Als meine Schwester Brigitta an einem warmen Sommerabend 1995 nach der Spätschicht zur S-Bahn lief, dachte sie, sie hätte nur einen normalen Heimweg vor sich. Sie hatte das Pech, diesem Mann…

Als meine Schwester Brigitta an einem warmen Sommerabend 1995 nach der Spätschicht zur S-Bahn lief, dachte sie, sie hätte nur einen normalen Heimweg vor sich. Sie hatte das Pech, diesem Mann...

Am 28. September 2001 wurde Magdalene Heinrich an der ungarischen Grenze die Einreise verweigert. Ihr Pass war abgelaufen, und keine Bitte half. Die 51-Jährige, die mit ihrem Landfrauenverein auf dem Weg zum Plattensee war, blieb zurück.

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Sie beruhigte ihre Kolleginnen, sagte, sie werde sich schon irgendwie ein Taxi oder einen Bus nach Hause nehmen. Acht Tage später fand ein Landwirt bei Turnau in Oberfranken ihre Leiche. Sie lag im Gestrüpp, notdürftig mit einem Müllsack bedeckt. Ihr war die Kehle durchgeschnitten worden.

Ernst Pitrof, damals Leiter der Mordkommission, wurde noch am Abend des Fundes alarmiert: „Wir sind sofort rausgefahren, aber es war schon finster. Die Spurenlage war katastrophal, es hatte eine Woche lang geregnet. “

Die Ermittler identifizierten die Tote schnell. In ihrer Handtasche fand sich der Zurückweisungsbeschluss der ungarischen Behörden.

Die Angehörigen hatten sie bereits als vermisst gemeldet. Die Rechtsmedizin stellte fest: Sie war in der Nacht vom 28. auf den 29. September getötet worden, nur wenige Stunden nach ihrer Abweisung an der Grenze.

Der Fundort war offenbar auch der Tatort. Die ungarischen Grenzbeamten behaupteten zunächst, sie hätten die Frau in einen Reisebus zurück nach Deutschland gesetzt. Doch die Ermittlungen ergaben: Das stimmte nicht. Frau Heinrich hatte nie einen Bus bestiegen.

Sie war einfach stehen gelassen worden. Die Ermittler standen vor einem Rätsel. Doch dann meldete sich ein Mann von selbst: Norbert Meer, 50 Jahre alt, erfolgreicher Geschäftsmann, der regelmäßig beruflich nach Ungarn fuhr. Er gab zu, Magdalene Heinrich am Grenzübergang mitgenommen zu haben.

Er sagte, er habe sie in der Nähe von Regensburg an einer Raststätte abgesetzt, gegen 22 Uhr. Er wirkte selbstsicher, kooperativ, lieferte konkrete Angaben, stellte sein Notizbuch zur Verfügung und war sogar mit einer Speichelprobe einverstanden. Doch die Ermittler blieben skeptisch. Meer behauptete, noch vor Mitternacht zu Hause gewesen zu sein und von dort mit seiner Frau telefoniert zu haben, die bei ihren Eltern in München weilte.

Die Netzbetreiber hatten keine Daten mehr. Die Ehefrau verweigerte die Aussage, nur ihre Mutter bestätigte vage, von einem Anruf gehört zu haben. Rechnungen, die später auftauchten, zeigten zwar zwei Anrufe, aber mit so kurzer Verbindungsdauer, dass auch ein Anrufbeantworter hätte rangegangen sein können. Bei der Untersuchung von Meers Fahrzeug fanden die Rechtsmediziner Blutspuren an der inneren Fahrertür, am Verriegelungsknopf.

Eine Stelle, an die das Opfer niemals gekommen wäre. Die DNA-Analyse war damals noch nicht so weit, um die Spuren eindeutig zuzuordnen. Die Ermittler überprüften Meers Angaben minutiös. Sie fuhren die Strecken ab, schnell und langsam.

Er hätte niemals rechtzeitig zu Hause sein können. In Regensburg wurden alle 140 Taxifahrer befragt, alle Hotels abgeklappert, Haus-zu-Haus-Aktionen durchgeführt. Niemand hatte die Frau gesehen. Ein Mann aus Berlin meldete sich zwar und behauptete, sie in einem Hotel gesehen zu haben, doch die Überprüfung ergab: Das war unmöglich.

Dann der entscheidende Fund. Der Tankstellenbetreiber in Suben, Österreich, war kooperativ. Die Ermittler sahen das Kassenjournal durch. Neben Getränken hatte Norbert Meer dort etwas gekauft, das er nie erwähnt hatte: drei Rollen Isolierband – rot, grün, gelb.

Die Rechtsmediziner erinnerten sich an einen Befund: feine Schnitte am Handgelenk des Opfers, zunächst für Abwehrverletzungen gehalten. Doch nun lag ein anderer Schluss nahe: Hatte der Täter die Frau gefesselt und die Fesseln nach der Tat mit einem Messer abgeschnitten? Auf den Fotos vom Tatort entdeckten die Ermittler tatsächlich einen langen grünen Schatten am Handgelenk der Toten. Die Untersuchung bestätigte: Es handelte sich um Reste eines Klebebands, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von genau jenem grünen Isolierband, das Meer gekauft hatte.

Norbert Meer, so zeigte sich nun, war ein Blender. Er hatte sich in einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet, war ein Topmanager gewesen, der viel Geld verdient hatte, aber immer wieder gescheitert war. Zuletzt hatte er mit seinem Schwiegervater ein Callcenter-Unternehmen in Ungarn gegründet, das in den Sand lief. Seine zweite Frau hatte er 1998 geheiratet, kurz nach der Scheidung von seiner ersten Frau.

Trotz der Isolierband-Spuren wurde der Haftbefehl gegen Meer nach seiner ersten Festnahme wieder außer Vollzug gesetzt. Erst nach einer Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde er erneut inhaftiert. Bei einer späteren Untersuchung des Fahrzeugs konnte das Blut eindeutig Magdalene Heinrich zugeordnet werden. Meer erklärte das mit Nasenbluten der Frau – eine Geschichte, die niemand glaubte.

Den Kauf des Klebebands erklärte er mit dem Verschließen von Kartons für seine Firma. Dafür waren die Bänder aber völlig ungeeignet, viel zu schmal. 2004 wurde Norbert Meer wegen Mordes aus Habgier in Tateinheit mit schwerem Raub angeklagt. Der Prozess dauerte 13 Verhandlungstage.

Meer bestritt alles und beharrte auf seinem Alibi. Seine Frau und seine Schwiegermutter bestätigten es vor Gericht. Die Ermittler waren sicher, dass es zur Verurteilung kommen würde. Doch am 21.

Juni 2004 verkündete das Gericht: Freispruch. Für Ernst Pitrof war das ein Schlag ins Gesicht: „Wir waren völlig fassungslos. Das Gericht hat das Alibi der Ehefrau höher gewertet als unsere Sachbeweise. “ Die Staatsanwaltschaft ging in Revision, der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf.

Zur erneuten Verhandlung wurde das Landgericht Würzburg angewiesen. Doch Norbert Meer war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in Haft. Nur vier Monate nach seinem Freispruch hatte er versucht, einen Ölkonzern zu erpressen. Er drohte mit Brandanschlägen auf Tankstellen und forderte vier Millionen Euro.

Bei einer Geldübergabe in Lüneburg wurde er verhaftet und zu vier Jahren Haft verurteilt. Im zweiten Prozess gegen ihn kam ein entscheidendes Detail ans Licht: Meers Ehefrau hatte sich inzwischen von ihm getrennt und ihre Mutter dazu gedrängt, falsch auszusagen. Die Mutter widerrief ihre Aussage und erklärte, ihre Tochter habe sie dazu aufgefordert. Das Alibi war hinfällig.

Die Aussagen der Frau und anderer Zeugen offenbarten Meers Persönlichkeitsstruktur. Er dominierte seine Frau sexuell, schnitt sie finanziell ab und bot ihr Geld für Geschlechtsverkehr. Bei der Hausdurchsuchung wurden gewaltverherrlichende Pornos gefunden. Auch bei der Tötung von Magdalene Heinrich könnte eine sexuelle Komponente eine Rolle gespielt haben.

Das Opfer trug bei der Auffindung andere Kleidung als bei ihrem Verschwinden, was darauf hindeutete, dass er sie möglicherweise sexuell missbraucht und ihre Kleidung entsorgt hatte. Beweisen ließ sich das nicht. Am 11. Mai 2007 wurde Norbert Meer wegen Totschlags an Magdalene Heinrich zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Die Mordmerkmale ließen sich aus Sicht des Gerichts nicht zweifelsfrei nachweisen. Für Ernst Pitrof war das ein schwerer Schlag. „Für uns war klar: Das war ein Mord. Und wir wussten, er kommt irgendwann wieder raus.

“ Er hatte schon damals den Verdacht, dass Meer noch andere Morde begangen haben könnte. Jahre später sollte sich dieser Verdacht bestätigen. Es war Freitag, der 14. Juli 1995, eine warme Sommernacht in Sindelfingen.

Die 35-jährige Brigitta Jakobi, eine freischaffende Künstlerin, arbeitete abends bei einer Modefirma im Industriegebiet. An diesem Tag war ihr Fahrrad kaputt, also lief sie zu Fuß zur S-Bahn. Um 23:28 Uhr stempelte sie aus. Die letzte S-Bahn fuhr um 23:57 Uhr.

Zwei US-Soldaten, die zufällig vorbeifuhren, beobachteten eine merkwürdige Szene: Eine Frau und ein Mann rangen am Straßenrand. Sie hörten die Frau schreien. Zuerst dachten sie an ein streitendes Pärchen. Doch dann sahen sie, wie der Mann auf die am Boden liegende Frau einschlug.

Sie wendeten das Auto und fuhren auf das Paar zu. Der Mann kam zur Fahrertür, sprach auf Deutsch auf sie ein. In seiner Hand hielten sie ein Messer und ein Werkzeug, das wie ein Schraubenschlüssel aussah. Ein weiterer Wagen mit vier jungen Leuten hielt an.

Der Angreifer sprang in sein Fahrzeug und flüchtete. Als der Luftwaffenoffizier zu der Frau eilte, war es zu spät. Brigitta Jakobi starb in seinen Armen. Sie hatte 22 Stichverletzungen im Oberkörper, sie war verblutet.

Brigitta war ein Zufallsopfer. Sie kannte den Mann nicht. Ihre Familie kämpfte jahrelang mit der Frage, wer dieser Fremde war. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen beigen Lieferwagen, den die US-Soldaten beschrieben hatten.

Doch der wurde nie gefunden. Ein schwarzer Sportwagen, den andere Zeugen gesehen hatten, führte zu einer Handvoll Fahrzeugen, die überprüft wurden. Unter ihnen auch ein gewisser Norbert Meer. Er gab an, zur Tatzeit mit einem Bekannten in einem Restaurant gewesen zu sein.

Die Polizei überprüfte das Alibi telefonisch – der Bekannte bestätigte den gemeinsamen Restaurantbesuch. Norbert Meer verschwand von der Bildfläche der Ermittlungen. Der Fall Brigitta Jakobi wurde zum Cold Case. Die Familie rief immer wieder bei der Polizei an, bekam aber immer dieselbe Antwort: nichts Neues.

Irgendwann war es Brigittas Nichte, die ihre Großmutter, also Brigittas Schwester, zum Handeln antrieb. Sie recherchierte den Kontakt zum Berliner Rechtsanwalt Mario Seidel, der gemeinsam mit einem Privatermittler bereits andere Cold Cases bearbeitet hatte. Mario Seidel beantragte Akteneinsicht. Das gestaltete sich schwierig.

Er erhielt zunächst nur wenige Blätter aus dem Staatsarchiv – obwohl das Verfahren nie beendet worden war. Erst auf sein Insistieren hin wurde die Akte zusammengesucht. Sie war bei verschiedenen Dienststellen verteilt worden, weil niemand wusste, wohin sie gehörte. Die Initiative der Angehörigen brachte neues Leben in die Ermittlungen.

Eine Cold-Case-Ermittlerin wurde eingesetzt. Sie schaute sich die Beweismittel von damals an. Bereits 1995 war unter den Fingernägeln des Opfers DNA gesichert worden. Mit der fortgeschrittenen DNA-Technik ließen die Ermittler die Spur erneut untersuchen und gaben das Profil in die Datenbank ein.

Mitte Mai 2018 gab es einen Treffer. Norbert Meer. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine Haftstrafe wegen der Tötung von Magdalene Heinrich bereits verbüßt. Er lebte in einer Kleingartensiedlung in Hamburg.

Im Februar 2020 wurde er wegen des Verdachts des Mordes an Brigitta Jakobi verhaftet. Für Mario Seidel stand fest: Man hätte Meer schon 1995 überführen können. Sein Alibi, das angebliche Restaurantessen mit einem Bekannten, war falsch. Der Bekannte war nur telefonisch befragt worden.

Er glaubte, es gehe um eine Verkehrsordnungswidrigkeit, und wollte seinen Freund schützen – ohne zu wissen, dass es um einen Mord ging. Eine echte Überprüfung hätte ergeben, dass das Restaurant zur Tatzeit längst geschlossen hatte. Im September 2020, 25 Jahre nach der Tat, begann der Prozess am Landgericht Stuttgart. Norbert Meer, inzwischen 70 Jahre alt, zeigte keine Reue.

Gegen Ende des Verfahrens verlas er eine mehrseitige Stellungnahme, in der er Fehler der Ermittler auflistete, statt sich zur Sache zu äußern. Brigittas Schwester fuhr an 20 der 30 Prozesstage von Österreich nach Stuttgart. Sie stand jedes Mal früh auf, um mit dem Auto nach München und von dort mit dem Zug weiterzufahren. Es war ein ständiges Bangen.

Würde das Gericht wie im Fall Heinrich auf Totschlag entscheiden, wäre die Tat verjährt und Meer ein freier Mann. Das Urteil am 7. Juli 2021 lautete: lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes aus Heimtücke. Doch die Erleichterung währte kurz.

Bereits im Juni 2022 hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf – das Mordmerkmal sei nicht ausreichend begründet worden. Für die Angehörigen war es ein weiterer Kraftakt. Ein neuer Prozess, alles noch einmal durchleben. Diesmal wurde auch das mögliche sexualsadistische Motiv beleuchtet.

Meers Ex-Frau sagte aus, Filme aus seiner Sammlung wurden gezeigt. Ein Gutachter diagnostizierte eine narzisstisch-psychopathische Persönlichkeitsakzentuierung. Auch der US-amerikanische Luftwaffenoffizier, der die Tat 1995 beobachtet hatte, reiste eigens an. Er sagte, er habe Meer auf Fotos aus dem ersten Verfahren eindeutig als den Täter wiedererkannt.

Seine Aussage über die letzten Minuten im Leben von Brigitta war für die Familie besonders ergreifend. Er hatte sich jahrelang vorgeworfen, nicht eingreifen zu können. Für die Familie war es ein Trost zu wissen, dass Brigitta in ihren letzten Sekunden gehalten wurde, dass sie nicht allein auf der Straße starb. Am 9.

März 2023 erging das endgültige Urteil: Norbert Meer wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah zwei Mordmerkmale als gegeben an: Heimtücke und niedere Beweggründe. Diesmal verwarf der Bundesgerichtshof den Revisionsantrag der Verteidigung. Das Urteil ist rechtskräftig.

Brigittas Schwester sagt, das Urteil und die Zeit hätten ihr geholfen, mit dem Schmerz umzugehen. Doch verschwunden sei er nicht: „Wir haben Glück gehabt, wir wissen jetzt, was passiert ist. Es ist Gerechtigkeit widerfahren. Aber so viele Cold Cases, die jetzt aufgeklärt werden – was das für die Angehörigen bedeutet, ist eine ungeheuerliche Belastung.