Der Dezembermorgen im Jahr 1985 beginnt harmlos. Diana Robertson, einundzwanzig Jahre alt, steigt mit ihrem Freund Mike Greer und ihrer zweijährigen Tochter Crystal in seinen roten Pickup. Sie wollen einen Weihnachtsbaum schlagen und nebenbei die Fallen kontrollieren, die Mike tief in den Wäldern von Washington aufgestellt hat. Gegen acht Uhr halten sie kurz bei Mikes Vater.

Der bietet ihnen Frühstück an, doch Mike wirkt gehetzt und lehnt ab. Er will weiterfahren. Es ist das letzte Mal, dass jemand die kleine Familie lebend sieht. Am frühen Nachmittag entdecken Mitarbeiter eines Supermarkts in Spanaway, rund fünfzig Kilometer vom Waldgebiet entfernt, ein kleines Mädchen, das allein vor dem Gebäude umherläuft.
Crystal ist warm angezogen, aber niemand ist bei ihr. Sie wirkt erschöpft und verwirrt, kann ihren Namen nicht nennen und erklärt nicht, warum sie allein ist. Als man sie fragt, wo ihre Mutter sei, wiederholt das Kind immer wieder denselben Satz: „Mami ist in den Bäumen. “
Noch am selben Abend melden Dianas Mutter und Mikes Vater die beiden als vermisst.
Die Polizei beginnt sofort mit der Suche. Hubschrauber fliegen die Wälder ab, Streifenwagen kontrollieren Straßen, Freiwillige durchkämmen das Gelände zu Fuß. Doch der Winter setzt ein. Schnee fällt und verwischt jede Spur.
Aus Tagen werden Wochen. Es gibt keinen Hinweis auf Diana oder Mike. Erst am 18. Februar 1986 macht ein Spaziergänger eine grauenvolle Entdeckung.
Abseits einer abgelegenen Forststraße, teilweise vom Schnee bedeckt, liegt der Körper einer jungen Frau. Es ist Diana Robertson. Ihr Oberkörper weist siebzehn Stichverletzungen auf. Ihre Hände sind auf dem Rücken gefesselt, um ihren Hals liegt ein weißer Kniestrumpf, mehrfach verknotet.
Die Ermittler gehen davon aus, dass dieser Strumpf nicht zum Würgen gedacht war, sondern dazu, Diana bewegungsunfähig zu machen. Der Täter ist gezielt vorgegangen. Diana war kein Zufallsopfer. Nur wenige Meter entfernt steht Mikes roter Pickup.
Im Inneren finden die Ermittler Blutspuren auf dem Vordersitz. Auf dem Armaturenbrett liegt ein leerer Umschlag, darauf steht in Handschrift: „Ich liebe dich, Diana. “
Von Mike Greer fehlt jede Spur. Es gibt keine Zeugen, keine Hinweise auf eine dritte Person.
Die Ermittler stehen vor einer entscheidenden Frage: Hat Mike seine Freundin getötet und ist dann geflohen? Oder wurden beide Opfer eines unbekannten Täters? Ein dokumentierter Fall von häuslicher Gewalt wenige Monate zuvor belastet Mike schwer. Diana hatte damals eine einstweilige Verfügung erwirkt, die ihm den Kontakt untersagte.
Trotzdem waren die beiden wieder zusammengekommen. Doch dann taucht eine beunruhigende Parallele auf. Nur wenige Monate zuvor waren in derselben Region Stephen Hawkins und Ruth Cooper verschwunden und später erschossen aufgefunden worden. Ruth Cooper hatte ebenfalls eine Socke um den Hals, ähnlich verknotet wie bei Diana.
Die Ermittler halten einen unbekannten Täter in den Wäldern für möglich, der gezielt Paare angreift. Der Verdacht gegen Mike bleibt jedoch bestehen. Ohne Leiche, ohne Abschiedsbrief und ohne eindeutige Beweise lässt sich keine Theorie bestätigen. Die Suche nach Mike bleibt erfolglos.
Monate werden zu Jahren, Jahre zu Jahrzehnten. Erst im Jahr 2011, mehr als fünfundzwanzig Jahre später, macht ein Mann namens Phil Reynolds bei einer Kontrolle seiner Anbaufläche eine Entdeckung. Sein Nachbar tritt gegen einen großen Stein und erkennt plötzlich, dass es ein menschlicher Schädel ist. Im Umkreis liegen weitere Knochen, Kleidungsreste und ein Gummistiefel.
Forensische Untersuchungen bestätigen: Es sind die Überreste von Mike Greer. Sein Körper wurde nur anderthalb Kilometer von Dianas Fundort entfernt gefunden, in einem Gebiet, das damals mehrfach von Suchtrupps abgesucht worden war. Der Schädel weist ein großes Loch an der Seite auf, möglicherweise durch einen Schuss oder stumpfe Gewalteinwirkung. Damit ist klar: Mike ist damals nicht geflohen.
Er starb im selben Wald, vermutlich am selben Tag wie Diana. Die Ermittler bleiben uneins. Einige sehen in dem Fund den Beleg für einen unbekannten Dritten. Andere halten es für wahrscheinlicher, dass Mike Diana tötete und danach selbst starb, ob durch eigene Hand oder durch einen Unfall.
Die Zeit und der Wald haben zu viele Spuren zerstört. Offen bleibt, wie Crystal zu dem Supermarkt gelangte. Ein Zeuge will am Abend ihres Auffindens einen roten Truck auf dem Parkplatz gesehen haben, ähnlich dem von Mike. Vielleicht hat Mike seine Tochter am Morgen dort abgesetzt, bevor er mit Diana in den Wald fuhr.
Vielleicht hat er ihr gesagt, dass Mama und Papa in den Wald fahren, und das Kind nannte es „in den Bäumen“. Doch wenn Mike der Täter war, warum sollte er Diana dann mit einem Strumpf fesseln und so den Verdacht auf einen Unbekannten lenken? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Der Fall wurde bis heute nicht endgültig aufgeklärt.
Crystal wuchs ohne ihre Eltern auf und erinnert sich kaum an den Tag, der ihr Leben zerstörte. Aber der Satz, den sie damals sagte, haben sich ihren Angehörigen eingebrannt. „Mami ist in den Bäumen.
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