Am 29. Juni 1994, in einem Grazer Gerichtssaal, herrschte eine Spannung, die man fast mit Händen greifen konnte. Ich saß dort, inmitten von Journalisten, und blickte auf einen Mann, der meine Ermittlungen über Jahre bestimmt hatte. Jack Unterweger.

Angeklagt, elf Frauen ermordet zu haben. Sexarbeiterinnen. Brutal erdrosselt, mit ihren eigenen Kleidungsstücken gefesselt, ihre Leichen zur Schau gestellt. Und dieser Mann, der da saß, war nicht irgendein Schwerverbrecher.
Er war ein gefeierter Autor, ein Frauenheld, der Liebling der österreichischen Kulturszene. Er war der Mann, der vor nur anderthalb Jahren aus einer lebenslangen Haftstrafe entlassen worden war, gefeiert als das Musterbeispiel einer gelungenen Resozialisierung. Ich bin Ernst Geiger. Damals leitete ich die Wiener Mordkommission.
Der Fall Unterweger sollte mein Leben und meine Karriere prägen wie kein anderer. Wenn man die nackten Fakten aneinanderreiht, klingt seine Geschichte wie ein ungläublicher Kriminalroman. Ein Mann wird wegen eines brutalen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, verbringt 16 Jahre im Gefängnis, wird dank einer öffentlichen Kampagne, die ihn als geläuterten Schriftsteller feiert, vorzeitig entlassen – und beginnt fast sofort wieder zu morden. Bevor er überhaupt entlassen wurde, kannte ich seinen Namen aus den Medien.
Es gab endlose Zeitungsberichte, Radio- und Fernsehbeiträge über diesen Häftling, einen verurteilten Mörder, der als Paradebeispiel einer gelungenen Resozialisierung galt. Resozialisierung, ein großes Wort. Aber bei vielen, die ins Gefängnis kommen, ist es gar keine Resozialisierung, sondern eine erste Sozialisierung. Viele von ihnen, so wie Unterweger, sind nie in einer funktionierenden Familie oder Gemeinschaft groß geworden.
Sie haben nie einen richtigen Beruf ausgeübt, sondern sind schon in jungen Jahren straffällig geworden. Jack Unterweger wurde am 16. August 1950 in Judenburg, Österreich, geboren. Der Zweite Weltkrieg war gerade fünf Jahre vorbei, das Land von alliierten Truppen besetzt.
Seinen Vater, einen US-amerikanischen Besatzungssoldaten, lernte er nie kennen. In seinem autobiografischen Roman „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“ zeichnete er das Bild einer brutalen Kindheit unter einem versoffenen, herumhurenden Großvater. Doch wie viel davon war Wahrheit, wie viel geschickte Inszenierung? Es gibt unzählige Spekulationen über seine Kindheit und Jugend, viele davon Fehlannahmen.
Unterweger selbst arbeitete aktiv daran, dass seine Geschichte zu einem Mythos wurde. Wenn man alle Quellen zusammennimmt, ist es schwer, die tatsächlichen Umstände seines Lebens von seiner Fantasie zu trennen. Man kommt zu dem Schluss, dass seine frühe Biografie weitaus komplizierter war, als es die unterschiedlichen Standpunkte der Quellen vermuten lassen. Genau wie später ihr Sohn Jack, wurde auch Theresia Unterweger als uneheliches Kind geboren.
Ihre Mutter verließ sie, und sie wuchs bei ihrem Vater auf, dessen Nachnamen sie allerdings nicht erhielt. Als Theresia sechs Jahre alt war, zog die neue Partnerin ihres Vaters, de facto ihre Stiefmutter, unverheiratet in das Haus ein. Heute würde man das eine Patchworkfamilie nennen, aber damals verstieß diese Art des Zusammenlebens stark gegen gesellschaftliche Normen. Ihr Vater, so ist es überliefert, kümmerte sich wenig um solche Regeln.
Er lebte, wie es ihm passte. Das Familienleben während Theresias Kindheit war konfliktreich. Ihr Vater wurde selbst von Personen, die ihm wohlgesonnen waren, als ungehobelt beschrieben. Theresia selbst beging schon im Grundschulalter erste Diebstähle.
Das setzte sich über Jahre fort. Mit 13 Jahren zog sie zu ihrer leiblichen Mutter, doch die starb nur wenige Monate später. Also kehrte sie in das Elternhaus zurück, in dem sie offensichtlich nicht gerne lebte. Zweifellos schmückte Jack Unterweger später die Geschichten über seine Familie und Kindheit aus.
Aber das Familiensystem war nachweislich bereits Jahre vor seiner Geburt dysfunktional. Mit 16 verließ Theresia ihr Elternhaus, arbeitete als Kellnerin und Bardame und kam wegen unbefugten Grenzübertritts, Diebstahls und Veruntreuung mehrfach ins Gefängnis. Mit 21 war sie mit der Rolle als alleinerziehende Mutter überfordert und kam fünf Monate nach Jacks Geburt erneut in Haft. Ihr Sohn wurde währenddessen von einer Pflegemutter versorgt, dann wieder von seiner Mutter, die ihn schließlich mit 18 Monaten zur Erziehung an ihren Vater, seinen Großvater, übergab.
Schon in diesen ersten anderthalb Jahren war Jack also einer instabilen Situation ausgesetzt. Solche häufigen Wechsel der Bezugspersonen wirken sich negativ auf die frühkindliche Entwicklung aus. Und er kam dann in ein Familiensystem, das so zerrüttet war, dass es bereits die Entwicklung seiner eigenen Mutter ungünstig beeinflusst hatte. In seinem Buch behauptete Unterweger, seine Mutter sei Sexarbeiterin gewesen und sein Großvater ein Alkoholiker, der ihn als Kind zu Viehdiebstählen mitgenommen habe.
Er erzählte, er habe kein eigenes Zimmer gehabt und im Bett seines Großvaters schlafen müssen, während dieser wechselnde Affären hatte. Belege dafür gibt es keine, wohl aber andere Indizien für Gewalt. Eine Nachbarstochter erinnerte sich, dass der etwa drei- oder vierjährige Jack von zu Hause ausriss und bei ihrer Mutter Schutz suchte. Als die Nachbarin den Großvater zur Rede stellte, reagierte der wütend und uneinsichtig.
Auch in der Schule häuften sich Auffälligkeiten. Einer Lehrerin fiel auf, dass Jack ungewöhnlich auf plötzliche Bewegungen anderer Menschen reagierte. Er riss dann die Hände hoch und ging in Deckung. Die Lehrerin schloss daraus, dass der Junge häufig körperlicher Gewalt ausgesetzt sein musste.
Im Laufe der Jahre verstärkten sich seine Verhaltensauffälligkeiten. Bezugspersonen fühlten sich überfordert und gaben die Erziehung an andere ab. Für ein Kind bedeutete das wiederholte Beziehungsabbrüche. Diese Wechselwirkung aus zunehmenden Verhaltensauffälligkeiten und Beziehungsabbrüchen trug dazu bei, dass er die auffällige Persönlichkeitsstruktur entwickelte, die sein späteres Leben prägen sollte.
Mit acht Jahren nahm ihn eine Großtante für ein halbes Jahr auf. Danach kam er für dreieinhalb Jahre in eine Pflegefamilie, die mit dem äußerst lebhaften Jungen ebenfalls überfordert war. Kurz nach seinem zwölften Geburtstag wurde er in einem Kinderheim untergebracht, bis er mit 15 eine Kellnerlehre begann. Aber auch hier konnte er nicht Fuß fassen.
Aus vier Lehrstellen wurde er entlassen, weil man ihm Diebstähle vorwarf. Es war der Beginn einer kriminellen Karriere. Es gibt unzählige Quellen, aus denen sich rekonstruieren lässt, wie viele ungewöhnliche und andere Menschen schädigende Entscheidungen Jack Unterweger traf. Anhand seiner eigenen Äußerungen in verschiedenen Kontexten lässt sich ableiten, dass er eine nicht statistisch durchschnittliche Art zu fühlen und zu denken hatte.
Diese Besonderheiten lassen sich mit Merkmalen der Psychopathy Checklist des kanadischen Kriminalpsychologen Robert Hare in Verbindung bringen. Dieses Instrument wird verwendet, um festzustellen, ob ein Straftäter eine psychopathische Persönlichkeitsstruktur aufweist. Die Liste besteht aus 20 Kriterien, die von null bis zwei bewertet werden. Ab 25 von 40 Punkten spricht man in Europa von klinisch relevanter Psychopathie.
Zu den Merkmalen gehören frühe Verhaltensauffälligkeiten, Jugendkriminalität, vielseitige Kriminalität, Missachtung von Regeln, ein ständiges Gefühl von Langeweile, hohe Impulsivität, promiske Sexualität, ein parasitärer Lebensstil, das Fehlen realistischer Ziele, verantwortungsloses Verhalten, oberflächlicher Charme, eine überdurchschnittliche Neigung zum Lügen, manipulatives Verhalten, ein grandioses Selbstwertgefühl, oberflächliche Gefühle, schlechte Verhaltenskontrolle, Gefühlskälte und das Fehlen von Reue oder Schuldgefühlen. Bereits in seiner Kindheit und Jugend zeigte Jack Unterweger diese Verhaltensauffälligkeiten. Er wurde als ein zu Unwahrheit und Manipulation neigendes Kind beschrieben. Ab dem 16.
Lebensjahr wurde er immer wieder verurteilt, anfangs wegen Diebstählen und Einbrüchen, bald aber auch wegen sexuellen und körperlichen Gewalttaten gegen Frauen. Mit 20 Jahren vergewaltigte er eine Frau äußerst brutal. Die Tat erinnerte in ihren Merkmalen an die spätere Mordserie. Am Abend des 13.
Mai 1971 nahm er die Sexarbeiterin Monika H. in seinem Auto mit. Er überwältigte sie, fesselte sie mit ihrer eigenen Strumpfhose und missbrauchte sie mit einer als Stahlrute bekannten, in Deutschland verbotenen Schlagwaffe. Doch er hatte nicht mit ihrer Gegenwehr gerechnet.
Monika H. konnte sich befreien und entkam ihm. Er war impulsiv, tat, wonach ihm gerade war. Seine Entscheidungen waren stark von aktuellen Bedürfnissen geprägt, ohne längerfristige Konsequenzen zu bedenken.
Er hatte keine realistischen Lebensziele, sondern lebte im Hier und Jetzt. In dieser Zeit nutzte er zahlreiche sexuelle und vermeintlich romantische Beziehungen aus. Er manipulierte Frauen, sich in ihn zu verlieben, und nutzte die emotionale Abhängigkeit, um sie zur Prostitution zu drängen und ihnen das Geld abzunehmen. Man nennt das heute die Lover-Boy-Methode.
Unterweger war sich durchaus bewusst, dass seine Taten weit jenseits gesellschaftlicher Normen lagen. In einem späteren Interview sagte er: „Ich habe überhaupt keine Erwartungen gehabt, sondern ich habe mir in den Tag hinein gelebt, in einer gewissen Mischung aus Aggression, Gleichgültigkeit und eben einer gewissen geistigen Unfähigkeit, Dinge so zu erkennen, wie sie sich der Gesellschaft und dem Leben darstellen. “
Gefragt, warum er Frauen in die Sexarbeit manipulierte, nannte er kein finanzielles Motiv, sondern stilisierte sich zum Opfer: „Ich habe mir die aus gutem Hause gesucht, weil ich die Eltern im Auge gehabt habe. Und ich wollte praktisch die Eltern demaskieren, mich an den Eltern irgendwie rächen, weil die mir, sei es ein Hausverbot gegeben haben oder der Tochter verboten haben, mit mir auszugehen.
“
Seine Verantwortungslosigkeit war allgegenwärtig. Er übertrat Gesetze, schädigte Menschen, nachdem er sie emotional manipuliert und abhängig gemacht hatte. Und er hatte immer Erklärungen parat, warum er sich so verhielt. Er schob die Verantwortung auf andere und nahm sich selbst in einer Opferrolle wahr, die er nutzte, um vor sich selbst zu begründen, warum er all diese Entscheidungen traf.
Am 11. Dezember 1974 beging Jack Unterweger den Mord, für den er zum ersten Mal zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Er entführte gemeinsam mit seiner Freundin Barbara S. deren Nachbarin Margret S.
, um sie auszurauben. Sie fuhren auf einen abgelegenen Waldweg, angeblich um sie auszusetzen. Barbara S. blieb im Auto, während Jack Unterweger mit Margret S.
in den Wald ging. Doch statt sie freizulassen, schlug er auf sie ein und erdrosselte sie mit ihrem eigenen BH. Am 1. Juni 1976 verurteilte ihn das Landgericht Salzburg zu lebenslanger Haft.
Ein weiteres Verfahren wurde eingestellt: Unterweger war verdächtig, bereits 1973 die Sexarbeiterin Marika H. ermordet zu haben. Auch sie war mit ihrer eigenen Strumpfhose gefesselt und zusätzlich mit einer Krawatte, die im selben Ort gekauft worden war, wo sich Unterweger damals aufhielt. Doch für die Tatzeit hatte er ein Alibi.
Eine Freundin gab an, er wäre bei ihr gewesen. Erst als Unterweger bereits sechs Jahre im Gefängnis saß, widerrief die Freundin ihre Aussage. Der Fall wurde trotzdem nicht neu aufgerollt. Während der Haft nutzte er seine besonderen Fähigkeiten, um andere auszubeuten.
Er konnte sehr charmant auftreten, wusste genau, wie er sich bei wem präsentieren musste. Er log stark und umfassend, konnte dabei oberflächlich, aber überzeugend wirken. Er war darauf ausgerichtet, welche Menschen ihm wie nützen könnten. Und tragischerweise bot sich ihm in dieser Zeit die Möglichkeit, genau diese Eigenschaften auf besonders negative Art erfolgreich einzusetzen.
Im Gefängnis wandelte sich Jack Unterweger scheinbar grundlegend. Er holte den Hauptschulabschluss nach und las, was die Gefängnisbibliothek hergab. Im Selbststudium merkte er angeblich, dass er nicht Margret S. habe töten wollen, sondern seine eigene Mutter, die er für all sein Leid verantwortlich machte.
Er begann zu schreiben. Zuerst einen Gedichtband, dann den autobiografischen Roman „Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus“, in dem er sich als Opfer einer missratenen Kindheit inszenierte. Das Buch wurde ein Erfolg, sogar verfilmt. Unterweger wurde über Nacht berühmt und von der österreichischen Kulturszene gefeiert.
Sein Ziel war es, die Menschen davon zu überzeugen, dass er es durch eigene Gedanken und Selbstreflexion geschafft habe, sich selbst zu resozialisieren. Einfach durch Nachdenken und durch seine Fähigkeit, sich in Texten auszudrücken. Aus fachlicher Sicht erscheint diese Selbstinszenierung heute absurd. Aber damals war sie bedauerlicherweise erfolgreich.
Ein Gutachter hatte ihn vor Gericht einen gefühlsarmen, explosiven Psychopathen genannt und ihm hohe Rückfallgefahr attestiert. Trotzdem begann in der Kulturszene eine Kampagne für seine vorzeitige Entlassung. Ernst Geiger erinnert sich: „Er war das Vorzeigestück, auf den alle stolz waren. Die gesamte Kulturschickeria, aber auch das Justizministerium, der Strafvollzug.
Weil hier schien gelungen zu sein, dass man aus dem Mörder nicht nur einen Einbrecher machte, sondern sogar einen Schriftsteller. Man hat gesagt, der Mensch entwickelt sich weiter im Gefängnis, er hat sich positiv entwickelt, er ist zum Schriftsteller geworden. In Wahrheit war er nie sozialisiert. Es war gar nicht die Frage der Resozialisierung, sondern eine der Sozialisierung.
Und er hat sich eben sozialisiert, indem er die Literaturzeitschrift ‚Antwort Brücke‘ herausgegeben hat, indem er das Buch ‚Fegefeuer‘ geschrieben hat, indem er für die Kindersendung ‚Traummännlein‘ Beiträge geliefert hat. Das alles wurde berücksichtigt, aber das Gutachten hat bei der Entlassung niemand mehr besichtigt. “
Selbst die damalige österreichische Bundesministerin für Unterricht intervenierte. Unter diesem Druck entstand das Entlassungsgutachten.
Es wurde von einer sehr jungen, unerfahrenen Psychologin verfasst, die sich durch den Anstaltsleiter unter Druck gesetzt fühlte. Sie wusste, dass er die Freilassung erwartete, und schrieb ein positives Gutachten, obwohl sie wahrscheinlich nicht davon überzeugt war. Nach 16 Jahren Haft wurde Jack Unterweger am 23. Mai 1990 ohne Auflagen auf Bewährung entlassen.
Sein grandioses Selbstbild war in dieser Phase besonders stabil. Er glaubte, endlich die Anerkennung zu bekommen, die er seiner Selbstwahrnehmung nach verdiente. Er hatte viele sexuelle und vermeintlich romantische Beziehungen. Er wertete sich dadurch narzisstisch auf.
Die vielfältige Sexualität war ein Kick für ihn, und er nutzte die emotionalen Aspekte, um die Frauen auszubeuten. Da seine Einnahmen aus Buchtantiemen und Lesungen nicht für seinen extravagant Lebensstil reichten, brachte er viele Frauen dazu, ihn finanziell zu unterstützen. Gleichzeitig erlebte er Situationen, die er als kränkend wahrnahm. Seine Lesungen waren bei weitem nicht so erfolgreich, wie er es sich vorgestellt hatte, worüber er sich lautstark bei seinen Affären beschwerte.
Als Journalist wurde er nicht als ernsthafter, seriöser Reporter wahrgenommen, sondern nur für Beiträge über das Rotlichtmilieu und kriminelle Aktivitäten eingesetzt. Die Frustration wuchs. Fünf Monate nach seiner Entlassung, am 14. September 1990, reiste er mit zwei Freundinnen nach Prag.
Am nächsten Morgen wurde die Sexarbeiterin Blanca B. ermordet in einem Bachbett gefunden. Am 26. Oktober 1990 wurde in Graz die Sexarbeiterin Brunhilde M.
ermordet, während Jack Unterweger nachweislich in der Nähe war. Es folgten weitere Morde: Heidemarie H. am 5. Dezember 1990, Elfriede S.
am 7. März 1991, Sylvia Z. , Sabine und Regina P. im April 1991.
Die große geografische Verteilung in Prag und ganz Österreich verhinderte zunächst, dass die Polizei einen Zusammenhang erkannte. Das geschah erst mit einer Häufung von Morden in Wien. Ich wurde im Mai 1991 zum ersten Mal zu einem Tatort am Schottenhof gerufen. Da lag eine Frauenleiche nackt am Waldboden.
Die Beine weit gespreizt, in einer schockierenden Art zur Schau gestellt. Sie war bereits in einem Verwesungszustand, Teile waren von Tieren angefressen. Ihre Habseligkeiten waren um die Leiche herum verstreut. Es war eine sehr ungewöhnliche Auffindungssituation.
So findet man normalerweise keine Leichen. Insgesamt waren vier Prostituierte in kurzer Zeit in Wien verschwunden. Da war der Zusammenhang leicht zu erkennen. Die letzte Leiche fanden wir erst 11 Monate später.
Als wir diese Überprüfungen machten, rief ein Salzburger Beamter an und sagte: „Schaut euch den Jack Unterweger an! Der hat einen ähnlichen Mord in Salzburg gemacht. Dafür ist er nie verurteilt worden. Ich konnte ihn nie überführen.
Für den zweiten Mord in Deutschland ist er in Salzburg zu lebenslanger Haft verurteilt worden, aus der er erst vor kurzem entlassen wurde. “
Der ungeklärte Mord wurde ihm zum Verhängnis. Zu ähnlich war er den Morden von 1990 und 1991. Während die Polizei begann, Unterweger zu observieren, berichtete dieser als Reporter aus dem Rotlichtmilieu.
Er befragte Polizisten und Sexarbeiterinnen in Wien, Prag und Graz zur Mordserie und flog am 10. Juni 1991 nach Los Angeles, um über Sexarbeit in den USA zu berichten. Während er in L. A.
weilte, wurden innerhalb von zwei Wochen drei Sexarbeiterinnen ermordet aufgefunden. Alle in unmittelbarer Nähe seiner Hotels, alle erwürgt mit ihrem eigenen BH, alle drei Leichen fast identisch zur Schau gestellt. Doch bevor der Verdacht auf ihn fallen konnte, war Unterweger bereits zurück in Österreich. Die Sonderkommission befragte unterdessen Sexarbeiterinnen, ob sie Jack Unterweger kennen.
Die Grazer Kollegen wurden bei einem jungen Mädchen fündig, das ganz frisch im Strich war. Sie schilderte ein Erlebnis mit Unterweger. In dem Zeitpunkt, als sie das erzählte, wusste ich: Das ist unser Täter. Er hatte genau das Verhalten gezeigt, das unser Täter gehabt haben musste, um zum Erfolg zu kommen.
Er hatte sie nicht im städtischen Strichgebiet aufgenommen, im Auto, hat ihr Geschichte erzählt, er sei ein bekannter Journalist und Schriftsteller, konnte mit ihr nicht in der Stadt bleiben, hat sie mit mehr Geld gelockt, dass sie mit ihm in ein abgelegenes Waldgebiet fuhr. Dort brachte er sie in eine hilflose Lage und fesselte sie mit Handschellen. Nur hatte er sie nicht umgebracht. Warum?
Das wissen wir bis heute nicht genau. Aber das war genau das Verhalten. Ab dem Zeitpunkt wusste ich, das ist unser Täter. Unterweger entzog sich der österreichischen Justiz zunächst durch eine Flucht nach Miami.
Hier schrieb er ein langes Memorandum, in dem er seine Unschuld beteuerte. Vergeblich. Die US-Behörden waren ihm auf der Spur und nahmen ihn am 27. Februar 1992 fest.
Aus psychologischer Sicht lässt sich die Mordserie durch eine Kombination aus zwei Bereichen erklären. Einerseits die Art, die spezifischen Merkmale, die Auswahl der Opfer – das deutet auf das Ausleben gefährlicher, sexuell sadistischer Tötungsfantasien hin. Andererseits beging er die Taten als eine Form der Emotionsregulation und des Frustrationsabbaus. Er selbst beschrieb in Interviews, wie sich Frustrationen in ihm aufstauten, zu Wut wurden und die Gewalttat ihm half, sich wieder mächtig zu fühlen.
Insgesamt 647 Tage, knapp ein dreiviertel Jahr, war Jack Unterweger in Freiheit, bevor er in Miami verhaftet und nach Österreich überstellt wurde. Vor dem Landgericht Graz wurde er wegen Mordes in elf Fällen angeklagt. Noch immer selbstbewusst, forderte er die Geschworenen auf: „Ich werde meine Unschuld beweisen. Wenn sie mich bei einer Lüge erwischen, dann verurteilen Sie mich.
“
Er glaubte, durch Nachdenken in Zukunft andere Entscheidungen treffen zu können. Diese Selbsteinschätzung war komplett unrealistisch. Nachdenken allein reicht nicht bei so vielen Risikofaktoren. Er erkannte nicht, dass er durch Übung lernen musste, mit Gefühlen anders umzugehen, Impulse zu kontrollieren, realistische Ziele zu setzen.
Er log sich selbst genauso, wie er die Menschen um sich herum belogen hatte. Vor Gericht machte er eine schillernde Figur. Doch die Beweislage sprach gegen ihn. Alle elf Morde trugen die gleiche Handschrift.
Unterweger war nachweislich in allen elf Fällen zur fraglichen Zeit in der Nähe der Opfer. In neun der elf Fälle wurde er am 29. Juni 1994 des Mordes für schuldig befunden. In den beiden anderen sprach man ihn mangels verwertbarer Spuren frei.
Unterweger legte Berufung ein, starb jedoch noch in der Nacht der Verurteilung durch Suizid. Er erhängte sich in seiner Zelle – mit demselben Spezialknoten, mit dem auch die Opfer der Mordserie getötet worden waren. Das Verfahren musste aufgrund seines Todes eingestellt werden, weshalb das Urteil nicht rechtskräftig wurde. Der Mann, der sich als geläuterter Schriftsteller feiern ließ, hinterließ eine Spur des Todes.
Und die Frage, wie viel von seiner Geschichte wahr war und wie viel Inszenierung, bleibt bis heute unbeantwortet.
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