Es gibt Orte, die einem ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Das eigene Bett, ein gemütliches Wohnzimmer oder ein kleines, verschlafenes Dörfchen. Orte, an denen Kinder alleine mit dem Fahrrad unterwegs sind, an denen der Wind sanft über die Felder streicht. Niemand würde erwarten, dass hier etwas Schlimmes passieren kann.

Und doch verschwindet an einem gewöhnlichen Donnerstagnachmittag ein kleines Mädchen – auf einem Weg, den sie vermutlich schon hunderte Male gefahren ist. Bobenhausen in der Wetterau, etwa 50 Kilometer nördlich von Frankfurt, ein Ort mit nicht einmal 500 Einwohnern. Große Bäume, weite Wiesen, der fast 18 Kilometer lange Leisbach zieht sich durch das Städtchen. Eine kleine Brücke führt auf die andere Seite, ein Schild daneben warnt vor Rutschgefahr.
Ringsherum wuchern Büsche und Bäume. Hier lebt die siebenjährige Johanna Bohnacker. Blaue Augen, blonde Haare, die sie mal lang trägt, mal in zwei niedlichen Pferdeschwänzen, mit einem Pony, der ihr ins Gesicht fällt. Ihr Lächeln ist zuckersüß.
Die Familie ist vor etwa zehn Jahren aus Frankfurt in das kleine Städtchen gezogen. Johanna wächst mit zwei älteren Schwestern auf. Mit einer von ihnen besucht sie die Grundschule in Randstadt, die andere studiert bereits und kommt in den Semesterferien zurück, um in der Gegend zu jobben. Im Ort gibt es einen großen Sportplatz, nur etwa 500 Meter vom Ortskern entfernt, am Waldrand.
Immer wieder trifft sich Johanna dort mit Freundinnen zum Toben. Außerdem fährt sie gerne auf ihrem gelben Fahrrad. In so einem kleinen Dorf ist es normal, dass Kinder lange spielen dürfen, dass sie alleine unterwegs sind. Johanna ist zuverlässig.
Wenn sie sagt, sie ist um 17:30 Uhr wieder zu Hause, dann ist sie auch um 17:30 Uhr wieder zu Hause. Sie gilt als pünktlich, ein wenig streitlustig, aber beliebt, fröhlich und liebenswürdig. Am 17. August 1999 wacht Johanna voller Vorfreude auf, denn heute wird sie acht Jahre alt.
Geburtstag – ein Tag, der für Kinder etwas Besonderes ist. Es wird für einen gesungen, es gibt Puderzucker und Wunderkerzen und vielleicht sogar genau das eine Geschenk, das man sich so sehr gewünscht hat. Einen Tag lang fühlt man sich wie eine kleine Prinzessin. Mittlerweile ist es der 2.
September 1999. Das Wetter ist schön, die Sonnenstrahlen legen sich sanft ins Gesicht. Ein wunderbarer Tag im Spätsommer. Die Achtjährige hat sich mit ein paar Freundinnen verabredet.
Sie trägt ein rot-weiß gestreiftes Micky-Maus-Shirt und eine blaue Jeanshose. Sie zieht los, natürlich auf ihrem gelben Fahrrad. Ihrem Vater verspricht sie, um 19 Uhr wieder zu Hause zu sein. Sie verabschiedet sich ein letztes Mal.
Gemeinsam spielen die Kinder, bis irgendwann die Aufbruchsstimmung einkehrt. Ein Kind nach dem anderen muss los, und so bleibt Johanna alleine zurück. Etwa gegen 17 Uhr bricht auch sie auf. Sie will zurück nach Hause.
Sie macht einen kurzen Zwischenstopp an einer kleinen Bank neben der Leisbachbrücke. Ein Asphaltweg zieht sich hier entlang, links und rechts reihen sich Büsche und Bäume aneinander. Der Bach plätschert leise, Vögel zwitschern in den Baumkronen. Ein Ort, der friedlich und idyllisch wirkt.
An diesem Abend wird auf dem Sportplatz in Bobenhausen Fußball gespielt, gegen den Nachbarverein. Um 18 Uhr ist Anpfiff. Der Ball wird über den Platz gejagt, und langsam macht sich in der Familie Bohnacker eine gewisse Unruhe breit. Mittlerweile ist es schon nach 19 Uhr.
Wo bleibt die kleine pünktliche Johanna? Sie wollte doch schon längst zurück sein. Bei den Eltern schlagen sofort die Warnsignale an. Der Vater und ihre Schwester verlassen das Haus, um nach ihr zu suchen.
Vermutlich hoffen sie, dass das kleine Mädchen einfach nur die Zeit vergessen hat, dass es ihr gut geht. Doch die Sorge wächst, denn sie können sie nicht finden. Stattdessen machen sie eine andere Entdeckung. Da auf dem Radweg beim Sportplatz, bei der kleinen Bank am Leisbach, liegt Johannas geliebtes gelbes Fahrrad.
Sofort ahnt der Vater Schlimmes. Niemals hätte Johanna ihr Fahrrad einfach achtlos zurückgelassen. Er ruft bei der Polizei an und meldet die Achtjährige als vermisst. Das Fußballspiel geht zu Ende.
Die Aufregung vom Spiel schwindet, stattdessen ist da eine drückende Anspannung, als die Polizei anrückt und davon berichtet, dass ein kleines Mädchen verschwunden ist. Es ist ein kleiner Ort, und solche Sachen sprechen sich schnell herum. Bald ist auch die Feuerwehr da. Suchtruppen werden eingeteilt, mit einer Hundestaffel machen sie sich auf.
Doch das Gebiet ist groß. Um 21:30 Uhr legt sich Dunkelheit über die Stadt. Die Augen werden müde, die Beine schwer. Die Spürhunde können Johanna nicht finden.
Für heute endet die Suche. Am nächsten Morgen ziehen wieder die Helfer los. Mehr als zweihundert Beamte suchen nach Johanna, auch Nachbarn, Freunde und die freiwillige Feuerwehr aus den nahe gelegenen Orten unterstützen sie. Einer der Polizisten sagt, es gebe keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen, aber man könne es nicht vollkommen ausschließen.
Nicht nur Ermittler und Suchtrupps sind in dem kleinen Ort unterwegs, auch Journalisten tummeln sich in Bobenhausen. Lokale und nationale Nachrichten wollen über den Fall berichten. Einige Reporter geben sich sogar als Polizeibeamte aus, um ins Haus der Familie Bohnacker zu kommen und Fotos zu machen oder Antworten zu erhalten. Das Ehepaar merkt, dass ihnen Lügen aufgetischt werden.
Sie reden trotzdem weiter mit ihnen, klammern sich an jeden Strohhalm. Einer der Eltern sagt: „Solange mir niemand eine Leiche bringt, gehe ich davon aus, dass meine Tochter noch lebt. Anders kann ich damit gar nicht umgehen. “
Die Polizei veröffentlicht ein Bild von Johanna, in der Hoffnung, neue Hinweise zu bekommen.
Es zeigt sie auf ihrem gelben Fahrrad, in einem hellen rot-weißen Shirt, lockerer blauer Jeans und blauen Gummistiefeln. Links neben ihr steht ihre bunte, kastenförmige Schultasche. Wo bist du, Johanna? Bei Randstadt Bobenhausen gibt es einen überfluteten Steinbruch.
Sollte das Mädchen sich hierhin verirrt haben, könnte es ein schreckliches Ende genommen haben. Ein Taucher sucht unter Wasser nach ihr. Das Wasser ist dreckig, er kann nichts sehen, nur erfühlen. Zwischendurch fallen ihm große Äste in die Hände.
Jedes Mal hofft er, dass es nicht das kleine Mädchen ist. Gegen Mittag beenden sie die Suche am Steinbruch ohne Erfolg. Auch Kanalsysteme und leerstehende Häuser werden abgesucht. Es wird eine Belohnung ausgesetzt: 10.
000 Mark für entscheidende Hinweise. Eine Woche vergeht, das Mädchen bleibt vermisst. Die Mutter sagt: „Wir gehen davon aus, dass Johanna entführt worden ist und die Leute, die sie in ihrer Gewalt haben, sie wohl für kinderpornografische Zwecke oder ähnliches nutzen wollen. “ Sie bieten den Entführern Geld an, wenn sie sie nur lebend zurückbringen würden.
Doch niemand meldet sich. Auch die Polizei glaubt nicht mehr an eine harmlose Lösung. Eine Sonderkommission wird gegründet. Ein Staatsanwalt erklärt, in ihren Augen sei alles möglich gewesen.
Es könnte jemand sein, der ansonsten nichts mit Bobenhausen zu tun hat. Es könnte aber auch jemand sein, der ein Nachbar der Familie ist. Nicht einmal Johannas eigene Familie kann ausgeschlossen werden. Doch die Eltern und der Rest der Familie können schnell entlastet werden.
Die Kinder, mit denen Johanna gespielt hat, werden befragt, auch ihre Eltern. Einige Menschen, die an dem Tag einen Spaziergang gemacht haben, melden sich. Sie haben Johanna noch am Sportplatz gesehen, da ging es ihr gut. Ein Zeuge spielt eine besonders große Rolle.
Ein Mann namens Manfred, der an dem Tag mit seinem Fahrzeug auf dem Weg nach Bobenhausen war. Er ist spät dran, will zum Sportplatz. Vor ihm fährt jemand ziemlich langsam, so 30, 40 km/h, obwohl man 50 fahren darf. An einer passenden Stelle überholt Manfred und wirft einen verärgerten Blick in das andere Auto.
Am Steuer sitzt ein unrasierter Mann mit Brille und Pferdeschwanz. Das Auto ist ein brauner, tiefgelegter VW mit einem HG-Kennzeichen, aus dem Hochtaunuskreis. Manfred fährt weiter zum Fußballspiel. Und da, beim Sportplatz, steht es wieder – das Auto mit dem HG-Kennzeichen.
Gegen 17:23 Uhr steht es im Bereich des Radwegs, dort, wo auch Johannas Fahrrad gefunden wurde. Manfred ist Kfz-Mechaniker und kann eine gute Beschreibung abgeben. Die Polizei sucht jetzt den ominösen Halter des Wagens. Wer ist der Mann mit Pferdeschwanz?
Die Suche nimmt viel Zeit in Anspruch. Jedes Auto muss überprüft werden. Einige Jahre später wird ein Phantombild erstellt, doch es ist nur eine Seitenansicht. Obwohl die Polizei Richard, den Vater, ausgeschlossen hat, tuscheln einige Leute.
Der Mann in dem Wagen hatte einen Pferdeschwanz, und so einen trägt auch Richard. Eine Seltenheit bei den Männern im Ort. Man kann sich kaum vorstellen, wie schrecklich das für Richard gewesen sein muss. Irgendwann zieht es die Ermittler nach Friedrichsdorf bei Frankfurt.
Auch hier steht ein VW Jetta, der auf den ersten Blick in das Muster passen könnte. Der Fahrzeughalter trägt den Namen Rick J. Die Farbe passt allerdings nicht zu Manfreds Beschreibung. 18 Tage nach dem Verschwinden fahren die Ermittler mit Manfred nach Friedrichsdorf.
Manfred soll sagen, ob das das Auto ist, das er am 2. September gesehen hat. Zwei Beamte sprechen mit Rick. Er erzählt, er habe am Nachmittag des 2.
Septembers einen kleinen Unfall in Köppern gehabt, sei jemandem hinten reingefahren. Es sei nichts Wildes gewesen, sie hätten es unter sich geklärt. Am Abend sei seine Freundin zu Besuch gewesen. Manfred ist sich sicher: Das Auto von Rick ist blau, nicht braun.
Also kann es nicht das Auto sein, das er damals gesehen hat. Die Suche geht weiter. Johannas Eltern verteilen tausende Flyer und Plakate. Etwa 2000 Spuren hat die Soko untersucht, keine führt zu dem Mädchen.
Am 1. Oktober wenden sich die Ermittler an die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Doch auch der Auftritt in der Sendung bringt nicht den entscheidenden Hinweis. Es gibt etwa 30 neue Hinweise, aber keiner führt zum Ziel.
Auch einige Hellseher wenden sich an die Familie, nennen Orte, an denen Johanna sein soll. An einem Tag erreicht alles eine neue Stufe der Geschmacklosigkeit. Ein Lehrer wählt als Ausflugsziel für seine Klasse das Haus der Bohnackers. Er präsentiert das Haus, als sei es eine Sehenswürdigkeit.
Johannas Mutter Gabriele verweist die Klasse des Grundstücks. Acht Wochen ist Johanna nun wie vom Erdboden verschluckt. Die Mutter sagt: „Das Kind fehlt an allen Ecken und Enden. Wir vermissen Johanna.
Das ist keine Trauer, weil trauern können wir nur um jemanden, der tot ist. “ Diese Gewissheit fehlt ihnen noch. Es vergeht mehr als ein halbes Jahr. Dann kommt der Tag, der Gewissheit bringt.
Es ist der 1. April 2000. Ein Spaziergänger ist bei Alsfeld im Wald unterwegs, nahe bei der Autobahn Frankfurt–Kassel, etwa 100 Kilometer von Bobenhausen entfernt. Dann bleiben seine Augen an etwas hängen, was die Idylle komplett zerstört.
Hier liegen die leblosen Überreste eines Kindes. Ein kleiner Schädel, vier Zähne, ein Teil eines Unterkiefers und weitere Knochenfragmente, am Rand eines Weges. Die Polizei rückt an, etwa 100 Polizisten durchsuchen den Umkreis von 500 Metern. Einiges fehlt.
Vermutlich haben Tiere im Wald einiges verschleppt. Um den Haarschopf, den sie finden, ist immer noch ein Klebeband gewickelt. Sie finden insgesamt um die 15 Meter Klebeband – zwei verschiedene Sorten: braunes Paketklebeband und silbernes Panzerband. Auch Teile eines Seils finden sie.
Spürhunde führen die Ermittler zu Resten von Kleidung, etwas mehr als die Hälfte einer Jeans und einen großen Teil eines Micky-Maus-T-Shirts. An diesem 1. April wählt die Polizei die Nummer der Familie Bohnacker. Gabriele sagt später: „Ich hatte die Hoffnung, dass es ein Aprilscherz ist.
“ Die Kripo stattet der Familie am Abend einen Besuch ab und präsentiert Fotos der Kleiderfetzen. Die Eltern erkennen die Kleidung ihrer kleinen Johanna. Ein DNA-Test bestätigt es. Die Mutter sagt: „Sieben Monate sind wir durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen und haben die Hoffnung nie aufgegeben.
“ Jetzt sagt sie: „Die Hoffnung ist einfach weg. Jetzt weiß ich zwar, wo sie ist, aber ich kriege sie nie mehr wieder. Sieben Monate hatte ich doch noch die Chance, dass ich sie irgendwann wieder habe. “
Für die Ermittler ist klar: Johanna wurde am 2.
September 1999 entführt, anschließend getötet und einfach im Wald abgelegt. Sie glauben nicht, dass der Fundort auch der Tatort war. Man kann nicht feststellen, dass an Johanna sexuelle Handlungen vorgenommen wurden. Johannas Vater Richard spricht kaum.
Unter seinen Augen zeichnen sich tiefe Müdigkeit und Trauer ab. Er steckt sich eine Zigarette nach der anderen an. Er sagt: „Ich will diesen Menschen sehen. Ich will, dass er nicht mehr frei rumläuft.
“
Für die Menschen in dem kleinen Ort ist es nicht zu fassen. In der Dorfkneipe tauschen sich die Bewohner aus. Eine Frau sagt, jetzt komme alles wieder hoch. Ein Mann gesteht, dass er ab und zu weint, wenn er alleine ist, weil das Schicksal dieser Familie so schrecklich ist.
Bei der Beerdigung läuten die Kirchenglocken, der weiße kleine Sarg wird in die Erde gelassen. Gabriele steht in einem schwarzen Hosenanzug mit einem großen dunklen Hut, der einen Schatten über ihr Gesicht wirft. Ihr Mann steht schwarz gekleidet neben ihr und wischt sich die Tränen von der Wange. Die Spuren aus dem Wald werden untersucht, vor allem das Klebeband.
Eine Sachbearbeiterin beginnt mit dem kürzesten Stück, entwirrt es und legt es unter das Mikroskop. Sie erkennt etwas, das wie ein Teil eines Fingerabdrucks aussieht. Doch das Klebeband lag über Monate draußen im Wald, die Qualität ist alles andere als perfekt. Neben dem Abdruck finden sie weitere Spuren: Fasern.
Fasern, die vielleicht von einem Teppich stammen könnten, vielleicht aus dem Kofferraum eines Autos. Auch Acrylfasern, ein Material, das in den 90ern oft verwendet wurde – in flauschigen Pullis, Handschuhen oder Bezügen für Autositze. Die Polizei hat Spuren, aber keinen Verdächtigen. Ein Profil des möglichen Mörders wird erstellt: männlich, etwa 20 bis 40 Jahre alt, mit einer Vorliebe für Fesselspiele.
Vielleicht kommt er aus der Umgebung, denn Täter begehen ihre Taten meist dort, wo sie sich auskennen. Zweieinhalb Jahre nach Johannas Verschwinden reihen sich Männer im Gemeindehaus in Bobenhausen ein. Mehr als 800 Männer lassen ihre Hände schwarz färben und geben ihre Abdrücke ab. Johannas Vater sagt: „Ich glaube, für jeden von uns war da klar, dass wir dahingehen.
“ Einer der Männer erzählt: „Ich mache mit, weil ich zwei Enkelkinder habe und will, dass dieser Kerl gefasst wird. “
Für Johannas Eltern wird das alles irgendwann zu viel. Sie ziehen aus dem Dorf weg. Die Vorstellung, dass einer aus dem Ort für alles verantwortlich sein könnte, versetzt Richard immer wieder einen Stich ins Herz.
Johanna bleibt nicht das einzige Mädchen, das verschwindet. Auch Julia hat blonde Haare und ist acht Jahre alt, als sie wie vom Erdboden verschluckt wird. Es ist der 29. Juni 2001.
An diesem Freitagnachmittag spielt sie auf einem Spielplatz. Dann verschwindet sie aus ihrer Heimat Bibertal-Roth. Nur wenige Tage später wird etwa 45 Kilometer entfernt der leblose Körper eines Kindes zwischen einem Waldstück und einem Acker gefunden. Der Körper wurde verbrannt, das Gesicht nahezu unkenntlich.
Ein DNA-Test bringt Gewissheit: Es ist Julia. Sie starb noch am Abend ihres Verschwindens durch stumpfe Gewalt. Kann das alles ein Zufall sein? Bobenhausen, Bibertal, Johannas und Julias Auffindeort – alles liegt in einem Radius von etwa 50 Kilometern.
Johannas Mutter sagt: „Der Gedanke, dass der Täter hier in der Region frei herumläuft, ist sehr beängstigend. Er kann einem täglich über den Weg laufen, ist vielleicht einer von denen, die mitgelitten, mitgetrauert, mitgeholfen haben. Solange dieser Täter frei rumläuft, ist kein Kind sicher vor einer Wiederholungstat. “
Doch im Mordfall Julia kommt es schneller zur Gewissheit.
Ihr Mörder war ihr 33 Jahre alter Nachbar, Thorsten V. , ein Verwaltungsangestellter an der Uni in Gießen, verheiratet und Vater eines Kindes. 2003 wird er wegen Mordes und sexueller Nötigung an der achtjährigen Julia zu lebenslanger Haft verurteilt. Steckt er auch hinter Johannas Verschwinden?
Die Polizei findet keinen Anhaltspunkt für eine Verbindung. Nur: „Die Mädchen waren gleich alt und sahen ähnlich aus, aber das sei auch schon alles. “
Johannas Mörder ist weiterhin ein freier Mann. Gabriele will nicht aufgeben.
Drei Jahre nach dem Verschwinden wendet sie sich wieder an die Öffentlichkeit. „Heute vor drei Jahren ist unsere Johanna nicht vom Spielen nach Hause gekommen. Seit drei Jahren trauern wir um unsere tote Tochter. Sie haben unsere lebenslustige, fröhliche, streitlustige Johanna getötet.
Sprechen Sie mit uns, schreiben Sie uns, wie auch immer, beantworten Sie unsere Fragen, helfen Sie uns zu verstehen. “ In einem Brief an den Mörder schreibt sie: „Warum ausgerechnet unser Kind? “
2006 gründet die Polizei die AG Jetta. Sie wollen den Fahrer des Wagens von damals finden.
Sechshundert Fahrzeughalter werden eingeladen, eine Fingerabdruckprobe abzugeben. Die Abgabe ist freiwillig. Auch Rick J. wird nicht eingeladen, denn seine Abdrücke hat die Polizei bereits aus anderen Ermittlungsverfahren, allerdings in Form von Tintenfingerabdrücken, also ganz altmodisch.
Die Ermittler halten diese für ausreichend. Sie stimmen nicht mit dem Fingerabdruck vom Klebeband überein. Rick J. wird ausgeschlossen.
Schon wieder. 2009 stellt die Polizei in Bobenhausen einen riesigen Banner auf. Darauf ein Bild von Johanna. Darüber steht in großen roten Buchstaben: „Wo sind die Mörder?
“ Darunter: „Gesucht seit 2. September 1999. “ Das Schild steht direkt am Ortseingang. Als Richard 59 Jahre alt ist, ist er schwer erkrankt.
Er hat einen Herzinfarkt und leidet unter einer Lungenkrankheit, ist Frührentner und verlässt die Dachgeschosswohnung kaum. Er sagt: „Ich brauche endlich Klarheit. Alle Fachleute sagen, der Täter muss aus dem Umfeld unserer Johanna kommen. Das Schlimmste wäre es für mich, wenn der Täter jemand wäre, den ich kenne, den ich grüße, mit dem ich vielleicht auch mal ein Bier getrunken habe.
Bevor ich sterbe, will ich wissen, wer der Mörder meiner Tochter ist. “
2016 verstirbt Richard im Alter von nur 64 Jahren. Bis zum Ende hat er gehofft, Flyer verteilt und Plakate aufgehängt. Dann verändert sich alles.
Drei junge Beamte wollen den Fall noch einmal ganz neu angehen und jeden einzelnen Hinweis mit neuen Augen ansehen. Sie nennen es die AG Johanna. Sie müssen zunächst alle Daten von damals digitalisieren, jedes Blatt einscannen. Zehn bis zwölf Wochen sitzen sie nur an der Digitalisierung.
Dann suchen sie nach den Namen von damaligen Tatverdächtigen. Ein Name taucht immer wieder auf: Rick J. , der mit dem blauen Jetta. Er war schon damals als Gewalttäter aufgefallen.
Stück für Stück rutscht er in den Fokus der Ermittlungen. Dabei wurde er doch damals ausgeschlossen, und seine Fingerabdrücke schienen nicht zu passen. Doch kein anderer Name taucht so häufig auf wie seiner. Es ist der 28.
August 2016. In der Nähe des Ortes, an dem Johanna verschwunden ist, spazieren einige Menschen an der frischen Luft entlang, nahe eines Maisfeldes. Aus dem Maisfeld heraus hören sie komische Geräusche, etwas scheint sich zu bewegen. Die Spaziergänger schauen nach und entdecken eine grausame Szene.
Ein 14-jähriges Mädchen ist dort, kaum bekleidet, gefesselt mit Klebeband – genau wie Johanna damals. Bei ihr ist ein nackter Mann. Die beiden behaupten, alles sei einvernehmlich gewesen. Die Spaziergänger glauben das nicht, zu Recht.
Sie lassen sich das Portemonnaie des Mannes geben. Auf einer EC-Karte steht der Name: Rick J. Die Zeugen melden den Vorfall. Die Polizei leitet ein Ermittlungsverfahren gegen Rick ein wegen Missbrauchs einer Jugendlichen.
Am 15. Februar 2017 ziehen Ermittler erneut nach Friedrichsdorf in Ricks Wohnung. Die Zustände dort sind schrecklich. Ein Ermittler berichtet später: „Seine Wohnung war stark verschmutzt.
Man konnte sich nicht vorstellen, dass dort jemand lebt. Nur ein schmaler Trampelpfad führte zum Bett. Die Matratze war verdreckt und zerrissen. Überall liegen Stricke und Seile.
“ Sie finden Amphetamin, nehmen sein Handy und Speichermedien mit. Auf dem Dachboden finden sie eine kleine blaue Kiste, gefüllt mit alten Kleidungsstücken, Seilen, Schnüren und Klebeband. Monatelang beschatten sie Rick. Sie versuchen herauszufinden, wer dieser Mann ist.
Eine Ermittlerin erklärt: „Wir haben versucht, ihn komplett zu studieren, von Geburt an bis zum heutigen Tage. Wir haben in jedem Krümel gesucht nach Anhaltspunkten. “ Sie erstellen einen langen und detailreichen Lebenslauf, aber sie finden nichts, das erklären könnte, warum aus ihm ein Mörder geworden ist. Seine Startbedingungen ins Leben scheinen gut gewesen zu sein.
Und doch ist er vorbestraft. Mit 17 Jahren ist er einem kleinen Mädchen zu nahe gekommen, acht Jahre alt, mit langen blonden Haaren. Er hat sie auf einem Feldweg angegriffen, aber zwei Fahrradfahrer konnten ihr helfen. In einem weiteren Fall soll Rick ein elfjähriges Mädchen missbraucht haben.
Als die Polizei Rick weiter überwacht, stellen sie fest, dass er Internetseiten mit Inhalten von Kindern aufruft. Auf seinen Datenträgern finden sie Bilder von Mädchen, acht bis zehn Jahre alt, mit langen blonden Haaren. Er hat sie gefilmt, als sie nach Hause oder zur Schule gehen wollten. Und er sucht immer wieder nach dem Mordfall Johanna Bohnacker.
Auch als Rick ins Schwimmbad fährt oder nachts Feldkartoffeln klaut, die Ermittler folgen ihm wie ein Schatten – fast ein halbes Jahr lang. Dann kommt der Durchbruch. Im Labor werden die Fasern vom Klebeband bei Johanna mit den Spuren vom Klebeband aus der blauen Kiste verglichen. Die Faserspuren stimmen überein.
Aber das alleine reicht nicht aus. Die Ermittler widmen sich auch dem Teil des Fingerabdrucks von damals. Es gibt Gewissheit: Der Fingerabdruck passt zu Rick J. Es ist ein Teilabdruck seines linken Daumens.
Am 25. Oktober 2017 ist es so weit. Zwei Ermittler stehen um 7:20 Uhr morgens vor Ricks Tür, bereit, ihn festzunehmen. Er öffnet.
Ein ziemlich unscheinbarer, recht kleiner Mann. Eine Ermittlerin sagt später: „Wenn ich dem so auf der Straße begegnet wäre, hätte ich niemals gedacht, dass der für diese Straftat verantwortlich ist. “ Man merkt ihm die Aufregung an, doch er versucht gelassen zu wirken. Er fragt nur, ob er sich den Durchsuchungsbeschluss durchlesen darf.
In einer Hand das Schreiben, in der anderen eine Zigarette, sitzt er auf der Bettkante und liest. Dann sagt er etwas, vermutlich ein Versuch, sich zu retten: „Das ist doch bestimmt etwas Konstruiertes. “ Doch die Polizei macht ihm klar, dass es um den Mord an einem realen Mädchen geht, an der kleinen Johanna. Rick reagiert: „Wie kommen Sie denn darauf?
So ein Quatsch. Ich habe zwar schon mal Scheiße in meinem Leben gebaut, aber doch kein Mord. “
Er packt einige dicke Fantasybücher in eine Einkaufstüte, füllt das Benzin in seinem Fahrzeug nach und steckt mehrere Zigaretten ein. Auf der 45-minütigen Fahrt zur Dienststelle fragt er immer wieder: „Ja, aber wie kommen Sie denn jetzt auf mich?
Ich bin schon damals untersucht worden. Man hat nichts gefunden. Ich wurde doch entlassen. “
Die Beamten drücken die Lage ziemlich klar aus.
Sie sagen: „Herr J. , es geht nicht darum, ob Sie es waren. Wir sind uns sicher, wir haben Sie als richtigen Täter ermittelt. Es geht nur noch um das Wie und Warum.
“ Rick antwortet: „Hm, ich muss mal nachdenken. “ Er dreht sich weg, versteckt sein Gesicht hinter seiner Hand, verdreht die Augen. Zwischendurch raucht er. Währenddessen wird seine Wohnung durchsucht.
Sie ist 38 Quadratmeter groß, und wo man hinschaut, nur Müll. Lebensmittel schimmeln, tote Fliegen liegen auf dem Boden. Ein Polizist sagt später: „Es roch nach einer Mischung aus Verwesung, nicht gelüftet, Zigarettenrauch und Schweiß. “ Von innen ist die Eingangstür provisorisch mit Klebeband abgedichtet.
„Gleitgel, Spielzeuge und Gleitgeltuben liegen herum. “ Sie finden 7500 Euro Bargeld, mehrere Briefe und seltsame Literatur: „Der Mädchenfänger“, „Der Kindersammler“ – Geschichten über entführte oder getötete Kinder. Die Menschen vor Ort sind schockiert. Rick wirkte einsam, ein Eigenbrötler, aber ein Mörder?
Einer, der Rick scheinbar immer wieder gesehen hat, sagt: „Man kann es sich gar nicht vorstellen, weil er nett ist. Er ist höflich. Er sagt guten Tag, guten Morgen. Man kommt einfach nicht darauf.
“
Wer ist dieser Rick J.? Im März 1976 kommt in Bad Nauheim ein kleiner Junge zur Welt. Seine Eltern geben ihn kurz nach der Geburt zur Adoption frei. Doch es stört Rick nie.
Seine Eltern sind die beiden, die sich für ihn entschieden haben. Als Rick fünf oder sechs Jahre alt ist, scheitert die Beziehung seiner Eltern. Er lebt bei seiner Mutter, den Vater sieht er kaum noch – zweimal im Jahr, zwei Wochen in den Ferien. Rick besucht die Schule und macht sein Abitur mit einem guten Schnitt von 2,2.
Mit 17 Jahren besorgt seine Oma ihm eine Einzimmerwohnung in Friedrichsdorf. Drei Monate leistet er Wehrdienst, dann zehn Monate Zivildienst, dann studiert er Biochemie, bricht aber ab, obwohl die Noten gut waren. 2002 stirbt seine Mutter. Rick gerät immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt: vorbestraft wegen Verkehrsdelikten, Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Einbruchsdiebstahl.
Er saß sogar schon in Haft. Er ist Anfang 20, hat dunkle schulterlange Haare, die er meist zu einem Pferdeschwanz bindet. Er ist arbeitslos, lebt von dem Geld, das sein Vater überweist, und von dem, was er von seiner Mutter geerbt hat. Kochen scheint nicht sein Ding zu sein, er bestellt häufig.
Eine Freundin oder Kinder hat er nicht. Rick kommt zurück in den Verhörraum. Das erste, was er sagt, lässt einem einen kalten Schauer über den Rücken laufen: „Die Eltern haben ein Recht darauf zu erfahren, was mit ihrem Kind passiert ist. Sie haben recht, und ja, ich bin dafür verantwortlich.
“
Er erzählt vom 2. September 1999. Damals war er Anfang 20, hatte Crystal Meth und LSD zu sich genommen. Er ist in seinem VW Jetta herumgefahren und hat Ausschau gehalten nach einem Mädchen.
Da war sie, Johanna. Sie hat an der Brücke gespielt. Sie habe ihm von Anfang an gefallen. Er hat sie angegriffen und mit Chloroform betäubt, dann in den Kofferraum gepackt.
Die Entführung sei spontan gewesen, aber er wusste, dass er sich beeilen muss, das Fußballspiel startet bald. Dreimal habe er anhalten müssen, weil Johanna aufwachte, schrie und gegen die Klappe des Kofferraums trat. Auf einer Pferdekoppel habe er angehalten, um ein Seil zu klauen, mit dem er das Mädchen fesseln kann. Sechs Kilometer weiter habe er an einer Tankstelle das Klebeband gekauft.
Dann habe er sie gefesselt. Als sie kurz darauf wieder gegen den Kofferraum trat, habe er die Klappe geöffnet, und in diesem Moment sei Johanna ihm entgegengesprungen. Angeblich um sie zu beruhigen, habe er sie geschlagen. Er geht davon aus, dass er dadurch ihre Nase gebrochen hat.
Da ihr Mund mit Klebeband zugeklebt war, habe sie vermutlich nicht mehr atmen können. Sie sei erstickt. Als er den Kofferraum ein weiteres Mal öffnete, habe sie sich nicht mehr bewegt. Es sei ein Unfall gewesen.
Er habe sie missbrauchen wollen, aber nicht töten. Während er spricht, klingt Rick sachlich, kalt, ohne Emotion. Es wirkt fast, als würde er die Vernehmung und die Aufmerksamkeit genießen. Er diktiert, korrigiert Rechtschreibfehler, ergänzt Wörter und macht Ergänzungen mit Sternchen.
Wenn ihm eine Formulierung nicht passt, formuliert er sie neu. Die Ermittlerin beschreibt es später als „schon fast wie ein Deutschlehrer“. Am Ende setzt er seine Unterschrift unter die Aussage. Die Ermittler sichern Notizen, aus denen hervorgeht, dass er schon in seiner Schulzeit gewisse Neigungen hatte.
Sie stellen seine Festplatten und Speichermedien sicher, insgesamt etwa sieben Terabyte an Daten, rund 17 Millionen Dateien. Zehn Beamte der Bereitschaftspolizei werden ein halbes Jahr daran sitzen, um alle Dateien auszuwerten. In den Videos sind immer dieselben Sachen zu sehen: Macht, Kontrolle, Demütigung, Fesseln. Er muss diese Videos über 20 Jahre angesammelt haben.
Videos von Kindern. Immer wieder Videos von Kindern. Auf seinem Dachboden findet man zwei flauschige dunkelgraue Schonbezüge für Fahrer- und Beifahrersitz, dazu zwei Schonbezüge von einer Rückbank. Die Fasern stimmen mit den Fasern vom Klebeband überein.
Jegliche Zweifel sind ausgelöscht: Johanna lag damals in Ricks VW Jetta. Aber kann es wirklich ein Unfall gewesen sein? Die Ermittler versuchen, den 2. September nachzustellen.
Ein Kinderarzt sagt, dass man innerhalb von zwei Stunden, wie Rick es angegeben hat, nicht in einem Kofferraum ersticken kann. Sie versuchen nachzustellen, wie Rick Johannas Kopf mit den Metern Klebeband umwickelt hat, ohne dabei ihre Nase zuzukleben – er muss ihr Gesicht 29 Mal umwickelt haben. Auch das scheint nicht möglich zu sein. Seine Aussage, er sei Kilometer weit gefahren, um das Klebeband zu kaufen, passt nicht in den zeitlichen Rahmen, den er angegeben hat.
Und an der Pferdekoppel scheint Rick nie gewesen zu sein. Auch 18 Jahre später lässt sich beweisen: Rick J. ist nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Lügner. Damals in den späten 90ern gab es in der Gegend weitere ähnliche Taten.
Steckt Rick auch dahinter? Melanie Frank war 13 Jahre alt, als sie am 16. Juni 1999 spurlos aus Wiesbaden verschwand. Sie sollte für ihre Mutter an einem Automaten Zigaretten kaufen, kam aber nicht zurück.
2008 fand man ihre Überreste in einem Waldstück in Kisselbach. Bis heute ist der Fall ein Cold Case. Und dann ist da noch Annika aus Hofheim, ein Mädchen mit dunkelbraunen Haaren. Zu ihrem elften Geburtstag hat sie einen Hund bekommen, sein Name ist Taps.
Am 10. September 1996 zieht Annika los, um dem Kleinen ein Flohhalsband im Zoofachgeschäft zu kaufen. Auf dem Weg verliert sich ihre Spur. Bis heute wurde sie nicht gefunden.
In Ricks Wohnung wurde Kinderkleidung gefunden. In der JVA Gießen wird er dazu befragt, aber es lässt sich kein hinreichender Tatverdacht feststellen, keine wirklichen Beweise. Der Fall Johanna geht nun endlich vor Gericht, fast 20 Jahre nach der Tat. Rick J.
wird in den Saal 207 des Landgerichts geführt. Klein, eine Brille auf der Nase, die Haare in einem Pferdeschwanz, trägt er ein rotes Hemd und Handschellen. Johannas Mutter sitzt da, ihre Hände ruhig vor sich hingelegt. Es ist das erste Mal, dass sie auf den Mörder ihrer Tochter trifft.
Rick hält den Kopf gesenkt, meidet jeden Augenkontakt. Reue oder Scham sind nicht zu spüren. Johannas Mutter hält eine Rede, spricht von einem sinnlosen Tod. Im Gerichtssaal wird auch ein Zeuge erwähnt, ein Radfahrer, der Johannas Fahrrad verlassen gesehen hat, vermutlich nur eine Minute nach der Entführung.
Ricks Kommentar dazu ist eiskalt und zynisch: Johanna wäre nicht entführt worden, wenn der Radfahrer nur eine Minute früher da gewesen wäre. Daraufhin fragt der Staatsanwalt: „Wer ist jetzt schuld, Herr J.? Sie oder der Radfahrer? “
Rick ist der letzte, der spricht.
Seine Worte sind kurz und unpersönlich: „Angesichts des Leids und des Schmerzes, den ich verursacht habe, kann alles, was ich jetzt noch sagen könnte, nur lächerlich klingen. “
Am 19. November 2018 ist der Tag des Urteils. Rick J.
wird wegen Mordes mit besonderer Schwere der Schuld, versuchter Nötigung und Besitzes von Kinderfilmen schuldig gesprochen. Das Gericht glaubt, dass Rick das achtjährige Mädchen missbraucht oder zumindest versucht hat, es zu missbrauchen. Und es war kein Unfall, sondern ein Tod in Zusammenhang mit dem Klebeband, das er 29 Mal um ihren Kopf gewickelt hat. Er wird zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Johannas Mutter geht es mit diesem Urteil ein wenig besser. Trotzdem sagt sie: „Damit kann ich nie abschließen. Ich habe ein Kind verloren. “
Im Gefängnis kommt Rick nicht gut an.
Ein Mitinsasse, selbst Familienvater, lässt den Kindermörder Blut schmecken. Selbstjustiz ist nicht in Ordnung, und trotzdem hält sich das Mitleid in Grenzen. Einen Satz von Johannas Mutter wird man nicht vergessen, als sie fragt: „Warum ausgerechnet unser Kind? “ Man hätte es Johannas Vater so sehr gewünscht, dass er die Auflösung des Falls noch miterlebt, dass er neben Gabriele im Gerichtssaal sitzen kann.
Man hofft nur, dass die beiden irgendwo vereint sind und vielleicht sogar alles von oben beobachten konnten.


