WIESBADEN. Ein schlichter Rentner, der mit seiner geliebten Weimaraner-Hündin Ida in einem bescheidenen Einfamilienhaus in Wiesbadens gehobener Sonnenberg-Gegend lebt, verschwindet spurlos. Die Nachbarn, die ihn als zuverlässigen und zurückgezogenen Mann kannten, schlagen Alarm.

Was sie nicht ahnen: Hinter der unscheinbaren Fassade verbirgt sich ein Vermögen von rund sechs Millionen Euro. Und dieser Reichtum wird dem 76-jährigen Reiner M. zum tödlichen Verhängnis.
Es ist der 18. August 2013, ein Sonntagabend um 22:40 Uhr. In einer Bankfiliale in Wiesbaden-Nordenstadt zeichnet eine Überwachungskamera eine Szene auf, die zunächst unspektakulär wirkt: Eine Person hebt 1000 Euro ab.
Doch das Detail ist entsetzlich. Der Abhebende trägt Latexhandschuhe und verdeckt sein Gesicht mit einer billigen Faschingsmaske. Die Polizei wird später sagen: „Als wir die Bilder gesehen haben, war klar, dass wir jetzt alle Systeme hochfahren müssen.
“ Denn von dem Kontoinhaber, Reiner M. , fehlt seit Tagen jede Spur.
Die ersten Hinweise auf das Unglück kommen von der Nachbarschaft. Frau P. , eine enge Vertraute, die mit Reiner M.
gegenseitig die Hausschlüssel verwaltete, bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Sie versucht vergeblich, ihn zu erreichen. Ihr Sohn Dirk P.
, der als kleiner Junge im Haus des Rentners ein und aus ging, wird misstrauisch. „In der Wohnung lagen noch die Medikamente, die er täglich nehmen musste. Die letzte Tablette hatte er vor drei Tagen genommen.
Sein Handy war da. Auf dem Herd stand ein Topf mit Resten. So hat er sein Haus nie hinterlassen“, erinnert er sich.
Die Suche nach dem Rentner wird zur Obsession. Die Hündin Ida wird im Tierheim gefunden, abgegeben von einem gewissen Herrn S. , der behauptet, Reiner M.
habe ihn gebeten, den Hund zu bringen, weil er in die Schweiz ziehen wolle. Doch die Nachbarn glauben kein Wort. „Reiner war ein verlässlicher Mensch.
Er hätte Bescheid gesagt“, sagt Frau P. Die Polizei wird eingeschaltet, aber zunächst scheint der Fall rätselhaft.
Erst als die Ermittler die Bankkonten des Rentners prüfen, kommt die Wahrheit ans Licht. Reiner M. war nicht nur ein sparsamer Rentner, sondern ein mehrfacher Millionär.
Sein Vermögen, angesammelt durch kluge Investitionen und ein laufendes Patent, betrug rund sechs Millionen Euro. „Angesehen hat man es ihm nicht“, sagt Dirk P. „Außer mir und seinem Cousin wusste das wohl niemand.
“ Doch jemand wusste es.
Die Videoaufnahmen aus der Bank werden zum Schlüssel. Der maskierte Mann, der das Geld abhob, wird mit dem tatverdächtigen Herrn S. in Verbindung gebracht.
Herr S. , ein ehemaliger Finanzberater, der bei genau der Bank arbeitete, bei der Reiner M. seine Millionen hatte, wird zum Hauptverdächtigen.
Er hatte Zugang zu den Kontodaten und wusste um das Vermögen. Doch der entscheidende Beweis fehlt: die Leiche.
Die Kripo durchsucht das Haus des Rentners akribisch. Im Schlafzimmer finden sie Blutspuren, die von Reiner M. stammen.
„Wir haben insgesamt sechs Wochen in diesem Haus wirklich alles gemacht, was geht“, sagt Kriminalhauptkommissar Matthias Mechhold. „Am Ende sind es mehrere hundert Spuren, aber der entscheidende Fund bleibt aus. Und das war auch das Besondere an diesem Fall, dass wir ums Verrecken keinen Beweis hatten.
“ Die Spuren deuten auf ein blutiges Ereignis hin, aber die genaue Tat bleibt unklar.
Parallel dazu taucht ein gefälschtes Testament auf, das Reiner M. angeblich aus der Schweiz geschickt hat. Darin werden 500.
000 Euro an Herrn S. und 1,7 Millionen Euro sowie das Haus an Dirk P. vererbt.
Doch die Ermittler erkennen schnell die Fälschung: Schreibfehler wie „St. Moritz“ statt „St. Moritz“ und „Weimarana“ statt „Weimaraner“ verraten den Täter.
Herr S. wird festgenommen, aber die Leiche bleibt verschwunden.
Der Prozess gegen Herrn S. beginnt am 30. Juni 2014.
Die Verteidigung argumentiert, dass ohne Leiche kein Mord nachgewiesen werden könne. „Vielleicht spaziert Herr M. ja gleich in den Gerichtssaal hinein“, spotten die Anwälte.
Doch die Staatsanwaltschaft hält an der Anklage fest: Mord aus Habgier. Der entscheidende Durchbruch kommt durch eine Blutspurenmusteranalyse, die zeigt, dass zwei Blutspuren am Tatort eine Mischung aus dem Blut von Reiner M. und Herrn S.
enthalten. „Eindeutiger geht es nicht“, sagt ein Ermittler.
Am 14. Prozesstag legt Herr S. ein Geständnis ab.
Er schildert, wie er Reiner M. am 16. August 2013 besuchte, um sich zu verabschieden, nachdem er seinen Job verloren hatte.
Beim Kaffee sei es zum Streit gekommen. Reiner M. habe ihn angefasst, er habe ihn weggeschubst, der Rentner sei gestürzt und habe sich den Kopf an der Bettkante aufgeschlagen.
In Panik habe er dann eine Tonfigur gegriffen und auf den Kopf des Rentners geschlagen. „Plötzlich war er tot“, sagt Herr S.
Doch das Gericht glaubt seiner Notwehrdarstellung nicht. Die Blutspuren zeigen, dass es bereits vor dem Sturz zu einer blutigen Auseinandersetzung gekommen sein muss. Herr S.
wird am 8. Januar 2015 wegen Mordes aus Habgier, Urkundenfälschung und Computerbetrugs zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof verwirft die Revision.
Die Nachbarn und Dirk P. bleiben mit offenen Fragen zurück. „Was mich am meisten bewegt, ist, wie der Täter an die PIN-Karte gekommen ist“, sagt Dirk P.
„Reiner hätte niemals die Geheimnummer neben der EC-Karte gelegt. Ich fürchte, der Täter hat ihn gefoltert, bevor er ihn umbrachte. “ Die ganze Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen.
Doch eines ist sicher: Reiner M. , der bescheidene Rentner mit dem Millionenvermögen, wurde zum Opfer seiner eigenen Reichtümer. Seine Hündin Ida fand ein neues Zuhause in derselben Nachbarschaft, in der sie einst mit ihrem Herrchen spazieren ging.


