Der Anruf kam an einem gewöhnlichen Vormittag im Jahr 2025. Christine saß zu Hause, als das Telefon klingelte. Am anderen Ende war die Polizei. Die Worte, die die Beamten ihr sagten, wollten in diesem Moment einfach nicht in ihren Kopf.

Sie konnte sie nicht fassen, nicht begreifen. Erst als sie den Hörer langsam beiseitelegte und die Stille in ihrem Zimmer sie umgab, begann die Bedeutung dieser Worte langsam durchzusickern. Vier Jahrzehnte hatte sie auf diesen Moment gewartet, vier Jahrzehnte hatte sie gehofft, gebetet und immer wieder bei der Polizei angerufen. Und jetzt, nach all dieser Zeit, sollte es wahr sein?
Sie stand auf, ihre Beine fühlten sich schwer an, und sie wusste genau, wohin sie jetzt fahren musste. Es gab einen Ort, an den sie sich begeben musste, um diese Nachricht zu teilen. Die Geschichte beginnt Jahre zuvor, in einer Zeit, die für die junge Maria Köhler voller Träume und Versprechen gewesen sein muss. Aschaffenburg, eine Stadt mit romantischer Altstadt, verwinkelten Gassen und Fachwerkhäusern, war Marias Zuhause.
Hier, in der Lambrechtstraße 2, stand das Schwesternwohnheim, ein hoher, rechteckiger Wohnblock mit überwiegend weißer und grauer Fassade. Im fünften Stock, in Zimmer 506, hatte die junge Frau ihr kleines Reich geschaffen. Das Zimmer war schmal und funktional eingerichtet, aber es trug ihre persönliche Note. Ein kleines Regal mit Zimmerpflanzen stand an der Wand, auf einem Tisch waren Flaschen und Gläser arrangiert, als hätte gerade noch jemand dort gesessen.
Die Jalousien waren halb heruntergelassen, dahinter schimmerte das Licht der Stadt. Ein dunkler Teppich mit floralem Muster bedeckte den Boden. Es war das Zimmer einer jungen Frau, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatte, ein Leben, das gerade erst richtig beginnen sollte. Maria war neunzehn Jahre alt und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester im städtischen Krankenhaus von Aschaffenburg.
Sie war ein lebensfroher Mensch, bekannt für ihr ansteckendes Lächeln und ihre warmherzige Art. Sie hatte zwei Schwestern, mit denen sie aufgewachsen war, mit denen sie gelacht, gestritten und Geheimnisse geteilt hatte. Besonders zu ihrer Schwester Christine hatte sie ein enges Verhältnis. Maria hatte große Pläne für die Zukunft.
Nach ihrer Ausbildung wollte sie nach Afrika reisen, um dort zu arbeiten und Menschen zu helfen. Sie träumte von neuen Erfahrungen und fernen Orten. Und dann war da noch John, ein US-Soldat, der in der Nähe stationiert war. Er war ihr Lichtblick zwischen den stressigen Schichten und dem anstrengenden Alltag im Krankenhaus.
Mit ihm konnte sie lachen, mit ihm sprach sie über die Zukunft, und sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart. Am Sonntag, dem 29. Juli 1984, saß Maria im Zug nach Aschaffenburg. Sie war nicht allein.
John war bei ihr. Das Wochenende gehörte ihnen. Sie verbrachten den Abend zusammen in ihrem Zimmer im Wohnheim, redeten, kuschelten vielleicht, bis ihre Augen müde wurden, und schliefen Arm in Arm ein. Der nächste Morgen brach an, ein Montag, der 30.
Juli. Es war Zeit für den Abschied. John musste zurück in die Kaserne, und Maria hatte um die Mittagszeit ihre Schicht im Krankenhaus. Kurz vorher war sie noch einmal unterwegs und ging dann zurück zu ihrem Zimmer, um sich schnell umzuziehen.
Draußen vor dem Gebäude traf sie eine Kollegin und sie wechselten ein paar schnelle Worte. Beide waren in Eile, ein wenig spät dran, wie es eben manchmal passiert. Dann verschwand Maria im Inneren des Gebäudes. Es war etwa halb zwölf.
Um 12:30 Uhr sollte ihre Schicht im Krankenhaus beginnen. Doch Maria tauchte nicht auf. Zuerst dachten ihre Kollegen, sie hätte sich nur ein wenig verspätet, vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten. Aber die Zeit verging, und Maria kam nicht.
Auch im Unterricht fehlte sie unentschuldigt, ihr Platz blieb leer. Nach zwei Tagen machten sich ihre Kolleginnen ernsthaft Sorgen. Sie wollten, dass die Tür zu ihrem Zimmer geöffnet wurde, und auch die Vorgesetzte teilte diese Sorge. Sie alle wollten nach dem Rechten sehen.
Gegen 13:15 Uhr ging bei der Kriminalpolizeiinspektion Aschaffenburg die Meldung ein: Ein Mord im Schwesternwohnheim, Zimmer 506. Maria war tot. Ihr eigener Schal war noch immer um ihren Hals geschnürt, sie war damit erdrosselt worden. Der Tod war zwischen 12 und 13 Uhr eingetreten.
Zwei Tage lang hatte sie allein in ihrem Zimmer gelegen, während draußen das Leben weiterging. Menschen liefen durch die Straßen von Aschaffenburg, lachten, arbeiteten und planten ihre nächsten Tage, ohne zu ahnen, was sich im fünften Stock der Lambrechtstraße abgespielt hatte. Christine war an diesem Tag noch auf der Arbeit, als Krankenschwester in derselben Klinik, in der auch ihre Schwester die Ausbildung machte. Plötzlich wurde sie von der Schulschwester und jemandem vom Personalrat beiseitegezogen.
In diesem Moment hätte sie niemals ahnen können, was ihr gleich erzählt werden würde. „Es war schrecklich“, erinnerte sie sich später. „Dann haben sie mir geschildert, was passiert ist. “ Für Marias Familie fühlte es sich an, als würde die Welt zusammenbrechen.
Auf einmal wurde ihnen gesagt, dass Maria weg war und nicht mehr zurückkommen würde. Die Ermittlungen begannen sofort. Die Kriminalpolizei sicherte alle möglichen Spuren am Tatort und suchte in Marias Umfeld nach Hinweisen. Der Blick richtete sich schnell auf eine bestimmte Person: Marias Exfreund, Nasmi.
Er war Fußbodenverleger, fünfundzwanzig Jahre alt, eins neunundneunzig groß und schlank, mit vollem lockigem Haar. Ursprünglich stammte er aus der Türkei, wo er geboren worden war. Als Tourist war er nach Deutschland gekommen und hatte bald geheiratet, doch diese Ehe hielt nicht. Er musste zurück in seine Heimat, aber er wollte in Deutschland bleiben.
Hier hatte er Familie und Bekannte, und Maria sollte ihm dabei helfen. „Sie hat erzählt, dass er sie heiraten möchte, damit er hier bleiben kann“, sagte Marias älteste Schwester. „Aber Maria selbst hat gesagt, dass es nie für eine Heirat reichen würde. Sie hat gesagt: ‚Das kann ich nie machen.
Soweit sind wir nie zusammen, dass ich den heirate. ‘“
Etwa eineinhalb Jahre waren die beiden ein Paar gewesen, aber Maria hatte scheinbar keine gemeinsame Zukunft gesehen. Die Beziehung war beendet worden, etwas, das Nasmi offenbar nicht akzeptieren wollte. Und dann war da noch der neue Freund, der US-Soldat John.
Nasmi soll seine Exfreundin und den neuen Mann an ihrer Seite verfolgt und belästigt haben. Maria habe Angst vor ihm gehabt, habe sich bedroht und beobachtet gefühlt. Auch Marias Nachbarn fiel der große junge Mann mehrmals vor dem Schwesternwohnheim auf, und auch in der Notaufnahme des Krankenhauses, in dem seine Exfreundin arbeitete, war er aufgetaucht. Es gab Menschen, die bezeugen konnten, dass Nasmi Maria auch an jenem Morgen in der Fußgängerzone von Aschaffenburg nachgestellt hatte, etwa um 11:30 Uhr, anderthalb Stunden bevor sie starb.
In einer Sandgasse in Aschaffenburg hätten sie sich lautstark gestritten, bis eine Unbeteiligte einschritt und Maria sich aus der Situation befreien konnte. Zwischen 12 und 13 Uhr wurde Nasmi dann erneut gesehen, auf dem Gelände des Krankenhauses und in dem Wohnhaus, in dem Maria ihr Zimmer hatte. Die Ermittler wollten mit ihm sprechen, doch das stellte sich als schwierig heraus. Von Nasmi war keine Spur mehr zu finden, er war untergetaucht.
Sein Auto wurde am Flughafen in Frankfurt gefunden, aber er selbst war fort. Kurz nach der Tat wusste Nasmi scheinbar, dass er nicht ungestraft davonkommen würde. Er entschied sich für die Flucht. Ein Bekannter sah ihn, wie er sich einen Koffer kaufte.
Nasmi erzählte ihm, er müsse dringend aus familiären Gründen in die Türkei reisen. Am Morgen des 31. Juli ging er am Flughafen Frankfurt ins Reisebüro Savuk in der Abflughalle B. Am Schalter 347 kaufte er sich für 420 D-Mark in bar ein One-Way-Ticket, eins ohne Rückkehr.
Um 12:35 Uhr saß Nasmi im Flug TK 898 in Richtung Istanbul. Am frühen Abend Ortszeit landete die Maschine, und von da an verlor sich seine Spur. Wie kann ein Mensch einfach so verschwinden? Bei Nasmi schien es anders zu sein.
Wie ein Schatten bewegte er sich fort, praktisch ohne Spuren zu hinterlassen. Für die Ermittler war er der Hauptverdächtige, es wurde ein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt. Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg nahm Kontakt zu nationalen und internationalen Ermittlungsstellen auf, die Medien veröffentlichten Bilder des jungen Mannes. Doch er blieb unauffindbar.
Die Zeit verging, Maria war tot, und ihr Mörder war ein freier Mann. Für Christine blieb ein Loch im Herzen zurück. Jedes Jahr an Marias Geburtstag dachte sie an ihre Schwester. Sie hätte heute ein Jahr älter werden können, vielleicht einen Freund, einen Ehemann oder sogar Kinder haben.
Doch in Christines Kopf blieb Maria für immer die Jugendliche von damals, immer lebensfroh, immer fröhlich und gut gelaunt. Der internationale Haftbefehl gegen Nasmi bestand weiterhin. „Mord verjährt in Deutschland nicht, und auch ein Haftbefehl hat kein Verfallsdatum“, sagte der Oberstaatsanwalt. Marias Fall wurde zu einem Cold Case, einem kalten Fall.
Der Schmerz für die Angehörigen änderte sich dadurch nie. Statt Antworten blieben Zweifel, offene Fragen und das ständige Gefühl, dass da draußen ein Mensch frei herumlief, der einem geliebten Menschen das Leben genommen hatte. Eine Wunde, die niemals richtig heilen konnte. Aber aufgeben kam nicht in Frage.
Die Akte war nie vollständig geschlossen worden, sie wurde immer wieder auf mögliche neue Ermittlungsansätze geprüft. Im Jahr 2020 wurde eine Altfallgruppe gegründet, und im Jahr 2024 wurde der Fall noch einmal neu aufgerollt. „Mit der Wiederaufnahme des Falles Maria Köhler erhoffen wir uns die Festnahme des Beschuldigten, damit wir endlich Gerechtigkeit walten lassen können“, sagte der Leiter der Kriminalpolizei Aschaffenburg. Die Ermittler standen vor großen Herausforderungen.
Der Tatort existierte nicht mehr. Doch sie nutzten eine Technik, die die meisten nur aus Videospielen kannten. Im sogenannten Holodeck rekonstruierten Ermittler den alten Tatort digital in 3D. Dafür verwendeten sie originale Tatortfotos, Skizzen und Akten, werteten sie aus und setzten sie am Computer zu einem virtuellen Raum zusammen.
Mit VR-Technik konnten sie Jahrzehnte später wieder durch Marias Zimmer gehen, Blickwinkel prüfen und den möglichen Tatablauf rekonstruieren. Und siehe da, vor allem eines fiel ihnen bei ihren Untersuchungen ins Auge: ein Vorfall aus dem Jahr 1981, drei Jahre vor Marias Tod. Nasmi hatte gegen das Gesetz verstoßen und musste seine Fingerabdrücke abgeben. Die Fingerabdrücke vom Tatort konnten ihm zugeordnet werden.
Und nicht nur das: Sie hatten Bilder von ihm, seine Unterschrift und seine DNA. Der Schal, mit dem Maria erdrosselt worden war, wurde noch einmal genau unter die Lupe genommen und an Experten des Landeskriminalamtes geschickt, zusammen mit dem DNA-Profil von Nasmi. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde Nasmi als Verursacher in Frage kommen“, sagte die Staatsanwaltschaft. Es war nahezu gewiss, dass die DNA an dem Schal zu ihm gehörte.
Aber eine Frage konnte nicht geklärt werden: Warum? Christine hoffte, dass sie ihn eines Tages fassen würden. „Ich will, dass er seine Strafe kriegt“, sagte sie. „Alle zehn Jahre habe ich bei der Polizei angerufen, weil Mord ja nicht verjährt.
Aber das hat irgendwie nie was gebracht. “
Die Ermittler verfolgten Familienmitglieder des Hauptverdächtigen und erneut wurde öffentlich nach ihm gefahndet. Im März 2025 wandten sie sich an die Sendung Aktenzeichen XY, in einer Spezialausgabe, die sich alten Cold Cases widmete. Einiges wussten die Ermittler bereits: 2004 hatte Nasmi seine türkische Staatsangehörigkeit verloren, vermutlich weil er sich geweigert hatte, seinen Militärdienst anzutreten.
Damit wäre auch der Aufenthalt in der Türkei illegal gewesen. Die Ermittler hatten drei Theorien: Erstens, Nasmi könnte nicht mehr in der Türkei sein. Zweitens, da er auch Arabisch beherrschte, könnte er sich in den arabischen Raum abgesetzt haben. Drittens, er könnte wieder in Deutschland leben, vielleicht sogar unter falscher Identität.
Für Hinweise, die zu seiner Festnahme führen könnten, wurde eine Belohnung in Höhe von 10. 000 Euro ausgesetzt. Die Ermittler hatten recht damit, die Hoffnung nicht aufzugeben. Es gingen fünfzehn Hinweise aus der Bevölkerung ein.
Und einer davon führte in die Türkei. Die Ermittlungen erstreckten sich weit über die Landesgrenzen hinaus. Es war der 13. April, als der entscheidende Hinweis einging, der alles verändern sollte.
Vier Tage zuvor hätte Maria ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert. „Irgendjemand fehlt da immer“, sagte Christine. Jörg Albert, Ermittler der bayerischen Altfalleinheit, sagte: „Wir wussten, wo er sich aufhält, wie er lebt. “ Nasmi wurde nahe der türkisch-syrischen Grenze in seinem Heimatort ausfindig gemacht.
„Wir haben sukzessive, immer weitere kleine Mosaiksteine bekommen“, sagte der Kriminalhauptkommissar. „Wir wussten, wo er sich aufhält, was er den ganzen Tag macht. “ Ein verdeckter Ermittler schleuste sich in sein soziales Umfeld ein, belauschte Gespräche. In örtlichen Restaurants wurden Verhandlungsplakate mit seinem Namen und seinem Gesicht aufgehängt, bis jemand die entscheidende Handynummer gab.
Am Montag wurden die Ermittlungsbehörden über die Festnahme des Gesuchten in der Türkei informiert. Nasmi war in Handschellen gelegt worden. Seine Flucht hatte nach mehr als 40 Jahren ein Ende. Das Alter hatte seine Spuren hinterlassen.
Sein einstiges schwarzes Haar war inzwischen grau, auf seinem Kopf waren nur noch wenige Haare übrig, Falten lagen in seinem Gesicht. Jahre, die Maria nicht vergönnt waren. Schon kurz nach der Festnahme ließ er die Fassade fallen. Bei seiner Ankunft am Frankfurter Flughafen sagte er selbst, er sei für den Tod von Maria verantwortlich.
Am 12. September wurde der Mann nach Deutschland ausgeliefert. Sein neues Zuhause war eine Zelle in Untersuchungshaft. Als Christine den Anruf der Polizei erhielt, konnte sie es kaum fassen.
„Da war ich am Telefon zuerst richtig sprachlos“, sagte sie. „Erst als sie aufgelegt haben, setzte die Realität ein. “ Der Mörder ihrer Schwester war endlich gefasst. Sie stieg in ihr Auto und fuhr zum Friedhof.
Sie ging zu Marias Grab und erzählte ihr alles. Mit Tränen in den Augen sagte sie: „Irgendwie brauchte ich das. “ Lange hatte sie den Glauben daran verloren, dass der Fall noch geklärt und Nasmi noch gefunden werden würde. Für Marias Familie war das ein neuer Hoffnungsschimmer, aber auch eine schwere Zeit.
„Ich hoffe wirklich auf Gerechtigkeit“, sagte eine der Schwestern. „Es kommt wieder alles hoch, als wäre das jetzt vor einem oder zwei Monaten passiert. “ Marias Mutter war mittlerweile dement, und doch schien sie die Neuigkeiten zu verstehen. In ihren Augen sammelten sich Tränen, sie fing an richtig zu weinen.
Marias Vater würde die Nachricht nie mehr erfahren können, er war vor mehr als zwanzig Jahren gestorben, ohne Antworten. Christine und ihre Schwester wollten beim Prozess als Nebenklägerinnen auftreten. „Man sitzt dann praktisch dem Mörder von unserer Schwester gegenüber“, sagte Christine. „Das wird nicht einfach für uns.
“
Der Zeuge, der durch die Sendung Aktenzeichen XY den entscheidenden Hinweis geliefert hatte, sollte die versprochenen 10. 000 Euro Belohnung erhalten. Ein Sprecher des LKA sagte: „Eine Belohnung in dieser Höhe haben wir in den letzten Jahren definitiv noch nie ausbezahlt. “
Dann kam der Prozess.
Nasmi war mittlerweile 67 Jahre alt. Mehr als vierzig Jahre lang hatte er ein neues Leben gelebt, ohne sich für das zu verantworten, was er Maria angetan hatte. Doch dann gestand er. Nach all der Zeit gab er ein umfassendes Geständnis ab, er sprach etwa drei Stunden lang über die Tat, den Ablauf und seine Beweggründe.
„Er hat gesagt, dass er Maria getötet hat“, sagte Jörg Albert. „Das ist ein Gänsehautmoment. “ Für Marias Schwestern war das wichtig, es war eine Erlösung. Die Staatsanwaltschaft glaubte, dass Maria ihm klar gemacht hatte, dass es vorbei war, dass es kein Zurück mehr gab und dass er sie nicht mehr besuchen sollte.
Nasmi sagte, die Auseinandersetzung sei handgreiflich geworden, er habe ihren Schal gepackt und sie damit erdrosselt. Kurz darauf habe er sich das Flugticket gekauft, One Way in die Türkei. In Istanbul habe er sich versteckt. Er habe in der Türkei und in Syrien gelebt, sich eine neue Identität und einen neuen Namen zugelegt.
Und dann kam die Wahrheit ans Licht, die selbst die Ermittler überraschte: Mehrere Jahre lang hatte Nasmi gar nicht weit weg gelebt. 1998 war er nach Deutschland zurückgekommen und hatte sechzehn Jahre lang in Aschaffenburg gelebt, in der Stadt, in der er zum Mörder geworden war, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt, unter dem Alias Jamil Gar. Er hatte ein unauffälliges Leben als Handwerker geführt, ein normaler verheirateter Mann. Mit dieser falschen Identität hatte er von den deutschen Behörden eine Aufenthaltserlaubnis bekommen.
Er hatte geheiratet, gearbeitet und in Aschaffenburg gelebt, ohne aufzufallen. Erst 2014, nachdem seine Frau gestorben war, soll er wieder in die Türkei geflohen sein, in die Provinz Hatay. Er selbst sagte, er habe aus Angst vor den deutschen Behörden das Land verlassen. Am Prozessbeginn saß Nasmi im Gerichtssaal, in einer grünen Jacke, die Kapuze über den Kopf gezogen, den Blick gesenkt.
Aber verstecken konnte er sich jetzt nicht mehr. Christine trat als Nebenklägerin auf und saß dem Mörder ihrer Schwester gegenüber. Sie sah ihn einige Male an, aber er wich ihren Blicken aus, schaute immer irgendwo anders hin, vor allem in Richtung Boden. „Ich bin jetzt froh, dass es endlich soweit ist, weil das hat schon lange gedauert“, sagte sie.
Vor Gericht stand eine entscheidende Frage: War es Mord oder Totschlag? Nasmis Verteidigung sagte, ihr Mandant habe im Affekt gehandelt, es sei kein Mord gewesen. Er sei weder vor noch nach dem Tod von Maria je gewalttätig gewesen. Wenn das Gericht diese Version anerkennte, dann hätte das schwerwiegende Folgen.
Denn wenn es Totschlag war, wäre die Tat bereits verjährt, und Nasmi hätte es geschafft, ungestraft davonzukommen. Aber die Staatsanwaltschaft sah ein anderes Bild. Sie erkannte Heimtücke und niedrige Beweggründe, Mord aus übersteigerter Eifersucht und gekränkter Ehre. „Spätestens in dieser Situation fasste der Angeklagte den Entschluss, die geschädigte Maria Köhler zu töten“, sagte der Staatsanwalt.
Und es gab noch einen Verdacht: Die Beziehung könnte für Nasmi mehr gewesen sein als nur die Suche nach Nähe. Angeblich hatte Maria zugestimmt, ihn zu heiraten, um seinen Aufenthaltsstatus zu sichern, aber zwei bis drei Monate vor ihrem Tod hatte sie ihre Meinung geändert. Sie wollte ihn nicht mehr heiraten, und da war ja auch der neue Mann in ihrem Leben. Stellte sich das Gericht auf die Seite der Staatsanwaltschaft, dann könnte der 67-Jährige eine lebenslange Freiheitsstrafe erhalten.
Ende Juni sollte das Urteil fallen. Entweder ging Nasmi als freier Mann aus dem Prozess hervor, oder er musste sich endlich seiner Verantwortung stellen. Marias Familie hoffte auf Gerechtigkeit. „Auch wenn die Maria dadurch nicht mehr leben wird“, sagte Christine, „ich hoffe, dass er seine gerechte Strafe kriegt.
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