Am 27. Juni 2016 saß ich auf einer Polizeiwache in Berlin und zeigte meinen eigenen Chef an – den Mann, der mich seit Jahren verfolgte. Er hatte mich mit Nachrichten bombardiert, ein gefälschtes…

Am 27. Juni 2016 saß ich auf einer Polizeiwache in Berlin und zeigte meinen eigenen Chef an – den Mann, der mich seit Jahren verfolgte. Er hatte mich mit Nachrichten bombardiert, ein gefälschtes...

Am 27. Juni 2016 sitzt Jan Mirkoel auf der Polizeiwache 52 in Berlin-Kreuzberg und macht eine Aussage, die ihm sichtlich schwerfällt. Der 29-Jährige ist gekommen, um Anzeige wegen Nachstellung zu erstatten – gestalkt von seinem ehemaligen Chef. Der Mann, den Jan anzeigt, ist Gerwald Klaus Brunner, ein 44-jähriger Politiker der Berliner Piratenpartei.

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Erst vier Tage zuvor hat Brunner seine Rede im Berliner Abgeordnetenhaus mit unheilvollen Worten beendet: „Das werde ich euch so sagen, und ihr werdet auch in der laufenden Legislatur für mich am Anfang irgendeiner Plenarsitzung mal aufstehen dürfen und eine Minute stillstehen. ”

Jan hat die Schule abgebrochen, ebenso eine anschließende Berufsausbildung. Die Jobsuche war schwierig, und lange fand er keine Anstellung. 2011 bekommt er endlich eine Stelle: als persönlicher Mitarbeiter von Klaus Brunner im Berliner Abgeordnetenhaus.

Die beiden freunden sich an, unternehmen gemeinsam Dinge, fahren zusammen in den Urlaub. Doch Jan fühlt sich in der Anstellung zunehmend unwohl, denn sein Chef will offenbar mehr von ihm als nur Freundschaft. Jan steht aber nicht auf Männer und lässt seinen 15 Jahre älteren Boss abblitzen. 2014 kündigt Jan den Job.

Der Kontakt endet damit nicht. Seit anderthalb Jahren wird er nun mit Nachrichten und Anrufen bombardiert. Sein Ex-Chef hat sogar ein Facebook-Profil unter Jans Namen erstellt, hat Freunde und Familie kontaktiert, um Informationen zu sammeln. Er soll Freunden Geld geboten haben, damit sie Jan für ihn ausspionieren.

Mehrmals hat Brunner Jan vor der Haustür aufgelauert, einmal am Bahnhof. Als Jan ihn bat, ihn endlich in Ruhe zu lassen, drohte Brunner: Er werde jetzt richtig Terror machen. Zwei Wochen vor Jans Anzeige hat Brunner selbst Anzeige gegen Jan erstattet – wegen Verleumdung. In seiner Anzeige heißt es, Jan solle „ob dieser paranoiden Wahnvorstellung einen Facharzt aufsuchen, da hier offensichtlich eine schwere Persönlichkeitsstörung vorliegt.

” Brunner war offenbar schon vorbereitet. Klaus Brunner ist in Berlin ein bekanntes Gesicht: etwa zwei Meter groß, über 130 Kilogramm schwer, immer unterwegs in Latzhose und mit Partytuch, manchmal mit einer Davidsternkette. Er wird zum gern gesehenen Gast in TV-Sendungen. Doch innerhalb seiner Partei läuft es mies.

Mit seinen schroffen Aussagen eckt er an, wird mehrfach gerügt, von Ausschüssen abgezogen, seine Anträge werden abgelehnt. Anfang 2016 beantragen acht der 15 Piraten-Abgeordneten seinen Ausschluss aus der Fraktion – die Stimmen reichen knapp nicht. Im September steht die Wahl an, und die Umfragen sehen katastrophal aus. Brunner steht auf Platz 27 der Landesliste, sein Abgeordnetengehalt von 7000 Euro brutto wird enden.

Im Sommer 2016 ruft er nachts weinend bei Freunden an, klagt über Angst vor der Zukunft und davor, in seinen alten Beruf zurückzumüssen, zu dem er körperlich nicht mehr in der Lage sei. Brunner hat eine schwierige Biografie. Schon als Kind soll er auffällig gewesen sein, Tiere gequält haben. Ein Mädchen, das ihn abblitzen ließ, stellte er nach.

Bei der Bundeswehr soll er sich in einen Unteroffizier verliebt haben, und als dieser seine Gefühle nicht erwiderte, habe Brunner zugeschlagen – er wurde fristlos entlassen. Anfang zwanzig outete er sich vor seinen Eltern und erzählte, der Mann, in den er verliebt war, sei bei einem Autounfall gestorben. Statt Unterstützung gab es einen heftigen Streit. Seine Eltern, bekennende Rechtsradikale, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurden, akzeptierten seine Sexualität nicht.

Es kam zum Kontaktabbruch. Brunner schaffte den Absprung aus der rechtsextremen Szene erst nach seiner Ausbildung zum Fernmeldetechniker. 1997 zog er nach Berlin, 2009 trat er der Piratenpartei bei, 2011 schaffte er es ins Abgeordnetenhaus und stellte Jan Mirkoel ein. Doch Jan hatte etwas gesehen.

Als Brunner einmal im Krankenhaus lag, bot Jan an, ein paar Sachen aus dessen Wohnung zu holen. Als er die Wohnung betrat, war der Computer an – und ein Ordner mit Fotos geöffnet. Fotos, die verschiedenste Leute aus Brunners persönlichem Umfeld beim Toilettengang zeigten. Brunner hatte Gäste heimlich gefilmt.

Das war der Punkt, an dem Jan die Kündigung einreichte. Er meldete es nirgends, um seinem Chef und der Partei nicht zu schaden. Auch in seiner Anzeige im Juni 2016 erwähnte er es nicht. Seiner Mutter erzählte Jan jedoch, dass er eine Kamera in seinem Duschkopf gefunden hatte – und dass er glaubte, Brunner sei bei ihm eingebrochen und habe sie dort installiert.

Es wird seine Mutter sein, die der Polizei später davon berichtet. Denn zu diesem Zeitpunkt ist Jan nicht mehr am Leben. Der 15. September 2016 beginnt als schöner Tag.

Vor fast drei Monaten hatte Jan auf einem Festival in Magdeburg eine Frau namens Anne kennengelernt, die beiden sind inzwischen ein Paar. An diesem Donnerstag wachen sie gemeinsam in Jans Wohnung im Berliner Wedding auf. Jan macht sich früh auf den Weg zu einer befreundeten Familie aus Afghanistan, auf deren Kinder er aufpasst. Seit der Kündigung lebt er von Hartz IV, pflegt daneben seine Großmutter, verbringt Zeit in einem Meditationszentrum oder mit Brettspielen.

Mittags kommt er gut gelaunt vom Babysitten zurück. Er verabredet sich mit seinem Kumpel zum Tischtennis. Der Freund spricht ihn darauf an, wie es mit dem Stalking durch den Ex-Chef stehe. Jan winkt ab: „Die Sache ist nicht so wild.

Um 21:30 Uhr schreibt Anne ihm eine SMS. Er wird nicht mehr antworten. Brunner ist an diesem Tag ebenfalls in Berlin. Am Wochenende steht die Wahl an.

Er ist an seinem Wahlkampfstand in Steglitz, versucht letzte Stimmen abzufangen. Kurz nach 18 Uhr filmt ihn die Überwachungskamera eines Kiosks, er wirkt entspannt, kauft ein Science-Fiction-Heft, gibt einen Lottoschein ab. Wenig später sieht ihn eine Bekannte in der S1 Richtung Frohnau. Auffällig ist sein Gepäck: eine wuchtige Sackkarre, darauf ein Koffer, der von der Größe locker mit einem Kühlschrank mithalten kann.

Auf die Frage, was er damit vorhabe, soll Brunner nur geantwortet haben: „Altkleider. ”

An der Station Berlin-Gesundbrunnen verlässt er die Bahn, zieht die Sackkarre Richtung Koloniestraße. Am späten Abend scrollt eine Mitarbeiterin der Piraten durch Twitter und sieht einen Post von Klaus Brunner: „Mein Herzmensch wurde heute in Berlin totgeschlagen. ” Kurz darauf ist der Tweet gelöscht.

Einen Tag später twittert Brunner: „Echter Kacktag heute, übertrifft sämtliche schlechte Tage, die ich je erlebt hatte bisher. Hoffe, das Wochenende macht’s besser. ” Bekannten erzählt er, er plane, sich in eine Psychiatrie einweisen zu lassen. Später folgt ein letztes Posting: ein Foto von Jan Mirkoel, aufgenommen in einer Berliner Bar, dazu die Worte: „Meine Liebe, mein Leben für dich, lieber Wuschelkopf, für immer und ewig.

Am 18. September fliegen die Piraten hochkant aus dem Abgeordnetenhaus: 1,7 Prozent. Brunner meldet sich nicht zu Wort. Doch schon am Montag nach der Wahlniederlage geht im Berliner Büro der Piratenpartei ein Brief ein.

Darin steht: „Wenn ihr das hier lest, bin ich tot. Bitte informiert die Polizei und gebt ihr den Wohnungsschlüssel, den ich beigelegt habe. ” Absender: Gerwald Klaus Brunner. Die Polizei wird verständigt.

Der beigelegte Schlüssel gehört zu einer Wohnung im zweiten Stock eines Neubaus in der Schönhauser Straße in Berlin-Steglitz – Brunners Wohnung. Sie macht einen verwahrlosten Eindruck: ungeputzt, Müll und Kleidung in den Ecken. Schon im Flur sehen die Beamten eine Blutspur, dort steht auch ein Müllsack mit Kleidung und zerschnittenen Kabelbindern. Der Verwesungsgeruch ist nicht zu leugnen.

Im Schlafzimmer finden sie den leblosen Körper von Klaus Brunner. Er liegt bäuchlings und unbekleidet auf dem Bett, die Handgelenke mit Kupferkabeln an eine Steckdose gebunden. Offenbar hat er sich selbst einen Stromschlag zugefügt. Der Schutzschalter, der das hätte verhindern sollen, wurde manipuliert – Brunner hatte als ausgebildeter Elektroniker das nötige Wissen.

Doch er ist nicht der einzige Tote. Auf einer Matratze im Wohnzimmer liegt unter einem Laken ein jüngerer Mann, unbekleidet, in Embryonalstellung. Unter seinem Kopf ein Handtuch, in der linken Hand ein Bild der Mutter Meer, einer indischen Heiligen. Die Verwesung ist weiter fortgeschritten – er scheint schon einige Tage länger tot zu sein.

Zwei Menschen tot in einer Wohnung – zunächst denkt kaum jemand an ein Verbrechen. Angesichts der Wahlniederlage gehen Medien und Parteikollegen schnell von einem doppelten Freitod aus. Es erscheinen wohlwollende Nachrufe auf „Faxe”, wie Brunner genannt wurde: der sanfte Riese, der aneckte, aber das Herz am rechten Fleck hatte. Parteikollegen ahnen, dass es sich beim zweiten Toten um Jan Mirkoel handeln könnte.

Brunner hatte erzählt, er habe Jan an eine ominöse Sekte verloren und kämpfe darum, ihn da herauszuholen. Eine Parteikollegin twittert: „Jedem Freund ist klar gewesen, dass sein Wuschelkopf für Faxe die große Liebe seines Lebens ist. ”

Dann dreht sich das Narrativ. Am 21.

September meldet sich ein Ex-Freund von Klaus Brunner bei der Polizei. Er hat ein Päckchen vom Toten erhalten und übergibt es ungeöffnet. Darin: persönliche Gegenstände von Brunner, Bargeld, ein Testament – und ein schriftliches Geständnis. „Ich habe am 15.

September um ca. 22 Uhr Mirko im Affekt getötet. Ich kann ohne ihn nicht leben und folge ihm. ”

In der Rechtsmedizin werden beide Leichen parallel obduziert.

An Jans Handgelenken und Knöcheln finden sich Fesselungsspuren – vermutlich von Kabelbindern. An den Oberarmen Einblutungen, die von einem kräftigen Griff stammen. An den Händen Abwehrspuren, abgebrochene und eingerissene Fingernägel. Neun Rippen sind gebrochen.

Brunnens Gewicht von über 120 Kilogramm gegen die schmächtigen etwa 60 Kilogramm Jans – der hatte keine Chance, sich körperlich zu wehren. Es gibt auch Einblutungen an den Halsweichteilen und Brüche am Kehlkopf. Der Ablauf wird so rekonstruiert: Brunner hat Jan überwältigt, als dieser ihm die Tür öffnete – vermutlich mit sofortigen Schlägen gegen den Kopf. Dann brachte er ihn in seine eigene, 15 Kilometer entfernte Wohnung in Steglitz, wahrscheinlich mit der Sackkarre, die er am Nachmittag dabei hatte.

Auf dem Rückweg nahm er wohl nicht die Bahn, sondern befestigte die Karre wie einen Anhänger am Fahrrad. Ob Jan da noch lebte, lässt sich nicht mehr klären. Erst im Laufe des Wochenendes, etwa drei Tage nach Jans Tod, tötete sich Brunner selbst mit dem Stromschlag. Bei der Obduktion finden die Gerichtsmediziner keinerlei Anhaltspunkte für die schwere unheilbare Krankheit, von der Brunner gegenüber Parteikollegen gesprochen hatte.

Er hatte gelogen. Das Bild vom sanften Riesen zerfällt endgültig. Wenige Tage später gibt der Bruder von Gerwald Klaus Brunner dem Stern ein Interview – das einzige Gespräch mit Journalisten. Er sagt: „Mein Bruder hat einen jungen Mann umgebracht, einen Mann, der noch ein ganzes Leben vor sich hatte.

Eigentlich müsste er und nicht mein Bruder im Mittelpunkt stehen. Alle Welt redet über Gerwald. Ich denke an die Familie von Jan Mirkoel. Es tut mir sehr leid.

Er widerlegt etliche Behauptungen seines Bruders: die Geburt auf der Autobahn in Schleswig-Holstein, die angebliche tödliche Krankheit, der Vater, der ihn mit 14 aus dem Haus geprügelt haben soll – all das war erfunden. Er zweifelt an, ob die Polizei Jan im Vorfeld ernst genommen hat, und appelliert, den Fall gründlich aufzuarbeiten. Er erinnert Eltern daran, ihre Kinder so anzunehmen, wie sie sind – gerade auch in Bezug auf sexuelle Orientierung. Doch am Ende bleibt nur die Trauer: „Mein Mitgefühl und auch das meiner Familie gilt in allererster Linie der Familie des Opfers.

Jan ist tot. Er wurde von meinem Bruder ermordet, durch mein Fleisch und Blut, und das ist sehr, sehr traurig. ”

Der Fall wirft Fragen auf. Jan hatte Mut gefasst, Anzeige zu erstatten – doch es wurde nicht direkt ermittelt.

Die Anzeige wurde weitergeleitet, und etwa drei Wochen später bekam Jan einen Fragebogen. Darin sollte er erneut schildern, was passiert war, und erklären, ob er überhaupt einen Strafantrag stellen wolle. Die Staatsanwaltschaft verfolgt Nachstellung nur, wenn das Opfer das ausdrücklich verlangt. Es wäre üblich gewesen, Jan direkt bei der Anzeigenaufnahme zu fragen – in seinem Fall wurde es versäumt.

Eine proaktive „Gefährderansprache” der Polizei, bei der sie auf den Täter zugeht, fand nicht statt. Brunner hatte nie von der Polizei gehört. Eine weitere Hürde: Als Abgeordneter hätte erst die Immunität aufgehoben werden müssen, bevor ein Verfahren eröffnet werden konnte – aber so weit kam es nie. Jan schickte den Fragebogen nicht zurück.

Am 17. August 2016 wurde das Verfahren eingestellt. Keinen Monat später war Jan tot. Rückblickend sehen viele den Fall als Katastrophe mit Ansage.

Nach seiner Rede im Juni hatten sich mehrere Abgeordnete und Senatoren Sorgen gemacht, versucht, Brunner professionelle Hilfe zu vermitteln – auch über Parteigrenzen hinweg. Mindestens eine Person hatte den sozialpsychiatrischen Dienst kontaktiert. Sein ehemaliger Parteikollege Christopher Lauer hatte ihm schon 2013 einen Termin bei einem renommierten Psychologen vermittelt – Brunner ging einmal hin, danach nie wieder. Auch einen anderen Parteikollegen soll Brunner bedrängt und mit Pralinen und Liebesbriefen bombardiert haben, schon 2011 – im selben Jahr, in dem Jan bei ihm anfing.

Bei Brunners Leiche fand man außerdem einen Zweitschlüssel zu Jans Wohnung – ein Indiz, das Jans Befürchtung stützt, Brunner sei bei ihm eingebrochen und habe die Kamera im Duschkopf installiert. Die Berliner Polizei sah später keinen Fehler. Von der Pressestelle hieß es, Brunners Drohung, „richtig Terror zu machen”, habe keinen Verdacht auf eine konkrete Gefährdung begründet. Man habe keine Hinweise auf einen eskalierenden Stalkingvorfall gesehen – obwohl Jan in seiner Anzeige angegeben hatte, er fühle sich erheblich in seiner Lebensqualität eingeschränkt und fürchte, dass die Situation eskalieren könne, da er dem Tatverdächtigen körperlich unterlegen sei.

Jan Mirkoel versuchte, sich zu wehren. Er vertraute seiner Mutter an, was ihm angetan wurde, ging zur Polizei, machte eine Aussage. Es half nichts. Sein Stalker tötete ihn und nahm sich danach das Leben.

Gegen Tote wird nicht mehr ermittelt – auch nicht gegen Gerwald Klaus Brunner. Für Jan Mirkoel, mit 29 Jahren ermordet von dem Mann, der behauptete, ihn zu lieben, ist es längst zu spät.