Ich wusste, dass dort draußen irgendwo etwas Unglaubliches wartete, aber ich hatte keine Ahnung, dass die Antwort auf alles in einer kleinen braunen Bohne steckte. Die Menschen vor 3000 Jahren…

Ich wusste, dass dort draußen irgendwo etwas Unglaubliches wartete, aber ich hatte keine Ahnung, dass die Antwort auf alles in einer kleinen braunen Bohne steckte. Die Menschen vor 3000 Jahren...

Vor rund 1500 Jahren, in den feuchten Tiefländern des heutigen Südmexiko, entdeckten die Olmeken etwas, das den Lauf der Geschichte verändern sollte. Im Schatten des Regenwaldes wuchsen wilde Kakaobäume. Sie ließen das Fruchtfleisch um die Samen vergären, trockneten und rösteten sie und mahlten sie zu einer Paste. Daraus entstand ein bitteres, schaumiges Getränk, das sie für heilig hielten.

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Älteste Spuren in Tongefäßen aus Honduras und Belize sind über dreitausend Jahre alt. Für die Olmeken war es kein beiläufiges Getränk, sondern eine Verbindung zu den Göttern. Als ihre Kultur verfiel, ging das Wissen an die Maya über. Das Maya-Wort „Kakao“ ist der Ursprung unseres heutigen Wortes.

Für die Maya war das Getränk mit fast jedem wichtigen Moment des Lebens verwoben: Geburten, Hochzeiten, Begräbnisse, Opfergaben. Im Popol Vuh, dem heiligen Text der Maya, gehört Kakao zu den Zutaten, aus denen die Götter die ersten Menschen formten. Sie glaubten, die Menschheit sei zum Teil aus Kakao gemacht. Doch die Maya tranken ihre Schokolade nicht wie wir heute.

Kein Zucker, keine Milch. Ihr Getränk war dick und bitter, aus gemahlener Kakaopaste, Wasser, Maismehl, Chili und Vanille. Sie gossen es von einem Gefäß ins andere, bis sich Schaum bildete – und dieser Schaum galt als das Kostbarste. Die Bohne selbst wurde so wertvoll, dass sie in ganz Mesoamerika als Geld diente.

Ein Truthahn kostete hundert Bohnen. Das Geld wuchs buchstäblich auf Bäumen. Im 15. Jahrhundert stieg das Reich der Azteken auf.

Kakao war die begehrteste Ware der Region. Doch hier kommt die Ironie: Kakaobäume wachsen nicht im trockenen Hochland rund um die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan. Die Azteken hatten eine der größten Zivilisationen Amerikas errichtet, aber ihre eigene Schokolade konnten sie nicht anbauen. Also taten sie, was Reiche tun.

Sie eroberten die Gebiete, in denen der Kakao wuchs, und forderten ihn als Tribut. Riesige Mengen an Bohnen strömten in die Hauptstadt – Schätzungen zufolge fast zwei Lasten pro Jahr, jede etwa 23 Kilogramm schwer. Der Herrscher Moctezuma soll bis zu fünfzig Tassen Schokolade am Tag getrunken haben, serviert in goldenen Gefäßen. Ihr Wort dafür lautete „Xocolātl“ – bitteres Wasser.

In ihrer Mythologie hatte der Gott Quetzalcoatl den Menschen den Kakao gebracht und wurde von den anderen Göttern dafür bestraft. Schokolade war kein Naschwerk. Sie war Blut, Geist und Reich in einer einzigen Schale. Im Jahr 1519 landete ein spanischer Eroberer an der Küste Mexikos.

Sein Name war Hernán Cortés. Als er an den Hof der Azteken kam, reichte man ihm Schalen mit Schokolade. Die Spanier verabscheuten es. Ein früher Bericht nannte es ein Getränk, das eher für Schweine tauge als für Menschen.

Doch Cortés interessierte nicht der Geschmack. Ihn interessierte das Geld. Er begriff schnell, dass die Kakaobohne die Währung eines ganzen Reiches war. Wer den Kakao kontrollierte, kontrollierte den Reichtum.

Nach dem Fall des Aztekenreiches im Jahr 1521 begannen die Spanier, Kakao nach Spanien zu verschiffen. Und dann geschah das Entscheidende. In den Klöstern der Kolonien, vermutlich durch spanische Nonnen, begann jemand, mit dem Rezept zu spielen. Sie gaben Zucker hinzu, fügten Zimt und Vanille bei und erwärmten das Getränk, statt es kalt zu servieren.

Plötzlich wurde aus dem bitteren Kriegertrank der Azteken etwas völlig Neues: süß, warm und gefährlich verführerisch. Spanien hütete dieses veränderte Rezept fast ein Jahrhundert lang wie ein Staatsgeheimnis. Während der Rest Europas ahnungslos blieb, berauschte sich der spanische Adel heimlich daran. Doch irgendwann sickerte das Geheimnis durch.

Anfang des 17. Jahrhunderts erreichte die Schokolade Italien, Frankreich und England – und die Höfe Europas verloren den Verstand. In Frankreich war die Frau von König Ludwig XV. , Marie Leszczyńska, dem Getränk so verfallen, dass man erzählte, ihre Zähne seien vom vielen Zucker geschwärzt.

Bald war heiße Schokolade das Modegetränk von Versailles. Im Jahr 1657 eröffnete in London das erste Schokoladenhaus – das Starbucks des 17. Jahrhunderts, nur weit exklusiver. Hier traf sich, wer Rang und Macht hatte, bei Tasse um Tasse heißer Schokolade.

Doch die Schokolade hatte ein Problem. Über zwei Jahrhunderte gab es sie in Europa nur als teures Getränk. Die Bohnen mussten von Hand geröstet und gemahlen werden, und das Ergebnis war eine fettige, körnige Paste, die sich kaum in Wasser lösen ließ. Schokolade war ein Luxus der Reichen – und das wäre so geblieben, hätte nicht jemand einen Weg gefunden, sie billiger zu machen.

Dieser jemand kam im Jahr 1828. Ein niederländischer Chemiker namens Coenraad van Houten erfand eine hydraulische Presse, die den größten Teil des natürlichen Fetts, der Kakaobutter, aus den gerösteten Bohnen presste. Zurück blieb ein trockener Kuchen, den man zu feinem Pulver mahlen konnte. Van Houten behandelte dieses Pulver zusätzlich mit alkalischen Salzen, um die Bitterkeit zu nehmen – ein Verfahren, das man bis heute „Dutching“ nennt.

Kakaopulver löste sich mühelos in Wasser oder Milch, und Schokolade wurde erstmals in der Geschichte für einfache Menschen erschwinglich. Doch seine Erfindung tat noch etwas Wichtigeres: Indem sie Kakaobutter von der Kakaomasse trennte, schuf sie die beiden Zutaten, die feste Schokolade überhaupt erst möglich machten. Im Jahr 1847 fand die britische Firma Fry and Sons heraus, dass man Kakaopulver, Zucker und geschmolzene Kakaobutter zu einer geschmeidigen Masse mischen konnte, die zu einer festen Tafel erstarrte. Sie nannten es „Essschokolade“ – und es war die erste moderne Schokoladentafel der Welt.

Dreitausend Jahre lang war Schokolade ein Getränk gewesen. An einem einzigen Nachmittag in einer Fabrik in Bristol wurde daraus etwas, das man in der Hand halten, in Stücke brechen und überall essen konnte. Die nächsten Jahrzehnte wurden zu einem Rausch der Erfindungen. Im Jahr 1875 versuchte ein Schweizer namens Daniel Peter seit Jahren, Milch mit Schokolade zu verbinden.

Das Problem war das Wasser in der Milch, das die Schokolade grisslig werden ließ. Dann zeigte ihm sein Nachbar ein Produkt, das er gerade erfunden hatte: eine pulverförmige Kondensmilch. Der Name dieses Nachbarn war Henry Nestlé. Peter verband die Kondensmilch mit Schokolade – und die Milchschokolade war geboren.

Vier Jahre später ließ ein anderer Schweizer, Rudolf Lindt, aus Versehen seine Rührmaschine über Nacht laufen. Am Morgen war die Schokolade unglaublich zart und samtig. Er nannte das Verfahren „Conchieren“ – und es ist bis heute Standard in der Herstellung. In nur fünfzig Jahren war aus dem teuren Getränk der Aristokraten ein zartes, festes Massenprodukt geworden.

Und dann kam ein Mann, der die Schokolade in die ganze Welt tragen sollte: Milton Hershey. Auf der Weltausstellung von 1893 in Chicago sah der Karamellhersteller aus Pennsylvania deutsche Schokoladenmaschinen bei der Arbeit. Er war so gebannt, dass er seine erfolgreiche Karamellfirma für eine Million Dollar verkaufte und alles auf die Schokolade setzte. Hersheys Genie lag nicht darin, die beste Schokolade zu machen.

Es lag darin, sie so billig zu machen, dass jeder Mensch in Amerika sie sich leisten konnte. Er baute eine ganze Stadt um seine Fabrik und nannte sie schlicht Hershey – mit Straßen namens Chocolate Avenue und Cocoa Avenue, mit eigenen Schulen und einem Vergnügungspark. Seine Konkurrenten folgten dicht dahinter. Der Milky Way erschien 1923, die bunten M&Ms 1941.

Und dann geschah etwas, das niemand hätte vorhersehen können: Die Schokolade zog in den Krieg. Im Zweiten Weltkrieg beauftragte das amerikanische Militär Hershey, einen besonderen Riegel für die Soldaten herzustellen. Er musste energiereich sein, hohe Temperaturen aushalten – und, das ist der seltsame Teil, er durfte nur knapp besser schmecken als eine gekochte Kartoffel. Man wollte nicht, dass die Soldaten ihre Notration einfach aufnaschten.

Über den Krieg hinweg stellte Hershey mehr als drei Milliarden dieser Riegel her. Als amerikanische Truppen Städte in Europa befreiten, verteilten sie Schokolade an die Kinder. Eine ganze Generation weltweit schmeckte ihre erste Schokolade aus der Hand eines amerikanischen Soldaten. Auch die andere Seite der Front hatte ihre Schokolade.

Die deutsche Wehrmacht gab ihren Piloten und Panzerbesatzungen eine mit Koffein angereicherte Sorte aus: die „Schokakola“, im Volksmund Fliegerschokolade oder Panzerschokolade genannt, die die Männer wach und bei Kräften halten sollte. In Großbritannien gab es schon lange die Familie Cadbury – fromme Quäker, die ins Schokoladengeschäft gingen, weil sie darin eine gesunde Alternative zum Gin sahen, der die Arbeiterschaft verheerte. Auch sie bauten für ihre Arbeiter ein ganzes Musterdorf: Bournville. Im 20.

Jahrhundert wurde Schokolade untrennbar von unserer Kultur – vom Valentinstag mit seinen herzförmigen Schachteln bis zu den Schokoladeneiern und Hasen zu Ostern. Doch hier machen die meisten den Fehler zu glauben, es gehe bei Schokolade nur um Riegel und Geschenke. Der heutige Schokoladenmarkt ist über 130 Milliarden Dollar wert – mehr als die Wirtschaftsleistung von über hundert Ländern. Und rund 70 Prozent des Kakaos der Welt wachsen in Westafrika.

Allein die Elfenbeinküste und Ghana liefern mehr als die Hälfte. Der Kakao ernährt Millionen Kleinbauern auf winzigen Feldern. Und hier liegt die unbequeme Wahrheit, über die die Industrie jahrzehntelang lieber schwieg: Viele dieser Farmen sind auf Kinderarbeit angewiesen. Berichte dokumentieren weit über eine Million Kinder, die unter gefährlichen Bedingungen auf Kakaofarmen arbeiten – manche erst fünf Jahre alt, mit Macheten und giftigen Pestiziden.

Im Jahr 2001 unterschrieben die großen Konzerne ein Abkommen, die schlimmste Kinderarbeit zu beenden. Über zwanzig Jahre später besteht das Problem fort. Die Ironie ist bitter: Ein Genussmittel, das hunderten Millionen Freude schenkt, ruht auf Menschen, die sich das fertige Produkt oft selbst nicht leisten können. Genau diese Spannung treibt heute eine der spannendsten Bewegungen der Lebensmittelwelt an.

Kleine Manufakturen kaufen ihren Kakao direkt bei den Bauern und behandeln die Bohne so, wie ein Winzer seine Trauben behandelt. Denn Schokolade hat genau wie Wein ein Terroir. Eine Tafel aus Kakao aus Madagaskar schmeckt völlig anders als eine aus Ecuador oder Vietnam. Schokolade ist nicht ein einziger Geschmack, sie ist Hunderte.

Doch die Zukunft der Schokolade ist nicht gesichert. Der Kakaobaum ist überaus empfindlich. Er braucht gleichmäßige Wärme, hohe Luftfeuchtigkeit und Schatten und gedeiht nur in einem schmalen Gürtel rund um den Äquator. Klimamodelle deuten darauf hin, dass viele der heutigen Anbaugebiete bis zum Jahr 2050 zu heiß werden könnten.

Steigende Temperaturen stressen die Bäume schon jetzt, und Pilzkrankheiten und Viren zerstören ganze Plantagen. Forscher züchten widerstandsfähigere Sorten, andere testen neue Anbaugebiete, und manche Unternehmen arbeiten sogar an Schokolade aus dem Labor – ganz ohne echte Bohne. Denk einen Moment über den ganzen Bogen dieser Geschichte nach: Eine Dschungelfrucht, die ein altes Volk für göttlich hielt, wurde zur Währung eines Reiches, zum heimlichen Vergnügen europäischer Könige, zur Ration der Soldaten im Krieg und schließlich zum begehrtesten Geschmack der Welt. Schokolade war Geld, Medizin, Ritual, Waffe und Geschenk.

Und doch hat sich im Kern etwas nie geändert. Der Grund, warum die Schokolade uns heute fesselt, ist derselbe, aus dem sie schon die Maya fesselte. In der Kakaobohne steckt eine Mischung aus hunderten von Aromastoffen und anregenden Substanzen, die im menschlichen Gehirn eine Antwort auslöst, wie es kein anderes Nahrungsmittel schafft. Es ist nicht nur der Zucker, es ist nicht nur das Fett – es ist der besondere chemische Cocktail in der Bohne selbst.

Die Menschen, die vor dreitausend Jahren im Dschungel Kakao mahlten, hätten sich niemals eine Welt vorstellen können, in der ihr heiliges Getränk in Hasen geformt und in Tüten an Flughäfen verkauft wird. Und doch isst ein Mensch in den Vereinigten Staaten heute rund fünf Kilo Schokolade im Jahr, ohne einen einzigen Gedanken an die dreitausendjährige Reise, die sie in seine Hand gelegt hat – vom heiligen Ritual zur globalen Sucht. Das ist die Geschichte der Schokolade.

Und wenn du das nächste Mal ein Stück von einer Tafel brichst, wirst du vielleicht einen kurzen Moment innehalten und einen Augenblick anders darüber nachdenken.