Gegen 18:10 Uhr verlor Petra B. auf der A3 bei Würzburg die Kontrolle über ihren Wagen. Sie schaffte es gerade noch, auf der linken Spur zu stoppen und den Notruf zu wählen. „Ich hatte gerade einen Autounfall“, sagte sie atemlos.

„Mir scheint, nichts ist passiert. Aber ich blute. “
Die Feuerwehr sperrte die Autobahn, Petra B. kam in eine Klinik nach Würzburg.
Beim Röntgen entdeckten die Ärzte zwei Geschossteile in ihrem Hals, die ihre Wirbelsäule nur knapp verfehlt hatten. In einer Notoperation wurden sie entfernt. Petra B. war von einem Unbekannten lebensgefährlich verletzt worden.
Die Kripo Würzburg übernahm den Fall. Noch ahnten die Kommissare Hansjörg Kämmer und Bernt Fischer nicht, dass Petra B. weder das erste noch das letzte Opfer sein würde. Die Projektilteile stammten aus einer Handfeuerwaffe des Kalibers 22.
Wer würde auf eine Frau auf der Autobahn schießen? Petra B. berichtete, sie habe auf der linken Spur einen Autotransporter überholt, als es plötzlich einen Schlag gab. Sie konnte ihre Beine nicht mehr bewegen, ihr Fuß stand voll auf dem Gaspedal.
Der Wagen schlitterte mehrere hundert Meter an der Leitplanke entlang, bis er zum Stehen kam. Die Beamten sperrten das Teilstück ab und suchten den Seitenstreifen Zentimeter für Zentimeter ab. Sie fanden ein Splitterfeld und die Anstoßstelle an der Leitplanke. Doch die Frage blieb: Wer war der Schütze?
Ein Jäger? Ein Querschläger? Zufall? Die Ermittler gingen an die Öffentlichkeit.
Daraufhin meldeten sich mehrere Fahrzeugführer, die am Tattag ebenfalls auf der A3 unterwegs gewesen waren und Schäden an ihren Fahrzeugen festgestellt hatten. Ein Autohaus in Höchstadt meldete einen Neuwagen auf einem Autotransporter mit einem Einschussloch. Wenig später wurden weitere Beschüsse gemeldet: ein Chemielaster, bei dem die Kugel in der Außenhaut stecken geblieben war – bei Methanol-Ladung hätte das fatale Folgen haben können. Ein tschechischer Fahrer entdeckte beim Abladen vier Einschüsse in seinem Container.
Die Rekonstruktion der Einschüsse ergab ein klares Bild: Der Schütze musste aus einer erhöhten Position geschossen haben, während er selbst unterwegs war. Er musste im fließenden Verkehr auf der Autobahn gewesen sein, vermutlich aus dem Führerhaus eines LKW. In Würzburg wurde die Soko BAB gegründet. Ein Autofahrer, der aus privatem Interesse regelmäßig seine Fahrten filmte, stellte den Ermittlern Aufnahmen vom Tattag zur Verfügung.
Darauf waren mehrere LKW zu sehen, die zur fraglichen Zeit die Stelle passierten. Gutachter berechneten, welche Fahrzeuge als Täterfahrzeuge in Frage kamen. Sie identifizierten sieben LKW. Monatelange Arbeit folgte, doch den wahren Täter hatte niemand auf dem Schirm: Die Gutachter hatten die falschen LKW bestimmt.
Die Beschüsse häuften sich. Sie reichten bis ins Jahr 2007 zurück. Die Ermittler erkannten ein Muster: Der Schütze hatte es vor allem auf Autotransporter abgesehen. Bestimmte Autobahnabschnitte fielen auf – die Beamten nannten sie intern die „Achse des Bösen“.
Doch es gab ein Problem: Die Mautdaten der LKW, die über die Mautbrücken erhoben wurden, waren der Polizei gesetzlich nicht zugänglich. Der Datenschutz stand über dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Am 1. Februar 2010 schlug der Schütze erneut zu.
Aaron Kramp überholte auf der A2 bei Eimersleben einen LKW, als er im Augenwinkel etwas auf sich zufliegen sah. Seine Scheibe zersprang. Die Polizei fragte zunächst skeptisch: „Woher wollen Sie genau wissen, dass auf Sie geschossen wurde? “ Doch als die Beamten das Auto sahen, war klar: Es war ein Schuss.
Zwei Jahre nach Gründung der Soko BAB war der Schütze immer noch frei. Über 400 Mal hatte er seit 2007 zugeschlagen, der Sachschaden ging in die Millionen. Die Soko wurde zurückgefahren, die Ermittler kehrten in den normalen Dienst zurück. Es schien, als könne nur noch der Zufall den Täter stoppen.
Am 13. Juni 2012 geschah es: Eine Serie von neun Beschüssen auf der A61 alarmierte die Ermittler. Der Täter hatte das Kaliber gewechselt – von 22 auf 9 mm. Das war Kriegswaffenmunition.
Wäre Petra B. damals mit einem 9-mm-Geschoss getroffen worden, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt. Jetzt schaltete sich das Bundeskriminalamt ein. Schon seit September 2009 beobachtete eine Arbeitsgruppe das Treiben des Unbekannten, ohne selbst aktiv zu werden.
Der Kaliberwechsel war der Auslöser: „Wir können nicht warten, bis auf Deutschlands Autobahnen einer stirbt“, sagte der BKA-Präsident. Die besondere Aufbauorganisation „BO Transporter“ wurde aufgestellt. 120 Ermittler machten sich an die Arbeit. Die Spurenlage war schwierig.
Die Geschosse waren stark deformiert, die Spuren überlagert. Trotzdem gelang es den Experten des BKA, übereinstimmende Spuren auf den Projektilteilen auszumachen. Über 100 Munitionsteile im Kaliber 22 und mindestens 30 im Kaliber 9 mm konnten der Waffe zugeordnet werden. Es war ein und derselbe Täter.
Doch ohne die Mautdaten blieb die Suche schwierig. Deshalb entwickelte die BO eine eigene Lösung: hochauflösende Kameras mit Kennzeichenlesegeräten, aufgestellt an strategisch günstigen Stellen auf den bekannten Strecken. Die Staatsanwaltschaft Koblenz genehmigte die Maßnahme vom 3. Dezember 2012 bis zum 3.
März 2013. Sieben Lesegeräte wurden aufgebaut. Dann hieß es warten. Der Täter schien tatsächlich verunsichert.
Nach einem Auftritt bei „Aktenzeichen XY ungelöst“, bei dem die Belohnung auf 100. 000 Euro erhöht wurde, blieben die Beschüsse zunächst aus. 60 Hinweise gingen ein – keiner brachte die Ermittler weiter. Doch die BO wartete mit ihrer Technik geduldig weiter.
In der Nacht zum 15. April 2013 schlug der Autobahnschütze wieder zu. Drei Beschüsse auf der A61, räumlich und zeitlich eng beieinander. Der Abgleich der Routendaten ergab: Der Täter musste in einem engen Zeitfenster eine der Messstationen passiert haben.
In diesem Zeitfenster fuhren 45 LKW durch. Die Ermittler hatten ihre Verdächtigen. Am 16. , 17.
und 19. April schoss er erneut zweimal auf der A61 in der Nähe eines Lesegeräts. Diesmal führte der Abgleich zum Erfolg: Ein Kennzeichen tauchte am 15. und am 19.
April auf. Es gehörte zu einer Spedition in Monschau. Der Fahrer: der 58-jährige Fernfahrer Harry K. Eine alte Verkehrsverstoß-Meldung brachte die Bestätigung – sein Bordcomputer passte exakt zu den Tatzeiten.
Die Funkzellenauswertung seines Handyanbieters ergab ein lückenloses Bild: Seine Routen deckten sich mit den Beschussserien. „Das kann kein Zufall sein“, sagten die Ermittler. Harry K. lebte in einem kleinen Dorf in der Eifel, galt als zuverlässig und hilfsbereit.
Im Fahrerhaus seines LKW hing ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin’s“. Am 24. Juni 2013 wurde Harry K. festgenommen.
Im Garten seines Hauses fanden die Ermittler einen Baumstamm mit Einschüssen, im Keller eine selbstgebaute Zielscheibe. Bei der Vernehmung wiederholte er monoton: „Ich habe nichts getan, ich habe nichts geschossen, ich habe keine Waffen. “ Doch die Beweise waren erdrückend. Der Ermittler Reiner Grim fand einen Zugang zu ihm.
„Denken Sie auch an Ihre Frau“, sagte er. „Machen Sie es nicht noch schlimmer. “ Harry K. schwieg lange.
Dann fragte er: „Was passiert jetzt mit mir? “ Grim erklärte ihm, dass er nach Würzburg gebracht und dem Haftrichter vorgeführt würde. „Sind Sie da dabei? “, wollte Harry K.
wissen. „Ja“, sagte Grim. „Geben Sie mir die Hand darauf. “ Harry K.
gab ihm die Hand und sagte: „Ich zeige Ihnen, wo die Waffen sind. “
Er führte die Beamten in den Garten zu einer Thujahecke. Auf Brust- und Kopfhöhe hingen, in wasserdichte Folie gewickelt und mit Fleischerhaken in Astgabeln hochgehängt, die Waffen und Munition: zwei Pistolen in den Kalibern 22 und 9 mm, dazu 1. 300 Schuss Munition und selbstgebaute Schalldämpfer.
Die Vergleichsmunition aus den Waffen stimmte exakt mit den Tatprojektilen überein. Der Fall war gelöst. In der Vernehmung sprach Harry K. auch über sein Motiv: Er sei von einem Autotransporter abgedrängt worden, fast hätte es einen Unfall gegeben.
Außerdem habe er angeblich eine Nacht auf einem Parkplatz im Ausland verbracht, wo er betäubt und ausgeraubt worden sei – von Fahrern solcher Transporter. Seine Antwort auf die Frage, warum er das alles getan habe: „Einfach Frust. Das ist Krieg. Auf den Autobahnen ist Krieg.
“
Im August 2014 begann der Prozess vor dem Landgericht Würzburg. Über 700 Beschüsse waren bekannt, 112 davon wurden angeklagt. Am 30. Oktober 2014 wurde Harry K.
wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, Sachbeschädigung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Verstößen gegen das Waffengesetz zu zehn Jahren und drei Monaten verurteilt. Nach dem Urteil schüttelten ihm die Vorgesetzten persönlich die Hand und bedankten sich für die tolle Arbeit. Auf dem Weg zum Auto sprachen ihn zwei wildfremde Menschen an, die im Gerichtssaal gesessen hatten, und taten dasselbe. „Da wusste ich, wofür ich arbeite“, sagte Reiner Grim.
„Das habe ich in fast 20 Jahren Berufserfahrung nie erlebt. “
Der Fall des Autobahnschützen ging als einer der ungewöhnlichsten in die Geschichte des Bundeskriminalamts ein. Kein Mensch musste sterben, weil ein Schütze auf Deutschlands Autobahnen sein Unwesen trieb – und genau das blieb das eigentliche Wunder.


