„Ich hole die Platte unter der Lampe hervor – und mir bleibt fast das Herz stehen: Die Gemüsezwiebeln, die im Januar am Südfenster gekeimt sind, liegen flach danieder. Blass, wabbelig, labil. Mein…

„Ich hole die Platte unter der Lampe hervor – und mir bleibt fast das Herz stehen: Die Gemüsezwiebeln, die im Januar am Südfenster gekeimt sind, liegen flach danieder. Blass, wabbelig, labil. Mein...

Das Schlafzimmerfenster im Januar – die Gemüsezwiebeln hatten dort gekeimt, aber danach war Schluss. Ohne Zusatzlicht wurden sie einfach nichts. Jetzt holten wir die Platte heraus und stellten sie direkt unter unsere Pflanzenleuchte. Ich wollte wissen: Erholen die sich wieder, oder ist das verlorene Liebesmüh?

Thumbnail

Direkt daneben stand die Vergleichsplatte aus unserer Anzuchtstation. Der Unterschied war nicht zu übersehen. Die einen waren sattgrün, kompakt und standen kerzengerade. Die anderen lagen flach danieder, waren blass und wabbelig.

Es lag nicht an der Temperatur, sondern einzig am Licht. Das war der Punkt. Ich griff zum Pikierstäbchen. Auf der geretteten Platte hatte sich oben auf der Erde ein wenig Moos gebildet.

Die Oberfläche war verdichtet. Mit dem Stäbchen lockerte ich die Kruste vorsichtig auf, damit die Wurzeln atmen konnten und das Wasser besser durchkam. Es war eine kleine, meditative Arbeit. Danach stellte ich die Platte wieder unter die Lampe.

Dann holte ich die nächste Platte: die italienischen Zwiebeln. Die Erde war oben schon schön trocken und krümelig. Die Pflanzen sahen trotzdem prächtig aus. Das ist der Punkt, den viele falsch machen: Sobald die Jungpflanzen gekeimt sind, darf die Erde ruhig mal abtrocknen.

Man muss sie nicht mehr ständig feucht halten. Gegossen wurde bei uns von unten. Ich füllte den Untersetzer mit Wasser und gab eine halbe Dosis Gartenbodenaktivator mit effektiven Mikroorganismen dazu. So eine Platte nimmt etwa einen Liter auf.

Bei uns ist das alle ein bis zwei Wochen nötig, je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Vorher prüfe ich mit dem Finger, ob überhaupt Wasser nötig ist. Dann kamen die Schönsten aus unserem Versuch dran: der rote Eichblattsalat und der Blumenkohl. Beide waren von Anfang an hier in der Anzuchtstation gestanden, mit passender Temperatur und direkt nach der Keimung mit vollem Licht.

Das sind die optimalen Bedingungen. Diese Pflanzen waren kräftig und vital. Zeit zum Pikieren. Den Eichblattsalat nahm ich mit viel Fingerspitzengefühl aus der Schale.

Beim Salat gilt: nicht zu tief setzen, höchstens bis zur ersten Verzweigung. Musikalisch untermalt, Pflanzen in der einen Hand, Pikierholz in der anderen – das ist für mich das Pikier-Party-Programm. Danach waren die Kohlpflanzen dran. Bei ihnen ist der richtige Zeitpunkt gekommen, wenn außer den Keimblättern auch die ersten echten Blätter sichtbar sind.

Auch sie kamen in eine größere Multitopfplatte und wurden von unten angegossen. Und dann der spannende Blick auf unsere Rettungsaktion: Der Wintersalat aus dem Büro, der vor ein paar Wochen noch kläglich aussah und dringend Hilfe brauchte, war nach dem Umzug unter die Leuchte und dem Pikieren richtig kompakt und gedrungen geworden. Das Licht hatte ganze Arbeit geleistet. Auch die Kohlpflanzen aus dem Büro standen jetzt stabil.

Aber bei genauerem Hinsehen zeigte sich etwas: Die Blattränder waren ein wenig blass. Nährstoffmangel? Möglich, aber genauso gut könnte es ein kleiner Schock sein – von wenig Licht unter der Leuchte zu ganz viel Licht. Wir warteten erst einmal ab.

Würden die nächsten Blätter immer noch blass aussehen, würden wir mit einer halben Dosis Flüssigdünger nachhelfen. Neben Licht und Wasser gibt es noch zwei wichtige Pflegethemen. Wer in den letzten Jahren immer wieder Probleme mit Blattläusen hatte, sollte jetzt schon vorbeugen. Wir nutzen dafür ein Pflanzenstärkungsmittel auf Basis von Chili und Knoblauch.

Für Jungpflanzen nehmen wir die halbe Dosis: etwa 1,5 bis 2 Milliliter auf einen Liter Wasser. Einmal pro Woche damit das Blattwerk einsprühen, das schadet nicht und hält die Blattläuse fern. Und dann das Dauerbrenner-Thema: Trauermücken. Wir arbeiten mit gedämpfter Erde und halten bewusst keine Zimmerpflanzen in der Anzuchtstation, denn die sind oft der Einschleppungsweg.

Sollten die Mücken doch kommen, setzen wir auf Nematoden, die wir über das Gießwasser ausbringen. Parallel hängen wir Gelbtafeln auf, um den Befall zu überwachen. Diese Kombination hat sich bei uns über zehn Jahre bewährt. Was die Erde angeht: In geschlossenen Räumen schwören wir auf gedämpfte Erde.

Wissen wir aber, dass die pickierten Platten im März nach draußen ins Gewächshaus kommen, können wir auch eine Mischung aus Anzuchterde und Komposterde verwenden. Das funktioniert genauso gut. Am Ende zeigt sich: Der Wintersalat, den wir gemeinsam gerettet haben, steht jetzt wieder prächtig da – vital und kompakt. Diese Sorte verkraftet übrigens bis minus zehn Grad.

Wer mag, kann ihn genauso verwenden wie Eichblattsalat. Aus den geretteten Gemüsezwiebeln und dem Kohl wurde zwar nichts mehr für die Weiterkultur – den Kohl hätte ich eher als Sprossen gegessen, als ihn noch zu pflanzen. Aber der Versuch war es wert.

Man sieht einfach, was Licht, Wasser und ein bisschen Geduld bewirken können.