Am 16. April 2024 wollte Paul Budach ein Paket aus einem Obi-Baumarkt in Rathenow abholen. Es war ein Hubwagen, groß, schwer, unhandlich. Sein bester Kumpel hatte ihn bestellt, hatte aber keine Zeit, beim Abholen zu helfen.

Paul hatte keinen Führerschein. Also fand er sich spontan jemanden, der ihn fuhr – ein Mann, der bis heute nicht identifiziert ist. Ein Mitarbeiter half den beiden noch, das Paket ins Auto zu laden. Mehr weiß niemand.
Nicht, wer der Mann war. Nicht, mit welchem Auto er unterwegs war. Die beiden brachten den Hubwagen in Pauls Wohnung, dann verschwand der Unbekannte. Am nächsten Morgen, dem 17.
April, kam Pauls Mutter Sabine auf dem Weg zur Arbeit bei ihrem Sohn vorbei, wie so oft. Um 8:15 Uhr lag Paul noch im Bett. Sie stellte ihm eine Portion seiner Lieblingssuppe ab und ging weiter. Später bedankte er sich per WhatsApp.
Um 14:09 Uhr schrieb Paul einem Kumpel, dass sein Fernseher kaputt sei, und fragte, ob dieser jemanden kenne, der ein gebrauchtes Gerät loswerden wolle. Der Freund schickte ihm ein Foto von einem alten Modell. Paul lehnte dankend ab. Um 15:30 Uhr rief seine Mutter an.
Paul ging nicht ran. Das war nicht ungewöhnlich. Gegen 17 Uhr wollte er sich mit einem Kumpel treffen. Kurzfristig sagte er über WhatsApp ab.
Dann wurde es still. Am Abend schrieb Sabine ihrem Sohn eine Nachricht, doch sie kam nicht durch. Auf WhatsApp erschien nur ein grauer Haken. Am nächsten Morgen schrieb sie erneut: „Paul, bitte melde dich.
Ich mache mir große Sorgen. “ Wieder nichts. Auch nach der Arbeit waren die Nachrichten nicht zugestellt. Damals konnte Paul nur über sein WLAN-Netzwerk online gehen, weil es ein Problem mit seiner SIM-Karte gab.
Es sah so aus, als sei er seit dem Vorabend nicht nach Hause gekommen. Sabine fuhr zu seiner Wohnung. Sie hatte einen Schlüssel. Von Paul keine Spur.
Das Essen vom Vortag war unangetastet. Seine Katze Cynthia war da, wurde aber offenbar nicht gefüttert, obwohl Paul sich immer liebevoll um sie gekümmert hatte. In der Wohnung sah es aus, als wollte er nur kurz weg. Das Essen stand bereit.
Notizzettel mit anstehenden Erledigungen lagen herum. Eine Nachbarin war wahrscheinlich die letzte Person, die Paul gesehen hat. Sie sagte, sie habe ihn am 17. April gegen Mittag gesehen.
Dann verliert sich seine Spur. Am 18. April ging Sabine zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Doch sie wurde abgewiesen.
Jede erwachsene Person habe das Recht, über ihren Aufenthaltsort frei zu bestimmen. Ohne konkrete Anzeichen für eine hilflose Lage gebe es aus juristischer Sicht keinen Grund, Ermittlungen aufzunehmen. Die Polizei ging offenbar davon aus, dass ein junger Mann einfach einmal weg sein wollte. Also kümmerte sich Sabine selbst.
Sie rief Krankenhäuser an, hing Suchplakate auf, verteilte Buttons mit Pauls Foto und erkundigte sich bei Polizeistationen in umliegenden Städten. Erst nach Wochen wurde die Kriminalpolizei eingeschaltet. Sie leitete nach ersten Untersuchungen Ermittlungen gegen Unbekannt ein – wegen des Verdachts des Totschlags. Für die Familie kam dieser Schritt zu spät.
Laut Sabine konnten die Kameraaufnahmen aus dem Baumarkt nicht mehr gesichtet werden. Genau dort war Paul einen Tag vor seinem Verschwinden mit einem Mann gewesen, dessen Identität bis heute unbekannt ist. Zu seinem 24. Geburtstag am 10.
Mai 2024 kam Paul nicht nach Hause. Seine Mutter hatte ihm einen Kumquatbaum besorgt. Er konnte das Geschenk nicht entgegennehmen. Sie kümmerte sich selbst um den Baum und suchte verzweifelt nach Antworten.
Pauls Katze zog zu ihr. Trotzdem versuchte Sabine, Pauls Wohnung zu halten, auch wenn das mit der Zeit immer schwieriger wurde. Was die Polizei dazu brachte, nun doch von einem Verbrechen auszugehen, ist nur bruchstückhaft bekannt. Man hielt sich mit Details zurück.
Auffällig war allerdings, dass Paul nicht nur ein Handy besaß, sondern mehrere. Der Grund dafür ist bis heute unklar. Das lädt zu Spekulationen ein. Erst im Dezember 2024 ging die Polizei mit Fotos von Paul an die Öffentlichkeit.
Zu diesem Zeitpunkt war der junge Mann seit acht Monaten verschwunden. Parallel verkündete die Polizei, dass die Mordkommission die Ermittlungen übernommen habe. Die Fahndung richtete sich an mögliche Zeugen: Wer hat Paul nach dem 17. April 2024 noch persönlich gesehen?
Wer kann Hinweise zu den Umständen seines Verschwindens oder zu seinem Aufenthaltsort geben? Wer hat ihn am 16. April im oder am Obi-Markt in Rathenow gesehen? Und wer kann Angaben zu seinem männlichen Begleiter oder dessen Fahrzeug machen?
Eine Frage stellte die Polizei nicht: Wozu brauchte Paul überhaupt einen Hubwagen? Er hatte, soweit bekannt, keine Garage, keine Heimwerkstatt, keinen Garten. Ein sperriges Teil wie dieses eignet sich nur, wenn man regelmäßig wirklich schwere Sachen transportieren will. Außerdem kostet so ein Gerät mehrere hundert Euro – für einen jungen Mann ohne festen Job eine große Investition.
Sein bester Freund hatte die Bestellung zwar für ihn gezahlt, aber der Grund dafür blieb unklar. Im Januar 2025 gab es eine groß angelegte Suchaktion am Wolzensee. Danach bewegte sich etwas. Laut Polizei gingen neue Hinweise aus der Bürgerschaft ein.
In einem nahegelegenen Waldstück wurden einige Fundstücke sichergestellt. Was für Stücke das waren und was die Untersuchungen ergaben, wurde nicht bekannt gegeben. Im März folgte ein weiterer Einsatz: Taucher und Leichenspürhunde suchten an der Havel nach Paul. Auch das Gebiet zwischen Schollene und Parey wurde genauer untersucht.
Zu diesem Zeitpunkt war Paul schon etwa elf Monate verschwunden. Erst dann sollen Hinweise zu dieser Suche geführt haben, so eine Polizeisprecherin. Im April, ein Jahr nach seinem Verschwinden, wurde der Fall bei Aktenzeichen XY vorgestellt. Ob die Ausstrahlung zu verwertbaren Tipps führte, ist nicht bekannt.
Pauls Mutter kritisierte die Arbeit der Polizei in den Medien offen. Vor Januar 2025 seien weder Hunde noch Drohnen oder Hubschrauber im Einsatz gewesen, um Paul aufzuspüren. Sie konnte das nicht nachvollziehen. Dazu kamen die öffentlichen Auftritte und Gespräche mit Medien, die sie viel Kraft kosteten.
Laut Sabine wurde nicht einmal Pauls Wohnung durchsucht. Außerdem seien keine Fingerabdrücke von dem Baumarktpaket genommen worden, das in seiner Wohnung gefunden wurde. Etwas konträr dazu hieß es später in einem Artikel, die Polizei habe aus Pauls Besitz viel Bargeld und auffällig teure Accessoires gesichert. Die Polizei selbst hat sich dazu nicht geäußert.
Die Familie lobte eine Belohnung von 2000 Euro für Hinweise aus. Von den Behörden gab es keine. Die Verwandten griffen auf eigene Ersparnisse zurück. Außerdem engagierten sie kurz nach dem Verschwinden einen Privatdetektiv mit einer Suchhundestaffel.
Die Hunde sollen eine Spur von Paul aufgenommen haben, die an einer Straße abbrach. Auch mit dem Aktenzeichen-XY-Beitrag war Sabine unzufrieden. Mit dem Film habe die Polizei nicht viel preisgegeben. In dem Beitrag wurde gezeigt, dass Paul manchmal für unbestimmte Zeit weg gewesen sein soll.
Es gab Szenen, in denen er Anrufe entgegennahm, in denen ihm wohl Anweisungen mitgeteilt wurden. Viele Details blieben im Dunkeln – sicherlich auch aus ermittlungstaktischen Gründen. Für die Mutter wirkte das Ganze dadurch noch mysteriöser. Die Polizei geht inzwischen von einem Tötungsdelikt aus.
Das wurde in der ZDF-Sendung offen ausgesprochen. Ebenso die Möglichkeit, dass es einen Zusammenhang mit Drogengeschäften geben könnte. Dafür, dass Paul sein Leben freiwillig hinter sich gelassen hat, spricht eigentlich nichts. Er hatte seine geliebte Katze, ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Mutter und viele Freunde, die nur Positives über ihn erzählten.
Die zuständige Ermittlerin sagte, es gebe Hinweise darauf, dass Paul Opfer einer Gewalttat geworden sei. Genauer konnte sie darauf nicht eingehen. Möglicherweise hängen die Erkenntnisse mit Ermittlungen zu anderen Drogendelikten in der Region zusammen. Auch Sabine sagte in einem Interview, es gebe in Rathenow eine große Drogenszene.
Ihr Sohn könnte dort hineingeraten sein, ohne dass sein näheres Umfeld es bemerkte. Das würde einiges erklären: das Bargeld und die teuren Accessoires, obwohl Paul zuletzt keinen Job hatte, das zwischendurch Abtauchen – und der Hubwagen vom Obi. Dann war da noch etwas anderes: In Pauls Wohnung standen einer oder mehrere Säcke mit Hundefutter. Paul hatte aber nur eine Katze.
Es könnte sein, dass das Hundefutter mit Drogendelikten in Verbindung steht. Solche Verpackungen werden bekanntermaßen manchmal genutzt, um Drogen zu schmuggeln. Laut den Ermittlern hatte Paul Kontakte, die selbst seinen engsten Freunden und seiner Familie nicht bekannt waren – möglicherweise aus einem einschlägigen Milieu. Genau von diesen Kontakten wären Hinweise extrem wertvoll.
Einer davon könnte der Mann sein, der Paul am 16. April zum Obi begleitet hat. Eine Beschreibung gibt es nicht, auch nicht vom Auto. Aber irgendjemand war mit ihm dort und hat ihm geholfen.
Diese Person könnte ein wichtiger Zeuge sein. Wo Paul sich nach der Mittagszeit des 17. April aufgehalten hat, ist bis heute unbekannt. Paul war 1,86 Meter groß, schlank, sportlich, mit blonden, zuletzt kurzen Haaren und einem auffälligen Leberfleck am Hinterkopf.
Zuletzt trug er vermutlich eine grüne Trainingsjacke von Ralph Lauren und eine blaue Jeans. Seit seinem Verschwinden fehlen außerdem eine schwarze Umhängetasche von Louis Vuitton, eine silberne Uhr von Tag Heuer mit grünem Zifferblatt, sein Schlüsseletui und sein Portemonnaie mit Papieren wie Personalausweis und Krankenkassenkarte. Am Tag seines Verschwindens war Markttag in Rathenow. Paul wohnte zentral, dort waren viele Menschen unterwegs.
Es könnte gut sein, dass jemand an diesem Mittwoch etwas gesehen oder mitbekommen hat. Es ist nie zu spät, sich bei der Polizei zu melden. Jeder noch so kleine Hinweis könnte erheblich helfen. Sabine berichtete gegenüber einer Zeitung auch, dass sie Kontakt zur Familie eines anderen vermissten Mannes habe.
Von Sven S. aus Rhinow fehlt seit dem 15. März 2024 jede Spur. Der 47-Jährige verschwand etwa einen Monat vor Paul in einer nur rund 19 Kilometer entfernten Stadt.
Auch in seinem Fall geht man von einem Tötungsdelikt aus. Sabine bemerkte, es sei merkwürdig, dass innerhalb so kurzer Zeit zwei Männer aus der Region spurlos verschwinden, obwohl in der Gegend sonst nicht viel passiere. Die Polizei erklärte auf Anfrage, es lägen derzeit keine Anhaltspunkte für einen Zusammenhang vor. Auch die Schwägerin von Sven fand die kurze Abfolge seltsam, glaubte aber nicht an einen Zusammenhang – schon wegen des Altersunterschieds.
Vielleicht ist es also nur ein unschöner Zufall. Vielleicht auch nicht. Die Theorie der Polizei mit den Drogengeschäften klingt leider plausibel. Das bedeutet aber auch: Jemand muss wissen, was mit Paul geschehen ist.
In letzter Zeit wurden immer wieder Drogenringe in der erweiterten Umgebung von Pauls Wohnort ausgehoben. Ob sein Verschwinden etwas damit zu tun hat, bleibt Spekulation. Aber falls ja, könnte die Polizei näher an einer heißen Spur sein, als man ahnt. Vielleicht gibt es eine oder mehrere Personen, die Bescheid wissen.
Vielleicht auch jemand, der gar nicht direkt beteiligt war. Gerade dann wäre es so viel wert, sein Gewissen zu erleichtern – für einen möglichen Zeugen selbst, für die Ermittler und vor allem für Pauls Umfeld, das ihn bis heute schmerzlich vermisst.


