Ermittler heben Leichen von Ehepaar im eigenen Garten aus – Tochter und Schwiegersohn unter dringendem Tatverdacht

Mansfield, England – Ein unscheinbarer Briefwechsel mit einer Behörde hat einen der bizarrsten Kriminalfälle der britischen Kriminalgeschichte ins Rollen gebracht. Im Frühjahr 2013, genau 15 Jahre nachdem sich die Spur des Ehepaares William und Patricia Witcherley verloren hatte, entdeckten Forensiker in einem Reihenhausgarten in der Blenheim Close die sterblichen Überreste der beiden Senioren. Die Leichen lagen übereinander gestapelt in Fötusposition, eingewickelt in Bettlaken und bedeckt mit einer dünnen Erdschicht.
Die Ermittler stehen vor einem Rätsel, das weit über einen einfachen Mordfall hinausgeht.
Die Geschichte beginnt im Mai 1998, als bei einer englischen Behörde ein Brief eingeht. Der Absender gibt sich als William Witcherley aus, ein 85-jähriger Mann aus Mansfield. In dem Schreiben bittet er darum, seine wöchentliche Pension nicht mehr per Scheck, sondern direkt auf ein Bankkonto überweisen zu lassen.
Der Ton des Briefes ist höflich, fast unterwürfig. „Es ist mir beschwerlich geworden, zur Post zu gehen“, heißt es darin. Die Behörden kommen der Bitte nach, ohne Verdacht zu schöpfen.
Niemand ahnt, dass dieser Brief eine Fälschung ist – verfasst von der eigenen Tochter Susan und deren Ehemann Christopher Edwards.
Jahrelang fließen die Pensionszahlungen für die Witcherleys auf ein Konto, das Susan Edwards eröffnet hat. Die Eltern selbst sind zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Die Edwards haben die Leichen im Garten des Hauses vergraben, in dem die Witcherleys einst lebten.
Die Nachbarn bemerken das Verschwinden des Paares nicht. Die Witcherleys galten als extrem zurückgezogen. Sie verließen ihr Haus selten, pflegten keine Freundschaften und blockten jeden Kontakt ab.
Als sie plötzlich nicht mehr zu sehen waren, dachten die Anwohner, sie seien verreist oder in ein Pflegeheim gezogen.
Die Tarnung hält 15 Jahre lang. Die Edwards fälschen nicht nur Briefe, sondern auch Postkarten und offizielle Schreiben. Sie sagen Arzttermine ab, lehnen Impfungen ab und täuschen sogar die Behörden, die sich nach dem Wohlbefinden des Paares erkundigen.
Als William Witcherley 2013 seinen 100. Geburtstag feiern soll, wird die Polizei misstrauisch. Ein persönliches Telegramm der Queen bleibt unbeantwortet.
Die Behörden bestehen auf einem persönlichen Treffen. Daraufhin fliehen die Edwards nach Frankreich, nach Lille.
Dort geraten sie in finanzielle Schwierigkeiten. Christopher Edwards, ein ehemaliger Angestellter einer Copywriting-Agentur, ruft seine Stiefmutter in England an und bittet um Geld. Dabei gesteht er beiläufig, dass er und seine Frau Susan die Leichen von Susans Eltern im Garten ihres Hauses verschwinden ließen.
Die Stiefmutter informiert die Polizei. Im Oktober 2013 rückt eine Spezialeinheit in Mansfield an. Mit Bodenradar, Spürhunden und einem Team aus Forensikern, Archäologen und Pathologen wird der Garten durchkämmt.
Die Spürhunde schlagen an genau der Stelle an, an der die Mieterin des Hauses, Su Bramley, seit Jahren vergeblich Blumen pflanzt. Dort wächst nichts. Der Boden ist tot.
Die Ermittler graben mehr als einen Meter tief. Sie finden Kugeln einer Schusswaffe und schließlich die Skelette von William und Patricia Witcherley. Die Obduktion ergibt, dass beide Opfer mit zwei präzisen Schüssen in die Körpermitte getötet wurden.
Die Schüsse stammen von einer Waffe, die mit großer Sachkenntnis abgefeuert wurde.
Die Edwards werden am 30. Oktober 2013 im Eurostar von Lille nach London verhaftet. Sie haben nur einen Euro Bargeld und einen Koffer mit Fanartikeln alter Hollywood-Stars dabei.
Ihre Sammlung, die sie mit dem gestohlenen Geld finanzierten, ist ihr Ein und Alles. Susan Edwards, eine ehemalige Bibliothekarin, hat jahrelang Briefe gefälscht, die angeblich von Schauspieler Gérard Depardieu stammen. Sie hat sogar eine Stempelmaschine gekauft, um französische Briefstempel zu fälschen.
Ihr Mann Christopher, ein Waffenliebhaber, war Mitglied in einem Schusswaffenclub.
Vor Gericht behaupten die Edwards, Susan habe ihren Vater William aus Notwehr erschossen, nachdem dieser sie als Kind sexuell missbraucht habe. Ihre Mutter Patricia sei im anschließenden Streit getötet worden. Die Richterin glaubt an den Missbrauch, nicht aber an die Notwehr.
Sie verurteilt beide wegen Mordes aus Habgier zu lebenslanger Haft mit einer Mindeststrafe von 25 Jahren. Die Edwards haben insgesamt rund 286. 000 Pfund ergaunert – durch Pensionszahlungen, Ersparnisse und Kredite, die sie im Namen der Toten aufnahmen.
Der Fall wirft ein grelles Licht auf die Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Witcherleys. Sie lebten in einer Welt, in der niemand ihr Fehlen bemerkte. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn nutzten diese Leerstelle skrupellos aus.
Die Edwards sitzen heute getrennt voneinander im Gefängnis. Sie dürfen sich nur zu bestimmten Terminen unter Aufsicht sehen. Ihre Version der Ereignisse halten sie bis heute aufrecht.
Die Ermittler sind überzeugt, dass hier ein kaltblütiger Doppelmord aus Geldgier vorliegt, verübt von einem Paar, das in seiner eigenen Fantasiewelt lebte und dafür über Leichen ging.


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