden kann.
Eine Frucht, die in den Tropen Südamerikas und der Karibik völlig selbstverständlich am Straßenrand wächst, wurde in Europa zum teuersten Lebensmittel ihrer Zeit aus einem einzigen Grund: Niemand konnte sie über den Atlantik transportieren, ohne dass sie auf dem Weg verfaulte. Der gesamte Wahnsinn – der Mietmarkt, die Pineries, die Steinmetzarbeiten, die königlichen Porträts – all das beruhte im Kern auf einem logistischen Problem. Nicht auf dem Geschmack, nicht auf den Inhaltsstoffen, nicht auf einer besonderen Eigenschaft der Frucht selbst. Sondern auf der Tatsache, dass sie die Reise nicht überlebte.
Und sobald James Dole, ein 21-jähriger Absolvent aus Harvard, auf einer Insel im Pazifik dieses Problem mit einer Konservendose und einem Blechdeckel löste, war der gesamte Zauber vorbei. Der Mythos der Ananas als Symbol für Reichtum und Macht löste sich auf wie der Duft einer überreifen Frucht. Heute kostet eine ganze Ananas im Supermarkt weniger als zwei Euro. Du legst sie in den Einkaufswagen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden.
Schneidest sie abends auf, isst ein paar Stücke, und der Rest landet vielleicht im Kühlschrank oder in einem Smoothie. Kein Mensch kommt auf die Idee, sie auf den Esstisch zu stellen, um die Nachbarn zu beeindrucken. Kein Mensch würde sie mieten. Kein Mensch würde sich mit ihr porträtieren lassen.
Und doch steht irgendwo in den schottischen Lowlands ein 14 Meter hohes Steingebäude in der Form einer Ananas auf einem Hügel. Gebaut von einem Mann, der so fasziniert war von dieser Frucht, dass er sein Haus nach ihr gestaltete. Es steht dort seit über 200 Jahren, und es wird wahrscheinlich noch stehen, wenn wir alle längst vergessen sind.
Eine steinerne Erinnerung daran, dass eine Frucht einmal wertvoller war als ein Haus.


