„Ich habe Euch doch gesagt, ich schaffe das schon“, sagte ich an diesem warmen Sommertag zu meiner Mutter, als sie mir anbot, mich vom Freibad abzuholen. Ich war 15, es war Sommer 1986, und ich…

„Ich habe Euch doch gesagt, ich schaffe das schon“, sagte ich an diesem warmen Sommertag zu meiner Mutter, als sie mir anbot, mich vom Freibad abzuholen. Ich war 15, es war Sommer 1986, und ich...

Der 29. Juni 1986 war ein warmer Sommertag in Lindenfels im Odenwald. Überall herrschte Fußballfieber, denn Deutschland spielte gegen Argentinien bei der WM. Die 15-jährige Jutta Hoffmann fuhr mit ihrer Mutter Helga ins Freibad, das etwas außerhalb des Ortes mitten im Wald lag.

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Dort wollte sie sich mit Freunden treffen. Ihr Vater und ihr Zwillingsbruder Horst waren nicht dabei, sie waren bei einem Motocross-Wettkampf. Gegen 15 Uhr machte sich Juttas Mutter auf den Heimweg. Sie bot ihrer Tochter an, sie später abzuholen, doch Jutta lehnte ab.

„Nein, ich schaffe das schon“, sagte sie. Es waren Sommerferien, sie war an keine feste Uhrzeit gebunden. Fast drei Stunden später, gegen 17:45 Uhr, verließ Jutta das Schwimmbad. Sie war alleine.

Der Weg nach Hause war nicht allzu lang, sie konnte an der Straße entlang laufen oder einen etwa 15-minütigen Weg durch den Wald nehmen. Jutta entschied sich für den Waldweg. Auf diesem Weg lief sie einige Minuten hinter einer jungen Mutter und ihrem kleinen Kind. Plötzlich kamen ihnen zwei Männer entgegen.

Die junge Mutter war etwas eingeschüchtert, doch die Männer liefen ohne Zwischenfall an ihnen vorbei. Die Frau rechnete damit, dass Jutta sie bald überholen würde, denn sie war deutlich schneller unterwegs. Aber Jutta lief nicht an ihnen vorbei. Sie war einfach verschwunden.

Als es früher Abend wurde und Jutta nicht nach Hause kam, wuchs die Sorge. Die Familie begann zu suchen. Sie fuhren zu Freunden, liefen den Waldweg ab, gingen ins Freibad zurück. Aber niemand hatte Jutta gesehen.

Zwei Zeugen, die in der Nähe des Waldweges wohnten, hatten gegen 18 Uhr Schreie gehört, ordneten sie aber einem Mann zu. Wenig später machte eine Frau auf dem Waldweg eine beunruhigende Entdeckung: einen einzelnen weißen Schuh und eine Badematte. Sie rief in den Wald hinein, aber niemand antwortete. Die Frau nahm die Badematte mit, den Schuh ließ sie liegen.

Kurze Zeit später war der Schuh weg. Am nächsten Tag begann eine groß angelegte Suchaktion. Familie, Freunde und Beamte durchkämmten das Waldgebiet. Ein Freund stieß hinter einem Baum auf eine kauernde Gestalt und dachte kurz, es sei Jutta.

Doch es war ein 91-jähriger Mann, stark dehydriert und völlig erschöpft. Er galt selbst seit zwei Tagen als vermisst. Bei der Befragung erzählte er von einem jungen Mädchen in einem blauen Kleid und einem Mann, doch seine Angaben waren unzuverlässig. Die Ermittler gingen lange Zeit von einer Entführung aus.

Eine Zeugin glaubte, ein Auto mit einem Kennzeichen aus dem Raum Alzey gesehen zu haben. Auch ein Jugendzeltlager der Freiwilligen Feuerwehr in der Nähe des Freibades und ein Feuerwehrfest im Nachbarort wurden geprüft, doch nichts führte zu Jutta. Am 10. Juli 1987 wurde der Fall bei Aktenzeichen XY vorgestellt, doch der entscheidende Hinweis blieb aus.

Der Fall blieb ungelöst. Am 10. Februar 1988 war ein Mann mit seinem Hund im Wald unterwegs. Plötzlich schlug der Hund an.

Der Besitzer folgte ihm tiefer in den Wald und stieß dort auf Knochen. Es handelte sich um menschliche Knochen. Die gefundenen Kleidungsstücke und der Abgleich des Zahnschemas bestätigten: Es war Jutta Hoffmann. Die Ermittler gingen davon aus, dass Juttas Leichnam Tage nach ihrem Tod an den Fundort gebracht worden war.

Die rechtsmedizinischen Untersuchungen brachten erschütternde Erkenntnisse: Auf ihrer Kleidung wurden Spuren von Sperma gefunden, ihre Bikinihose war durchgeschnitten worden. Ihr Gürtel wurde in einer Doppelschlinge gefunden, die zu eng für ihre Taille gewesen wäre. Man fand Haare und einen Halswirbel von Jutta, und das Gericht ging später davon aus, dass sie mit dem Gürtel erdrosselt worden war. Bei den Ermittlungen wurde ein Spaten untersucht, der im Wald gefunden worden war.

Es konnten Fasern festgestellt werden, doch mit der damaligen DNA-Technik ließen sich keine weiteren Schlüsse ziehen. Der Fall wurde zu einem Cold Case und blieb es jahrzehntelang. Jahre später landete die Akte bei einer Cold-Case-Einheit des Landeskriminalamts und der Polizei Südhessen. 2020 gelang ein entscheidender Schritt: Die Fasern vom Spaten wurden erneut untersucht.

Diesmal fand man eine Übereinstimmung zur DNA eines Mannes, der bereits wegen Delikten verurteilt worden war. Sein Name: Peter F. Peter F. wurde 1961 in Bensheim geboren, nur rund 24 Autominuten von Lindenfels entfernt.

Er war gelernter Kfz-Mechaniker, wechselte häufig Wohnort und Job und hatte einen problematischen Umgang mit Alkohol. Zum Zeitpunkt von Juttas Verschwinden war der damals 25-Jährige bereits wegen versuchter Nötigung auf Bewährung vorbestraft. Auch danach wurde er immer wieder straffällig. Im Jahr 2008 wurde Peter aus der Haft entlassen und musste Medikamente einnehmen, die seine Triebe unterdrücken sollten.

2012 setzte er sie ab und versuchte erneut, eine Frau zu vergewaltigen. Es handelte sich um eine Babysitterin, die er kontaktiert hatte, indem er vorgab, eine Betreuung für eine angebliche Tochter zu suchen. Er wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, aufgrund seiner diagnostizierten Persönlichkeitsstörung jedoch in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen, wo er sich bis heute befindet. Die DNA auf dem Spaten war ein starkes Indiz, aber für eine Anklage brauchte es mehr.

Die Ermittler wandten sich an Aktenzeichen XY. Im März 2023 wurde der Fall Jutta Hoffmann erneut bundesweit ausgestrahlt. Eine Ermittlerin stellte ein außergewöhnlich detailliertes Täterprofil vor: Der Täter sollte gewaltbereit, Rechtshänder und zum Tatzeitpunkt um die 20 Jahre alt sein, wahrscheinlich eine weiße Person, damals blond mit blauen Augen. Und dann fiel ein Detail: Im Zusammenhang mit dem Täter wurde sogar der Name Peter genannt.

Während der Ausstrahlung saß Peter F. selbst auf der Couch, gemeinsam mit seinem vermeintlichen Freund Mirko. Doch Mirko war kein Freund. Er war ein verdeckter Ermittler.

Er hatte Peter 2021 kennengelernt und sich als Mitarbeiter eines Tierheims ausgegeben. Über anderthalb Jahre hatte er eine Freundschaft aufgebaut, um Beweise zu sammeln. Als Jutta Hoffmann erwähnt wurde, wirkte Peter auffällig nervös. Er starrte auf den Bildschirm und spielte mit seinen Händen.

Doch das erhoffte Geständnis blieb aus. Nach der Sendung wiederholte Peter, dass er nichts mit dem Fall zu tun habe. Nur wenige Tage später sprach Peter in der Klinik mit einem Pfleger über den Fall. Dabei erwähnte er, dass bei dem Mord ein Messer verwendet worden sei.

Dieses Detail hatten die Ermittler nie öffentlich gemacht. Diese Information konnte nur der Täter haben. Am 30. März 2023, acht Tage nach der Ausstrahlung, wurde gegen Peter F.

ein Untersuchungshaftbefehl erlassen. Im November begann der Prozess vor dem Landgericht Darmstadt. Die Staatsanwaltschaft legte dar, dass Peter die 15-jährige Jutta auf dem Waldweg angegriffen, gestoßen, vom Weg gezogen und ihr den Gürtel um den Hals gelegt habe. Danach habe er sie getötet.

Auch der Spaten spielte eine wichtige Rolle, denn Juttas Leiche war in eine niedrige Grube gelegt und mit Erde bedeckt worden. Der verdeckte Ermittler Mirko sagte unter strengen Sicherheitsvorkehrungen aus und schilderte Peters Verhalten und seine Aussagen. Zusätzlich belastete ein Cousin den Angeklagten schwer: Er behauptete, in Peters Wohnung eine weiße Sporttasche gesehen zu haben, die Jutta gehört haben soll, sowie eine Kette, Ringe und einen Schülerausweis. Er sagte auch, dass Peter ihn einmal an den Schienen festgebunden habe und er beinahe von einem Zug erfasst worden wäre.

Die Verteidigung plädierte darauf, dass es nur Indizien gäbe. Peter selbst schwieg. Nur einmal zeigte er Emotionen, als seine Söhne aussagten. Der ältere Sohn sagte: „Ich bin emotional am Ende.

Trotzdem ist er mein Vater. Das kann man sicher nicht aussuchen. “ Der jüngere Sohn berichtete von einem Telefonat, in dem Peter geschworen habe, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Doch das Gericht kam zu einer anderen Bewertung.

Am 22. Dezember 2023 wurde Peter F. wegen Mordes an Jutta Hoffmann zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Verteidigung legte Revision ein, doch 2024 wurde das Urteil bestätigt.

Es war rechtskräftig. Nach fast 40 Jahren hatte die Familie endlich Gerechtigkeit erfahren. Das Urteil konnte Jutta nicht zurückbringen, aber es brachte ein kleines Stück Frieden. Unser zweiter Fall führt uns nach Oberbayern, nach Eching am Ammersee.

Hier, in einer idyllischen Landschaft mit ruhigem Wasser und grünen Ufern, lebte die zehnjährige Ursula Hermann. Sie hatte schulterlanges blondes Haar, einen Pony und ein freundliches, ruhiges Wesen. Sie wuchs gemeinsam mit ihrem älteren Bruder Michael und ihren Eltern auf. Ein Freund ihres Bruders beschrieb sie später als „ein ganz heiteres und durch und durch fröhliches Kind, ein Sonnenschein“.

Ursula war Turnerin und besuchte regelmäßig das Turntraining im Nachbarort Schondorf. Der 15. September 1981 war ihr erster Tag auf dem Gymnasium nach den Sommerferien. Nach diesem aufregenden Schultag ging es zum Turnen.

Nach dem Training war sie mit der Familie ihrer Tante zum Abendessen verabredet. Gegen 19:15 Uhr rief Ursulas Vater bei der Tante an, das Mädchen solle sich langsam auf den Heimweg machen. Ursula schwang sich auf ihr rotes Fahrrad. Es waren nur zwei Kilometer bis nach Hause.

Wie jede Woche nahm sie einen Schleichweg durch das Waldgebiet Weingarten. Doch die Zeit verging und Ursula blieb weg. Ihr Vater machte sich schließlich selbst auf den Weg, um sie zu suchen. Aber er fand sie nicht.

Die Eltern wandten sich an die Polizei. Noch in derselben Nacht begann eine große Suchaktion mit Hunderten Polizisten, Nachbarn und Freunden. Gegen 23 Uhr machte ein Polizist eine Entdeckung: Zwischen Büschen und Ästen lag ein rotes Fahrrad. Von Ursula fehlte jede Spur.

Einen Tag später klingelte bei der Familie das Telefon. Als sie abnahmen, war keine Stimme zu hören. Stattdessen erklang die Verkehrsmelodie des Radiosenders Bayern 3. Kein Wort, keine Erklärung, dann wurde aufgelegt.

In den folgenden Tagen klingelte das Telefon immer wieder, jedes Mal derselbe Ablauf. Als wolle jemand sagen: „Ich bin da. Ich beobachte euch. “

Am 17.

September traf ein Brief bei der Familie ein. Die Worte waren aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzt. Es war ein Erpresserbrief: „Wir haben Ihre Tochter entführt. Wenn Sie Ihre Tochter jemals lebend wiedersehen wollen, zahlen Sie zwei Millionen Mark Lösegeld.

“ Es gab keine Zweifel mehr: Ursula Hermann wurde entführt. Ihr Bruder beschrieb den Moment so: „Bei uns ist das passiert, was andere Leute als Krimi anschauen. “

Ein weiterer Brief folgte, in dem die Entführer die Geldübergabe beschrieben. Die zwei Millionen Mark sollten in einem gelben Fiat 600 übergeben werden, in gebrauchten 100-Mark-Scheinen.

Ursulas Vater, ein Lehrer, organisierte das Geld über Bekannte. Doch dann: kein Anruf, kein Brief, keine weitere Kontaktaufnahme. Funkstille. Am Morgen des 4.

Oktober, 19 Tage nach Ursulas Entführung, machten die Ermittler eine Entdeckung: Unter der Erde stießen sie auf eine sorgfältig vergrabene Holzkiste. Sie war 139 cm hoch, 72 cm breit und 60 cm tief. Auf dem Deckel waren Plastikrohre angebracht, in die 2400 Löcher gebohrt worden waren – ein improvisiertes Belüftungssystem. Das Innere war mit rosafarbenem Stoff ausgekleidet.

In der Kiste fand man den Leichnam von Ursula. Auf ihrem Schoß lag ein eingeschweißter Jogginganzug. Man fand auch eine kleine Bank, einen Eimer für Toilettengänge, Schokolade, Kekse, Getränke, ein Radio, Comics und Westernromane. Alles wirkte geplant, als habe jemand geglaubt, die Situation kontrollieren zu können.

Die Ermittler nahmen an, dass Ursula in der Kiste festgehalten werden sollte, bis das Lösegeld übergeben wäre. Doch der Plan scheiterte. Die Gutachten ergaben: Ursula starb bereits nach etwa fünf Stunden, nicht wegen Nahrungsmangel. Das Belüftungssystem hatte nicht funktioniert.

Ihr Bruder sagte später: „Von der Auffindesituation her kann man recht deutlich belegen, dass sie wohl betäubt in die Kiste kam. Es waren auch keine Befreiungsspuren sichtbar. Insofern können wir davon ausgehen, dass sie von ihrem Sterben nichts mitbekommen hat. “

Nach dem Fund der Kiste ermittelten die Beamten intensiv.

Nur wenige Monate nach der Tat meldete sich ein Mann namens Klaus P. , ein alkoholkranker Kleinkrimineller. Er behauptete, ein Mann namens Werner M. habe ihn beauftragt, im Wald ein Loch auszuheben.

Doch nur drei Stunden später widerrief er sein Geständnis. Die Ermittler nahmen Werner M. unter die Lupe. Er war ein wuchtiger Mann mit Vollbart, Sohn eines Polizeibeamten, gelernter Maler und Fernsehtechniker.

Zur Tatzeit lebte er in Eching, in direkter Nähe zu Ursula. Er war verschuldet und polizeibekannt. Seine Exfrau hatte bei der Familie Hermann als Putzhilfe gearbeitet – es bestand eine Verbindung zur Familie. Doch bei einer Hausdurchsuchung fand man nichts Verdächtiges, und Werner hatte ein Alibi, das nicht widerlegt werden konnte.

Er wurde aus der Schusslinie genommen. In den folgenden Monaten überprüften die Ermittler 15. 000 Personen und 11. 000 Fahrzeuge, analysierten fast 20.

000 Fingerabdrücke und untersuchten über 40. 000 Spuren. Doch am Ende blieb nichts Greifbares. 1982 wurde der Fall bei Aktenzeichen XY vorgestellt, moderiert von Eduard Zimmermann.

Er sagte später: „Den Blick des Mädchens konnte ich nicht vergessen. Für einen Moment glaubte ich, Ursula Hermann säße mir lebendig gegenüber. Ich habe Ursula damals versprochen, dass wir den Kerl kriegen. “ Doch der entscheidende Hinweis blieb aus.

1986 wurde der Fall erneut ausgestrahlt, wieder ohne Erfolg. 1991 stellten die Ermittler die Untersuchungen ein. Es gab Kritik an den Ermittlungen: Der Tatort sei nicht konsequent gesichert worden, Spuren falsch behandelt oder vernichtet worden. 2002 wurde der Fall ein drittes Mal bei Aktenzeichen XY gezeigt.

Eduard Zimmermann kehrte für diese Sendung zurück: „Es geht um den schlimmsten Fall, mit dem ich bei XY zu tun hatte. Seit 21 Jahren verfolgt mich dieser Fall, denn ich habe dem Kind damals ein Versprechen gegeben. “ Die Reaktionen waren überwältigend, viele Hinweise gingen ein, doch der Täter wurde nicht gefasst. 2007 geschah etwas Unerwartetes.

In München stand ein Mann namens Benedikt vor Gericht, der beschuldigt wurde, seine Tante, eine wohlhabende Parkhausbesitzerin, ermordet zu haben. Bei der Spurensicherung fanden die Ermittler DNA an einem Glas und einer Schublade. Diese DNA-Spur stimmte mit einer Spur überein, die wenige Monate zuvor am Deckel der Holzkiste gefunden worden war, in der Ursula gefangen gehalten wurde. Noch im selben Jahr rückte Werner wieder ins Zentrum der Ermittlungen.

Im Oktober 2007 durchsuchten sie seine Wohnung und fanden ein Tonbandgerät, das für die mysteriösen Anrufe mit der Verkehrsmelodie von Bayern 3 verwendet worden sein könnte. Über sechs Monate wurde das Gerät untersucht. Ein Oberstaatsanwalt nannte das Gutachten „das I-Tüpfelchen“. Am 28.

Mai 2008 wurde Werner festgenommen, obwohl alle DNA-Abgleiche mit Spuren vom Tatort negativ ausfielen. Der Oberstaatsanwalt erklärte: „Dieser Mann wurde festgenommen, weil wir ihn für den maßgeblichen Täter und Erpresser halten. Der Tatverdacht gegen ihn war nie ausgeräumt. “ Man sprach von einem Indizienmosaik.

Werners früheres Alibi wurde neu bewertet; man ging davon aus, dass diejenigen, die ihm das Alibi verschafft hatten, Mittäter gewesen sein könnten. Ein einzelner Täter hätte die schwere Holzkiste nicht allein 800 Meter tief in den Wald tragen können. Im Raum stand auch, dass Werners Ehefrau die Erpresserbriefe konstruiert haben soll. Werner bestritt die Taten.

„Ich habe keine Tat begangen. Ich bin sicher kein braver Bürger, war grob und nicht immer fein, aber ich habe das Leben dieses Kindes nicht auf dem Gewissen. Ich habe den Eindruck, dass ich nur freigesprochen werde, wenn ich einen anderen Täter präsentiere. “ Er glaubte, die Polizei habe unter Druck gestanden, einen Verdächtigen zu präsentieren, bevor die Tat verjähre.

Im Februar 2009 begann der Prozess vor dem Landgericht Augsburg. Es gab keine eindeutige Tatwaffe, kein Geständnis, keine DNA. Zeugen beschrieben Werner als arrogant, rücksichtslos und rotzig. Man erzählte, er habe einmal seinen Hund aus Wut in die Gefriertruhe gesperrt und vergessen.

Das Tonbandgerät blieb ein zentrales Indiz: Laut Gutachten könnte es für die Erpresseranrufe verwendet worden sein. Werner behauptete, er habe es 2007 auf einem Flohmarkt gekauft. Die Aussage von Klaus P. , dem verstorbenen Kleinkriminellen, war kaum belastbar.

Es existierte nur ein Gedächtnisprotokoll eines Ermittlers, und Vernehmungsprotokolle zeigten, dass Klaus P. teilweise von den Vernehmungspersonen gesteuert wurde. Im März 2010 fiel das Urteil: Werner wurde wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Schuldspruch trotz fehlender Beweise, der bis heute polarisiert.

Ursulas Bruder konnte das Urteil nicht akzeptieren: „Ich habe den Eindruck, dass die Justiz den Fall nicht wirklich aufklären will, sondern nur abschließen. “

In den nächsten Jahren kämpfte er weiter. Er arbeitete sich durch Akten, las Gutachten und kontaktierte Experten. Er stieß auf Aspekte, die seiner Meinung nach nie berücksichtigt wurden.

Eine Wissenschaftlerin aus London analysierte die Erpresserbriefe und kam zu dem Schluss, dass Werner höchstwahrscheinlich nicht der Verfasser war. Die Polizei fand damals Druckspuren einer mathematischen Aufgabe aus der gymnasialen Oberstufe. In unmittelbarer Nähe des Tatorts lag ein Privatinternat, das genau diesen Stoff unterrichtete. Ein Lack, mit dem die Kiste bestrichen war, führte zu einer Firma, deren Inhaber ein einflussreicher Industrieller war.

Ursulas Bruder stand auch im Kontakt zu einem Mann, der 1981 Schüler des Internats war und vermutete, der Täter könnte aus dem schulischen Umfeld stammen. Dieser Verdacht wurde 2003 dem Landeskriminalamt mitgeteilt, doch es passierte nichts. Nach 15 Jahren Haft, am 8. Juni 2023, kam Werner frei, unter Bewährungsauflagen.

Die Haft hatte ihn gezeichnet: Er hatte einen schweren Sturz erlitten und saß seitdem im Rollstuhl. Sein rechter Arm war gelähmt, seine linke Hand konnte er nur mühsam heben. Er sagte: „Ich war 15 Jahre lang weg, vor allem diese Smartphones. Ich benutze lieber ein Telefon mit großen Tasten.

Ich muss endlich diesen Flohmarktfuzzi finden, der mir 2007 das Tonband verkauft hat. Dann kann ich allen beweisen, dass ich das nicht gemacht habe. Der echte Täter soll endlich seinen Mund aufmachen, die Wahrheit sagen. Er hat doch nichts mehr zu befürchten.

Die Tat ist doch jetzt nach über 30 Jahren längst verjährt. “

Am Ende bleiben zwei Mädchen, die nur nach Hause kommen wollten. Zwei Familien, deren Leben sich für immer verändert hat. Gerechtigkeit ist kein fester Zeitpunkt.

Manchmal kommt sie zu spät, manchmal bleibt sie umstritten, und manchmal bleibt sie ganz aus. Aber diese Fälle dürfen nicht in Vergessenheit geraten.