Ich zeigte ihm das Foto einer jungen Frau, die vor fast 30 Jahren ermordet worden war – und der Mann begann zu würgen. Speichel lief aus seinem Mund, er hätte sich fast in meinem Büro übergeben….

Ich zeigte ihm das Foto einer jungen Frau, die vor fast 30 Jahren ermordet worden war – und der Mann begann zu würgen. Speichel lief aus seinem Mund, er hätte sich fast in meinem Büro übergeben....

Der Anruf kam an einem Septembertag im Jahr 2008, und ich weiß noch genau, wo ich im Büro saß. Es war einer dieser Momente, in denen man spürt, dass sich alles dreht, obwohl man stillsteht. Der Kollege vom Landeskriminalamt fragte mich am Telefon, ob ich sitzen oder stehen würde. Da fiel mir fast der Hörer aus der Hand.

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„Er ist es“, sagte er. Gustav P. – ein Name, der in den Ermittlungsakten zum Mord an Swantje S. nie aufgetaucht war.

Ein völlig unauffälliger Straßenbauarbeiter, der im selben Dorf lebte wie das Opfer. Seine DNA war auf dem schwarzen T-Shirt der jungen Frau gefunden worden. Eine Spur mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu 88 Milliarden. Das bedeutete: Es gab keinen Zweifel mehr.

Doch bis zu diesem Moment war es ein weiter Weg gewesen – ein Weg voller Rückschläge, Sackgassen und fast drei Jahrzehnte, in denen der Täter unerkannt blieb. Es begann an einem Sonntagabend im August 1981. Swantje S. , von allen nur Swantje genannt, war 21 Jahre alt und stand am Anfang eines neuen Lebens.

Sie hatte gerade ihr Abitur mit der Note 2,0 bestanden, engagierte sich bei den Grünen und in der Kirchengemeinde und wollte in acht Tagen für ein Jahr als Au-pair nach Frankreich. Um sich etwas Taschengeld zu verdienen, arbeitete sie in einer Gärtnerei. Am 23. August war ihr letzter Arbeitstag.

Die Chefin zahlte ihr 160 D-Mark aus, die Kolleginnen verabschiedeten sich herzlich. Niemand ahnte, dass es ein Abschied für immer sein würde. Am Abend spielte Swantje Gitarre und las. Später kam ein Freund vorbei, sie gingen eine Runde spazieren.

Kurz vor 23 Uhr verabschiedete er sich. Die Mutter machte sich bettfertig, doch Swantje zog es noch einmal hinaus – sie wollte eine Runde um den Pudding gehen, wie man im Norden sagt. Sie schlüpfte in ihre ockerfarbenen Schuhe, zog ihren dunkelblauen Mantel über ihr schwarzes T-Shirt und verließ das Haus. Es war stockdunkel in dem kleinen Dorf.

Keine Laternen, keine beleuchteten Häuser. Gegen 24 Uhr wurde sie zuletzt von Autofahrern am rechten Fahrbahnrand einer kleinen Bundesstraße gesehen. Danach verliert sich ihre Spur. Als die Mutter am nächsten Morgen die Tochter wecken wollte, stand sie vor einem leeren, unbenutzten Bett.

Sie wusste sofort, dass etwas Schreckliches passiert war. Noch am selben Tag meldete sie Swantje als vermisst. Die Polizei startete eine große Suchaktion, sogar ein Hubschrauber war im Einsatz. Doch der Feldweg, auf dem Swantje ging, wurde übersehen.

Zwei Tage später, am 25. August, radelte ein junger Maurergehilfe wie immer zur Arbeit. Am Leitpfosten direkt vor dem Feldweg hing ein dunkelblauer Mantel. Er konnte ihn nicht einordnen und radelte weiter.

Am nächsten Tag war der Mantel verschwunden – und der junge Mann blieb stehen. Vor seinen Füßen lag ein ockerfarbener Schuh. Dann ein zweiter, dann ein BH, eine Hose, ein schwarzes T-Shirt. Dazwischen ein Kalbsstrick, ein weißer Kinderschal und Blutspuren, die zu einem Wassergraben führten.

In dem Graben lag die Leiche von Swantje – völlig unbekleidet, bis auf ihre Kniestrümpfe. In ihrem Rücken klafften unzählige Stichwunden. Die Obduktion ergab 44 Messerstiche in den Rücken und 19 in den oberen Vorderkörper. Insgesamt 63 Stiche – ein Overkill, wie es im Fachjargon heißt.

Auffällig war, dass die junge Frau keinerlei Abwehrverletzungen hatte. Sie hatte sich offensichtlich nicht gewehrt. Die Ermittler vermuteten deshalb zunächst, dass sie den Täter kannte. Doch auch das sollte sich später anders erklären lassen.

Ein Sexualdelikt ließ sich mit den Mitteln von 1981 nicht zweifelsfrei nachweisen, aber es gab deutliche Hinweise: Der BH war nicht geöffnet, sondern über den Kopf gezogen worden – eine ungewöhnliche Art, die auf den Täter hindeutete. Am Tatort fanden die Ermittler zudem eine Reifenspur, die vom Auto des Täters stammen musste. Sie kontrollierten rund 800 Fahrzeuge, überprüften das gesamte Umfeld von Swantje und Sexualstraftäter aus der Region. Auch bei „Aktenzeichen XY“ wurde nach dem Kalbsstrick und dem Kinderschal gefragt.

Doch es kamen keine entscheidenden Hinweise. Im Sommer 1982 wurde die Sonderkommission aufgelöst. Der Fall blieb ungelöst. Fast drei Jahrzehnte später, im Januar 2007, gründete die Kripo Cuxhaven eine Abteilung für Altmordfälle – die sogenannten Cold Cases.

Ich war damals noch ein junger Ermittler, und dieser Fall war mein erster großer Mordfall. Es war die Grausamkeit der Tat, die mich nicht losließ. Zusammen mit dem Staatsanwalt Arne Wieben, der mir als Partner zugewiesen wurde, nahmen wir uns die alten Akten vor. Wir verstanden uns sofort.

Wir lasen uns ein und kamen schnell zu dem Schluss: Die Asservate – die Kleidungsstücke – waren damals nie auf DNA untersucht worden. Das wollten wir nachholen. Es war ein riskanter Weg, denn nach fast 30 Jahren konnte die DNA längst zerstört sein. Doch dann kam die gute Nachricht: Am schwarzen T-Shirt von Swantje war eine vollständige männliche DNA-Spur gesichert worden.

Dieses T-Shirt war damals kaum aufgefallen – es lag tief ins Gras gedrückt am Tatort und war auf den Fotos fast nicht zu erkennen. Umso klarer war, dass die Spur nicht zufällig dorthin gelangt sein konnte. Die Ermittler von damals hatten 13 Hauptverdächtige überprüft – Freunde, Bekannte, Sexualstraftäter. Wir bestellten alle ein und nahmen Speichelproben.

Kein Treffer. Ein Rückschlag, der uns schwer traf. Aber wir gaben nicht auf. Bei der erneuten Durchsicht der Asservate stieß ich auf einen verschlossenen braunen Umschlag.

Darin lag eine alte Tonbandkassette – eine TDK 90, wie wir sie in unserer Jugend zum Musikaufnehmen benutzt hatten. Ich musste auf der Dienststelle erst ein altes Abspielgerät suchen und fand schließlich einen im Keller. Auf der Kassette war ein Notruf aus dem Jahr 2003 aufgezeichnet. Eine Frau, die anonym bleiben wollte, berichtete, dass zwei Männer sich bei einem Saufgelage verplappert haben sollen – mit dem Mord an Swantje S.

zu tun zu haben. Sie nannte einen Namen: Gustav P. Dieser Name tauchte in keiner Akte auf. Aber wir folgten der Spur.

Am 17. September 2008 luden wir Gustav P. zur Vernehmung vor. Er erschien pünktlich, ein unscheinbarer Mann Ende 40, der immer noch bei seinen Eltern auf dem Hof lebte und seit 30 Jahren bei derselben Straßenbaufirma arbeitete.

Ich belehrte ihn und erklärte ihm, worum es ging. Er reagierte kaum, starrte auf den Boden und sprach fast nichts. Dann zeigte ich ihm ein Foto von Swantje. Was dann passierte, hatte ich in meiner gesamten Laufbahn noch nie erlebt: Gustav P.

begann zu würgen. Speichel lief aus seinem Mund, er hätte sich fast in meinem Büro übergeben. Ich musste ihm meinen Mülleimer hinschieben. In diesem Moment wusste ich: Der hat etwas mit der Tat zu tun.

Nach der Vernehmung gab er freiwillig eine Speichelprobe. Eine Woche bangen Wartens folgte. Dann der Anruf: Die DNA-Spur am T-Shirt stammte von Gustav P. Die Wahrscheinlichkeit, dass es noch einen zweiten Menschen mit dieser Spur auf der Welt gab, lag bei eins zu 88 Milliarden.

Er war dringend tatverdächtig. Wir beantragten Haftbefehl und Durchsuchungsbeschluss. Bei der Festnahme an seiner Arbeitsstelle zeigte er keinerlei Emotion. Keine Empörung, keine Überraschung.

Auch in der Vernehmung blieb er wortkarg. Irgendwann sagte er: „Ich war das nicht. “ Dann schwieg er lange. Auf meine Frage, was wir ihm denn nicht glauben würden, antwortete er: „Ich habe sie nur gefunden.

“ Mehr wollte er nicht erzählen. Diese Aussage war offensichtlich eine Schutzbehauptung. Er wollte erklären, warum seine DNA am T-Shirt war – ohne zuzugeben, dass er Swantje ermordet hatte. Doch seine Geschichte war nicht stimmig.

Der Tatort war stockdunkel, das T-Shirt lag tief im Gras versteckt. Es war völlig unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet dieses Kleidungsstück berührt haben sollte. Auch andere Indizien belasteten ihn: Im Jahr 2007 war er mit einer geringen Menge Drogen erwischt worden, die er für seine Freundin besorgt hatte – eine drogenabhängige Prostituierte. Die Beziehung war von Abhängigkeit geprägt: Er versorgte sie mit Geld und Rauschmitteln, sie schenkte ihm Aufmerksamkeit und etwas Nähe.

Sie war seine einzige enge Bezugsperson. Nach der Speichelprobe fragte er sie, wie lange eine DNA-Untersuchung dauern würde, und deutete an, dass er bald für längere Zeit verschwinden müsste – deutliche Hinweise auf seine Täterschaft. Trotzdem reichte die Anklage zunächst nicht aus. Es war eine schwierige Phase, denn ein Beschuldigter in Untersuchungshaft musste innerhalb von sechs Monaten angeklagt werden.

In diesem Moment fehlten uns die Beweise, um die Schutzbehauptung vor Gericht zu widerlegen. Also kamen wir auf die Idee, den Tatort zu rekonstruieren – exakt so, wie er in der Tatnacht gewesen war. Wir besorgten ähnliche Kleidungsstücke, verteilten sie im Gras und legten eine Schaufensterpuppe in den Wassergraben. Über den Wetterdienst hatten wir herausgefunden, dass es in der Tatnacht eine Beleuchtungsstärke von 0,01 Lux gegeben hatte – eine mondlose Nacht.

Eine solche Nacht warteten wir ab und fuhren mit dem Auto am Tatort vorbei. Wir sahen den Mantel am Leitpfosten nicht. Auf dem Feldweg stolperten wir im Dunkeln und konnten weder die Kleidung noch die Puppe erkennen. Erst als wir das Flutlicht einschalteten, standen wir mitten in einem Tatort.

Damit war klar: Gustav P. konnte in dieser Dunkelheit unmöglich das T-Shirt gesehen und gefunden haben. Wir erhoben Anklage. Doch das Landgericht Stade ließ sie nicht zu – die Kammer sah keinen hinreichenden Tatverdacht.

Der Haftbefehl wurde aufgehoben, Gustav P. kam frei. Für uns war das ein schwerer Schlag. Doch wir gaben nicht auf.

Wir legten sofortige Beschwerde beim Oberlandesgericht ein, und das OLG verwies den Fall zurück an das Landgericht – ausgerechnet an dieselbe Kammer, die die Anklage abgelehnt hatte. Der Druck war enorm. Die Verteidigung sprach mit der Presse und stellte uns als verbohrte Ermittler dar, die auf Teufel komm raus eine Verurteilung wollten. Auch die Angehörigen von Swantje mussten das Verfahren miterleben.

Wir wussten: Wenn das mit einem Freispruch endet, hätte man uns das nie verziehen. Am 2. Juli 2010 begann der Prozess. Gustav P.

schwieg während der gesamten Verhandlung – ich habe ihn nie sprechen gehört. Ich wurde als Zeuge geladen und musste die Indizienkette darlegen. Die Verteidigung griff mich an, versuchte, Fehler zu finden. Der Saal war voll, die Stimmung emotional.

Doch dann kam der entscheidende Moment: Ich beantragte einen zweiten Ortstermin – einen gerichtlichen, in der Nacht. Das Gericht stimmte zu. Mit mehreren Bussen fuhren wir zum Tatort, das Gericht voraus. Es war wieder eine stockdunkle Nacht.

Alle fuhren am Mantel vorbei, ohne ihn zu sehen. Dann traten die Richter ins kniehohe Gras – und stolperten im Dunkeln. Als das Flutlicht anging, standen alle mitten im Tatort, umgeben von Kleidungsstücken, die sie ohne Licht nicht gesehen hatten. Das schwarze T-Shirt war selbst im Scheinwerferlicht kaum zu erkennen.

Die Schutzbehauptung des Angeklagten war enttarnt. Am 3. November 2010 fiel das Urteil: lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes zur Verdeckung einer sexuellen Nötigung. Ich hatte Gänsehaut, als ich das hörte.

Später fuhren wir zur Mutter von Swantje, um ihr die Gewissheit zu bringen: Wir haben die Tat aufgeklärt, wir wissen, wer es war. Das war eine Genugtuung, die ich nie vergessen werde. Gustav P. starb 2022 in Haft.

Bis zum Schluss leugnete er die Tat. Doch die Beweise und das Urteil sprechen eine klare Sprache.