„Sieben Cent. Sieben Cent bekommt der Mann, der den Kakao für meine Tafel Schokolade angebaut, geerntet und getrocknet hat. Für die ganze Tafel. Während ich hier sitze und sie für zwei Euro aus dem Regal nehme, hat irgendwo in Westafrika ein Kind mit einer Machete in der Hand die Bohnen aus den Schoten geschlagen, für die mein Genuss am Ende nur einen verschwindend kleinen Bruchteil des Preises hergibt.

“
Ich stand letzte Woche im Supermarkt, vor dem Regal mit den Schokoladen. Milka, Ritter Sport, Lindt. Alles so ordentlich aufgereiht, glänzende Verpackungen, vertraute Marken. Ich griff nach einer Tafel, drehte sie um, las die Zutaten.
Kakao, Zucker, Kakaobutter, Emulgator. Mehr nicht. Auf der Vorderseite ein idyllisches Bergpanorama, eine lila Kuh, ein Versprechen von Heimat und Glück. Nichts deutete darauf hin, dass hinter dieser Tafel eine Geschichte liegt, die 5500 Jahre zurückreicht und die bis heute von Ausbeutung, gebrochenen Versprechen und bitterer Armut erzählt.
Schokolade. Jeder kennt sie, fast jeder liebt sie. Wir verschenken sie zu Weihnachten und Ostern, essen sie auf der Couch beim Fernsehen, kaufen sie an der Tankstelle, wenn der Tag lang war, und trösten uns mit ihr, wenn nichts anderes hilft. In Deutschland essen wir im Schnitt fast zwölf Kilogramm pro Jahr.
In der Schweiz sogar noch mehr. Pro Kopf geben wir in Deutschland jährlich rund 98 Euro für Schokoladenprodukte aus. Der globale Schokoladenmarkt wird auf rund 130 Milliarden Dollar geschätzt. Einer der erfolgreichsten Industrien der Welt.
Und gleichzeitig eine der umstrittensten. Das war 2025. Aber 5500 Jahre zuvor hatte alles ganz anders begonnen. Irgendwo im Hochland des heutigen Ecuador pflückte jemand eine gelbliche Frucht von einem Baum, brach sie auf und probierte das weißliche Fruchtfleisch, das die Bohnen umhüllte.
Dieser Mensch konnte nicht ahnen, was er damit in Gang setzte. Es ist die Geschichte von Göttern und Königen, von Eroberern und Erfindern, von Milliardenprofiten und bitterster Armut. Und sie beginnt an einem Ort, den die meisten nicht auf dem Schirm haben. Archäologische Untersuchungen in Santa Ana, im oberen Teil des Amazonasbeckens im heutigen Ecuador, belegen, dass die Kakaopflanze Theobroma cacao dort seit mindestens 3300 vor Christus kultiviert wurde.
5500 Jahre. Das bedeutet: Kakao gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheitsgeschichte. Älter als der Weinanbau in Europa. Älter als die Pyramiden von Gizeh.
Die Pflanze breitete sich entlang der Pazifikküste nach Norden aus und erreichte schließlich Mittelamerika. Und dort, an der mexikanischen Golfküste, begann alles. Die Olmeken waren das erste Kulturvolk, das Kakao gezielt anbaute und nutzte. Um 1500 vor Christus prägten sie das Wort „Kakawa“, aus dem sich über die Jahrhunderte unser heutiges Wort „Kakao“ entwickelte.
Was genau die Olmeken mit dem Kakao machten, wissen wir nicht sicher. Ihre Kultur hinterließ wenige schriftliche Zeugnisse, aber Linguisten haben das Wort in ihren Sprachfragmenten nachgewiesen, und bei Ausgrabungen fand man Spuren von Kakao in über 2000 Jahre alten Tongefäßen. Die Olmeken verschwanden, aber ihr Erbe blieb. Um 600 nach Christus übernahmen die Maya den Kakaoanbau und machten daraus etwas Größeres.
In den Tiefländern des heutigen Guatemala legten sie riesige Kakaoplantagen an. Für die Maya war die Kakaopflanze göttlichen Ursprungs. Sie verehrten den Kakaogott Ek Chuah und feierten ihm zu Ehren im April ein Fest mit Tieropfern und Geschenken. Kakao war nicht einfach Nahrung.
Kakao war heilig. Die Maya tranken ihn bei religiösen Zeremonien, nutzten die Bohnen als Zahlungsmittel und verzierten ihre Trinkgefäße mit kunstvollen Malereien und Inschriften, die genau zeigten, wofür der Becher bestimmt war. Diese Gefäße legten sie ihren Toten mit ins Grab. Wissenschaftler, die solche Tongefäße aus der Zeit um 750 nach Christus untersuchten, fanden darin Spuren von Koffein und Theobromin, beides Bestandteile von Kakao.
Die Maya bereiteten ihr Getränk mit Chili, Vanille und anderen Gewürzen zu und gossen die Flüssigkeit von einem Gefäß in ein anderes, um den begehrten Schaum zu erzeugen. Dieser Schaum galt als der köstlichste Teil des Getränks. Die Kakaopflanze diente den Maya auch als Heilmittel gegen Durchfall und Geburtsschmerzen. Kakaobutter nutzten sie wegen ihrer desinfizierenden Wirkung bei Entzündungen und Tierbissen.
Um 1200 nach Christus übernahmen die Azteken die Herrschaft über weite Teile Mittelamerikas. Auch sie verehrten Kakao, nannten die Bohnen „Cacahuatl“ und brauten daraus ein bitteres, scharfes Getränk mit dem Namen „Xocolatl“, was so viel bedeutet wie „bitteres Wasser“. Die Zubereitung war ein Ritual. Geröstete Kakaobohnen wurden auf einem heißen Stein zerrieben, mit kaltem Wasser und Gewürzen vermischt und mit einem Holzquirl schaumig geschlagen.
Das fertige Getränk wurde in goldenen Bechern serviert. Der Genuss war dem Königshaus, dem Adel, hohen Würdenträgern und den Kriegern vorbehalten. Der aztekische Herrscher Montezuma soll täglich dutzende Becher davon getrunken haben. Ich stelle mir das manchmal vor, wenn ich eine Tafel in der Hand halte.
Dieser Mann, der in einem prächtigen Palast in Tenochtitlan saß, umgeben von Gold und Edelsteinen, während draußen die Boten mit Säcken voller Kakaobohnen ankamen. Er wusste, dass dieser Kakao so wertvoll war, dass man dafür Kaninchen kaufen konnte. Für zehn Bohnen gab es ein Kaninchen, für hundert einen Sklaven. Kakao war Genussmittel, Zahlungsmittel und religiöses Symbol zugleich.
Die Azteken bauten selbst keinen Kakao an, weil das Klima im Hochland von Mexiko dafür zu ungünstig war. Stattdessen importierten sie die Bohnen über Tributzahlungen und Fernhandel aus den Regionen des heutigen Guatemala und Südmexiko. Die Fernhandelskaufleute transportierten die Bohnen über Hunderte von Kilometern aus den tropischen Tiefländern hinauf ins Hochland von Mexiko. Die Azteken glaubten, der Kakaobaum sei ein Geschenk der Götter an die Menschen.
1521 endete das Reich der Azteken. Und die Eroberer brachten etwas mit nach Hause, das die Welt verändern sollte. Christoph Kolumbus stieß bereits 1502 auf seiner vierten Reise in die Neue Welt auf Kakaobohnen. Er sah, wie die Einheimischen die braunen Bohnen behandelten, als wären sie Gold.
Als einige Bohnen aus einem Kanu fielen, stürzten sich die Einheimischen darauf, als hätten sie Edelsteine verloren. Kolumbus bemerkte das, verstand aber die Bedeutung nicht und ließ die Bohnen links liegen. Der Mann, der Amerika für Europa erschloss, übersah eine der wertvollsten Entdeckungen, die er hätte machen können. Siebzehn Jahre später landete der Konquistador Hernán Cortés an der Küste Mexikos.
Am Hof des aztekischen Herrschers Montezuma in Tenochtitlan beobachtete er, wie der Kaiser das bittere Kakaogetränk aus goldenen Bechern trank. Cortés war kein Feinschmecker, aber er war Geschäftsmann genug, um zu erkennen, dass diese braunen Bohnen Wert besaßen. Nach der Eroberung Mexikos 1521 brachte Cortés den Kakao nach Spanien. Und die Spanier hielten das Geheimnis fast ein ganzes Jahrhundert lang für sich.
Ich frage mich oft, wie dieser Moment gewesen sein muss. Ein Konquistador, der nach Europa zurückkehrt, beladen mit Gold, Silber und ein paar Säcken unscheinbarer brauner Bohnen, von denen niemand ahnt, dass sie die Welt verändern werden. Zuerst fanden die Europäer den bitteren, scharfen Geschmack abstoßend. Wer will schon ein Getränk aus kaltem Wasser, gemahlenem Kakao und Chilipulver?
Die Lösung war simpel. Zucker. Nachdem man anfing, Rohrzucker in den Kakao zu rühren, änderte sich alles. Am spanischen Hof wurde Trinkschokolade zum Modegetränk der Oberschicht.
1544 trank man sie erstmals offiziell bei Hofe. Religiöse Orden spielten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung. Mönche und Nonnen in den Klöstern bereiteten das Getränk zu und verbreiteten es über ihre Netzwerke in ganz Europa. Man schrieb der Schokolade medizinische Wirkung zu und behauptete sogar, sie habe luststeigernde Eigenschaften.
Wissenschaftlich bewiesen war das nicht, aber als Verkaufsargument funktionierte es prächtig. Durch dynastische Heiraten kam das Getränk von Spanien nach Frankreich und Italien. 1657 eröffnete in London das erste Schokoladencafé. Diese Schokoladenhäuser wurden schnell zu Treffpunkten der gehobenen Gesellschaft, vergleichbar mit den Kaffeehäusern, die zur gleichen Zeit aufkamen.
1673 schenkte der Holländer Jan Jans von Hesten in Bremen erstmals öffentlich Schokolade in Deutschland aus. In den Jahrhunderten darauf verbreitete sich das Getränk über den gesamten Kontinent. Überall dort, wo Europas Adel und reiches Bürgertum zusammenkamen, trank man Schokolade – an den Höfen von Versailles und Wien, in den Salons von Amsterdam und Venedig. Aber Schokolade blieb ein Luxusprodukt.
Kakao, Rohrzucker und Gewürze mussten über den Atlantik verschifft werden. Die Verarbeitung war aufwendig und teuer. Nur adlige und wohlhabende Bürger konnten sich das leisten. Für die breite Bevölkerung war Schokolade unerreichbar.
Das blieb über 200 Jahre lang so. Dann kam das 19. Jahrhundert. Und innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelten vier Erfindungen aus vier verschiedenen Ländern die Schokolade für immer.
Ich denke oft an diese Männer, wenn ich die Tafel in der Hand halte. Vier Männer, die nie voneinander wussten, deren Erfindungen sich aber zu etwas verbanden, das die Welt bis heute prägt. Hätte der Niederländer Coenraad van Houten seine Werkstatt in Amsterdam 1815 einfach geschlossen, würden wir heute vielleicht immer noch ein fettiges, bitteres Kakaogetränk schlürfen. Van Houtens Problem war simpel.
Kakaomasse besteht zu 53 Prozent aus Kakaobutter, und dieses Fett machte das Getränk ölig und schwer verdaulich. Bis dahin konnte man das Fett nur durch Aufkochen und Abschöpfen entfernen. Eine mühsame Methode mit mäßigem Ergebnis. Van Houten entwickelte eine hydraulische Presse, die den Fettgehalt auf 27 bis 28 Prozent senken konnte.
1828 ließ er das Verfahren patentieren. Was übrig blieb, war ein fettarmer Presskuchen, der sich zu feinem Kakaopulver zermahlen ließ. Das Kakaopulver, das wir bis heute in jedem Supermarkt finden. Van Houten entwickelte außerdem ein Verfahren, bei dem er das Pulver mit Natriumkarbonat behandelte.
Dadurch wurde die Farbe dunkler, der Geschmack milder und das Pulver löste sich besser in Wasser. Die Methode wurde als „Dutch Process“ bekannt und ist bis heute in Gebrauch. Zehn Jahre nach der Patentierung lief van Houtens Patent aus, und sofort übernahmen andere Hersteller das Verfahren. Zahlreiche Kakaopulver, damals „Kakaoessenzen“ genannt, kamen auf den Markt.
Die Preise fielen. Plötzlich konnten sich auch normale Bürger ein Kakaogetränk leisten. Die ausgepresste Kakaobutter, die bei der Herstellung von Kakaopulver übrig blieb, galt zunächst als Nebenprodukt. Aber sie stellte eine Frage, die niemand erwartet hatte: Was macht man damit?
Die Antwort kam 1847 aus England. Der Schokolatier Joseph Fry mischte Kakaobutter statt Wasser mit Kakaomasse und Zucker. Durch die Zugabe von Butter wurde die Masse weicher, flüssiger und ließ sich in Formen gießen. Die erste feste Tafelschokolade der Geschichte war geboren.
Das klingt nach einem kleinen Schritt, war aber ein Wendepunkt. Bis dahin war Schokolade immer ein Getränk gewesen – jahrtausendelang. Jetzt konnte man sie essen, in Formen gießen, in Papier wickeln und verschicken. Die ganze Schokoladenwelt, wie wir sie heute kennen, von der Praline über den Schokoriegel bis zum Osterhasen, geht auf diesen einen Moment zurück.
In der Schweiz lebte ein Mann namens Daniel Peter, der 1863 die älteste Tochter des Schokoladenfabrikanten François Louis Cailler geheiratet hatte. Peter war ursprünglich Kerzenfabrikant, aber als Petroleumlampen seine Kerzen vom Markt verdrängten, stieg er in das Schokoladengeschäft seines Schwiegervaters ein. Er war besessen von einer Idee: Milch und Schokolade zu verbinden. Jahrelang experimentierte er, scheiterte an Geruch und Haltbarkeit.
Die Milch wurde sauer, die Schokolade verdarb. Dann wechselte er von Milchpulver zu Kondensmilch. Sein Nachbar in Vevey, Henry Nestlé, hatte 1867 eine Säuglingsnahrung auf Milchpulverbasis entwickelt. Peter nutzte Nestlés Kondensmilch, und 1875 gelang ihm der Durchbruch: die erste haltbare Milchschokolade, die sich industriell produzieren ließ.
Der Geschmack war weich, süß und cremig, ganz anders als die bittere dunkle Schokolade, die man bis dahin kannte. Peters Milchschokolade war bewusst auf Familien und die wachsende Mittelschicht ausgerichtet. Bestellungen kamen aus der ganzen Welt, denn zunächst gab es keinen einzigen Konkurrenten, der eine vergleichbare Kombination aus Milch und Schokolade herstellen konnte. Ab 1887 verkaufte Peter seine weiterverbesserte Schokolade unter dem Markennamen „Gala Peter“.
Das Produkt wurde ein Erfolg, der weit über die Schweiz hinausreichte. Vier Jahre später, 1879, machte ein anderer Schweizer den letzten entscheidenden Schritt. Rodolphe Lindt erfand die Conche, eine Maschine, die Kakaopartikel über einen Zeitraum von bis zu drei Tagen so fein mahlte und die Kakaobutter so gleichmäßig verteilte, dass die Schokolade eine völlig neue Konsistenz bekam. Seidig, glatt, schmelzend auf der Zunge.
Vorher war feste Schokolade grob und körnig. Man musste sie kauen. Nach Lindt schmolz sie von selbst. Die Conche veränderte nicht nur die Textur, sondern auch den Geschmack.
Durch das lange Rühren verflüchtigten sich Bitterstoffe und Säuren, und das Aroma wurde runder und feiner. Lindts Verfahren wird in der Schokoladenproduktion bis heute eingesetzt. In der Schweiz setzten auch andere Pioniere Maßstäbe. Philippe Suchard entwickelte den Melangeur, eine Art Walzenmischer, der die Zutaten ideal vermengte.
Sein Unternehmen brachte später die Marke Milka auf den Markt. Die Schweiz, ein kleines Land ohne eigene Kakaoplantagen, wurde zum weltweit führenden Zentrum der Schokoladenherstellung. Nicht weil sie den Rohstoff hatte, sondern weil sie die Erfinder hatte. Vier Erfindungen, vier Jahrzehnte: die Kakaopresse, die Tafelschokolade, die Milchschokolade und das Conchierverfahren.
Zusammen formten sie die moderne Schokoladenindustrie. Die industrielle Produktion machte Schokolade billig und verfügbar. Was einst nur Könige und Adlige genießen konnten, stand plötzlich in jedem Laden. Schokolade wurde vom Luxus zum Massenprodukt.
Das war die helle Seite der Geschichte. Die dunkle Seite begann zur gleichen Zeit, denn irgendjemand musste den ganzen Kakao anbauen. Und die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen waren von Anfang an brutal. Schon die spanischen und portugiesischen Kolonialherren hatten den Kakaoanbau in Mittel- und Südamerika mit Gewalt ausgeweitet.
Sie brauchten Arbeitskräfte, und die indigene Bevölkerung wurde durch eingeschleppte Krankheiten und Zwangsarbeit dezimiert. Die Antwort der Kolonialherren war der transatlantische Sklavenhandel. Millionen Menschen wurden aus Westafrika über den Atlantik verschleppt, um auf Zuckerrohr-, Baumwoll- und eben auch Kakaoplantagen zu arbeiten. Bis ins 19.
Jahrhundert hinein waren es schätzungsweise neun Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat gerissen wurden. Ich denke oft an diesen Satz, wenn ich eine Tafel Schokolade esse: Die Schokolade, die an den Höfen Europas als Zeichen von Kultiviertheit und Eleganz galt, war von Anfang an mit Blut und Leid verbunden. Das eine ging nie ohne das andere. Als die Sklaverei im 19.
Jahrhundert nach und nach abgeschafft wurde, verlagerte sich der Kakaoanbau nach Westafrika. São Tomé, eine kleine portugiesische Kolonie vor der afrikanischen Küste, wurde zum Zentrum der globalen Kakaoproduktion. 1908 war São Tomé der größte Kakaoproduzent der Welt. Über 35.
000 sogenannte Kontraktarbeiter vom afrikanischen Festland schufteten auf den dortigen Plantagen. Der britische Journalist Henry Nevinson reiste auf die Insel und veröffentlichte 1909 einen Bericht unter dem Titel „Moderne Sklaverei“. Er beschrieb Zwangsarbeit, unmenschliche Bedingungen und Menschen, die wie Eigentum behandelt wurden. Der Bericht sorgte in Großbritannien für Aufsehen.
Der Schokoladenhersteller William Cadbury boykottierte daraufhin den Kakao von São Tomé. Der Boykott zwang die portugiesische Kolonialverwaltung, den Kontraktarbeitern die Rückkehr in ihre Heimat zu erlauben. Es war der erste dokumentierte Fall, in dem öffentlicher Druck eine Veränderung in der Kakaoindustrie erzwang. Ein einzelner Journalist und ein einzelner Unternehmer hatten ein System zum Wanken gebracht, das Tausende von Menschen ausbeutete.
Es hätte ein Wendepunkt sein können. Stattdessen fanden die Plantagenbesitzer einfach neue Arbeitskräfte. Sie holten Strafgefangene aus der portugiesischen Kolonie Mosambik und warben Arbeiter von den Kapverden an. Das System der Ausbeutung wurde nicht abgeschafft.
Es wurde nur verlegt. Und genau dieses Muster wiederholt sich bis heute. Ich stand also letzte Woche in diesem Supermarkt und hielt die Tafel in der Hand. Ich hätte sie einfach kaufen können, achtlos, wie immer.
Aber ich hatte vorher die Zahlen gelesen. Ich wusste, was ich in dem Moment wusste: Dass 70 Prozent der weltweiten Kakaobohnen heute aus der Elfenbeinküste und Ghana kommen. Dass auf den zweieinhalb Millionen Hektar Kakao in dieser Region bis heute massenhaft Kinder arbeiten. Dass eine Studie der Tulane University, die das US-Arbeitsministerium in Auftrag gegeben hatte, für die Erntesaison 2018/2019 zu einem erschütternden Ergebnis kam: Über eineinhalb Millionen Kinder in den Kakaoanbaugebieten der Elfenbeinküste und Ghanas waren von Kinderarbeit betroffen.
Fast jedes zweite Kind aus den landwirtschaftlichen Familien dieser Region – 45 Prozent. Noch schlimmer: 43 Prozent dieser Kinder waren bei der Arbeit gefährlichen Tätigkeiten ausgesetzt. 36 Prozent mussten mit scharfem Werkzeug arbeiten – mit Macheten, Haken und Messern. 29 Prozent schleppten schwere Lasten.
24 Prozent hantierten mit Agrarchemikalien. Kinder im Alter zwischen fünf und siebzehn Jahren. Und es sind nicht nur die Kinder der eigenen Familien. Mindestens 16.
000 Kinder wurden laut Erhebungen von Personen, die nicht ihre Eltern waren, auf westafrikanische Kakaofarmen gebracht. Oft läuft es so ab: Ein Menschenhändler kommt in ein Dorf in Burkina Faso oder Mali, setzt sich mit dem Familienerhaupt zum Abendessen und macht ein Angebot. Die Eltern, die selbst in extremer Armut leben, hoffen, dass ihre Kinder in der Elfenbeinküste eine bessere Zukunft haben werden. Stattdessen landen die Kinder auf Plantagen, arbeiten ohne Lohn, ohne Schulbildung, ohne Kontakt zu ihren Familien, ohne jede Perspektive, aus diesem Kreislauf herauszukommen.
Denn Kinder ohne Schulbildung werden erwachsene Arbeiter ohne Alternativen, und deren Kinder werden wieder auf den Plantagen stehen. Bis 2024 hatte sich an den Grundproblemen kaum etwas verbessert. Die Kakaobauern in Ghana und der Elfenbeinküste verdienen im Durchschnitt weniger als ein Dollar pro Tag. Das liegt unter der Grenze der extremen Armut.
Ich spiele das immer wieder durch in meinem Kopf. Dreißig Gramm Kakao stecken in einer durchschnittlichen Tafel Schokolade. Von dieser Tafel bekommt der Bauer, der den Kakao angebaut, geerntet und getrocknet hat, etwa sieben Cent. Sieben Cent.
Einige wenige Cent mehr pro Tafel würden die Verbraucher im Portemonnaie kaum bemerken, die Kakaobauern aber schon. Die restlichen 93 Prozent des Preises verteilen sich auf Zwischenhändler, Verarbeitung, Markenkonzerne und den Einzelhandel. Der größte Schokoladenhersteller der Welt, die Schweizer Barry Callebaut Gruppe, beliefert Konzerne wie Nestlé, Cadbury und Hershey und verkauft jährlich über eine Million Tonnen Schokolade. Allein in Deutschland geben die Menschen pro Kopf im Jahr rund 98 Euro für Schokoladenprodukte aus.
Milka, Ritter Sport und Lindt sind die beliebtesten Marken. Der Markt für Schokolade in Deutschland ist über acht Milliarden Euro schwer. Aber bei den Bauern am Anfang der Lieferkette kommt fast nichts davon an. Ich stelle mir das vor: Ein Mann in der Elfenbeinküste, der um fünf Uhr morgens aufsteht, um auf seine Kakaofarm zu gehen.
Er arbeitet den ganzen Tag in der Hitze, schneidet die Schoten von den Bäumen, spaltet sie auf, holt die Bohnen heraus, lässt sie fermentieren und trocknen. Am Ende des Tages hat er weniger als einen Dollar verdient. Und ich stehe hier, in einem klimatisierten Supermarkt in Deutschland, und halte eine Tafel Schokolade in der Hand, die weniger als zehn Prozent dieses Tageslohns kostet. Die Industrie wusste das seit Jahrzehnten.
2001, als große US-Medien ausführlich über Kinderarbeit und Menschenhandel auf westafrikanischen Kakaoplantagen berichteten, war die Empörung riesig. Der US-Abgeordnete Eliot Engel reichte im Kongress einen Gesetzentwurf ein, der ein Label für sklavenfreie Schokolade vorsah. Die Industrie geriet unter Druck. Mars, Hershey, Nestlé und fünf weitere Kakaokonzerne, darunter die Schweizer Barry Callebaut, unterschrieben daraufhin das Harkin-Engel-Protokoll.
Sie verpflichteten sich, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit in der Kakaoproduktion bis 2005 zu beseitigen und ein unabhängiges Zertifizierungssystem aufzubauen. 2005 kam und ging. Nichts geschah. Die Frist wurde auf 2010 verschoben, dann auf 2020, dann auf 2025.
Eine Evaluation der Tulane University stellte fest, dass von den sechs im Protokoll genannten Maßnahmen keine einzige vollständig umgesetzt worden war. Nicht eine. Eine ARD-Reportage kam 2010 zu dem Schluss, dass große Firmen wie Mars und Nestlé Kindersklaverei nach wie vor zumindest duldeten. Ich denke darüber nach, warum das so ist.
Die Unternehmen hatten das Protokoll vor allem deshalb unterschrieben, um ein schärferes Gesetz zu verhindern. Der Gesetzentwurf von Eliot Engel hätte ein bundesweites Zertifizierungssystem geschaffen, das klar angegeben hätte, ob der Kakao in einem Produkt mit Kindersklaverei geerntet wurde oder nicht. Die Industrie wollte das unter allen Umständen verhindern. Mit dem Protokoll übernahmen die Konzerne selbst die Verantwortung für die Beendigung der Kinderarbeit.
Das klingt gut. In der Praxis bedeutete es, dass genau diejenigen, die wirtschaftlich davon profitierten, dass die Arbeitskräfte billig blieben, sich selbst kontrollieren sollten. Als die Fristen verstrichen, gab es keine Sanktionen, keine Strafen, kein Eingreifen von außen. Das Protokoll war von Anfang an unverbindlich.
2007 versuchte die Industrie sogar, die Bedeutung einer zentralen Klausel des Abkommens neu zu definieren, um die eigenen Verpflichtungen weiter aufzuweichen. Gleichzeitig verschärfte sich die Lage auf dem Kakaomarkt dramatisch. Die Kakaopreise an den internationalen Börsen explodierten. Zwischen Januar 2023 und Januar 2025 stiegen sie um 365 Prozent.
Ernteausfälle durch extreme Wetterereignisse in Westafrika hatten die Erträge einbrechen lassen. Zeitweise kostete eine Tonne Kakao über 12. 000 Euro. Die Schokoladenpreise im Supermarkt stiegen um 14 Prozent.
Aber die Bauern profitierten kaum davon, weil sie weniger ernten konnten. Wer weniger erntet, hat weniger zu verkaufen, egal wie hoch der Kilopreis gerade ist. Gleichzeitig stiegen die Kosten für Düngemittel und Transport. In Ghana lag die Inflationsrate 2023 bei über 40 Prozent.
Die gesamte Lieferkette des Kakaos ist so aufgebaut, dass der Profit an der Spitze konzentriert bleibt und die Armut an der Basis bestehen bleibt. Rund fünf bis sechs Millionen Kleinbauernfamilien bewirtschaften Flächen von weniger als fünf Hektar und produzieren zusammen 90 Prozent des weltweiten Kakaos. Diese Familien haben keinen Einfluss auf den Weltmarktpreis, keine Verhandlungsmacht gegenüber den Konzernen und kaum Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder Infrastruktur. Und wir?
Wir nehmen die Tafel für zwei Euro aus dem Supermarktregal, brechen ein Stück ab und denken nicht weiter darüber nach. Wir wissen, dass die Schokolade irgendwoher kommt. Wir wissen vage, dass es Probleme gibt. Aber die Tafel schmeckt gut, der Preis stimmt, und der Alltag hat genug eigene Sorgen.
Ich will das hier nicht als Anklage formulieren. Es ist eine Beschreibung. Die Lieferkette zwischen der Kakaofarm in der Elfenbeinküste und dem Supermarktregal in Deutschland ist so lang und so verschachtelt, dass die Verbindung zwischen dem Produkt und den Menschen, die es herstellen, fast vollständig unsichtbar geworden ist. Genau darauf setzt die Industrie.
Es gibt Bewegungen, die versuchen, etwas zu verändern. Fair-Trade-Siegel und Zertifizierungen wie Rainforest Alliance garantieren den Bauern höhere Mindestpreise und verbieten die schlimmsten Formen der Kinderarbeit. In Deutschland ist der Absatz von fair gehandelter Schokolade in den letzten Jahren gestiegen. Unternehmen wie Tony’s Chocolonely haben ihr gesamtes Geschäftsmodell um das Versprechen gebaut, sklavenfreie Schokolade herzustellen.
Das europäische Lieferkettengesetz verpflichtet Unternehmen dazu, ihre Lieferketten auf Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen. Ob diese Maßnahmen ausreichen, steht auf einem anderen Blatt. Fair-Trade-Zertifizierungen decken bisher nur einen kleinen Bruchteil des globalen Kakaomarktes ab. Die Mehrheit der Kakaobohnen wird weiterhin ohne jede Zertifizierung gehandelt.
Die großen Konzerne setzen nach wie vor auf freiwillige Selbstverpflichtungen statt auf verbindliche Regeln. Und selbst zertifizierter Kakao garantiert nicht automatisch, dass keine Kinder auf den Feldern arbeiten. Die Kontrollen vor Ort sind schwierig. Die Plantagen liegen oft in abgelegenen Gebieten, und die lokalen Strukturen machen eine lückenlose Überwachung fast unmöglich.
Solange eine Tafel Schokolade im Supermarkt unter zwei Euro kostet, ist klar, dass irgendwo am anderen Ende der Lieferkette jemand den Preis dafür zahlt. Ein paar Cent mehr pro Tafel, durchgereicht an die Bauern, könnten den Unterschied zwischen Armut und einem halbwegs würdigen Leben ausmachen. Aber diese Cent bleiben in der Regel bei den Zwischenhändlern und Konzernen hängen. 5500 Jahre.
So lange begleitet Kakao die Menschheit. Vom heiligen Göttertrank der Maya, serviert in kunstvoll bemalten Tongefäßen bei Zeremonien im Dschungel Guatemalas, über das bittere Xocolatl der Azteken aus goldenen Bechern in Tenochtitlan, zum süßen Modegetränk am spanischen Hof in Madrid, zur körnigen Masse in van Houtens Amsterdamer Werkstatt, zur ersten Tafelschokolade bei Fry in Bristol, zur cremigen Milchschokolade von Daniel Peter in Vevey und zum seidigen Schmelz aus Lindts Conche in Bern. Eine Reise über Kontinente und Jahrhunderte. Von Mittelamerika über Europa nach Westafrika und von dort in die Supermarktregale der ganzen Welt.
5500 Jahre Kultur und Genuss. Und auch 5500 Jahre, in denen diejenigen, die den Kakao anbauten, selten diejenigen waren, die davon profitierten. Die Sklaven auf den Plantagen von São Tomé haben niemals Schokolade gegessen. Die Kinder auf den Kakaofarmen der Elfenbeinküste wissen oft nicht einmal, wie eine fertige Tafel Schokolade aussieht.
Sie haben das Endprodukt ihrer eigenen Arbeit noch nie probiert. Ich stand also letzte Woche in diesem Supermarkt. Ich hielt die Tafel in der Hand. Und ich wusste: Jedes Mal, wenn wir ein Stück Schokolade in den Mund nehmen, essen wir 5500 Jahre Geschichte.
Jede Tafel enthält die Erfindungen von Van Houten, Fry, Peter und Lindt. Jede Tafel enthält das Wissen der Maya und die Kühnheit der Azteken. Und jede Tafel enthält die Arbeit von Millionen Bauern in Westafrika, die für diese Geschichte den höchsten Preis zahlen. Die Schokolade schmilzt auf unserer Zunge.
Wir schmecken den Zucker und die Milch und den Kakao. Wir schmecken nicht die sieben Cent, die der Bauer dafür bekommen hat. Wir schmecken nicht die Machete in der Hand eines Kindes. Wir schmecken nicht die zwanzig Jahre gebrochener Versprechen.
Die echte Frage ist nicht, warum Schokolade so gut schmeckt. Die echte Frage ist, ob wir bereit sind, den Preis zu zahlen, den sie wirklich kostet. Ich habe die Tafel letztes Mal zurück ins Regal gelegt. Ich weiß nicht, ob ich das jedes Mal tun werde.
Ich weiß nur, dass ich seitdem nicht mehr so essen kann wie vorher. Und ich frage mich, ob das der Anfang von etwas ist – oder ob ich in einer Woche wieder achtlos zur Milka greife, weil der Alltag stärker ist als jedes Wissen. Diese Frage kann ich noch nicht beantworten.


