Die argentinische Polizei hat am 10. März 2005 einen der meistgesuchten Sektenführer der Welt gefasst. Paul Schäfer, Gründer der berüchtigten Colonia Dignidad, war jahrzehntelang auf der Flucht.

Seine Festnahme in einem Versteck nahe der chilenischen Grenze beendet eine Schreckensherrschaft, die unzählige Leben zerstörte. Der 84-Jährige hatte sich mit einer kleinen Gruppe treuer Anhänger nach Argentinien abgesetzt, um dort eine neue Kolonie zu errichten. Doch diesmal konnte er seinen Häschern nicht entkommen.
Die Geschichte von Paul Schäfer beginnt 1945 im Rheinland, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der damals 23-Jährige war von der Wehrmacht ausgemustert worden und hatte den Krieg als Sanitäter erlebt. Ohne Schulabschluss und Berufsausbildung suchte er nach einer Möglichkeit, über die Runden zu kommen.
Er bewarb sich bei christlichen Organisationen als Jugendpfleger. Diese Position nutzte er systematisch aus, um seine pädokriminellen Neigungen zu befriedigen.
Schäfers Taten fielen immer wieder auf, doch er wurde nie angezeigt. Die Institutionen, für die er arbeitete, waren mehr an ihrem eigenen Ruf interessiert als am Schutz der Kinder. In der damaligen Zeit war das Thema sexueller Missbrauch völlig tabuisiert.
Diese gesellschaftliche Blindheit ermöglichte es Schäfer, immer weiter Kinder und Jugendliche zu missbrauchen. Er entwickelte eine gefährliche Gabe: Er war ein charismatischer Redner, der Menschen in seinen Bann ziehen konnte.
Schäfer wurde Laienprediger und zog mit Bibel und Gitarre durch Deutschland. Er predigte vom Teufel und der Sünde, von einem Leben ohne 𝒔𝒆𝒙 und Besitz. Dieses Leben nannte er das Paradies.
Seine Predigten sind teilweise als Tondateien erhalten. Er nutzte gezielt den christlichen Glauben seiner Zuhörer und formte ihn nach seinen eigenen Zielen um. Er wählte selektiv Bibelzitate aus und interpretierte sie so, dass sie genau zu dem passten, was er von seinen Anhängern wollte.
Die Menschen, die sich ihm unterwarfen, wurden zu willenlosen Marionetten. Schäfer forderte zunächst zehn Prozent, später alles an Einkommen für die Gemeinschaft. Mit diesem Geld kaufte er 1954 in der Nähe von Bonn ein Stück Land.
Hier ließ er seine Anhänger ein Zuhause für seine wachsende Sekte bauen. Offiziell war es ein Jugendheim für Waisenkinder und Kinder aus verarmten Familien. In Wirklichkeit war es ein Ort des Grauens.
Schäfer bestellte die ihm anvertrauten Jungen abends in sein Schlafzimmer und missbrauchte sie sexuell. Er verwendete dabei Manipulationsstrategien, die Täter in allen Zeiten und Kulturen anwenden. Zunächst war er freundlich zu den Jungen, gab sich als väterlicher Freund.
Die emotionale Abhängigkeit, die er erschuf, nutzte er dann für den Missbrauch. Die Jungen waren völlig verwirrt und hatten keine Worte, um zu beschreiben, was mit ihnen geschah.
Die meisten von ihnen vertrauten sich niemandem an. Diejenigen, die es taten, erlebten schrecklicherweise, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Ein Kernpunkt von Schäfers Lehre war, dass seine Anhänger täglich ihre Sünden beichten mussten.
Selbst intimste Details wurden von ihm sorgsam protokolliert. Diese Details nutzte er, um sie zu kontrollieren. Wenn das nicht half, drohten brutale Bestrafungen.
Seine Anhänger wussten, dass er Jungen abends zu sich in sein Schlafzimmer holte. Doch sie konnten oder wollten den Missbrauch nicht sehen. Menschen sehen das, was sie sehen wollen.
In der Psychologie nennt man das den Bestätigungsfehler. Schäfer zeigte häufig Verhaltensweisen gegenüber Kindern, die auffällig waren. Erwachsene, die in seinem Jugendheim arbeiteten, berichteten, dass regelmäßig Jungen bei ihm übernachteten.
Sie dachten, ach, wie nett von ihm, er ist so kinderlieb.
Menschen so auszunutzen und zu kontrollieren, wie Paul Schäfer es tat, beruht auf der Beeinflussbarkeit der menschlichen Psyche. Dabei muss es sich nicht um einen Kult oder eine Sekte handeln. Die gleichen kontrollierenden Verhaltensmuster finden sich auch in Familien, Beziehungen und Arbeitssituationen.
Dem Kern geht es immer darum, dass manipulierende Menschen oder Gruppen bestimmte Bedürfnisse auf Kosten anderer befriedigen wollen.
Die Menschen, die manipuliert werden, werden dadurch beeinflusst, dass zunächst ihre Gefühle und dann ihre Wahrnehmung manipuliert werden. Sie werden immer bereiter, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun möchten und die ihnen sogar schaden. Psychotherapeuten erklären derartige Manipulationen mit dem sogenannten BITE-Modell.
Es steht für vier Bereiche der Kontrolle: Behavior, Information, Thought und Emotion.
Behavior bedeutet, dass Betroffenen vorgeschrieben wird, wie und mit wem sie leben und befreundet sein dürfen. Information bedeutet, dass Betroffene von Internet, Zeitungen und anderen Informationsquellen ferngehalten werden. Thought bedeutet, dass Betroffene in ein stark vereinfachtes Weltbild gedrängt werden, in dem es nur Gut und Böse gibt.
Emotion bedeutet, dass Betroffenen Schuldgefühle eingeredet werden.
Schäfer lernte im Laufe der Zeit, wie Manipulation besonders gut funktioniert. Er verfeinerte diese Mechanismen immer weiter. Die Sekteninfo NRW hat eine Checkliste, anhand derer man konfliktreiche Gruppen und Sekten erkennen kann.
Umso mehr Punkte zutreffen, desto vorsichtiger sollte man sein. Doch noch war Schäfers Kontrolle nicht absolut.
1961 wandten sich die Eltern zweier Jungen aus Schäfers Heim an die Polizei. Die Staatsanwaltschaft Bonn beantragte einen Haftbefehl wegen Unzucht mit Abhängigen. Doch Schäfer bekam Wind von den Ermittlungen und floh aus Deutschland.
Seine Anhänger erfuhren nun, dass konkret gegen ihn wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ermittelt wurde. Dass sie das weiterhin nicht wahrhaben wollten, hatte damit zu tun, dass sie sich sonst eingestehen müssten, Teil seines Missbrauchssystems geworden zu sein.
Schäfer organisierte einen unglaublichen Plan. Er wollte seine gesamte Sekte von Deutschland nach Chile transportieren. Einige Heimkinder, die gegen ihn aussagen könnten, ließ er entführen und per Flugzeug nach Chile bringen.
Um seine Anhänger zur Auswanderung zu überzeugen, predigte er einen kurz bevorstehenden Dritten Weltkrieg. Dies war der nächste Schritt zur Erlangung absoluter Kontrolle.
Schäfer machte sich gezielt zunutze, dass viele seiner Anhänger den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatten. Er machte ihnen riesige Angst. Er sagte, der nächste Krieg stünde vor der Tür und nur er könne sie retten.
Mehr als 200 Anhänger folgten seinem Ruf. Das Jugendheim verkaufte die Sekte für 900. 000 D-Mark an die Bundeswehr.
Mit dem Erlös kaufte Schäfer in einer abgelegenen Gegend von Chile eine heruntergewirtschaftete Farm.
Hier gründete er sein Reich und nannte es Colonia Dignidad, Kolonie der Würde. Er brachte die Menschen an diesen abgelegenen Ort, nahm ihnen ihre Pässe und ihr Geld weg. Sie sprachen die Landessprache Spanisch nicht.
Ab diesem Moment waren sie ihm völlig ausgeliefert. In vier Jahren harter Arbeit errichteten Schäfers Anhänger ein ganzes Dorf. Ziel war es, auf dem Gelände vollkommen unabhängig von der Außenwelt zu sein.
Alle mussten mitarbeiten, auch die Kinder, 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Ihnen wurde immer wieder eingeredet, er sei der Messias und sie lebten im Paradies. Jegliches kritische Denken wurde komplett unterdrückt.
Schäfer sorgte dafür, dass die Kinder den sexuellen Missbrauch, den er beging, überhaupt nicht einordnen oder benennen konnten. Sie hatten keine Sexualkunde und verstanden nicht, was er mit ihnen tat.
Die Sekte wurde als gemeinnützige Organisation anerkannt. Colonia Dignidad unterstützte die Menschen aus der Umgebung massiv mit Essen und Kleidung. Schäfer ließ ein Krankenhaus bauen, in dem Menschen aus der Umgebung kostenlos behandelt wurden.
Das sicherte ihm die Unterstützung der größtenteils bettelarmen Bevölkerung. Schäfer selbst gab sich als Arzt aus und missbrauchte auch im Krankenhaus ihm anvertraute Kinder.
Mit Geschenken und Gefälligkeiten sicherte er sich das Wohlwollen von Polizei, Politik und Justiz. Es war das gleiche Muster wie vorher in Deutschland, nur viel größer. Kinderbetreuung, die Aufnahme von Waisen, ein kostenloses Krankenhaus.
Die Menschen wollten das Gute sehen und Schäfer gab ihnen sehr viel davon. Nicht nur die Menschen in seiner Kolonie waren davon geblendet, sondern auch Polizei, Politik, Justiz und sogar die deutsche Botschaft.
Schäfer kontrollierte alle Bereiche des Lebens in der Colonia Dignidad. Er predigte, dass Eltern nicht fähig seien, ihre Kinder richtig zu erziehen. Die Konsequenz war, dass Kinder von ihren Eltern getrennt, zusammengelegt und durch von ihm eingesetzte Gruppentanten betreut wurden.
Dies war der nächste Schritt der Verhaltenskontrolle. Diese Kinder lernten nie etwas anderes kennen als dieses Leben in Gruppen.
Schäfer übte extreme emotionale und körperliche Gewalt gegenüber den Menschen in der Kolonie aus. Dabei zeigte er besonderen Gefallen an der Demütigung von Menschen. Die Jungen missbrauchte er sexuell, den Mädchen gegenüber zeigte er andere Formen von Grausamkeit.
Diese war offenbar dadurch motiviert, dass er die Mädchen als potenzielle Konkurrenz den Jungen gegenüber wahrnahm.
1973 putschte sich in Chile der rechtsgerichtete General Augusto Pinochet an die Macht. Schäfer unterstützte seit Jahren rechte Gruppen in Chile. Er importierte Waffen und ließ die Putschisten in der Colonia Dignidad die Pläne für ihre Machtübernahme schmieden.
Nach dem Putsch öffnete Schäfer das weitläufige Gelände für den Geheimdienst des Diktators. Die Kolonie wurde zu einem Ort, wo Regimegegner gefoltert und getötet wurden.
Der Diktator selbst besuchte Schäfer nach dem Putsch und zeigte sich sichtlich beeindruckt vom Leben in der Colonia Dignidad. Schäfer fühlte sich durch die Zusammenarbeit mit Pinochet absolut sicher. Die beiden hatten einiges gemeinsam.
Sie waren beide nur auf die eigenen Bedürfnisse fokussiert und dabei absolut gewissenlos. Sie stellten fest, dass sie ihre jeweiligen Ziele besser erreichen konnten, wenn sie kooperierten.
Doch trotz aller Kontrolle sickerten immer wieder Details aus dem Leben in der Kolonie nach außen. 1966 floh ein hier aufgewachsener Jugendlicher und berichtete über Missbrauch und Gewalt. 1976 veröffentlichte die UNO einen Bericht über Menschenrechtsverletzungen in Chile und nannte die Colonia an erster Stelle.
Doch Schäfer war geschützt, nicht nur durch Diktator Pinochet. Er pflegte exzellente Kontakte zur deutschen Botschaft und nach Deutschland selbst.
Spitzenpolitiker der CSU besuchten wiederholt die Colonia Dignidad und leisteten in Deutschland Lobbyarbeit für die Sekte. Der deutsche Botschafter in Chile behauptete, es gäbe keine Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad. Trotz des extremen Systems, das Schäfer zur Kontrollausübung aufgebaut hatte, gab es immer wieder Menschen, die Zweifel äußerten und sogar versuchten zu fliehen.
An diesen Menschen statuierte Schäfer öffentliche Exempel.
Er folterte sie, sperrte sie ein und machte ganz klar, dass jeder Widerstand zwecklos sei. Immer mehr Details über Colonia Dignidad kamen ans Licht und in die chilenischen Medien. Doch Schäfer gab sich unbeeindruckt.
Mit August meinte er Augusto Pinochet, Chiles Diktator. Dessen Herrschaft endete 1990. Schäfer verlor seinen wichtigsten Schutz und versuchte, der Kolonie neue Legitimität zu geben.
Er benannte die Kolonie um in Villa Baviera, bayerisches Dorf, und öffnete sie für Außenstehende. Er ließ ein Schwimmbad bauen und eröffnete es mit einer bizarr anmutenden Rede. 1996 schmuggelte ein von Schäfer missbrauchter chilenischer Junge einen Brief aus der Kolonie.
Seine Mutter fuhr mit dem Brief nach Santiago und erstattete Anzeige. Diesmal begann die chilenische Polizei ernsthafte Ermittlungen.
Im Oktober 1996 erging ein Haftbefehl gegen Paul Schäfer. Doch der war gewarnt. Als die Polizei anrückte, versteckte er sich auf dem weitläufigen Gelände der Kolonie.
Ein Jahr lang konnte er sich hier verbergen. Dann floh er mit einer kleinen Gruppe Anhänger nach Argentinien. Hier wollte er eine neue Kolonie aufbauen.
Schäfer war über Jahrzehnte mit seinen Kontroll- und Missbrauchsstrategien durchgekommen.
Er wusste ganz genau, wie er Menschen manipulieren, von sich abhängig machen und totale Macht über sie ausüben konnte. Er wollte genau dies wieder tun. Mit über 70 Jahren war er noch extrem gefährlich.
Das erklärt den Großeinsatz der argentinischen Polizei. Am 12. März 2005, zwei Tage nach seiner Festnahme, wurde Paul Schäfer an die chilenischen Behörden übergeben.
In Chile liefen Verfahren unter anderem wegen des Verschwindens von Regimegegnern. Er war bereits in Abwesenheit wegen des sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern verurteilt. 2006 folgte ein weiteres Urteil.
Schäfer wurde des Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen für schuldig befunden. Er wurde zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Es folgten weitere Prozesse, deren Ende Schäfer jedoch nicht mehr erlebte.
Er starb am 24. April 2010 im Gefängniskrankenhaus von Santiago de Chile. Paul Schäfer ist schon lange tot, doch die Manipulationsstrategien, die er anwandte, funktionieren auch heute noch.
Der beste Schutz vor solchen Manipulationsstrategien ist der, sie zu verstehen und zu erkennen. Dadurch ist es möglich, ihnen nicht zu unterliegen oder ihre Effekte zumindest noch rechtzeitig abzuwenden.


