Die Zellentür hätte alle dreißig Minuten geöffnet werden müssen. Kameras, Protokolle, Wachen – Hochsicherheitstrakt in New York. Doch in dieser Nacht geschah nichts davon. Zwei Werter schliefen ein, fälschten später ihre Dienstprotokolle, und über einen Zeitraum von drei Stunden wurde der Mann, dessen Name weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte, nicht kontrolliert.

Am Morgen war er tot. Ein Mann, der Kontakte zu Präsidenten, Prinzen und Milliardären gehabt hatte. Ein Mann, der gewusst hatte, wie Macht funktioniert. Und ein Mann, der kurz vor einem Prozess stand, der Namen ans Licht gebracht hätte, die man sonst nur aus den Nachrichten kennt.
Doch dazu kam es nie. Stattdessen blieben tausende Seiten an Dokumenten, geschwärzte Passagen, prominente Kontakte – und eine Frage, die bis heute im Raum steht: War das wirklich das Ende, oder ist das hier gerade erst der Anfang? Es begann viel früher, an einem ganz gewöhnlichen Schultag. Michelle, sechzehn Jahre alt, sitzt im Unterricht, als eine Mitschülerin ihr ein Angebot macht.
Man könne Geld verdienen, indem man alte Kerle massiert. Michelle wundert sich. Das klingt seltsam, ein bisschen schmierig. Aber es klingt auch nach schnellem, unkompliziertem Geld.
Und genau das könnte sie gerade gut gebrauchen. Vielleicht hätte sie mehr nachfragen sollen. Vielleicht hätte sie wissen sollen, warum ältere Männer so viel für eine Massage bezahlen. Aber Neugier, Geld und ein Hauch von Abenteuer übertönen ihr Bauchgefühl.
Sie ist schließlich erst sechzehn, und in dem Alter sieht man nicht in allem direkt das Schlimmste. Nach der Schule fährt sie mit ihrer Mitschülerin etwa fünfundvierzig Minuten nach Palm Beach. Die Straßen werden ruhiger, exklusiver. Hinter hohen Hecken reiht sich ein Anwesen an das nächste.
Dann stehen sie vor einer Villa. Das Grundstück ist von einem Zaun umgeben, alles wirkt diskret und teuer. Sie klingeln, kaum haben sie gesagt, wer sie sind, öffnet sich das Tor. Noch bevor sie eintreten, beugt sich die Mitschülerin zu Michelle und flüstert: „Falls jemand fragt, sag, du bist über achtzehn.
Ich glaube nicht, dass jemand fragt, aber nur falls. “
Michelle stockt. Warum sollte jemand nach ihrem Alter fragen? Trotzdem geht sie weiter.
Im Haus legt sich ein Mann um die fünfzig auf eine Liege. Michelle weiß, dass er ein vermögender und einflussreicher Mann ist, einer mit Kontakten, die man sonst nur aus den Schlagzeilen kennt. Sie soll mit der Massage seiner Füße und Beine beginnen. Und der Mann fängt sofort an, ihr überschwängliche Komplimente zu machen.
Michelle ist geschmeichelt. Die Worte treffen sie unerwartet tief. Sie zweifelt oft an ihrem Aussehen, kritisiert sich selbst. Und nun ist da dieser wohlhabende, mächtige Mann, der ihr das Gefühl gibt, besonders zu sein.
Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie sich schön, gesehen, geschmeichelt. Doch die Stimmung kippt schneller, als sie begreifen kann, was passiert. Der Mann fordert sie auf, sich auszuziehen. Michelle zögert.
Es ging doch nur um eine Massage. Dabei bleibt es nicht. Er packt sie unvermittelt an der Hüfte, beginnt sie überall zu berühren. Michelle versteht nicht, wie es so weit kommen konnte.
Sie ist überfordert, eingeschüchtert. Sie spürt, dass das nicht richtig ist, dass etwas nicht stimmt. Doch in diesem Moment scheint sie keine andere Wahl zu haben. In ihrem Kopf kreisen Gedanken, die ihr Angst machen: Hat er eine Waffe?
Darf sie gehen? Was passiert, wenn sie nein sagt, wenn sie schreit? Sie kennt diesen Mann nicht. Sie weiß nicht, wozu er fähig ist.
Die Angst lähmt sie. Und so tut sie, was er ihr sagt. Der Ausdruck in seinen Augen, während er sich durch sie befriedigt, brennt sich für immer in ihr Gedächtnis. Als er fertig ist, wickelt er ein Handtuch um seine Hüfte und sagt, da lägen hundert Dollar.
Michelle sagt nur „Okay“, denkt aber in ihrem Inneren, dass sie nie wieder an diesen Ort zurückkehren wird. Später wird sie sagen, dass ein Teil von ihr an diesem Tag gebrochen ist. Und Michelle ist kein Einzelfall. Die meisten Mädchen kennen den Namen des Mannes, bevor sie sein Anwesen betreten.
Es ist ein Name, der in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen respektiert wird, ein Name, der Türen öffnet. Ein Name, der zu lange unangetastet bleibt. Der Mann heißt Jeffrey Epstein. Geboren am 20.
Januar 1953, wächst er im New Yorker Stadtteil Brooklyn in Coney Island auf. Für Außenstehende wirkt dieser Ort wie ein Ort der Unbeschwertheit: bunte Lichter, Zuckerwatte, Sommerluft. Doch Epsteins Familie lebt nicht in Luxus. Sein Vater arbeitet in einem Hausabrissunternehmen, dann für die Stadtverwaltung.
Auch seine Mutter ist voll berufstätig. Eine normale Mittelklassefamilie. Kein Reichtum, keine elitären Netzwerke. Auf den ersten Blick sieht Jeffrey aus wie jemand, den man im Alltag übersehen würde.
Unauffällig, fast harmlos. Genau diese äußerliche Normalität steht in einem verstörenden Kontrast zu dem, was später über ihn bekannt wird. Er besucht die Lafayette High School, gilt als intelligent, besonders begabt in Mathematik. Er schreibt sich am privaten Cooper Union College in Manhattan ein, doch er bleibt nicht lange.
1971 wird er rausgeschmissen, verlässt die Schule ohne Abschluss. Danach versucht er es am Courant Institut für Mathematik an der New York University – auch diese Einrichtung verlässt er ohne Abschluss. Hier beginnt ein Muster. Jeffrey hat keine formalen Qualifikationen, aber er versteht es, Kompetenz auszustrahlen.
Mit gerade einmal zwanzig Jahren unterrichtet er von 1973 bis 1975 an der Dalton School, einer Eliteschule, Mathematik und Physik. Berichten zufolge hält er leidenschaftliche Vorträge, begeistert seine Klassen. Der Vater eines seiner Schüler, so beeindruckt von dem jungen Mann, sagt zu ihm: „Was machst du eigentlich, dass du an der Dalton School Mathe unterrichtest? Du solltest an der Wall Street arbeiten.
Warum rufst du nicht meinen Freund Ace Greenberg an? “
Und so kommt Jeffrey mit Greenberg in Kontakt, einem Vorstandsmitglied einer amerikanischen Investmentbank. 1976 fängt er dort an zu arbeiten und steigt schnell auf. Zwar kommt irgendwann heraus, dass er bei der Bewerbung geschummelt hat – er hat einen Universitätsabschluss angegeben, den er nie gemacht hat –, aber er leistet so gute Arbeit, dass darüber hinweggesehen wird.
Er entkommt auch weitere Male der Entlassung: Er kauft Diamanten, gibt Insider-Tipps weiter, leiht einem Bekannten 25. 000 Dollar, bucht Luxusurlaube – alles auf Rechnung der Firma. Die US-Börsenaufsicht führt eine Überprüfung wegen Insider-Handels durch, bei der auch Jeffrey verhört wird, und später beginnt sein Chef gegen ihn zu ermitteln. Jeffrey, der inzwischen rund 200.
000 Dollar jährlich verdient, reagiert wütend und aggressiv auf die Vorwürfe. Er muss 5. 000 Dollar Strafe zahlen und wird für zwei Monate beurlaubt. Doch mit dieser eigentlich lächerlichen Strafe findet er sich nicht ab – er kündigt.
In den Achtzigern, als Jeffrey Mitte dreißig ist, wird Steven Hoffenberg, CEO der Towers Financial Corporation, auf den souveränen Arbeiter aufmerksam. Jeffrey hat sich längst einen Namen gemacht. Er ist bekannt dafür, intelligent und brillant zu sein, aber auch dafür, danach zu handeln, was für ihn am besten ist, ohne Rücksicht auf andere. Genau das macht ihn für Hoffenberg zu einem attraktiven Geschäftspartner.
Innerhalb kürzester Zeit wird Jeffrey seine rechte Hand. Es heißt, das Unternehmen habe ein gigantisches Schneeballsystem im Wert von rund 460 Millionen Dollar betrieben. Man spricht von manipulierten Zahlen, gefälschten Vermögenswerten, illegalem Aktienhandel. Und eine Sache kommt Jeffrey bei seinem Job sehr zugute: Er versteht es, Menschen zu kontrollieren und zu manipulieren.
Er hat ein charismatisches Auftreten. Er schafft es, jeden, den er trifft, zu seinem Vorteil auszunutzen. Später wird Hoffenberg verurteilt. Jeffrey aber geht weiter seiner Wege.
Er ist wieder einmal davongekommen. Er gründet seine eigene Vermögensverwaltung, baut sich gewissermaßen sein eigenes Schneeballsystem auf. Er betreut extrem wohlhabende Kunden: Milliardäre, Erben, Unternehmer. Wie genau sein gigantisches Vermögen zustande gekommen ist, bleibt bis heute unklar.
Am Ende wird es auf rund 600 Millionen Dollar geschätzt. Es gibt keine klare Investmentstrategie, kein öffentliches Erfolgsmodell wie bei anderen Finanzgrößen. Stattdessen herrscht Diskretion. Er verkauft sich als Finanzberater für eine Handvoll Superreicher, verwaltet Privatgelder, hilft bei Steuerkonstruktionen, vermittelt Deals und spürt angeblich verlorene Vermögenswerte auf.
Und er tut dabei noch etwas: Er sammelt Kontakte. Er nutzt bestehende Kontakte, oft die von Frauen, um weitere Kontakte zu knüpfen. Er arbeitet sich immer weiter nach oben, freundet sich mit Bänkern, Unternehmern, Wissenschaftlern, Politikern und sogar Adligen an. Sein Name taucht irgendwann in Verbindung mit US-Präsidenten, Tech-Milliardären und Mitgliedern von Königshäusern auf.
Wie schafft ein Mann ohne Studienabschluss aus einfachsten Kreisen es, sich in diese Kreise hochzuarbeiten? Ist es seine Intelligenz? Sein Charisma? Manipulation?
Mit dem Einfluss kommt Macht. Und die Möglichkeit, Grenzen zu verschieben. Genau hier beginnt die nächste dunkle Phase seiner Geschichte. Es ist Anfang der Neunziger, als eine Frau in sein Leben tritt, die für seinen späteren Einfluss eine entscheidende Rolle spielen wird: Ghislaine Maxwell.
Sie stammt aus einer Welt, zu der Jeffrey sich jahrelang den Zugang erarbeitet hat. Sie ist die Tochter des britischen Verlegers Robert Maxwell, der in Großbritannien ein Imperium aus Zeitungen aufgebaut hat. Sie wächst im Luxus auf, kennt den Umgang mit Macht, Geld und einflussreichen Menschen. Anfang der Neunziger zieht Maxwell nach New York, und auf einer Party trifft sie Jeffrey Epstein.
Zwei Welten, die perfekt ineinandergreifen. Jeffrey ist beeindruckt von ihrem Scharm und ihrer Selbstsicherheit. Maxwell erkennt in Jeffrey einen Mann mit Geld, Ambitionen und einem wachsenden Netzwerk in den USA. 1992 gehört Jeffrey bereits eines der größten Privatanwesen in Manhattan, später kauft er Häuser in Palm Beach, Miami, Paris, Mexiko und die gesamte St.
James Insel auf den Virgin Islands. Die beiden werden ein Machtpaar. Jeffrey bringt das Geld, Maxwell öffnet die Türen. Zusammen bewegen sie sich durch elitäre Kreise.
Zu ihrem Umfeld gehören Persönlichkeiten wie Donald Trump, Bill Clinton und Prince Andrew, der zweitjüngste Sohn von Queen Elizabeth. Diese Kontakte sind für die beiden keine Trophäen – sie werden dokumentiert. Bei Treffen, Empfängen und Partys notieren sie Namen, Telefonnummern und Details sorgfältig in einem schwarzen Notizbuch. Eine Art persönliches Archiv ihrer Verbindungen.
Jeffrey wird in diesen Jahren immer selbstbewusster. Sein Ruf als diskreter Finanzberater der Superreichen festigt sich. Zu Freunden soll er gesagt haben: „Ich investiere in Menschen. Sei es in der Politik oder in der Wissenschaft.
Das ist es, was ich tue. “
Doch hinter dieser glänzenden Fassade formt sich langsam etwas Dunkles. Nach außen gibt sich Jeffrey als charmanter Gastgeber, als Förderer der Wissenschaft. Doch hinter der Fassade verbirgt sich eine Seite, über die lange niemand sprechen wollte.
Jeffrey hat eine Vorliebe für minderjährige Mädchen. Er sucht sie sich gezielt aus, und er nutzt seine Macht, um ihnen nahezukommen. Es geht ihm nicht um einvernehmliche Begegnungen, sondern um Kontrolle. Er wählt seine Opfer nicht zufällig aus.
Er sucht gezielt junge Mädchen, die unter finanziellem Druck stehen, Mädchen in instabilen Lebenssituationen, Mädchen, die bereits traumatische Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben. Diese Verletzlichkeit macht sie zu perfekten Opfern. Ein späteres Opfer sagt: „Jeffrey hat sich auf Mädchen gestürzt, die in schlechter Verfassung waren. Mädchen, die im Grunde genommen obdachlos waren.
Er suchte Mädchen auf, von denen er dachte, dass niemand ihnen zuhören würde. Und er hatte recht. “
Wer wenig Geld hat, sagt seltener nein. Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat, zweifelt an den eigenen Grenzen.
Und wer sich machtlos fühlt, widerspricht nicht. Jeffrey agiert nicht alleine. An seiner Seite steht Maxwell. Sie übernimmt die Rolle der Vermittlerin, der vertrauenswürdigen Frau.
Sie baut Vertrauen zu den Mädchen auf, hört zu, macht Komplimente und lockt sie unter dem Vorwand, leicht Geld verdienen zu können, in eines der Anwesen von Jeffrey. Sie verspricht einfache Arbeit und gutes Geld. Ein Angebot, das harmlos klingt – und genau das ist das Gefährlichste daran. Denn sobald die Mädchen eines seiner Anwesen betreten, verschiebt sich die Situation.
Grenzen werden überschritten. Was vorher nie klar benannt wurde, wird plötzlich als selbstverständlich vorausgesetzt. Jeffrey berührt die Mädchen, tut ihnen noch schlimmere Dinge an. Und Maxwell sorgt derweil dafür, dass immer neue Mädchen rekrutiert werden.
Besonders verstörend ist, wo diese Kontaktaufnahmen stattfinden: in Bildungseinrichtungen, vor Schulen. Maxwell hält sich gezielt in ärmeren Gegenden auf, spricht die jungen Frauen direkt vor Schulgebäuden an. Sie weiß, dass viele nach einem Nebenjob suchen und Geld ein entscheidender Faktor ist. Und sie weiß auch, was mit diesen Mädchen passieren wird.
Hier geht es nicht um Unwissen, nicht um Missverständnisse. Was hier passiert, ist Jeffrey und Maxwell klar. Virginia wird ebenfalls von Maxwell angesprochen. Zu diesem Zeitpunkt ist sie sechzehn Jahre alt und arbeitet in einem Spa in Palm Beach.
Sie träumt von einem besseren Leben. Maxwell wirkt freundlich und interessiert. Sie bietet Virginia an, für ihren Partner Jeffrey als private Masseurin zu arbeiten. Virginia kann ihr Glück kaum fassen.
Es klingt wie eine einmalige Chance auf die Zukunft, von der sie träumt. Als Virginia mit Maxwell eines von Epsteins Anwesen betritt, ist sie erstaunt. Alles so groß, so luxuriös. Ein Ort, der nichts mit dem zu tun hat, was Virginia kennt.
Sie ist beeindruckt und eingeschüchtert zugleich. Doch sie will diesen Job. Sie muss ihn bekommen. Im Massageraum liegt bereits ein Mann, nackt auf der Liege, das Gesicht nach unten.
Jeffrey. Die beiden Frauen massieren ihn, während Virginia Fragen über ihr Leben, ihre Vergangenheit, ihre Ziele beantwortet. Sie antwortet ehrlich, vielleicht zu ehrlich. Sie will beweisen, dass sie erkennt, wie groß diese Chance für sie ist.
Virginia hatte keine glückliche Kindheit. Schon im jungen Alter wird sie von einem Familienmitglied missbraucht. Es kommen immer mehr Übergriffe dazu, bis sie es nicht mehr aushält und eine Zeitlang auf der Straße lebt. In dem Moment, in dem sie diese Verletzlichkeit offenlegt, verändert sich die Situation, als wäre ein Startschuss gefallen.
Jeffrey dreht sich um und sieht Virginia in die Augen. Dann fordern er und Maxwell sie auf, sich zu entblößen. Aus Angst traut Virginia sich nicht, sich den Anweisungen zu widersetzen. Sie ist jung und allein, ihr gegenüber zwei Erwachsene mit Macht, Einfluss und Geld.
Virginia sagt später: „Ich war jung, ich war ängstlich. Ich wusste, dass diese Menschen Macht hatten. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ich nein sage.
Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ich anfange zu schreien. Ich habe nur getan, was sie mir sagten. “
Schon bald darauf steht Virginia wieder vor seiner Tür. Nicht weil sie dort stehen möchte, sondern weil sie es nicht anders kennt.
Sie wurde bis zu diesem Zeitpunkt schon mehrfach missbraucht. Und besonders traurig ist: Virginia weiß nicht genau, wie ein Leben ohne Missbrauch aussieht, denn so etwas hat sie noch nie erlebt. Manipulation und Ausbeutung waren ständige Begleiter ihres Lebens. Für Jeffrey und Maxwell war sie das perfekte Opfer: jung, formbar und abhängig.
Während der Zeit, die Virginia für die beiden „arbeitet“, tut sie alles für Jeffrey. Sie befriedigt all seine Bedürfnisse. Sie tut, was von ihr erwartet wird. Jeffrey und Maxwell machen Ausflüge und Filmabende mit ihr, um sie fester an sich zu binden.
Es fühlt sich teilweise an, als wäre sie Teil einer Familie – einer ziemlich kaputten Familie. Virginia wird dadurch immer weiter manipuliert. Und damit nicht genug. Sie beginnen, Virginia zu trainieren.
Sie sagt später: „Das Training begann sofort. Es ging um alles, bis hin zur Frage, wie man einen Blowjob gibt, wie man still ist, unterwürfig und Jeffrey gibt, was er will. Ein Großteil der Ausbildung kam von Ghislaine selbst. Und dann ist da noch Jeffrey, der einem sagt, dass man es so machen soll, wie er will, langsamer machen soll, dies nicht tun soll und jenes tun soll.
Das Ganze zieht sich über Wochen hinweg. Tag für Tag, wie ein Unterricht. “
Es dauert nicht lange, bis sich das System ausdehnt. Jeffrey und Maxwell beginnen, Virginia an Menschen in ihrem Umfeld zu vermitteln: an Bekannte, Geschäftspartner, Freunde.
Für Virginia fühlt es sich an, als wäre sie kein Mensch mehr, sondern eine Ware, ein Besitz. Jeffrey reist viel. Mit seinem Privatjet, der den Namen „Lolita Express“ trägt, fliegt er regelmäßig auf seine Privatinsel. Von oben wirkt die Insel idyllisch: türkisfarbenes Wasser, weiße Sandstrände, dichte Vegetation.
Offiziell ist sie ein Rückzugsort für Meetings und exklusive Treffen. Doch laut Aussagen mehrerer Betroffener ist sie mehr als das: abgeschieden, kaum erreichbar, perfekt kontrollierbar. Epstein lädt dort wohlhabende und prominente Gäste ein. Und zu diesen Treffen lässt er auch minderjährige Mädchen einfliegen, darunter Virginia.
Sie sagt: „Sie schickten mich mit einem Professor auf eine Insel, und ich musste im Grunde genommen das Gleiche für ihn tun wie für Jeffrey. Es ist sehr privat. Es ist die perfekte Welt für einen Milliardär, der mit so etwas davonkommen will. Er konnte dort große Partys feiern.
Und niemand hatte eine Ahnung, was dort vor sich geht, weil es so ruhig und abgeschirmt war. “
Die jungen Mädchen sitzen auf der Insel fest. Sie können nicht einfach abhauen. Es ist ein Zustand völliger Isolation und Abhängigkeit.
Virginia sagt später, wie sich der Kreis der beteiligten Männer immer weiter vergrößert: „Es begann mit einem, dann wurden es zwei, und ehe ich mich versah, wurde ich an Politiker und Akademiker ausgeliehen und an Leute, die zum Adel gehören. So viele Menschen, die das gesehen haben, die das miterlebt haben und die nichts gemacht haben. “
Flugprotokolle belegen, welche Gäste eingeflogen werden: Bill Clinton, Kevin Spacey, Prince Andrew. Nur weil einige mit Epstein gereist sind, bedeutet das nicht, dass sie an den Übergriffen beteiligt waren.
Anders im Fall von Prince Andrew: Hier erhebt Virginia konkrete Vorwürfe. Sie sagt, Epstein habe sie mehrmals zum Sex mit Prince Andrew gezwungen. Sie habe dreimal Sex mit ihm gehabt, darunter einmal in London. Prince Andrew bestreitet später, Virginia überhaupt zu kennen.
Der Widerspruch steht bis heute im Raum. Bei vielen Personen aus Epsteins Umfeld bleibt unklar, ob und wie sehr sie beteiligt waren. Doch eines wird deutlich: Das Netzwerk, das Jeffrey Epstein errichtet hat, hat ihm nicht nur Geld und Kontakte gebracht, es schützt ihn auch. Und genau das trägt zu seinem Gefühl bei, unantastbar zu sein.
Virginia erlebt diese gigantische Macht tagtäglich. Und für sie wird eine Sache klar: Wenn sie spricht, wer wird ihr dann glauben? Ihr Wort gegen das Wort eines einflussreichen Milliardärs. Ihr Wort gegen das von Politikern, von Männern mit Macht.
Das hält sie lange davon ab, Hilfe zu suchen. Virginia ist nicht die einzige, die von Jeffrey weitergegeben wird. Im Laufe der Jahre berichten hunderte Frauen von ähnlichen Erfahrungen. Teilweise soll Epstein täglich mehrere Mädchen empfangen haben.
Und so ändern sie ihre Methode: Jeffrey und Maxwell binden die bereits betroffenen Mädchen gezielt ein. Sie bieten ihnen Geld an, nicht nur für ihre eigene Anwesenheit, sondern dafür, weitere Frauen zu rekrutieren. Eine Bedingung steht im Raum. Je jünger, desto besser.
Einige der Betroffenen berichten später, sie hätten dutzende Mädchen zu Epstein gebracht – aus Angst, aus Abhängigkeit, aus dem Gefühl heraus, keine andere Wahl zu haben. Virginia spricht offen darüber, dass sie neue Mädchen angeworben hat. Eine Tatsache, die sie bis heute schwer belastet. Sie sagt: „Bis heute ist es für mich die größte Schande, die ich mit mir herumtrage und die ich niemals loswerden werde.
Und ich bin wirklich sehr, sehr traurig, dass ich andere Mädchen in meinem Alter und sogar jüngere Mädchen in eine Welt gebracht habe, die sie niemals hätten kennenlernen dürfen. “
Diese Worte zeigen, wie tief die Manipulation ging. Und sie machen eines deutlich: Es ist nicht so einfach, wie viele denken. „Warum sind die nicht einfach gegangen?
Warum haben sie nicht nein gesagt? “ – Jeffrey hat erkannt, was diesen jungen Mädchen fehlt: Geld, Stabilität, Anerkennung, Sicherheit. Er hat leichte Opfer ausgewählt und sie mit Charisma und Macht überschüttet. Die Versprechen, die er gab, waren Werkzeuge der Kontrolle.
Viele waren zu jung, um zu begreifen, dass das, was geschah, nicht normal ist. Andere wussten es vielleicht, aber sie fühlten sich machtlos, eingeschüchtert und abhängig. Und dann, im Jahr 2003, scheint es zum ersten Mal, als könnte Epsteins Fassade Risse bekommen. Die Journalistin Vicky Ward erhält den Auftrag, einen Artikel über Epstein zu schreiben, ein Porträt über seinen Aufstieg und seinen Reichtum.
Doch während der Recherche stößt sie auf etwas Unerwartetes. Eine Quelle vertraut ihr an, dass Epstein zwei Schwestern missbraucht haben soll. Vicky nimmt den Hinweis ernst und nimmt Kontakt zu den beiden Frauen auf: Maria und ihre jüngere Schwester Annie. Die beiden berichten von ihren Erfahrungen mit Jeffrey und Maxwell.
Was die Journalistin zu hören bekommt, ist erschütternd. Maria ist Künstlerin. 1995 kommt sie das erste Mal mit Jeffrey und Maxwell in Kontakt. Das Paar kauft mehrere ihrer Werke bei einer Kunstauktion – allerdings für deutlich weniger Geld, als ein anderer Käufer geboten hatte.
Epstein und Maxwell sichern Maria zu, dass es sich für sie lohnen werde. Unter dem Vorwand, Marias Karriere zu unterstützen und ihrer kleinen Schwester Annie bei ihrem Wunsch zu helfen, auf eine Universität zu gehen, laden sie die beiden Mädchen unabhängig voneinander auf ihre Anwesen ein. Der damals sechzehnjährigen Annie empfiehlt Jeffrey eine Auslandsreise nach Thailand und Vietnam, um ihren Lebenslauf aufzuwerten. Er bietet an, die Reise zu bezahlen.
Annie nimmt dankbar an. Doch bevor die Reise losgeht, soll sie Jeffrey und Maxwell auf ihrer Ranch in Mexiko besuchen. Sie dachte, sie würde dort andere Schüler treffen. Doch auf der Ranch waren nur Jeffrey, Maxwell und sie.
Bei ihrem Aufenthalt wird Annie von dem Paar überredet, eine professionelle Massage zu bekommen. Während der Massage wird sie von Maxwell ausgezogen und an den Brüsten mit Öl eingerieben. Jeffrey beobachtet das. Annie fühlt sich beobachtet, ihr wird klar, dass Grenzen überschritten werden.
Am nächsten Morgen betritt Jeffrey ihr Schlafzimmer, legt sich neben sie, redet davon, dass er kurz mit ihr kuscheln möchte, und beginnt, sie zu berühren. Doch diesmal lässt Annie das nicht zu. Sie springt auf, flüchtet sich ins Badezimmer und schließt die Tür hinter sich zu. Danach tun alle so, als wäre nie etwas passiert.
Annie redet mit niemandem darüber, auch nicht mit ihrer Schwester. Maria erlebt kurze Zeit später Ähnliches. Auch sie wird von Jeffrey eingeladen, unter dem Vorwand, er wolle ihr beruflich weiterhelfen. Was als Unterstützung beginnt, kippt schnell.
Maxwell bittet Maria zunächst, Jeffreys Füße zu massieren. Maria will nicht undankbar wirken, also fängt sie an. Nach einer Weile fordert Jeffrey sie auf, sich neben ihn zu setzen. Dann beginnen beide, Marias Brüste zu berühren.
Maria erstarrt. Die Tränen laufen ihr die Wangen hinunter, doch Maxwell und Jeffrey machen weiter. Maxwell meint nur: „Alles wird gut. “
Maria beschreibt später, wie sie weggerannt ist, zur Tür gerannt ist und sich dahinter verbarrikadiert hat.
Am nächsten Morgen reisen Jeffrey und Maxwell ab. Maria bekommt Panik, dass auch ihrer Schwester so etwas passiert ist. Sie ruft Annie an, und die Vorahnung bestätigt sich. Zurück in New York wendet sich Maria an die Polizei, wird ans FBI verwiesen.
Sie ist fest davon überzeugt, dass ihr jetzt jemand zuhört. Doch das FBI meldet sich nicht. Nichts passiert. Als Maria und Annie Jahre später mit der Journalistin sprechen, ist es das erste Mal, dass sie ihre Geschichte laut aussprechen.
Und ihnen wird geglaubt. Doch die Zeitung veröffentlicht die Geschichte nicht. Stattdessen erscheint ein anderer Artikel mit dem Titel „Der talentierte Jeffrey Epstein“, ein Porträt über seinen Erfolg als Geschäftsmann. Epstein hat alles dafür getan, die Geschichte unter den Teppich zu kehren.
Er behauptet, die beiden Schwestern seien in ihn verliebt gewesen, es sei alles eine Racheaktion, weil er ihre Liebe nicht erwidert habe. Und er droht Vicky Ward: Es würde für sie und ihre Familie unangenehm, wenn der Artikel veröffentlicht würde. Schließlich erhält sie einen Anruf ihres Chefs, der die Geschichte nicht veröffentlicht. Vermutlich wurde er von Epstein bestochen.
Was bleibt, ist eine bittere Erkenntnis: Schon Anfang der 2000er, bevor der Fall öffentlich explodiert, gibt es glaubwürdige Berichte, Aussagen und Warnungen. Doch sie werden ignoriert, unterdrückt. Und so kann das System weiterbestehen. Rückblickend wirkt es fast unvorstellbar.
Über Jahre hinweg gibt es immer wieder Hinweise, die plötzlich verpuffen. Bereits 2003 wenden sich Epsteins Nachbarn besorgt an die Polizei: Auffallend viele junge Mädchen gehen regelmäßig in sein Haus. Doch zwei Jahre zuvor hatte Epstein der Polizei eine großzügige Spende für neue Ausrüstung angeboten. Sein Name ist bekannt, aber nicht als Täter.
Die Polizisten statten ihm einen Besuch ab, finden nichts Auffälliges, die Ermittlungen werden eingestellt. Zwei Jahre später, im März 2005, geht ein alarmierender Anruf bei der Polizeistation in Palm Beach ein. Es sind die Eltern eines vierzehnjährigen Mädchens. Die Stiefmutter berichtet, ihre Stieftochter sei in Epsteins Villa bedrängt worden.
Sie erzählt, das Mädchen sei nach der Schule zu einem Herrn nach Palm Beach gegangen, habe ihm eine Massage gegeben und sei dafür bezahlt worden. „Wenn er sie mochte und hübsch fand, behielt er sie bei sich, um andere Dinge mit ihnen zu tun. “
Der damalige Polizeichef nimmt die Anschuldigungen ernst und beginnt zu ermitteln. Schon nach kurzer Zeit können weitere Opfer ausfindig gemacht werden.
Ein Muster wird erkennbar: Die Mädchen werden von anderen Mädchen zu Epstein gebracht, und diese verweisen auf weitere Mädchen. Die Polizei macht während ihrer Ermittlungen zig Opfer ausfindig, doch ein Großteil ist nicht bereit, gegen Jeffrey auszusagen. Zu groß ist die Angst. Schließlich gelingt es, eine Handvoll Betroffener zu finden, die reden wollen.
Parallel observieren die Ermittler Epstein. Sie überwachen den Flughafen, sein Haus, seine Bewegungen. Sie durchsuchen sogar den Müll vor seinem Anwesen. Einmal finden sie ein Schulzeugnis von einem der Opfer.
Ein anderes Mal finden sie eine Notiz, aus der sich schließen lässt, dass Epstein einen Boten in die Schule geschickt hat, um einem Opfer bei einem Auftritt Blumen zu übergeben. Nach sieben Monaten erhalten die Ermittler endlich einen Durchsuchungsbefehl für das Anwesen in Palm Beach. Im Oktober 2005 betreten sie Epsteins Anwesen. Sie finden Bilder von halbnackten Kindern, eine Dampfsauna, einen Massageraum, Computer und andere Geräte.
Doch die Polizei vermutet, dass vieles fehlt: Computer sind verschwunden, Geräte abgebaut, Kabel hängen lose an Tischen ohne angeschlossene Technik. Epstein wusste, dass er beobachtet wird. Trotzdem finden sie Beweise und können die detaillierten Beschreibungen der Opfer bestätigen. Mit der Zeit schaffen es die Beamten, vier oder fünf Opfer zu finden, die vor Gericht gegen Epstein aussagen.
Sie legen die Anträge für Haftbefehle im Büro des Staatsanwalts vor. Der Staatsanwalt, der noch nie von Jeffrey Epstein gehört hat, ist von dessen Schuld überzeugt. Die Beweislage ist stark, die Aussagen sind konsistent. Doch als sich abzeichnet, dass es zu einem Verfahren kommen könnte, reagiert Epstein sofort.
Er stellt ein Verteidigerteam zusammen, das zu den besten und teuersten der USA zählt. Zusätzlich engagiert er Privatermittler. Ihre Aufgabe: belastende Informationen über die ermittelnden Beamten zu sammeln, um Druck auszuüben und den Spieß umzudrehen. Und mit der Zeit lässt der Staatsanwalt in seinen Bemühungen nach.
Die Mädchen, die zunächst bereit waren auszusagen, gelten plötzlich als nicht mehr geeignete Zeuginnen. Ihre Aussagen werden in Frage gestellt, ihre Glaubwürdigkeit wird angegriffen. Die Verteidigung zeichnet ein klares Bild: Die Mädchen seien keine Opfer, sie seien nicht gezwungen worden, und sie seien schließlich für ihre Leistungen bezahlt worden. Ein Narrativ mit verheerenden Folgen.
Aus Ausbeutung wird plötzlich eine Art Freiwilligkeit. Schließlich wird Epstein im Juli 2006 nur noch in einem einzigen Fall wegen Anstiftung zur Prostitution Minderjähriger angeklagt. Ein Bruchteil von dem, was eigentlich im Raum stand. Und auch hier kommt es nicht zu einem regulären Prozess.
2008 wird Epstein ein Deal vorgeschlagen. Er bekennt sich in dem ausstehenden Fall schuldig, eine Minderjährige zur Prostitution veranlasst zu haben. Darüber hinaus muss er mehreren Frauen eine Abfindung zahlen und sich als Sexualstraftäter registrieren lassen. Unter diesen Bedingungen kommt er mit einer milden Strafe davon: achtzehn Monate Haft.
Doch eine wirkliche Haftstrafe ist es nicht. Den Großteil verbüßt er als Freigänger. Epstein erhält eine Arbeitsfreigabe und kann das Gefängnis sechsmal die Woche verlassen, um in seinem Büro zu arbeiten. Ein vermeintliches Opfer sagt später: „Er hat mein Leben und das Leben vieler Mädchen ruiniert.
Die Leute müssen wissen, was er getan hat und warum er nicht angeklagt wurde, damit so etwas nie wieder passiert. “ Eine andere junge Frau ergänzt: „Sobald dieser Deal unterzeichnet war, haben sie meine Stimme und die Stimme aller anderen Opfer von Jeffrey Epstein zum Schweigen gebracht. “
Im Juli 2009 wird Epstein wegen angeblicher guter Führung bereits nach dreizehn Monaten entlassen. Doch noch bevor er das Gefängnis verlässt, geschieht etwas Entscheidendes.
Nur zwei Monate vor seiner Entlassung reicht Virginia eine Klage gegen ihn ein. Darin behauptet sie, dass Jeffrey und Maxwell Begegnungen mit Royals, Politikern, Akademikern und Geschäftsleuten mit ihr arrangiert hätten. Um zu verstehen, warum Virginia sich jetzt traut zu sprechen, müssen wir zurück ins Jahr 2002 springen. Virginia ist zu diesem Zeitpunkt neunzehn Jahre alt.
Sie wird von Epstein und Maxwell nach Thailand geschickt, um an einem Massagekurs teilzunehmen und weitere Mädchen für Epstein zu rekrutieren. Doch es kommt alles anders. Virginia verliebt sich – und sie flieht. Sie beschließt, mit diesem Mann nach Australien zu gehen.
Weg von Epstein, weg von Maxwell, weg von dem System, das sie jahrelang festgehalten hat. Rückblickend sagt sie: „Ich bin geflohen. Ich habe Jeffrey angerufen, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht zurückkomme und das kleine thailändische Mädchen nicht mitbringen werde. Und er sagte: ‚Weißt du was?
Ich wünsche dir ein schönes Leben. ‘ Und legte auf. Das war’s. Ich dachte, ich bin aus dem Schneider.
Ich bin frei. “
Und tatsächlich lebt Virginia die nächsten Jahre ruhig in Australien. Sie wird Mutter und baut sich ein neues Leben auf. Ein Leben, das nichts mehr mit ihrer Vergangenheit zu tun haben soll – bis sie im Jahr 2007 einen Anruf erhält.
Virginia ist mit ihrem mittleren Sohn schwanger, als Maxwell sie in Australien anruft: „Was ist los? Hast du mit jemandem gesprochen? Hast du jemandem erzählt, was passiert ist? “ Virginia sagt nein.
Doch noch am selben Tag wird sie erneut angerufen, diesmal von Jeffrey selbst, zusammen mit seinem Anwalt. Er stellt dieselben Fragen. Einen Tag darauf ruft ein angeblicher FBI-Agent an und fragt, ob sie Jeffrey Epstein je einen Blowjob gegeben habe. Virginia vertraut ihm nicht.
Dann ist Funkstille. Wochen, Monate vergehen. Erst ein halbes Jahr später steht die Polizei vor ihrer Tür. Man legt ihr ein zwölfseitiges Dokument über Jeffrey Epstein vor, das beschreibt, was er getan hat, dass sie eines seiner Opfer war.
So lange hat Virginia geschwiegen, weil sie das alles selbst verarbeiten musste. Sie erzählt: „Ich werde nie ganz geheilt sein. Es gibt Teile von mir, die nie wieder zusammengefügt werden können. Ich musste erst eine Tochter bekommen und dieses wunderschöne, unschuldige Baby ansehen, um zu sagen: Ich möchte jetzt darüber sprechen.
Es gibt Mädchen da draußen, die sich zu Wort melden werden, und es ist mir egal, ob das in zehn oder fünfzehn Jahren ist. Wenn du bereit bist, tu es einfach. Schütze diejenigen, die jünger sind als wir. Schütze diejenigen, die wir zuvor nicht geschützt haben.
“
Nachdem sie im Mai 2009 eine Klage gegen das Paar einreicht, folgt im Frühjahr 2011 ein Interview mit der Daily Mail. Darin berichtet sie, mit siebzehn mit Epstein nach London gereist zu sein und dort Zeit mit Prince Andrew verbracht zu haben. Es gibt ein Foto, das die beiden zeigt: Prince Andrew hat seine linke Hand um die Hüfte einer jungen blonden Frau gelegt, rechts im Hintergrund steht Ghislaine Maxwell. Das löst im Königshaus eine Krise aus.
Im Dezember 2016 kommt der nächste bekannte Name ins Spiel: Donald Trump. Er wird von einer Frau angeschuldigt, sie als Dreizehnjährige in Epsteins Villa in New York vergewaltigt zu haben. Trump bestreitet die Vorwürfe, und nur kurze Zeit später zieht die Frau die Anklage zurück. Nach Angaben ihrer Anwältin habe sie anonyme Morddrohungen bekommen.
Ein bekanntes Muster. Und während all dieser Jahre, während es hier und da Geräusche gibt, kleines Gemurmel und erste Schlagzeilen, lebt Jeffrey Epstein sein Leben weiter. Er reist, knüpft Kontakte, veranstaltet Partys. Und niemand stoppt ihn.
Es dauert Jahrzehnte. Doch im November 2018 passiert endlich etwas, das den Fall aus der Versenkung holt. Die Zeitung Miami Herald veröffentlicht einen Artikel und rollt alles neu auf. Eine Reporterin veröffentlicht eine aufwendige Recherche zu den Vorwürfen gegen Epstein und seine Vertrauten.
Akribisch, detailliert, kompromisslos. Plötzlich ist der Name Jeffrey Epstein zurück im Mittelpunkt der Medien. Der Fall rückt ins öffentliche Bewusstsein – nicht als Gerücht, sondern als das, was er ist: massives Justizversagen. Für viele Betroffene ist das der Moment, in dem wieder Hoffnung aufkommt.
Im Dezember 2018 soll ein neues Zivilverfahren in Palm Beach starten, bei dem mutmaßliche Opfer endlich aussagen dürfen. Ein kleiner, gar nicht so lustiger Fakt am Rande: Der Staatsanwalt, der Epstein einst verschont hat, ist inzwischen Arbeitsminister unter Präsident Donald Trump. Am 6. Juli 2019 wird Jeffrey Epstein am Flughafen in New Jersey festgenommen.
Er ist sechsundsechzig Jahre alt. Die Verhaftung geht auf Anschuldigungen von Frauen zurück, die Epstein als Minderjährige im Zeitraum von 2002 bis 2005 sexuell belästigt haben soll. Opfer, die inzwischen fast vergessen worden sind, Frauen, die damals Kinder waren und immer noch für Gerechtigkeit kämpfen. Am Wochenende der Verhaftung durchsuchen die Ermittler sein Anwesen in Manhattan.
Dabei finden sie unter anderem Nacktfotos, die aussehen, als zeigten sie minderjährige Mädchen. Es ist von mindestens hunderten, wenn nicht tausenden Fotos die Rede, viele davon in einem Safe oder auf CDs. Und dann passiert etwas Interessantes: Auf einmal will keiner mehr etwas mit Jeffrey Epstein zu tun haben. Viele seiner alten Bekannten kehren ihm den Rücken.
Jeder bestreitet eine Beteiligung an seinen Straftaten. Trump, der Epstein früher einen „fantastischen Typen“ genannt hat, sagt nun, er sei kein Fan gewesen. Fast zeitgleich tritt Trumps Arbeitsminister zurück – jener Mann, der damals Staatsanwalt war und den Deal mit Epstein ausgehandelt hat. Der Zeitpunkt wirft Fragen auf.
Doch zum ersten Mal seit Jahrzehnten scheint es, als könne sich Epstein nicht mehr freikaufen, nicht mehr verstecken, nicht mehr verschwinden. Doch es kommt anders. Am 10. August 2019 stirbt Epstein in seiner Gefängniszelle in New York.
Die Obduktion geht von Suizid aus. Bis heute wird das in Frage gestellt. Epstein war ein Hochrisikohäftling: prominent, vermögend, angeklagt wegen schwerster Verbrechen. In der Nacht seines Todes hätte seine Zelle eigentlich alle dreißig Minuten kontrolliert werden müssen.
Doch das ist nicht passiert. Die beiden zuständigen Werter schliefen ein und fälschten später ihre Dienstprotokolle. Über einen Zeitraum von rund drei Stunden wurde Epstein nicht kontrolliert. Die offizielle Erklärung: Personalmangel, Überlastung, fehlende Ressourcen.
In der Nacht waren laut offiziellen Angaben nur achtzehn Gefängnismitarbeiter im Dienst für die Bewachung von 750 Häftlingen. Außerdem ist in vielen Berichten von gelöschtem, fehlerhaftem oder manipuliertem Videomaterial der Überwachungskameras die Rede. Es heißt, es würde eine Minute fehlen. Ob an diesen Vermutungen etwas dran ist, werden wir vermutlich nie erfahren.
Fakt ist: Mit seinem Tod wird auch das Strafverfahren gegen Epstein eingestellt. Keine Verurteilung, kein Urteil, keine rechtliche Aufarbeitung seiner Schuld. Für viele Betroffene ist das der nächste Schlag. Doch die Opfer erhalten die Gelegenheit, endlich zu Wort zu kommen.
Bei einer Anhörung in New York werden mutmaßliche Opfer eingeladen, ihre Geschichten zu teilen. Eine Frau sagt, Epstein habe ihr die Chance geraubt, ihn von Angesicht zu Angesicht im Gerichtssaal zu stellen. Dass er sich das Leben genommen habe, mache ihn zu einem Feigling. Eine andere sagt: „Er konnte nicht verstehen, was er uns genommen hat.
So wie ich jedes Mädchen bin, dem er das angetan hat, sind diese ich. Heute stehen wir hier zusammen. “
Und so bleiben nicht nur eine bedrückte Stimmung, sondern auch viele Fragen: War es wirklich Suizid? Wurde er zum Schweigen gebracht?
Hätte jemand ein Interesse daran gehabt, dass er nie vor Gericht aussagt? Wieder andere behaupten, Jeffrey Epstein würde noch leben. Was davon stimmt, lässt sich nicht belegen. Komisch ist nur, dass er zwei Tage vor seinem Tod ein Testament aufgesetzt haben soll, in dem er sein Vermögen von rund 580 Millionen Dollar an einen Treuhandfonds überträgt.
Ein Schritt, der es seinen Opfern erschweren könnte, Schadensersatz einzuklagen. Und am letzten Tag vor seinem Tod soll er bis in den Nachmittag hinein mit seinen Anwälten gesprochen haben. All das erweckt den Eindruck, dass es einen Plan gegeben hat. Sein Tod hat die Aufklärung nicht beendet, sondern komplizierter gemacht.
Im November 2021 beginnt der Prozess gegen Ghislaine Maxwell. Die Staatsanwältin bezeichnet sie als die rechte Hand von Epstein: „Sie wusste genau, was passieren würde. “ Maxwells Verteidigung sagt, Maxwell sei anders als Epstein, der narzisstisch gewesen sei und die Welt um sich herum manipuliert habe, inklusive Maxwell. Außerdem greifen sie die Glaubwürdigkeit der vier Hauptzeuginnen an: „Wie wir alle wissen, verblassen Erinnerungen mit der Zeit.
“
Die Staatsanwältin kontert: „Wenn dieser Mann von einer schicken, lächelnden, respektablen Frau mittleren Alters begleitet wird, beginnt alles legitim zu wirken. Und wenn diese Frau sich so verhält, als wäre es total normal, dass dieser Mann die Mädchen anfasst, dann gehen sie in die Falle. “ Maxwell sieht aus wie eine Frau, der man vertrauen würde – genau das machte sie so gefährlich. Im Dezember 2021 wird Maxwell wegen Menschenhandels und anderer Straftaten verurteilt.
Am 28. Juni 2022 wird ihre Strafe auf zwanzig Jahre Haft festgelegt. Vor Gericht sagt Maxwell, dass ihr das Leid der Opfer leidtue und sie mehr als alles andere bereue, Jeffrey getroffen zu haben. Im Dezember 2023 ordnet eine New Yorker Richterin die Offenlegung der Namen von zahlreichen Personen an, die mit Epstein in Verbindung standen.
Es ist von 150, 170 oder 180 Namen die Rede: Mitarbeiter, Geschäftspartner, Zeugen, mutmaßliche Komplizen und Opfer. Im Januar 2024 werden weitere Akten freigegeben. Im Februar 2024 reichen zwölf mutmaßliche Opfer eine gemeinsame Klage gegen das FBI ein. Sie werfen der Bundespolizei vor, nicht angemessen ermittelt zu haben.
In der Klageschrift heißt es: Mehr als zwei Jahrzehnte lang habe das FBI Epsteins Handel und Missbrauch von zahlreichen Kindern und jungen Frauen ermöglicht. Im April 2025 kommt eine traurige Meldung. Virginias Familie teilt mit: „Mit völlig gebrochenem Herzen teilen wir mit, dass Virginia letzte Nacht auf ihrer Farm in Western Australia gestorben ist. Sie hat ihr Leben durch Suizid verloren, nachdem sie lebenslang ein Opfer von sexuellem Missbrauch und Handel war.
Am Ende wurde das Tribut so hoch, dass es für Virginia unerträglich wurde. “ Sie wurde nur 41 Jahre alt und hinterlässt drei Kinder. Nach ihrem Tod erscheinen ihre Memoiren, in denen sie bekräftigt, jungen Männern wie Prince Andrew zugeführt worden zu sein. Daraufhin entzieht König Charles III.
ihm seinen Titel und die Residence. Im November 2025 werden zahlreiche E-Mails veröffentlicht. Auch hier tauchen bekannte Namen auf. Die Mails sind kryptisch.
In einer Mail vom 16. Juli 2009 schreibt Epstein: „Es gibt Millionen von Babys, aber nur sehr wenig guten vegetarischen Frischkäse. “ Eine geschwärzte Person antwortet: „Lol, ich weiß nicht, ob Frischkäse und Babys auf demselben Level sind. “ Auch Trump kommt in den Mails vor.
So schreibt Epstein am 2. April 2011 an Maxwell: „Ich möchte, dass dir klar wird, dass der Hund, der noch nicht gebellt hat, Trump ist. “ In einer zweiten Mail schreibt er: „Natürlich wusste Trump über die Mädchen Bescheid, da er Ghislaine gebeten hat, aufzuhören. “
Der Kongress verabschiedet am 18.
November 2025 den Epstein Files Transparency Act. Die Unterlagen werden veröffentlicht, allerdings großflächig geschwärzt. Erst vor kurzem hat das Justizministerium in Washington mehr als drei Millionen weitere Dokumente veröffentlicht: E-Mails, Fotos und sogar Videoaufnahmen. Bilder von Epstein, umgeben von jungen Frauen.
Ein Foto zeigt ihn telefonierend mit einem Kuchen in der Form von weiblichen Brüsten in der Hand. Etliche Porträtfotos von jungen Mädchen, die wie Setkarten bei einem Casting aussehen. Ein Beleg zeigt, dass Maxwell Bücher über SM und erotische Sklaverei bestellt hat, Titel wie „Slavecraft“ oder „A Workbook for Erotic Slaves and their Honors“. Außerdem gibt es Anspielungen auf das Buch „Lolita“.
Dann sind da Fotos von Bill Clinton, Prince Andrew, Fotos von Michael Jackson, Mick Jagger. Außerdem wird ein WhatsApp-Chatverlauf veröffentlicht, aus dem folgende Nachrichten hervorgehen: „Ich weiß nicht, versuch mir jemand anderen zu schicken. Ich habe eine Person, die mir heute einige Mädchen geschickt hat, aber sie verlangt 1000 Dollar pro Mädchen. Ich werde dir jetzt Mädchen schicken.
“
Und das ist nur ein Bruchteil der Erkenntnisse der letzten Wochen. Wie viel noch ans Licht kommt, wissen wir nicht. Im Internet kursieren schon tausende Gerüchte, Theorien und KI-generierte Bilder. Es ist schwer herauszufinden, was echt ist und was nicht.
Doch was wir wissen, ist, wie gefährlich Macht und Geld sein können, besonders wenn sie in die falschen Hände geraten. Über Jahrzehnte hinweg wurde ein System geschützt, das perfider und grausamer kaum sein konnte. Institutionen haben versagt. Opfern wurde nicht zugehört – obwohl es ohnehin so schwer ist zu sprechen.
Die Namen kommen nach und nach ans Licht. Die Frage, ob es am Ende Gerechtigkeit geben wird, bleibt offen. Aber eines ist klar: Die Geschichten dieser Mädchen und Frauen dürfen nicht vergessen werden.

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