Am 21. März 2016 stand Kriminalhauptkommissar Enrico Petzold vor einem Moment, auf den er sechzehn Jahre lang hingearbeitet hatte. Die Festnahme von Heinz R. in Gera war gerade über die Bühne gegangen, und jetzt musste er der Familie von Ines Bausch mitteilen, dass der Mörder ihrer Tochter endlich gefasst war.

Er rief den Bruder des Opfers an und bat darum, dass die ganze Familie noch am selben Abend zusammenkommt. Als er mit einem Kollegen am Wohnhaus der Familie eintraf, saßen alle im Wohnzimmer und starrten die Beamten ungläubig an. Petzold verkündete die Festnahme. Die Erleichterung und der Dank der Familie waren für ihn mehr wert als alles andere – ein grüner Abschluss seiner Arbeit.
Doch bis zu diesem Tag war es ein weiter Weg gewesen. Ein Weg, der im April 1987 begann, als die 18-jährige Ines Bausch in einem kleinen Ort nahe Plauen in Sachsen lebte. Sie wohnte bei ihren Eltern und zwei Brüdern, arbeitete als Stickerin in einem staatlichen Betrieb und plante, im Herbst ein Textilstudium zu beginnen. Sie galt als freundlich, hilfsbereit und zurückhaltend.
Am 9. April 1987 war Ines wegen einer Entzündung krankgeschrieben und blieb bis kurz nach elf Uhr zu Hause. Dann startete sie ihr geliebtes Moped, fuhr zu ihrem Freund, der aber nicht da war, und anschließend zu ihrer Arbeitsstelle, um ihre Krankschreibung abzugeben und ihren Monatslohn in bar abzuholen. Am Nachmittag bestellte sie in einer Bäckerei einen Kuchen für die Konfirmation ihres jüngeren Bruders am Wochenende.
Später besuchte sie ihre Mutter im Krankenhaus, dann stand ein Kurs an der Volkshochschule an, den sie für ihr Studium belegte. Nach dem Kurs fuhr sie zu einer Freundin, um etwas abzuholen, und machte sich dann auf den Weg zu Barbara, einer weiteren Freundin. Dort blieb sie etwas mehr als eine Stunde. Es hatte den ganzen Tag immer wieder geregnet.
Gegen 21:45 Uhr gab es eine Regenpause, und Ines wollte die Gelegenheit nutzen, um im Trockenen nach Hause zu fahren. Barbara hörte noch, wie Ines mehrfach den Kickstarter ihres Mopeds betätigte, bis der Motor endlich ansprang. Doch kurz nach 22 Uhr zog ein Wolkenbruch über Plauen. Mopeds waren damals empfindlich gegenüber Wasser – bei starkem Regen konnte Wasser in den Vergaser gelangen.
Später erinnerte sich ein Straßenbahnfahrer, nach 22 Uhr an der Endhaltestelle seiner Linie ein Moped unter einer Straßenlaterne gesehen zu haben, in der Nähe einer Telefonzelle nahe Ines’ Nachhauseweg. Ein zweiter Zeuge, ein Nachbar von Ines, hatte während des Wolkenbruchs am Ortsausgang eine Person gesehen, die ein Moped schob. Hätte er sie erkannt, hätte er sie sicher nach Hause gefahren. Als Ines am nächsten Morgen nicht im Haus war, wunderte sich ihr Vater.
Er ging zu einem Nachbarn, um von dort aus Freunde und Bekannte seiner Tochter anzurufen. Als er erfuhr, dass Ines am Vorabend nach Hause aufgebrochen, aber nie angekommen war, machte er sich große Sorgen und stellte bei der Polizei eine Vermisstenanzeige. Zunächst nahm die Polizei den Fall nicht allzu ernst. Ines war 18 Jahre alt und konnte sich durchaus irgendwo aufhalten.
Vielleicht hatte sie bei einer Freundin übernachtet. Eine harmlose Erklärung, die sich jedoch bald als falsch herausstellen sollte. Gegen 14 Uhr entdeckte ein Zeuge, ein ehemaliger Armeeangehöriger, auf dem Weg von Plauen in die Innenstadt im Wald ein metallisches Glänzen. Er war neugierig und ging näher heran.
Dort lag ein Moped, untypisch positioniert, und in unmittelbarer Nähe ein regloser Frauenkörper, der unbekleidet war. Der Kopf war mit einem Anorak bedeckt. Der Zeuge dachte zunächst, es handle sich um eine Puppe. Er fuhr weiter in die Stadt, fand zwei Polizisten und schilderte ihnen seine Entdeckung.
Die Beamten hielten seine Erzählung zunächst für unglaubwürdig, ließen sich dann aber doch zu dem Fundort fahren. Es bestätigte sich: Sie hatten eine Leiche gefunden. Die Polizei, die Kriminalpolizei, die Staatssicherheit und die Feuerwehr wurden informiert. Der Fundort wurde großflächig abgesperrt, und eine Untersuchungskommission, die sogenannte Morduntersuchungskommission, wurde gebildet.
Die Spurenlage war dürftig – der Regen hatte vieles verwischt, und auch die Polizisten hatten beim ersten Zugang zum Fundort möglicherweise Spuren vernichtet. Der Waldboden war weich, was die Spurensuche zusätzlich erschwerte. Die Ermittler fanden in der Nähe der Leiche eine Begleitung, ein Mopedhelm und das Moped selbst. Weiter Richtung Ausgang von Plauen wurden Gegenstände gefunden, die der Toten zugeordnet werden konnten: eine Uhr, ein Geldbeutel, eine Tasche mit Unterlagen, der Führerschein.
Damit war die Identität geklärt: Es handelte sich um Ines Bausch. Ihr Personalausweis, ihre Handschuhe und der komplette Monatslohn blieben verschwunden. Die Obduktion ergab, dass Ines zwischen 22 und 23 Uhr am Abend des 9. April 1987 getötet worden war.
Sie war erdrosselt worden. Als Drosselungswerkzeug hatte der Täter ihren BH, ihre Unterhose und ein Gummiband vom Gepäckträger ihres Mopeds benutzt. Zudem wurde deutlich, dass Ines vergewaltigt und misshandelt worden war. Ein Knebel war ihr gewaltsam in den Mund gesteckt worden.
Der Angriff war so spontan erfolgt, dass sie sich nicht wehren konnte – es gab keine Abwehrverletzungen. Als Spuren wurden Haare, Fasern, Fingerabdrücke, ein Schuhabdruck auf der Hose des Opfers sowie Sekretspuren wie Speichel und Sperma gesichert. Das Moped der 18-Jährigen war zur Tatzeit nicht betriebsbereit. Die Morduntersuchungskommission, bestehend aus fünf Mitarbeitern der Volkspolizei, wurde mit zwanzig Plauener Polizisten aufgestockt.
Die Ermittler erstellten ein Bewegungsbild des Fundortes und beobachteten drei Wochen lang, wer dort zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr morgens vorbeikam. In der Zeit zwischen 22 und 5 Uhr war es dort stockdunkel und wie ausgestorben. Der nächste Anwohner befand sich 300 Meter entfernt. Genau eine Woche nach dem Mord, am 16.
April 1987, entdeckten die Beamten während der Beobachtungsphase einen unbekannten Mann, der in unmittelbarer Nähe zum Fundort stand und den Wald beobachtete. Als die Polizisten ihn befragen wollten, lief er weg und konnte entkommen. Der Mann trug eine auffällige orangefarbene Jacke. Er konnte nie ermittelt werden, doch die Polizei geht davon aus, dass es sich um Ines’ Mörder handelte.
Die Auswertung der Spuren dauerte. Der Spezialist, der mit der Untersuchung beauftragt war, verstarb im Mai 1987, und es herrschte wochenlang Stillstand. Zudem hatte sich die Staatssicherheit in die Ermittlungen eingemischt und eigene Untersuchungen durchgeführt. Ein Großteil der Dokumente der Stasi verschwand nach der Wende.
Die Ermittler überprüften verschiedene Personengruppen: Wald- und Forstarbeiter, Menschen mit außergewöhnlichen Affären, Spanner, russische Soldaten. Auch die Gaststätte „Waldfrieden” in der Nähe des Fundortes wurde untersucht, ebenso Diskotheken und andere Clubs an der B173. Es gab keine Hinweise. Mehrere Zeugen berichteten, dass Ines im Sommer 1986, etwa ein dreiviertel Jahr vor dem Mord, mehrmals in Begleitung eines älteren Mannes gesehen worden war.
Der Mann soll mindestens 30 Jahre alt gewesen sein und einen Wartburg 353 in Capri-Grün gefahren haben. Rund 700 Halter dieses Modells aus den Kreisen Plauen und Vogtland wurden überprüft – ohne Ergebnis. Der Mann wurde nie ermittelt. Die Geruchsspuren, die Suchhunde am Leichenfundort aufgenommen hatten, wurden ebenfalls gesichert.
Im Mai und Juni 1988 wurden die Hunde erneut in den Ortschaften rund um Ines’ Heimatdorf eingesetzt. Am 9. Juni 1988 schlugen die Hunde an einem Wohngebäude und einem daneben befindlichen Schuppen in unmittelbarer Nähe zu Ines’ Elternhaus an. Eine Woche später, am 16.
Juni, geschah dasselbe. Der Verursacher dieser Geruchsspuren wurde jedoch nie ermittelt. Dazwischen gab es ein weiteres ungewöhnliches Vorkommnis. Am 13.
Juni 1988 stand ein unbekannter junger Mann am Grab von Ines auf dem Friedhof. Als Ines’ Mutter und Bruder näher kamen, stellte er sich an ein anderes Grab. Der Bruder konfrontierte ihn, doch der Mann behauptete, er habe gar nicht das Grab von Ines besucht, sondern das Grab daneben. Danach floh er.
Ein Personensuchhund nahm eine Spur auf, die etwa 1,5 Kilometer vom Friedhof entfernt endete – an einem Ausbildungsgelände für Sport und Technik, neben einer Bungalowanlage, in der Mitarbeiter der Staatssicherheit, Polizei, Zoll und Grenzschützer wohnten. Ein Phantombild wurde erstellt, führte aber nicht weiter. Bis Ende 1990 und Anfang 1991 wurden rund 880 Personen aktiv überprüft. Die Aktenlage umfasste zwölf Ordner, doch nicht jeder Schritt wurde dokumentiert.
Im Frühjahr 1990 wurden die Geruchsspuren am Leichenfundort auf Anweisung der Staatssicherheit vernichtet. Nach der Wende wurde das Verfahren 1991 vorläufig eingestellt. Erst 1999 kam wieder Bewegung in den Fall. Die Ermittler hörten von einem Mord aus dem Jahr 1995, der durch einen Treffer in der 1998 eingerichteten zentralen DNA-Analysedatei geklärt werden konnte.
Diese Chance wollten die Beamten auch für den Fall Ines Bausch nutzen. Ende 1999 wurde der Fall offiziell wieder aufgenommen, doch es dauerte, bis klar war, wer zuständig war, wo die Akten lagen und wo sich die Asservate befanden. Einige Protokolle und Spuren fehlten. Im August 2000 begann Enrico Petzold als Sachbearbeiter bei der Mordkommission in Chemnitz und wurde mit dem Fall Ines Bausch betraut.
„Das war so mein Lebenswerk”, sagt er heute. Ab 2001 arbeitete er intensiv an dem Fall, zunächst mit elektronischer Aufarbeitung der Fallordner. Die Asservate, darunter auch das Drosselungswerkzeug, wurden an das kriminaltechnische Institut des LKA in Dresden übersandt. Doch die Ergebnisse waren zunächst nicht aussagekräftig.
Petzold holte immer wieder DNA-Proben ein, doch alle konnten negativ ausgeschlossen werden. Von den sechs Ermittlungskomplexen aus DDR-Zeiten standen am Ende fünfzehn Ermittlungskomplexe zu Buche, mit etwa 1000 Personen pro Komplex. Zwischen 2000 und 2016 wurden rund 4000 Personen aktiv überprüft – alle wurden ausgeschlossen. Es gab auch einen ersten Tatverdächtigen.
Die Kollegen ermittelten 2006 einen Fernfahrer, der mehrere Morde in Frankreich, Spanien, Italien und auch in der ehemaligen DDR begangen hatte und gestand. Seine Begehungsweise ähnelte der im Fall Ines Bausch. Doch die DNA-Analyse schloss ihn aus. Ein Ermittlungsansatz betraf Taschenlampen.
Am Tatort war es stockdunkel, die nächste Lichtquelle befand sich etwa 150 Meter entfernt. Der Täter musste also eine gute Taschenlampe gehabt haben, wie sie Polizisten oder Armeeangehörige trugen. Auch ehemalige Stasi-Mitarbeiter und Polizisten wurden überprüft – ohne Ergebnis. Petzold brachte den Fall immer wieder an die Öffentlichkeit.
2009 trat er mit seinem Kollegen Oliver Wurdack in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY” auf. Es gab Hinweise auf zwei Personen, die extreme Ähnlichkeit mit dem Mann vom Friedhof hatten. Einer war bereits verstorben, der andere konnte durch einen DNA-Abgleich ausgeschlossen werden. Die Arbeit war frustrierend.
„Es gab Rückschläge, wenn eine Spur endet”, sagt Petzold. „Klar ist man manchmal frustriert und niedergeschlagen. Man entwickelt einen gewissen Tunnelblick. ” Er war oft ein Einzelkämpfer.
Nur wenige Kollegen unterstützten ihn. Etwa ab 2013 wurde es möglich, geringste DNA-Spuren auszuwerten. Das eröffnete neue Möglichkeiten. Im Juli 2015 übergab Petzold alle noch vorhandenen Spuren persönlich an das Kriminaltechnische Institut in Dresden, mit dem Ziel, sie mit den neuen Methoden untersuchen zu lassen.
Im Januar 2016 bekam Petzold einen Anruf von einem der Brüder von Ines Bausch. Er bat ihn, mit der Mutter zu sprechen. Sie hatte einen psychischen Tiefpunkt erlitten, denn im Januar hätte Ines Geburtstag gehabt. Die Mutter erzählte ihrem Sohn, dass Ines ihr im Traum erschienen war und gesagt hatte: „Ihr werdet 2016 gefunden werden.
Wir Bauschs werden endlich zur Ruhe kommen. ” Petzold schrieb sich das auf, fuhr hin und die Mutter bestätigte es ihm. Am 1. März 2016 rief ein Kollege vom Institut an: „Enrico, ich habe dir eine Mail geschickt.
Dein Gutachten ist fertig. ” Petzold wunderte sich, warum er persönlich angerufen wurde. Er druckte das Gutachten aus und las es außerhalb seiner Dienstzeit. Es enthielt ein DNA-Muster einer unbekannten männlichen Person.
Bei der vierten Untersuchung wurde endlich Genmaterial im Knoten des Drosselungswerkzeugs gefunden – an der Stelle, wo die DNA eines Täters während des Drosselns hätte übertragen werden müssen. Petzold schickte den Treffer ans LKA. Am Nachmittag des 1. März wurde ein Mann gefunden, der als Verursacher der Spur in Frage käme.
Petzold stellte fest: Die DNA dieses Verdächtigen wäre im November 2016 aus der Datei gelöscht worden. Er hatte Glück gehabt. Es handelte sich um Heinz R. , damals 60 Jahre alt.
Heinz R. wuchs zu DDR-Zeiten in der Nähe von Plauen auf. Er war dreimal verheiratet und dreimal geschieden, trank schon in jungen Jahren Alkohol und wurde gewalttätig – besonders gegen Frauen. In den 70er Jahren musste er in eine Jugendhaftanstalt.
1984 geriet er auf den Radar der Stasi, weil er davon sprach, aus der DDR flüchten zu wollen. Weil er auch einen Ausreiseantrag stellte, kümmerte sich bei seinen weiteren Gesetzesverstößen ausschließlich die Stasi um ihn. Die Kripo durfte keine Nachforschungen unternehmen – und genau dieser Grund führte dazu, dass Heinz R. bei den damaligen Mordermittlungen immer wieder durch das Raster rutschte.
Heinz R. kam ständig mit dem Gesetz in Konflikt: Verkehrsdelikte, Trunkenheit, Autodiebstahl. Er wurde wieder inhaftiert und wieder früher entlassen. 1989 kam es zu einer versuchten Vergewaltigung, die ein Zeuge bemerkte.
Heinz R. wurde verhaftet und wegen dieser und weiterer Straftaten zu zwei Jahren Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt. Im Rahmen der Wende wurde er nach nur einem Jahr auf Bewährung entlassen. Doch er beendete seine Straftaten nicht.
Ende der 90er Jahre folgte eine weitere Vergewaltigung und eine weitere Haftstrafe. 2001 wurde angeordnet, dass Heinz’ DNA in die zentrale Datenbank eingestellt werden sollte. Als er 2005 erneut eine Frau vergewaltigte, wurde die Eintragung bis November 2016 verlängert. Seit einem Schlaganfall im Jahr 2012 war Heinz R.
gesundheitlich so angeschlagen, dass er nicht mehr in polizeiliche Erscheinung trat. Ohne den Treffer im März 2016 wäre seine DNA aus der Datei gelöscht worden, und der Mord wäre vermutlich nie aufgeklärt worden. Petzold ging mit der Akte zum Staatsanwalt, der sofort einen Haftbefehl erließ. Am 21.
März 2016 nahm die Polizei gemeinsam mit Spezialeinheiten den völlig überraschten Heinz R. in seiner Wohnung in Gera fest. Bei der Durchsuchung fand man keine Gegenstände, die mit dem Mord in Verbindung standen, aber Unterlagen, die belegten, dass Heinz R. in der Woche nach der Tat, ab dem 13.
April 1987, wegen einer Grippe krankgeschrieben war. Auch das sprach laut Staatsanwaltschaft für seine Täterschaft. Dreimal vernahm die Polizei Heinz R. , doch er äußerte sich nur zu seiner Person.
Zu den Tatvorwürfen schwieg er. Die Staatsanwaltschaft stützte sich auf Aussagen aus Vernehmungen zu seinen früheren Straftaten. Am 12. Dezember 2016 wurde der Prozess am Landgericht Zwickau eröffnet.
Wegen gesundheitlicher Probleme durfte Heinz R. nur zwei Stunden am Tag im Gerichtssaal sein. Nach 42 Verhandlungstagen verkündete das Gericht am 30. August 2017, 30 Jahre nach der Tat, das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes.
Der Vorsitzende Richter betonte: „Die Gerechtigkeit hat einen langen Atem. ” Heinz R. ging in Revision, doch der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil am 4. Juli 2018.
Das Besondere: Heinz R. wurde nach DDR-Strafrecht verurteilt, 28 Jahre nach der Wiedervereinigung. Nach dem Einigungsvertrag von 1990 übernahm die Bundesrepublik das Strafrecht der DDR nicht automatisch. Für Taten, die vor dem Beitritt begangen wurden, gilt grundsätzlich das Gesetz, das zur Zeit der Tat galt – also das DDR-Strafrecht.
Die Verjährungsfrist für Mord wurde durch das zweite Verjährungsverlängerungsgesetz von 1993 aufgehoben: Mord verjährt nicht. Da das DDR-Strafrecht Regelbeispiele vorsah und nicht zwingend lebenslange Haft, sondern nur eine Mindeststrafe von zehn Jahren, galt Paragraph 112 des DDR-StGB als das mildere Gesetz. Nach diesem Recht wurde Heinz R. verurteilt.
Die Kammer sah es als erwiesen an, dass Heinz R. den Mord begangen hatte, um die Verdeckung seiner vorangegangenen Vergewaltigung zu sichern. Für Enrico Petzold war das Urteil nach 30 Jahren eine Erleichterung. „Ich war total erleichtert und froh”, sagt er.
Dass der Gesuchte am Leichenfundort mit der orangefarbenen Jacke tatsächlich Heinz R. war, davon ist er überzeugt – „er hat damals einen Beruf ausgeübt, wo solche Jacken getragen wurden. ” Doch hundertprozentig wissen wird er es nie. Ob es der Mann war, der unbeobachtet an Ines’ Grab gestanden hatte, blieb ebenfalls ungeklärt.
Am Ende zählte für Petzold vor allem der Dank der Familie. „Der Dank der Familie ist mir mehr wert als alles andere”, sagt er. Ein grüner Abschluss einer sechzehnjährigen Ermittlungsarbeit, die erst nach einer wiederholten DNA-Analyse und einem Glückstreffer in der Datenbank zum Erfolg führte.


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