Heute Morgen stand ich an der Käsetheke, und plötzlich musste ich an die Worte meines Großvaters denken: „Käse ist kein Zufall. Käse ist ein Sieg.“ Ich lachte damals darüber. Bis ich herausfand,…

Heute Morgen stand ich an der Käsetheke, und plötzlich musste ich an die Worte meines Großvaters denken: „Käse ist kein Zufall. Käse ist ein Sieg.“ Ich lachte damals darüber. Bis ich herausfand,...

Die Käsetheke im Supermarkt. Du stehst davor, an einem ganz gewöhnlichen Dienstag, und du siehst sie: einen goldenen Bergkäse, einen weißen Schafskäse, einen Blauschimmel mit dunklen Adern, dazu ein Stück Camembert, weich und cremig. Du greifst zu, wirfst es in den Einkaufswagen, legst es später auf dein Brot. Dabei ahnt niemand, dass da ein Trick liegt.

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Ein uralter Trick. Einer, mit dem Menschen etwas besiegt haben, das eigentlich unbesiegbar schien. Das Verderben. Denn Milch verdirbt immer.

Einen Tag in der Wärme und sie ist sauer. Nach zwei Tagen ist sie ungenießbar. Käse dagegen hält Monate. Manche Sorten Jahre.

Irgendjemand muss also herausgefunden haben, wie man aus dem Vergänglichsten, was ein Bauernhof hergibt, das Haltbarste macht. Und es ist fast sicher ein Unfall gewesen. Die Geschichte, die man sich seit Jahrhunderten erzählt, beginnt mit einem Hirten irgendwo im Nahen Osten. Am Morgen füllt er frische Milch in einen Beutel aus dem getrockneten Magen eines jungen Kalbes.

So etwas war damals ganz normal: Tierhäute und Mägen waren die Wasserflaschen der frühen Zeit. Er hängt den Beutel an sein Reittier und läuft den ganzen Tag durch die Hitze. Als er abends trinken will, öffnet er den Beutel und findet keine Milch mehr. Stattdessen eine dünne, trübe Flüssigkeit und darin weiße, feste Klumpen.

Diese Geschichte ist eine Legende. Aber sie beschreibt exakt, was chemisch passiert. Und genau deshalb ist sie so hartnäckig. In der Magenwand junger Wiederkäuer sitzt ein Enzym.

Wir nennen es Lab. Es sorgt dafür, dass ein Kalb die Muttermilch seiner Mutter verdauen kann, indem es sie andickt. Trifft dieses Lab auf warme Milch, greift es das Milcheiweiß an und die Milch zerfällt in zwei Teile: in eine wässrige Flüssigkeit, die Molke, und in eine feste weiße Masse, den Bruch. Diesen Bruch schneidet man, salzt ihn, lässt ihn liegen – und schon hat man Käse.

Aber der eigentliche Grund war ein ganz anderer. Die frühen Bauern konnten Milch nämlich gar nicht trinken. Fast alle Erwachsenen waren damals das, was wir heute laktoseintolerant nennen. Ein Becher frische Milch machte sie krank.

Und hier liegt das eigentliche Wunder. Der Milchzucker ist wasserlöslich. Er bleibt in der Molke. Wenn der Bruch abtropft, läuft der größte Teil des Problems einfach davon.

Zurück bleiben Eiweiß und Fett. Käse war also die Lösung für ein Problem, bevor irgendjemand das Problem überhaupt verstanden hatte. Er gab den Menschen die Milch ohne die Krankheit. Jene Erbanlage, die es Erwachsenen erlaubt, Milch zu vertragen, verbreitete sich in Europa erst viel später.

Käse war der Umweg, den die Menschen nahmen, bis ihr Körper nachzog. Und wir wissen ziemlich genau, wann das begann. Im heutigen Polen fanden Archäologen Scherben von Tongefäßen, die überall mit kleinen Löchern durchsetzt waren. Sie sahen aus wie Siebe.

Als Chemiker die Poren dieser Scherben untersuchten, fanden sie Rückstände von Milchfett. Diese Siebe sind rund siebentausend Jahre alt und sie hatten genau eine Aufgabe: den Bruch von der Molke zu trennen. Das ist der Moment, in dem der Unfall aufhört, ein Unfall zu sein. Menschen bauten Werkzeuge, die nur für diese eine Sache taugten.

Sie machten Käse nicht mehr aus Versehen, sondern mit Absicht. Sie waren darauf angewiesen. Von da an taucht Käse überall dort auf, wo Menschen schreiben lernen. In den Tempelarchiven Mesopotamiens steht Käse auf Listen neben Getreide und Öl als Ration für Arbeiter.

Ein Brot, etwas Käse, ein Becher Bier – das war der Lohn für einen Tag harter Arbeit. Am Nil fanden Archäologen im Grab eines hohen ägyptischen Beamten ein verschlossenes Tongefäß. Darin: eine feste weiße Masse. Die Analyse ergab, es war Käse.

Über dreitausend Jahre alt. Jemand wollte ihn dem Toten mit ins Jenseits geben. Man gibt niemandem etwas Belangloses ins Grab. In Griechenland wird der Käse dann zum ersten Mal richtig lebendig.

In der Odyssee betreten Odysseus und seine Männer die Höhle des Zyklopen Polyphem. Und bevor irgendetwas Schreckliches passiert – und es passiert sehr viel Schreckliches in dieser Höhle – beschreibt Homer erst einmal ganz ruhig, was sie dort sehen. Körbe voller Käse. Eimer und Schüsseln, die von Molke überliefen.

Später melkt der Riese seine Tiere, lässt die Hälfte der Milch gerinnen und schöpft sie in Flechtkörbe zum Abtropfen. Das ist keine Fantasie. Das ist eine Arbeitsanleitung. Nebenbei erzählt, weil jeder Zuhörer sie ohnehin kannte.

So früh ist Käse schon im kulturellen Gedächtnis verankert. Noch älter ist ein Wort. Auf den Tontafeln der mykenischen Paläste, geschrieben in einer Silbenschrift, die man Linear B nennt, steht schon vor über dreitausend Jahren ein Zeichen für Käse. Es buchstabiert das griechische Wort „Tyros“.

Dasselbe Wort, das die Griechen tausend Jahre später immer noch benutzen. Käse gehört damit zu den ältesten Lebensmittelwörtern Europas, die wir überhaupt lesen können. Doch die Geschichte wird von hier an nur noch erstaunlicher. Denn dann kamen die Römer.

Und die machten aus dem Handwerk ein System. Der Landwirtschaftsschreiber Columella verfasste im ersten Jahrhundert nach Christus ein großes Werk über den Landbau. Darin beschreibt er die Käseherstellung Schritt für Schritt: wie man labt, wie man den Bruch presst, wie man salzt, wie man reifen lässt. Man könnte danach heute noch arbeiten.

Plinius der Ältere führte etwa zur gleichen Zeit eine Art Bestenliste und notierte, welche Käse aus welcher Provinz etwas taugten. Über den Käse aus der Gegend von Luna schrieb er: „Die Laibe seien so gewaltig, dass ein einziger tausend Pfund wiegen könne. “

Und die Legionen trugen den Käse durch ganz Europa. Denn harter, gereifter Käse verdirbt auf einem Marsch nicht.

Wo römische Soldaten lagerten, lernten die Einheimischen römische Technik und machten daraus etwas Eigenes. Mit ihrer Milch. In ihrem Klima. So entstand aus einer Technik eine ganze Vielfalt.

Als das Römische Reich zerfiel, hätte all das verschwinden können. Straßen verfielen, Märkte brachen weg, Wissen ging verloren. Doch der Käse überlebte an einem sehr stillen Ort: in den Klöstern. Mönche hatten alles, was Käse braucht.

Vieh. Kühle Keller. Und vor allem zwei Dinge, die sonst kaum jemand hatte. Sie konnten schreiben.

Und sie hatten Zeit. Denn ein Käse gibt sein Geheimnis erst nach Monaten Preis. Wer ihn besser machen will, muss warten können. Muss aufschreiben.

Und im nächsten Jahr eine Kleinigkeit anders machen. Genau das taten sie, Generation um Generation. Und sie lernten dabei die wichtigste Lektion von allen: Der Schimmel im Keller ist kein Feind. Er ist ein Werkzeug.

In Südfrankreich liegt unter einem eingestürzten Bergplateau ein Labyrinth aus Höhlen. Ständig zieht kalte, feuchte Luft durch sie hindurch. Wer dort Schafskäse lagerte, bekam ihn blaugeädert zurück. Scharf.

Kräftig. Ruhmreich. Im Juni des Jahres 1411 gab der französische König Karl VI. den Bewohnern eines winzigen Dorfes per Urkunde das alleinige Recht, diesen Käse in ihren Höhlen reifen zu lassen.

Ein Ort mit dreißig Haushalten, in einer Gegend, in der weder Wein noch Weizen wuchs, bekam ein königliches Privileg. Wegen eines Käses. In Italien gingen die Mönche einen anderen Weg. In den Klöstern rund um Parma und Reggio suchte man einen Käse, der Jahre überstehen sollte.

Also presste man mehr Wasser heraus und machte die Laibe größer und größer. Bis daraus riesige Räder wurden. Um 1350 beschrieb der Dichter Boccaccio ein Schlaraffenland, in dem ein ganzer Berg aus geriebenem Parmesan stand. Käse war zum Bild für Überfluss geworden.

Und er ist bis heute so wertvoll, dass eine italienische Bank ihn als Sicherheit annimmt. Seit den 1950er Jahren lagern in ihren Tresoren hunderttausende Laibe. Wer dort einen Kredit aufnimmt, hinterlegt kein Gold. Er hinterlegt seinen Käse.

Aber die überraschendste Wendung dieser ganzen Geschichte passierte in Deutschland. Und sie begann mit einer Katastrophe. Das Allgäu war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht grün, sondern blau.

Im Sommer standen die Hänge voller blühendem Flachs. Allgäuer Leinen war weit über die Region hinaus ein Begriff. Davon lebte man dort. Dann kam billige Baumwolle aus Amerika.

Dazu die mechanische Spinnerei. Und innerhalb weniger Jahre war das Leinen nichts mehr wert. Eine ganze Region verlor ihre Existenzgrundlage. Und für Getreide taugten diese Böden nicht.

Steile Hänge. Karge Wiesen. Lange Winter. Was dort wuchs, war Gras.

Und Gras kann ein Mensch nicht essen. Aber eine Kuh kann es. Einer hat das früher verstanden als alle anderen. Sein Name war Karl Hirnbein.

Geboren 1807 in einem Allgäuer Dorf. Als junger Mann reiste er nach Holland und Belgien, um zu lernen, wie man dort Weichkäse macht. 1830 eröffnete er in seinem Heimatort die erste Weichkäserei Süddeutschlands und machte den Limburger aus Allgäuer Milch. Wenige Jahre zuvor hatte ein Schweizer Käsemeister im Gunzesrieder Tal den ersten Emmentaler Deutschlands hergestellt.

Aus zwei Versuchen wurde ein Wirtschaftszweig. Binnen weniger Jahrzehnte gab es im Allgäu über einhundert Senereien. Doch Hirnbeins wichtigster Schritt hatte mit Käse zunächst gar nichts zu tun. Er ging in die bayerische Kammer der Abgeordneten und kämpfte dort für eine Eisenbahnlinie von Ulm nach Kempten.

1862 war sie fertig. Erst da konnte der Käse aus den Bergen die großen Städte erreichen, bevor er verdarb. Käsegeschichte ist eben immer auch Verkehrsgeschichte. Hirnbein kaufte am Ende fast hundert Alpen.

Man nannte ihn den Alpkönig. Manche nannten ihn den Retter des Allgäus. Und dann passierte in einem kleinen Allgäuer Ort etwas, das kaum jemand weiß. Nach dem Krieg von 1870/71 brach der Käseabsatz ein.

Zwei Brüder Kramer suchten in Wertach nach einem Käse, der länger hält. Sie erhöhten den Fettgehalt und vor allem das Salz. Heraus kam ein weißer, weicher, sehr kräftiger Käse. Der Weißlacker.

Zwei Jahre später bekamen sie darauf ein königlich-bayerisches Patent. Er gilt damit als der erste patentierte Käse der Welt. Und er ist bis heute der einzige Käse, der wirklich in Bayern erfunden wurde. Emmentaler, Bergkäse, Limburger – alles kam von woanders her.

Im Osten Preußens entstand ungefähr zur selben Zeit ein anderer deutscher Klassiker. Nach einer Pest, die dort ein Drittel der Menschen getötet hatte, holte Preußen Siedler ins Land. Darunter auch Schweizer Familien, die das Käsen mitbrachten. In einer Meierei bei der Stadt Tilsit entstand daraus ein würziger Käse, den man nach dem Ort benannte: den Tilsiter.

1946 wurde Tilsit sowjetisch und heißt seither Sowjetsk. Der Käse hat die Stadt überlebt, die ihm ihren Namen gab. Und im Norden zeigt sich, wie deutsch Käse wirklich gedacht wurde. Der Harzer entstand aus dem, was übrig blieb.

Man holte das Fett für die Butter heraus und aus dem mageren Rest machte man Käse. Käse war in Deutschland nie ein Luxus. Er war der kluge Umgang mit dem, was da war. Dann kam die Maschine.

1851 baute ein Farmer im Staat New York die erste Käsefachfabrik. Nicht mehr jeder Hof käste für sich, sondern die Bauern der Umgebung lieferten ihre Milch an einen zentralen Betrieb. Innerhalb von fünfzehn Jahren gab es allein dort Hunderte davon. Kurz darauf zeigte Louis Pasteur, dass man Flüssigkeiten durch Erhitzen haltbar machen kann.

Er dachte dabei an Wein und Bier, nicht an Milch. Aber die Folge für den Käse war gewaltig. Aus einem Handwerk, das auf Erfahrung und Glück beruhte, wurde ein steuerbarer Vorgang. Gewonnen wurden Sicherheit und Menge.

Verloren ging ein Teil jener wilden Vielfalt, die aus den Kellern der Bauern kam. 1911 gelang zwei Schweizern der letzte große Schritt. Sie schmolzen Emmentaler mit einem Salz und bekamen eine Masse, die nicht mehr nachreifte und praktisch ewig hielt. Den Schmelzkäse.

Ein paar Jahre später ließ sich ein Amerikaner namens Kraft ein ähnliches Verfahren patentieren. Und im Ersten Weltkrieg bestellte die amerikanische Armee mehr als sechs Millionen Pfund Käse in Dosen. Der Käse hatte sein letztes Problem verloren. Er konnte nicht mehr verderben.

Und damit sind wir wieder an der Theke im Supermarkt. Wenn man an Käse denkt, denkt man an Frankreich. Von Charles de Gaulle ist der Satz überliefert, wie man denn ein Land regieren solle, das 246 Käsesorten hat. Aber der größte Käseproduzent Europas ist nicht Frankreich.

Es ist Deutschland. Rund 2,7 Millionen Tonnen im Jahr. Weltweit die Nummer zwei hinter den Vereinigten Staaten. Jeder hier isst im Schnitt etwa 25 Kilogramm Käse pro Jahr.

Wie viele Sorten es auf der Welt gibt, weiß übrigens niemand genau. Die Schätzungen reichen von vierhundert bis über zweitausend. Am Anfang stand kein Erfinder und kein Plan. Nur warme Milch, ein Beutel aus einem Kälbermagen und ein langer Weg durch die Hitze.

Aus diesem Missgeschick wurde ein Vorrat für den Winter. Ein Lohn für Arbeiter. Eine Grabbeigabe. Ein Klostergeheimnis.

Ein königliches Recht. Und die Rettung einer ganzen Region. Milch ist das Vergänglichste, was ein Hof hergibt. Käse ist unsere Antwort darauf.

Und die liegt heute Abend ganz selbstverständlich auf deinem Brot.