Acht Polizisten stehen in einem umzäunten Innenhof, ein Diensthund ist dabei, und vor ihnen liegt ein junger Mann auf dem Rücken. Er schreit, er wirkt verwirrt, er hat ein kleines Taschenmesser in der Hand – aber er richtet es nicht gegen die Beamten. Er richtet es gegen sich selbst. Er fragt nach einem Arzt.

Er bittet um Hilfe. Wenige Minuten später fallen Schüsse. Der junge Mann stirbt noch am Tatort. Sein Name ist Sammy Baker.
Geboren am 11. August 1997 in Gießen, aufgewachsen in Wetzlar. Ein hübscher Junge mit afroamerikanischen Wurzeln, sportlich, diszipliniert, ehrgeizig. Schon mit fünf Jahren beginnt er mit dem Basketballtraining, spielt später für den MTV Gießen in der Oberliga.
Sein Trainer beschreibt ihn als besonderes Talent, immer höflich, immer freundlich. Mit 16 beendet er die Basketballkarriere, trainiert stattdessen im Fitnessstudio, achtet auf Ernährung und Gesundheit. Er studiert, arbeitet als Fitnesscoach und teilt seine Trainingsroutinen auf Social Media. Rund 170.
000 Menschen folgen ihm. Für viele ist er eine Motivationsquelle, ein junger Mann, der sein Leben im Griff hat. Im Jahr 2020 ist Sammy 22 Jahre alt. Es ist das Jahr der Lockdowns, der leeren Straßen und der sozialen Distanz.
Sein Geburtstag fällt in eine Zeit, in der Feiern kaum möglich ist. Also beschließt Sammy, mit Freunden nach Amsterdam zu fahren. Raus aus dem Alltag, raus aus den eigenen vier Wänden, einfach mal wieder feiern und lachen. Sein 23.
Geburtstag ist für ihn besonders, denn 23 ist seine Lieblingszahl. Sein Basketball-Idol Michael Jordan trug die Rückennummer 23, und auch Sammy trug sie als kleiner Junge auf dem Rücken. Die Gruppe kommt am Abend des 10. August in Amsterdam an und landet in einem Coffeeshop.
Sie wollen in Sammys Geburtstag reinfeiern. An diesem Abend konsumiert Sammy zum ersten Mal in seinem Leben Cannabis. Die Freunde teilen sich einen Joint und essen dazu sogenannte Space Cookies – Kekse mit Cannabis. Die Wirkung solcher Edibles setzt oft erst später ein, und genau das wird zum Problem.
Schon kurze Zeit nach dem Konsum verändert sich etwas bei Sammy. Er verträgt den Wirkstoff offenbar nicht. Er gerät in einen mentalen Ausnahmezustand, entwickelt Ängste und Paranoia – ein bekanntes Risiko, besonders bei unerfahrenen Konsumenten. Ab dem 10.
August wirkt Sammy rastlos und beginnt planlos durch die fremde Stadt zu irren. Er kehrt nur noch sporadisch in die Unterkunft zurück, schläft fast gar nicht und lässt sich von seinen Freunden nicht beruhigen. Sie sehen, wie schlecht es ihm geht, aber sie kommen nicht mehr zu ihm durch. Am 11.
August, an Sammys eigentlichem Geburtstag, ist er für seine Freunde gar nicht mehr erreichbar. Er meldet sich nicht, er kommt nicht zurück. Niemand weiß, wo er ist. Die Freunde kontaktieren schließlich Sammys Mutter Justine.
Sie zögert keine Sekunde und reist gemeinsam mit einem Bekannten nach Amsterdam. Am 12. August meldet sie ihren Sohn bei der Amsterdamer Polizei als vermisst. Ab und zu schickt Sammy ihr Nachrichten oder seinen Standort, aber die Kontaktaufnahme ist schwierig.
Ein Freund von Sammy fährt innerhalb von zwei Tagen rund 300 Kilometer durch Amsterdam, um ihn zu finden. Am 13. August ruft Sammy seine Mutter an – er ist nur etwa einen Kilometer von ihr entfernt. Justine findet ihn schließlich im Stadtbezirk Amsterdam West.
Doch der junge Mann, der da vor ihr steht, ist kaum wiederzuerkennen. Sammy trägt eine verspiegelte Sonnenbrille und ist nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet. Er wirkt verwahrlost, ganz anders als der gepflegte Sohn, den sie kennt. Noch beunruhigender ist sein Verhalten: Er ist misstrauisch, sogar ihr gegenüber.
Er hält Abstand. Als Justine ihm vorschlägt, mit nach Hause zu kommen, weigert er sich. Er lässt sich nicht überzeugen. Schließlich bitten sie einen Polizisten in einer Nebenstraße um Hilfe.
Vielleicht kann er Sammy beruhigen. Doch als der Polizist fragt: „Ist alles in Ordnung, Sir? “, läuft Sammy weg. Als hätte er Angst.
Als würde er sich bedroht fühlen. Gegen 16:45 Uhr eskalieren die Ereignisse. Aus dem einen Polizisten werden acht Beamte und ein Diensthund. Sie treiben Sammy in einen umzäunten Innenhof, einen Ort ohne Fluchtwege.
Sammy hält ein kleines Taschenmesser in der Hand und hantiert damit herum. Er greift keinen Beamten an, aber er deutet an, sich selbst zu verletzen – an Hals und Handgelenken. Ein Anwohner beginnt zu filmen. Die Aufnahmen zeigen, wie die Polizei Sammy anschreit und ihre Waffen auf ihn richtet.
Später wird bekannt, dass die Beamten wussten, dass Sammy sich in einer Psychose befindet. Trotzdem erlauben sie den Sanitätern nicht, sich ihm zu nähern, als ein Krankenwagen eintrifft. Auch Sammys Mutter und seine Freunde bieten ihre Hilfe an – sie werden abgewiesen. Sammy selbst bittet um Hilfe, er fragt nach einem Arzt.
Doch die Polizisten lehnen seine Bitte ab. Ein Hundeführer nähert sich Sammy von hinten mit dem Hund – entgegen den Anweisungen seines Vorgesetzten. Der Hund läuft einfach an Sammy vorbei, er nimmt ihn nicht als Gefahr wahr. Kurz darauf stößt der Hundeführer Sammy zu Boden, aus Angst, Sammy könnte ihn mit dem Messer angreifen.
Sammy liegt nun auf dem Rücken, umringt von Beamten. Er schreit panisch. Die Beamten sind in der Überzahl, sie könnten ihn fixieren, sie könnten ihn den Sanitätern übergeben. Aber dann eröffnen zwei Beamte das Feuer.
Sie schießen auf den am Boden liegenden Sammy. Sammy stirbt noch am Tatort. Später sollen die Beamten ihn noch gefesselt haben, zu diesem Zeitpunkt war er aber bereits regungslos. Die Polizei behauptet, aus Notwehr gehandelt zu haben.
Anwohner sollen nicht befragt worden sein, obwohl sie das Geschehen gefilmt hatten. Eine Bodycam eines Beamten war angeblich defekt. Der Chef der Amsterdamer Polizei rechtfertigt die Schüsse: Es sei alles versucht worden, um Kontakt aufzunehmen – auf Englisch, Deutsch und Niederländisch. Aber niemand sei zu Sammy durchgedrungen.
Er spricht von der Gefahr für spielende Kinder und Passanten, obwohl Sammy in einem Innenhof von acht Polizisten umzingelt war. Außerdem behauptet der Polizeichef, Sammy hätte mit seinem Messer auf einen Beamten eingestochen. Und es kursiert das Gerücht, Sammys Messer hätte eine 30 Zentimeter lange Klinge gehabt. Die Staatsanwältin erhebt zunächst keine Anklage gegen die Beamten.
Sie folgt der Argumentation der Polizei und geht von Notwehr aus – ohne weitere Zeugenvernehmungen oder Videoanalysen. Doch Sammys Familie will das nicht hinnehmen. Für sie ist klar: Die Situation hätte niemals so enden müssen. Sie organisieren einen Trauermarsch und eine Demonstration am 5.
September 2020, fordern Gerechtigkeit unter dem Hashtag „Justice for Sammy“. Seine Mutter sagt: „Polizei, dein Freund das spätestens seit dem 13. August 2020 nicht mehr, als mein Sohn erschossen und getötet wurde. “ Sein Vater sagt: „Die Polizei hat meinen Sohn ermordet.
“
Die Eltern beauftragen das Recherchekollektiv Forensic Architecture mit einer unabhängigen Untersuchung. Das Team erstellt ein 3D-Modell des Tathergangs und analysiert die Videos der Anwohner. Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Notwehrthese der Polizei ist nicht haltbar. Sammy befand sich in einem nahezu katatonen Zustand und bewegte sich so langsam, dass sogar der Polizeihund an ihm vorbeilief.
Der Hundeführer ist entgegen seiner Behauptung nicht mit Sammy zu Boden gefallen – er ist stehen geblieben. Zum Zeitpunkt der Schüsse lag Sammy auf dem Rücken, und niemand lag mit ihm auf dem Boden. Die Beamten hätten jederzeit einen Schritt zurücktreten können. Auch andere Aussagen halten nicht stand.
Die Schutzweste des Beamten, auf den Sammy angeblich eingestochen haben soll, weist keinerlei Schäden auf. Und das Messer war keine Machete mit 30 Zentimeter Klinge, sondern ein kleines legales Taschenmesser mit einer Klinge von etwa 7 Zentimetern Länge. Die Eltern geben nicht auf. Sie führen einen Zivilprozess gegen die niederländische Polizei.
Anfang 2023 kommt ein unabhängiger Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass die Polizisten selbst für die Eskalation verantwortlich waren – aber die Ergebnisse sind vertraulich. Die Familie zweifelt an der Neutralität des Gerichts und einigt sich auf einen Vergleich, unter der Bedingung, weiter gegen die beteiligten Polizisten vorgehen zu können. Am 16. September 2025, mehr als fünf Jahre nach Sammys Tod, leitet die Familie eine sogenannte Artikel-12-Prozedur ein, um eine strafrechtliche Verfolgung der Beamten zu erzwingen: die beiden Schützen, den Hundeführer und die Einsatzleiterin.
Grundlage sind die Untersuchungsergebnisse von Forensic Architecture, ein Gutachten eines deutschen Professors sowie Gutachten eines Soziologen und eines Psychologen aus den Niederlanden. Sammys Eltern kämpfen bis heute. Sie haben eine Initiative ins Leben gerufen, die auf die unzureichende Schulung von Polizisten im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen aufmerksam machen soll. Ihr Ziel ist nicht nur Gerechtigkeit für Sammy, sondern auch die Verhinderung solcher Vorfälle in der Zukunft.
Sammy war kein Täter. Er war ein Mensch in Not. Er hatte Angst, panische Angst. Die Sanitäter waren da, acht Polizisten waren da – sie hätten ihn überwältigen, fesseln, beruhigen und ins Krankenhaus bringen können.
Stattdessen haben sie auf ihn geschossen. Sammy wollte nur seinen Geburtstag feiern. Er war 23 Jahre alt.


