Aschaffenburg, 22. Mai 2018 – Drei Jahrzehnte nach einem brutalen Mordversuch an einer jungen Frau steht der mutmaßliche Täter endlich vor Gericht. Die 51-jährige Ursula B.

, damals eine 22-jährige Friseurin, überlebte die Attacke im Januar 1988 nur durch einen glücklichen Zufall und ihren unerschütterlichen Lebenswillen. Nun, 30 Jahre später, beginnt der Prozess gegen Jürgen R. , einen 55-jährigen Mann aus Haibach bei Aschaffenburg, der durch einen spektakulären DNA-Treffer nach jahrelanger Ermittlungsarbeit überführt wurde.
Der Fall, der die Region erschütterte, begann in der Nacht zum 4. Januar 1988. Ursula B.
verließ gegen 2 Uhr morgens die Diskothek “Nachtcaffee” in Aschaffenburg. Sie ging zu ihrem weißen Mitsubishi Colt, der in der Nähe geparkt war. Als sie sich hinters Steuer setzte, riss ein Mann die Tür auf, drückte ihr einen Schraubenzieher an den Hals und zwang sie, loszufahren.
“Man glaubt nicht, dass es die Realität ist”, erinnert sich Ursula B. heute an den Moment des Überfalls. Der Täter dirigierte sie in ein Waldgebiet am Hasenkopf, nahe der Gemeinde Haibach.
Dort begann ein Martyrium, das drei Stunden dauerte: Er schlug sie, fesselte sie, verbündete ihr die Augen und vergewaltigte sie mehrfach. “Dann fing er an, mich zu schlagen, zu fesseln, die Augen verbunden”, beschreibt sie die Qualen. “Ich dachte nur: Bitte hör auf, lass es mich überleben.”
Nach der Tat versuchte er, sie mit 16 Stichen eines Schraubenziehers zu töten, bedeckte sie mit Erde und Laub und ließ sie für tot zurück.
Ursula B. kämpfte um ihr Überleben. Sie lag nackt und blutend im Wald, die Temperaturen um den Gefrierpunkt.
“Es hat nichts weh getan, es war mir nicht kalt”, erzählt sie. “Ich dachte, jetzt hast du die Schmerzen hinter dir. Ich sah ein Licht.”
Doch der Gedanke an ihre Mutter und ihre kleine Schwester gab ihr die Kraft, sich zu bewegen. “Die beiden kamen mir in den Kopf, und ich sagte: Nein, du kannst nicht liegen bleiben, die halten das nicht aus.” Sie kroch zur Straße, wo ein Direktor des Frankfurter Flughafens anhielt und sie ins Krankenhaus brachte.
Ihr Zustand war lebensbedrohlich: Die Ärzte stellten fest, dass ihre Arterie durchtrennt war, aber sie überlebte.
Die Polizei in Aschaffenburg startete sofort eine Großfahndung. Eine Sonderkommission mit 20 Beamten wurde aufgestellt. Sie fanden das Fahrzeug des Opfers auf einem Firmenparkplatz, aber die Spurensuche blieb zunächst erfolglos.
“Wir haben alles Menschenmögliche versucht”, sagt der damalige Leiter des Kommissariats 1, Peter Herrock. Über 1000 Hinweise gingen ein, aber keiner führte zur Spur des Täters. Die Ermittler waren frustriert: “Es ist frustrierend, wenn man einen Fall abgibt und sich fragt, ob man alles richtig gemacht hat.”
Die Soko wurde am 14. März 1988 aufgelöst, der Fall blieb ungelöst.
Ursula B. musste lernen, mit den Folgen der Tat zu leben. Sie begann zu joggen, um ihre Angst zu konfrontieren.
“Der Wald war immer mit dieser Tat verbunden”, sagt sie. “Aber ich wollte kein Opfer sein. Ich wollte normal sein.”
Sie heiratete, arbeitete weiter als Friseurin und versuchte, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch die Ungewissheit blieb: “Ich habe mich geschämt, dass mir das passiert ist. Man kann es nicht nachvollziehen.”
Im Jahr 2009 übernahm Kriminaldirektor Markus Schlemmer die Leitung der Kripo Aschaffenburg. Er hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ließ prüfen, welche Mordfälle noch ungeklärt waren. 17 Fälle standen auf der Liste, darunter auch der von Ursula B.
– obwohl es sich nur um einen versuchten Mord handelte. “Das ist ein Rechtsgut, unser höchstpersönliches Rechtsgut”, betont Schlemmer. “Es ist egal, wie alt der Fall ist.
Wir haben die Pflicht, ihn zu erforschen.”
2015 übertrug er die Aufgabe seinen beiden besten Ermittlern, Jörg Albert und Thomas Bütner. Sie durchforsteten die alten Akten im Keller der Polizeiinspektion. “Ich fand den Fall von Anfang an faszinierend”, sagt Albert.
“Die Vorgehensweise des Täters war so außergewöhnlich.” Sie lasen die Vernehmung von Ursula B. immer wieder: “Normalerweise gewöhnt man sich als Ermittler an solche Aussagen.
Aber in diesem Fall war es umgekehrt. Mit jedem Mal hat mich das mehr aufgeregt, was passiert ist.”
Die Ermittler setzten auf eine gezielte Medienstrategie, um neue Zeugen zu finden. “Ich hatte meine Hoffnung in die Öffentlichkeit gesetzt”, erklärt Bütner. “Das Verhalten des Täters war so außergewöhnlich, dass jemand ihn erkennen musste.”
Gleichzeitig suchten sie nach neuen Spuren. Im April 2015 entdeckte Albert in einem Ordner zehn Klebestreifen, die 1988 von den Autositzen des Mitsubishi Colt abgenommen worden waren. Sie waren nie untersucht worden.
“Das war eine Überraschung”, sagt Albert. “Ich habe sie sofort zum LKA geschickt.”
Im Labor des Landeskriminalamts München arbeitete Angelika Fürst, eine erfahrene medizinisch-technische Assistentin, an den Klebestreifen. “Es hat abtörnend ausgesehen, weil wenig Material drauf war”, erinnert sie sich. Sie suchte Zentimeter für Zentimeter nach Haaren, Hautschuppen und anderen Spuren.
Rund 50 Proben entdeckte sie, aber die DNA-Analyse ergab zunächst nur Spuren des Opfers. “Die Hoffnung habe ich schnell aufgegeben”, sagt Fürst. Aber sie gab nicht auf.
Bis September 2017 hatte sie insgesamt 500 Proben extrahiert und analysiert. Bei den letzten Klebestreifen von der Rückbank fand sie plötzlich eine männliche DNA-Spur. “Natürlich war ich aufgeregt”, sagt sie.
“Es ist etwas ganz Besonderes, wenn nach so vielen Jahren endlich etwas rauskommt.”
Der Abgleich mit der DNA-Analysedatei des Bundeskriminalamts lieferte einen Treffer: Die Spur führte zu Jürgen R. , einem 55-jährigen Mann aus Haibach. Er war 2004 wegen Vergewaltigung seiner damaligen Ehefrau verurteilt worden und seine DNA war nach der Haftentlassung in der Datei gespeichert.
“Das war eine sensationelle Nachricht”, sagt Albert. “Wir wussten, dass dieser Täter im Hetzprogramm war. Ohne diese Datei hätten wir keinen Treffer bekommen.”
Am 13. September 2017 erhielt das Kommissariat den Anruf. Albert war auf dem Weg zu einer Fortbildung, als ihn ein Kollege vorwarnte.
“Eine Minute später rief mich der Kommissariatsleiter an und sagte: ‘Wir haben einen Treffer'”, erinnert er sich. Die Ermittler stellten die “Ermittlungskommission Hasenkopf” auf und begannen, Jürgen R. rund um die Uhr zu observieren.
Sie durchsuchten seine Vergangenheit: Er war arbeitslos, schwerer Alkoholiker, hatte drei Kinder mit drei verschiedenen Frauen und eine “Broken-Home-Situation”. “Sein Lebensweg war sehr unrund”, sagt Albert. “Er hatte Suchtprobleme und war immer wieder in Strudel geraten.”
Am 22. Oktober 2017 brachen Bütner und Albert auf, um Jürgen R. festzunehmen.
“Die Anspannung war über Wochen gewachsen”, sagt Albert. Sie wollten den kommunikativen Weg gehen und verzichteten auf Sonderkräfte. Als sie an seiner Wohnung in Haibach klingelten, öffnete niemand.
Sie riefen die Feuerwehr zur Türöffnung. “In dem Moment riss der Täter die Tür auf und ließ einen Schrei fahren”, beschreibt Albert. “Der Kollege Bütner sprang vor Schreck zwei Meter zurück.”
Jürgen R. versuchte, die Tür zu schließen, aber Albert hatte seinen Fuß dazwischen. Sie drangen ein und nahmen ihn fest.
Noch am selben Tag gestand Jürgen R. die Vergewaltigung, aber nicht den Mordversuch. “Das war ein sehr außergewöhnlicher Tag”, sagt Albert.
“Wir wollten die Tat verstehen, aber nie akzeptieren.” Die Ermittler informierten Ursula B. über den Durchbruch.
“Das war unfassbar”, sagt sie. “Man fragt noch mal nach, kann es nicht beschreiben. Nach so langer Zeit, wo alles negativ war, plötzlich diese Nachricht.”
Der Prozess begann am 22. Mai 2018 in einem Container vor dem Justizgebäude in Aschaffenburg, da das Gebäude umgebaut wurde. Ursula B.
ließ es sich nicht nehmen, persönlich anwesend zu sein. “Ich wollte ihm zeigen: Ich bin hier. Du hast es nicht geschafft”, sagt sie.
Aber sie hatte nicht die Stärke, ihm in die Augen zu sehen. “Er hat die ganze Verhandlung nur unter sich geguckt. Er hat mich nicht angeschaut.”
Ihr Anwalt und Wolfgang Schwarz vom Weißen Ring standen ihr zur Seite. “Die Spannung war wahnsinnig”, sagt Schwarz. “Es gab entweder lebenslänglich oder Freispruch.
Ein Freispruch wäre eine Katastrophe gewesen.”
Am 25. Mai 2018 fiel das Urteil. “Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt”, verkündete der Vorsitzende Richter.
“Diese Last, die von den Schultern abfiel, war enorm”, sagt Schwarz. “Ich habe die Erleichterung bei Frau B. gespürt.”
Ursula B. atmete auf: “Es ist ein Abschluss. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken.
Es ist ein Neubeginn.”
Die Verurteilung von Jürgen R. war ein Triumph für die Kriminalpolizei Aschaffenburg. “Der Fall war die Geburtsstunde unserer Cold Case Unit”, sagt Schlemmer.
“Wir wollen nicht aufhören. Genau diesen Ethos, den die Kollegin beim LKA an den Tag gelegt hat, den wollen wir leben.” Für Ursula B.
bedeutet der Prozess das Ende einer 30-jährigen Qual. “Ich habe keinerlei schlechte Stimmung mehr”, sagt sie. “Ich drehe mich nicht mehr um.
Es ist alles leichter. Es ist schön.”
Der Fall zeigt, dass Gerechtigkeit auch nach Jahrzehnten noch möglich ist. Die DNA-Technologie und der unermüdliche Einsatz der Ermittler haben einen Cold Case gelöst, der lange als ungelöst galt. Ursula B.
hat ihr drittes Leben begonnen – nach der Tat und nach der Verurteilung. “Ich war nach dieser Tat nie mehr der Mensch, der ich vor der Tat war”, sagt sie. “Aber jetzt bin ich bereit für einen Neuanfang.”

