Der Anruf kam um kurz nach eins. Warren Hans nahm das Telefon ab und hörte sofort, dass etwas nicht stimmte. Seine Schwester Diane redete wirr, verwechselte ihn mit ihrem Mann Daniel. Sie sollte rechts ranfahren, sofort.

Warren wollte schon losfahren, um sie zu suchen, doch dann brach die Verbindung ab. Nur eine Minute später klingelte es erneut. Diesmal war es seine achtjährige Tochter Emma. „Mit Tante Diane stimmt etwas nicht“, sagte sie.
Warren hörte die Angst in ihrer Stimme und fragte, ob sie ein Ortsschild sehen könne. „Tarrytown“, sagte das Mädchen. Jackie, seine Frau, verlangte, Diane zu sprechen, und flehte sie an, von der Autobahn abzufahren. Doch Diane Schuler war nicht mehr zu erreichen.
Ihr Handy wurde kurz darauf unbeschädigt auf einer Leitplanke nahe der Tappan Zee Bridge gefunden, so platziert, als hätte sie es dort bewusst abgelegt. An diesem 26. Juli 2009 war Diane mit fünf Kindern auf dem Rückweg vom Campingausflug. Die Familie hatte das Wochenende am Hunter Lake verbracht, ein Ausflug wie viele zuvor.
Ihr Mann Daniel war mit dem Gepäck vorausgefahren, Diane übernahm den roten Minivan mit den fünf Kindern: ihrem Sohn Brian, ihrer Tochter Aeron und den drei Nichten Emma, Allison und Kate, den Töchtern ihres Bruders Warren. Früher an diesem Morgen hatte nichts auf die Katastrophe hingedeutet. Die Verwalterin des Campingplatzes sah Diane noch lächelnd winken. Bei McDonald’s in Liberty bestellte sie Frühstück, während die Kinder auf dem Spielplatz tobten.
Die Mitarbeiter beschrieben sie später als ruhig und freundlich, völlig nüchtern. Um 10:46 Uhr hielt sie an einer Tankstelle. Überwachungskameras zeigen, wie sie den Laden betritt, sich umsieht und mit einem Mitarbeiter spricht. Sie kaufte nichts.
In einigen Berichten hieß es später, sie habe Schmerzmittel gesucht, die nicht vorrätig waren. Um 11:30 Uhr telefonierte sie mit ihrer Schwägerin Jackie. Sie klagte über starken Verkehr, sagte aber, alles sei in Ordnung. Jackie hörte die Kinder im Hintergrund lachen und machte sich keine Sorgen.
Sie ahnte nicht, dass sie ihre drei Töchter nie wiedersehen würde. Gegen Mittag wurden mehrere Autofahrer auf der Interstate 87 auf den roten Minivan aufmerksam. Der Wagen wechselte abrupt die Spuren, fuhr unsicher. Ein Ehepaar hinter ihr beobachtete, wie Diane dicht auffuhr und hupte, obwohl der Verkehr stockte.
Dann bog sie plötzlich auf einen Rastplatz ab. Das Paar folgte ihr. Die Frau sah, wie Diane sich aus dem Auto lehnte, den Bauch hielt und sich übergab. Bevor sie ihr helfen konnten, war sie wieder eingestiegen und weitergefahren.
Warren Hans war nicht der Einzige, der Dianes merkwürdiges Verhalten bemerkte. Um 13:30 Uhr meldete ein Zeugenpaar ein Fahrzeug, das mit hoher Geschwindigkeit eine falsche Auffahrt nahm, eine Zufahrt, die deutlich als Einbahnstraße markiert war. Von diesem Moment an war Diane eine Geisterfahrerin auf dem Taconic State Parkway. Bei der Polizei gingen in den nächsten Minuten mehrere Notrufe ein.
Autofahrer meldeten den roten Minivan, der ihnen auf der Überholspur entgegenkam. Mehrere berichteten, die Fahrerin mache keinerlei Anstalten auszuweichen. Sie fuhr nur geradeaus, als sei sie sich nicht bewusst, dass sie auf der falschen Seite unterwegs war. Ein Ehepaar konnte im letzten Moment ausweichen.
Diane bremste nicht einmal ab. Fast drei Kilometer fuhr sie als Geisterfahrerin auf der Überholspur. Dann kam der Aufprall. Gegen 13:35 Uhr steuerte sie ihren Minivan frontal in einen Chevrolet Trailblazer.
In dem Wagen saßen der 81-jährige Michael Bastardi, sein 49-jähriger Sohn Guy und deren 74-jähriger Freund Daniel Longo. Sie waren auf dem Weg zu einem Familientreffen. Die Wucht des Aufpralls war verheerend. Der Trailblazer wurde zur Seite geschleudert und prallte in einen weiteren Wagen.
Dianes Minivan überschlug sich, wurde über den Grünstreifen katapultiert und fing Feuer. Fast alle Insassen starben sofort. Diane, ihre zweijährige Tochter Aeron und zwei ihrer drei Nichten starben noch am Unfallort. Die dritte Nichte erlag wenig später im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Auch die drei Männer aus dem anderen Fahrzeug starben. Keines der Kinder war angeschnallt gewesen. Nur Dianes fünfjähriger Sohn Brian überlebte schwer verletzt. Er wurde aus dem Wagen geschleudert und erlitt mehrere Knochenbrüche und innere Verletzungen.
Er musste monatelang im Krankenhaus bleiben. Insgesamt starben acht Menschen, darunter vier Kinder. Es war einer der schwersten Verkehrsunfälle in der Geschichte von Westchester County. Zwei Zeugen zogen Diane aus dem brennenden Fahrzeug.
Auf der Fahrerseite fanden sie eine zerbrochene Flasche Absolut Wodka. Die Nachricht vom Unfall verbreitete sich schnell. Warren und Jackie Hans verloren an diesem Tag ihre gesamte Familie. In seiner Trauerrede rang Warren um Worte für den Verlust seiner drei Töchter.
Daniel Schuler verlor seine Frau und seine Tochter und kämpfte wochenlang um das Leben seines Sohnes. Doch neben dem Schmerz blieben Fragen. Wie konnte eine Mutter, die als fürsorglich und verantwortungsvoll galt, so etwas tun? Die Polizei ermittelte.
Sie untersuchte die Unfallstelle, sicherte das Fahrzeug und ordnete eine Obduktion von Diane an. Das toxikologische Gutachten lieferte erschütternde Ergebnisse: Diane hatte einen Blutalkoholwert von 1,9 Promille. Im Magen befand sich nicht absorbierter Alkohol, was bedeutete, dass sie kurz vor dem Unfall große Mengen Alkohol konsumiert haben musste, etwa die Menge von zehn Drinks. Außerdem wurde eine hohe Menge THC in ihrem Blut gefunden.
Eine Gerichtsmedizinerin erklärte später, dass ein so hoher THC-Wert nur durch aktiven Konsum kurz vor dem Unfall zu erklären sei. Andere Experten hielten auch einen früheren Konsum für möglich. Eine medizinische Ursache für den Kontrollverlust wurde ausgeschlossen. Weder ein Schlaganfall noch eine Thrombose noch andere körperliche Ursachen konnten festgestellt werden.
Im Auto fand man nur die halbvolle Flasche Wodka. Die Öffentlichkeit reagierte fassungslos. Freunde, Angehörige und Medien stellten sich dieselbe Frage: Warum? Wie passte dieses Verhalten zu dem Bild, das alle von Diane hatten?
Daniel Schuler glaubte die Ergebnisse nicht. Er forderte eine zweite toxikologische Untersuchung in der Hoffnung, dass ein Fehler passiert war. Er war überzeugt, dass Diane niemals betrunken gefahren wäre, schon gar nicht mit fünf Kindern im Auto. Auch Jackie Hans äußerte Zweifel.
Doch das zweite Gutachten bestätigte alle Ergebnisse. Für viele war der Fall damit abgeschlossen, nicht aber für Daniel. Er glaubte nicht daran, dass Diane ein heimliches Alkoholproblem hatte oder den Unfall absichtlich herbeigeführt hatte. Er engagierte einen privaten Ermittler und sprach in Interviews offen über seine Zweifel.
Auch in einer HBO-Dokumentation beschrieb er seine Sicht, und seine Theorie fand nach und nach immer mehr Anklang. Trotz der klaren toxikologischen Befunde blieb die genaue Ursache für Dianes Verhalten unklar. Diane galt als kontrolliert, diszipliniert und organisiert. Ihre Freunde beschrieben sie als lebensfrohe Frau, die alles im Griff hatte.
Die wohl tragischste Theorie war, dass Diane sterben wollte und dabei bewusst ihre Kinder und Nichten mit in den Tod nahm. Doch für viele Angehörige passte dieses Bild nicht zu der Frau, die sie kannten. Andere Hinweise deuteten auf eine medizinische oder psychische Ausnahmesituation hin. Ihr Sohn Brian sagte später im Krankenhaus: „Mamis Kopf tat weh.
Sie konnte nicht mehr richtig sehen. “ Auch Emma, die achtjährige Nichte, hatte kurz zuvor am Telefon gesagt, dass Diane Kopfschmerzen hatte. Wochen vor dem Unfall soll Diane über Schmerzen im Kiefer geklagt haben. Kolleginnen berichteten, sie habe sich oft an den Unterkiefer gefasst.
Möglicherweise waren die Schmerzen so stark, dass sie den Wodka trank, nachdem sie in der Tankstelle keine Schmerzmittel bekommen hatte. Bei der Obduktion konnte jedoch keine körperliche Erkrankung festgestellt werden, die den Unfall hätte auslösen können. Es gab außerdem Hinweise auf regelmäßigen Marihuana-Konsum. Eine Kollegin berichtete, Diane habe gelegentlich Cannabis konsumiert, um besser schlafen zu können.
Ihre nahen Angehörigen wussten davon nichts. Trotz aller Recherchen blieben viele Fragen unbeantwortet. Was es mit dem gefundenen Handy auf sich hatte, ließ sich nicht mehr klären. Ebenso wenig, warum ihr Bruder nach dem beunruhigenden Anruf seiner Tochter nicht sofort die Polizei alarmiert hatte.
Die Tragödie blieb nicht ohne Folgen. In Erinnerung an die drei verstorbenen Hansen-Töchter gründeten Jackie und Warren die Hance Family Foundation, die sich für die Stärkung junger Mädchen und deren Selbstwertgefühl einsetzt. Im Oktober 2009 trat in New York ein neues Gesetz in Kraft, das Fahren unter Alkoholeinfluss mit Kindern im Fahrzeug als Verbrechen einstuft. Die Medien griffen den Fall mehrfach auf, und sogar eine Folge der Serie „Law and Order“ basierte auf dem Unfall.
Jackie Hance schrieb ein Buch über ihre Trauer. Im Jahr 2011 wurde sie erneut Mutter einer Tochter. Brian Schuler, der einzige Überlebende des Unfalls, erholte sich körperlich.
Er sprach mit seinem Vater über das Erlebte, über seine kleine Schwester, seine Cousinen und über seine Mutter Diane.


