Der Anruf kam um 16:45 Uhr, und ich kann mich noch genau an das Gefühl erinnern, das ich hatte, als ich aufgelegt habe. Meine beste Freundin wollte mich überreden, am Abend noch einmal mit rauszugehen, aber ich war einfach zu müde. Draußen lag der Abend vor mir, voller Möglichkeiten, aber in mir war nur diese wohlige Erschöpfung, dieses Gefühl, das man nach einem langen Tag hat, wenn man endlich zu Hause ist und sich nichts mehr wünscht, als auf der Couch zu verschwinden. Ich sagte Nein, ich sagte, ich müsse am nächsten Tag arbeiten, und das war auch so.

Die Arbeit in der Textilfabrik war anstrengend, die Schichten waren lang, und ich brauchte meinen Schlaf. Es war eine ganz normale Entscheidung, eine, die ich tausendmal zuvor getroffen hatte. Aber an diesem Abend war nichts normal, auch wenn ich es da noch nicht wusste. Mein Name ist Mareike, und ich lebe in Waldmünchen, einer kleinen Stadt im Osten Bayerns, nicht weit von der tschechischen Grenze.
Es ist der Ort, an dem ich mit meiner Mutter hingezogen bin, als ich klein war. Wir kamen aus Brandenburg, weg von allem, was wir kannten, und starteten hier neu. Waldmünchen ist idyllisch, wenn man es das erste Mal sieht. Ruhige Straßen, vereinzelte Häuser, viel Natur ringsum.
Man könnte meinen, die Zeit läuft hier ein kleines bisschen langsamer. Aber wenn man genauer hinschaut, sieht man auch die Risse in den Fassaden, den abgenutzten Putz, die Leere, die sich in den Straßen ausbreitet, wenn der Tag vorbei ist. Für junge Leute gibt es nicht viel. Eine Minigolfanlage, ein Erlebnisbad, aber keine großen Clubs, kein pulsierendes Nachtleben.
Es ist ein Ort, an dem jeder jeden kennt, und genau dieser Ort wurde mein Zuhause. Ich wuchs hier auf, ging hier zur Schule und fand Freunde, die mir wichtig wurden. Meine Mutter und ich, wir waren schon immer besonders eng verbunden. Sie war nicht nur meine Mutter, sie war auch meine Freundin.
Wir unternahmen viel zusammen, teilten unseren Alltag, und wenn meine Freunde zu Besuch kamen, war sie oft mit dabei. „Wir waren schon wie Freunde, natürlich, freilich. Ich bin immer noch die Mutter“, sagte sie später. Und so war es auch.
Sie war immer mittendrin im Geschehen, und ich wollte es nicht anders. Wir hatten diese perfekte Beziehung, in der man Dinge miteinander teilt und trotzdem weiß, dass die Mama das Sagen hat. Dass man Zeit miteinander verbringen möchte, weil man gerne zusammen ist. Es war diese Nähe, die mir ein Gefühl von Sicherheit gab, egal, was um mich herum passierte.
Nach der Schule fing ich in einer Textilfabrik an. Es war mein erster richtiger Job, und er war nicht leicht. Früh- und Spätschichten, monotone Abläufe, lange Tage. Aber ich nahm es in Kauf, denn ich wollte mir etwas aufbauen.
Ich wollte unabhängig sein. Und im Jahr 2002 kam dann der große Schritt. Ich zog in meine erste eigene Wohnung, eine kleine Zweizimmerwohnung mitten im Ort. Zum Einzug schenkte mir meine Mutter etwas ganz Besonderes.
Eine Kuscheldecke, blau mit gelben Monden, Sternen und einer Sonne verziert. Und das Schönste daran war, dass sie sich dieselbe Decke kaufte. Egal, wo ich war, ein Stück von zu Hause blieb bei mir. Wenn ich mich in diese Decke wickelte, konnte ich mir vorstellen, dass meine Mutter jetzt zu Hause saß, genauso eingekuschelt.
Es war unser kleines Symbol der Verbundenheit, und ich habe es geliebt. Mein Leben entwickelte sich, aber nicht alles war einfach. Vor Kurzem hatte ich mich von meinem Freund Dirk getrennt. Unsere Beziehung war nicht leicht gewesen.
Ich liebte es, auszugehen, zu feiern, Zeit mit Freunden zu verbringen. Dirk war oft eifersüchtig, er setzte mich unter Druck und engte mich ein. Irgendwann stand ich vor der Entscheidung: die Liebe zu Dirk oder meine Freiheit. Und ich entschied mich für mich selbst.
Für Unabhängigkeit, für mein eigenes Leben, auch wenn ich ihn geliebt hatte. Es war eine schwere Entscheidung, aber ich wusste, dass sie richtig war. Ich wollte mir nichts nehmen lassen, und ich war stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gewagt hatte. Dirk schien nicht loslassen zu können, er hing weiterhin an mir, aber ich schaute nach vorne.
Am 12. Oktober war ein Geburtstag, und ich wollte feiern. Ich liebte diese Momente, wenn Musik im Hintergrund lief, Gelächter den Raum erfüllte und Menschen in kleinen Gruppen zusammenstanden, redeten und anstießen. Ich war mittendrin, und es fühlte sich gut an.
Ich hatte Menschen um mich, die ich kannte und denen ich vertraute. Es war Geselligkeit, Freiheit, so wie ich es mochte. Aber irgendwann ging auch diese Feier zu Ende, und ich kehrte in meine Wohnung zurück. Ich war müde, aber zufrieden.
Es war ein schöner Tag gewesen, und ich freute mich auf einen ruhigen Abend. Um 16:45 Uhr klingelte mein Telefon. Meine beste Freundin versuchte, mich zu überreden, abends noch einmal mit rauszugehen, aber ich lehnte ab. Ich war zu müde, und am nächsten Tag musste ich arbeiten.
Als ich auflegte, fühlte ich mich nicht schlecht deswegen. Es war eine bewusste Entscheidung, und ich wusste, dass sie richtig war. Ich machte es mir gemütlich, legte mich auf die Couch und schlief irgendwann ein. An diesem Abend geschah etwas, das später eine besondere Bedeutung bekommen sollte.
Ein Bekannter kam an meiner Wohnung vorbei. Vermutlich spontan. Er wollte einfach schauen, ob ich da war, vielleicht erhoffte er sich einen gemeinsamen Abend. Als er durch das Fenster blickte, sah er mich auf der Couch liegen und schlafen.
Alles wirkte ruhig und normal. Er entschied sich, mich nicht aufzuwecken, und ging weiter. Vielleicht wäre ich irgendwann wieder aufgewacht. Vielleicht hätte ich mich ins Bett geschleppt, mir einen Wecker gestellt und dann geschlafen, bis der nächste Tag begann.
Dann wäre ich zur Arbeit gegangen, und das Leben wäre einfach weiter vor sich hingelaufen. Aber genau das passierte nicht. Am nächsten Tag, dem 13. Oktober, begann der Morgen wie jeder andere.
In der Textilfabrik startete die Schicht, die Kollegen waren da, die Arbeit lief an. Aber eine Person fehlte. Ich kam nicht zur Arbeit. Zuerst dachten sie vielleicht, ich hätte verschlafen oder wäre krank geworden.
Aber ich tauchte nicht auf. Meine Kollegen versuchten, mich telefonisch zu erreichen, aber niemand ging ran. Schließlich informierten sie meine Mutter. Meine Mutter spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.
Sie versuchte mich anzurufen, aber auch sie kam nicht durch. „Mareike hat sich mindestens einmal am Tag gemeldet. Das Handy war aber komplett aus“, sagte sie später. „Ich konnte sie überhaupt nicht erreichen, und das passt nicht zu ihr.
“ Also fuhr sie zu meiner Wohnung. Als sie mich dort nicht antraf, rief sie alle meine Freunde an. Irgendjemand musste doch wissen, wo ich war. Vielleicht war ich doch noch draußen gewesen, hatte irgendwo übernachtet und die Zeit vergessen.
Vielleicht war der Akku meines Handys leer. Aber nach und nach wurde klar, dass niemand etwas wusste. Niemand hatte mich gesehen, niemand hatte von mir gehört. Und mit jeder weiteren Stunde wurde die Stille lauter.
Am nächsten Tag gab es immer noch kein Lebenszeichen von mir. Meine Mutter entschied sich, zusammen mit ihrem Lebensgefährten und einem Schlüsseldienst Zugang zu meiner Wohnung zu verschaffen. Als die Tür aufging, sahen sie auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Die Wohnung wirkte ruhig, fast so, als wäre ich jeden Moment wieder da.
Lebensmittel standen noch auf dem Tisch, das Bett war nicht gemacht. Es gab keine Spur von Chaos, keinen Hinweis auf einen Kampf. Aber etwas fehlte. Meine Handtasche.
Meine Schuhe. Mein Geldbeutel. Es wirkte, als hätte ich die Wohnung spontan verlassen, als hätte ich plötzlich weg gemusst. Aber was nicht dazu passte, war meine Katze.
Sie war noch da, ungefüttert und hungrig, allein gelassen. Das war etwas, das ich niemals tun würde. Jeder, der ein Haustier hat, weiß, dass man immer daran denkt, es zu füttern. Man denkt manchmal mehr daran, das Tier zu versorgen, als an sich selbst.
Aber hier war die Katze einfach zurückgelassen worden, und genau das machte alles nur noch beunruhigender. Noch am selben Abend meldete meine Mutter mich als vermisst. Es muss ein schwerer Schritt für sie gewesen sein. Man hofft bis zuletzt, dass sich alles von selbst aufklärt, dass die Polizei gar nicht nötig ist.
Aber diese Hoffnung schwand langsam. Auch die Polizei spürte das sofort. Aufgrund der Umstände nahmen die Ermittler den Fall von Anfang an ernst. Zu viele Dinge passten nicht zusammen.
Die Ermittler begannen mit ihren Ermittlungen und der erste Weg führte sie direkt in meine Wohnung. Im Schlafzimmer stand ein Wäscheständer mit frisch gewaschener Kleidung. Das Aquarium, das mir gehörte, war eingeschaltet. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lagen Essensreste, Geschirr und Lebensmittel.
Jedes Detail wurde genau betrachtet, jede Ecke, jeder Gegenstand. Und dabei stießen sie auf Dinge, die vorher niemand bemerkt hatte. Unter dem Esstisch lagen Glasscherben. Auf der Mikrowelle fanden sie ausgerissene Haare.
Und an der Wohnungstür entdeckten sie Blutspuren. Es waren kleine Hinweise, einzelne Fragmente, aber sie reichten für eine erste schwere Einschätzung. Ich könnte Opfer eines Verbrechens geworden sein. Und dann gab es noch eine Aussage, die diese Vermutung unterstützte.
Eine Nachbarin, die über mir wohnte, meldete sich und berichtete, dass sie in der Nacht meines Verschwindens etwas gehört hatte. Klopfgeräusche und Schreie. Schreie nach Hilfe. Geräusche, die sie zunächst nicht einordnen konnte, die man vielleicht im Alltag verdrängt.
Aber im Nachhinein bekamen sie eine ganz andere Bedeutung. Ein Profiler sagte später: „Zeugen hatten von schreiähnlichen Geräuschen und einem dumpfen Schlag berichtet. Nimmt man die Glasscherben dazu, konnte man davon ausgehen, dass die Wohnung als Tatort in Frage kam, zumal es uns auch wahrscheinlich erschien, dass Mareike an diesem Abend nicht mehr weggegangen war. “ Er fügte hinzu: „Unsere Erfahrung sagt uns, dass Mareike in der Wohnung gewürgt wurde.
Ein Angriff gegen den Hals war naheliegend, weil Opfer schreien. Das musste der Täter in einem Wohnhaus verhindern. “
Die Ermittler begannen mit einer groß angelegten Suchaktion. Polizisten durchkämmten die Umgebung, Felder, Waldstücke und Wege rund um Waldmünchen.
Gleichzeitig wurden Freunde, Bekannte und Personen aus meinem Umfeld befragt. Wer hatte mich zuletzt gesehen? Mit wem hatte ich Kontakt gehabt? Doch zunächst blieb alles ohne Ergebnis.
Keine Spur, kein klarer Hinweis, keine Antworten. Während die Ermittlungen weiterliefen, veränderte sich etwas in meinem Umfeld. Die Stimmung wurde angespannter. Den Ermittlern fiel auf, dass nicht alle offen sprachen.
Einige Freunde und Bekannte wirkten zögerlich und zurückhaltend, fast so, als würden sie etwas verschweigen. Später wurde klar, dass in der Freundesgruppe gelegentlich Cannabis konsumiert wurde. Das hatte zu diesem Zeitpunkt nichts mit meinem Verschwinden zu tun, aber es erschwerte die Ermittlungen, denn einige hatten Angst, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Sie hatten Angst vor möglichen Konsequenzen oder rechtlichen Folgen.
Und genau diese Angst sorgte dafür, dass wichtige Informationen vielleicht zu spät oder gar nicht weitergegeben wurden. Der Polizeidirektor fasste die Lage zusammen. Es gab mehrere Theorien für mein Verschwinden. Entführung, Rotlichtmilieu, Suizid oder Drogen.
In jede Richtung wurde ermittelt, man wusste nicht, wo man ansetzen sollte. Als Nächstes wurden sämtliche Männer überprüft, die in irgendeiner Form Kontakt zu mir gehabt hatten. Insgesamt 120 Personen. Es war ein riesiger Kreis, und nach und nach gelang es, diesen Kreis einzugrenzen.
Aussagen wurden verglichen, Alibis überprüft und Bewegungen nachvollzogen, bis am Ende nur noch wenige übrig blieben. Unter diesen Männern befanden sich Personen, die mich gut kannten. Neben meinem Ex-Freund geriet noch jemand anderes in den Fokus der Ermittler. Stefan B.
Ein Name, der ab diesem Punkt immer wichtiger wurde. Stefan war ein Mann, der auf den ersten Blick nicht unbedingt auffiel. Er hatte kurz geschorene, dunkle Haare und wirkte ruhig, verschlossen und eher kühl. Er war mein Arbeitskollege.
Wir sahen uns regelmäßig und kannten uns aus dem Alltag, aber unsere Verbindung ging über ein normales Arbeitsverhältnis hinaus. Ich kümmerte mich um ihn. Stefan galt als Einzelgänger, als jemand, der sich schwer damit tat, Kontakte zu knüpfen, vor allem zu Frauen. Ein Mensch, der im Hintergrund lebte, nicht auffiel und nicht im Mittelpunkt stand.
Meine Mutter beschrieb ihn später so: „Das war ein sehr zurückgezogener, schüchterner Mensch, hat scheinbar noch nie eine Freundin gehabt. Er hat sie auch gleich gefragt, ob er mit ihr weggehen dürfe, weil er sonst nie vor die Tür gegangen ist. “ Er war ein Mann, der Anschluss suchte, Nähe wollte, aber nicht richtig wusste, wie man das anstellt. Und genau hier kam ich ins Spiel.
Ich war der Mensch, der hinschaut, der nicht wegschaut und der sich kümmert. So wurde ich von allen beschrieben, und so war ich auch. Ich nahm Stefan ein Stück weit an die Hand. Ich ging mit ihm aus, nahm ihn mit in Diskotheken und zeigte ihm ein Leben, das ihm vorher fremd gewesen war.
Ein Leben mit Musik, anderen Menschen und Gesprächen. Ich half ihm sogar bei der Partnersuche. Vielleicht bedeutete das für Stefan mehr, als ich jemals geahnt hatte. Für mich war es selbstverständlich, hilfsbereit zu sein.
Für ihn war es etwas wie Aufmerksamkeit, Nähe und Hoffnung. Als Dank für meine Unterstützung schenkte er mir ein Aquarium. Ein Geschenk, das zeigte, dass ihm das alles sehr viel bedeutete. Meine Mutter erinnerte sich: „Der Stefan war froh, dass er mit den hübschen Mädchen mitdurfte, weil er ja sonst nie weggekommen ist.
Und Maraike hat ihm Hemden gebügelt und Kontaktanzeigen für ihn geschrieben. Sie wollte ihm dabei behilflich sein, dass er eine Partnerin findet. “ Ich investierte Zeit, Gedanken und Energie in ihn. Ich wollte ihm helfen, ihm etwas Gutes tun.
Aber solche Konstellationen können kompliziert werden. Während ich klar sah, wo die Grenzen waren, schien Stefan diese Grenzen irgendwann nicht mehr so deutlich wahrzunehmen. Mehrfach unternahm er Annäherungsversuche. Er versuchte, mir näher zu kommen, und hoffte wahrscheinlich auf mehr.
Auf eine Beziehung oder zumindest auf etwas, das über Freundschaft hinausging. Aber ich machte ihm klar, dass das nicht passieren würde. Wir hatten eine klare Abmachung. Eine romantische Beziehung kam nicht in Frage.
Nun rückte er in den Fokus der Ermittlungen. Stefan, ein Mann, der eigentlich im Hintergrund stand, stand plötzlich im Mittelpunkt. Doch bevor sich die gesamte Aufmerksamkeit auf ihn richtete, nahm der Fall eine unerwartete Wendung. Kurze Zeit nach meinem Verschwinden veränderte sich die Stimmung in Waldmünchen.
Was vorher ein ruhiger, fast unscheinbarer Ort gewesen war, wirkte plötzlich angespannt und unruhig. Innerhalb kürzester Zeit kam es zu mehreren tragischen Vorfällen. Ein 15-jähriges Mädchen und ein 21-jähriger junger Mann nahmen sich das Leben, und eine weitere Jugendliche überlebte einen Suizidversuch nur knapp. Drei schreckliche Ereignisse an einem Ort.
Und sofort stand die Frage im Raum: Kann das noch Zufall sein? Oder hing das alles zusammen? Wussten diese jungen Menschen vielleicht mehr? Gab es etwas, das sie belastete?
Die Ermittler gingen einem möglichen Zusammenhang nach, prüften die Fälle und kamen zu einem klaren Ergebnis. Es gab keinen direkten Zusammenhang zwischen den Suiziden und meinem Verschwinden, zumindest keinen, der sich belegen ließ. Aber eine Gemeinsamkeit gab es doch. Der Kriminaldirektor sagte: „Allerdings hatten Mareike und die anderen beiden Selbstmordopfer Drogenkontakt.
“ Aber auch diese Spur führte nicht weiter. Die Gerüchte hörten nicht auf. Sie wurden immer lauter. Die Medien griffen das Thema auf, berichteten und spekulierten.
Und plötzlich bekam der kleine Ort einen neuen Namen: das Selbstmorddorf. Drei Monate nach meinem Verschwinden wurde der Fall bei Aktenzeichen XY ungelöst gezeigt. Es war der 8. Januar 2004.
Ein Abend, an dem wahrscheinlich tausende Menschen vor dem Fernseher saßen. Der Beitrag zeigte eine nachgestellte Szene: eine junge Frau in ihrer Wohnung, ein Abend, der ganz normal wirkte. Eine Stimme aus dem Off berichtete ruhig und sachlich von mir, meinem Verschwinden und den Spuren. Und während die Zuschauer das sahen, verließ der Fall Waldmünchen und erreichte ganz Deutschland.
Aber der erhoffte Durchbruch blieb aus. Es gab keine entscheidenden Hinweise. Die Ermittler gaben nicht auf. Sie konnten den Kreis der Verdächtigen immer weiter einschränken.
Der Oberstaatsanwalt sagte später: „Die Polizei schränkte den Kreis der Verdächtigen auf fünf Personen aus dem sozialen Umfeld ein. “ Eine dieser Personen war Stefan. Profiler versuchten, aus den wenigen vorhandenen Spuren ein Bild zu formen. Kein Gesicht, keine konkrete Person, sondern ein Muster, ein Verhalten, eine bestimmte Denkweise.
Sie setzten die Puzzleteile zusammen: die Spuren in der Wohnung, das plötzliche Verschwinden, die Hinweise auf Gewalt. Und langsam entstand daraus ein Bild. Der Täter war anscheinend ein Einzelgänger, jemand, der nach außen hin unauffällig wirkte. Gleichzeitig handelte er geplant, kontrolliert und durchdacht.
Und er hatte eine problematische Sexualität. Stefan passte in dieses Bild. Er war zurückhaltend, unauffällig, ein Einzelgänger. Er kannte mich, hatte Zugang zu mir und bewegte sich in meinem Umfeld.
Damit rückte er endgültig in den Fokus der Ermittler. Er wurde mehrfach vernommen und immer wieder befragt. Aber am Ende blieb ein Problem: Es fehlten die Beweise. Ein Verdacht allein reichte nicht aus.
Doch dann stießen die Ermittler auf etwas, das die Situation veränderte. Die Blutspuren aus meiner Wohnung wurden analysiert, und das Ergebnis war eindeutig. Das Blut stammte von Stefan. Damit stand fest, dass er in meiner Wohnung gewesen war.
Und warum sein Blut dort gefunden wurde, konnte er jetzt erklären. Stefan sagte, dass er regelmäßig unter spontanem Nasenbluten leide und dass genau das auch in meiner Wohnung passiert sei. Die Ermittler blieben skeptisch. Es folgte eine Hausdurchsuchung bei Stefan.
Die Ermittler betraten seine Wohnung, hoben die Matratze an, durchwühlten seine Schubladen. Und dann machten sie einen Fund. Unter der Matratze lagen Plastiktüten. In den Tüten befand sich Damenunterwäsche.
Was die Ermittler noch nicht wussten: Bereits im August 2003, zwei Monate vor meinem Verschwinden, hatte ich bemerkt, dass mir immer wieder Unterwäsche fehlte. Es war nichts, das sofort Alarm auslöste. Manchmal hat man das Gefühl, die Waschmaschine würde einzelne Socken und Unterhosen auffressen. Aber irgendwann häufte sich dieses Gefühl, und ich erzählte meiner Mutter davon.
Gemeinsam kamen wir zu dem Schluss, dass ich die Unterhosen einfach verlegt haben musste. Oder dass ein Teil beim Waschen verloren gegangen war. Große Gedanken machten wir uns nicht mehr darüber. Aber jetzt bekam das alles eine neue Bedeutung.
Konnte die Wäsche, die man bei Stefan gefunden hatte, von mir stammen? Am 1. April 2004 geschah etwas Entscheidendes. Stefan B.
wurde vernommen. Die Befragungen dauerten insgesamt elf Stunden. Ein Profiler sagte später: „Es waren mühselige Gespräche. Langsam und tastend näherte man sich der Wahrheit an.
“ Die Ermittler versuchten zunächst, Vertrauen aufzubauen, eine Verbindung herzustellen. Stunde um Stunde verging. Fragen, Pausen, neue Ansätze. Und dann endlich passierte das, worauf sie hingearbeitet hatten.
Stefan gestand den Mord an mir. Er erzählte, was in dieser Nacht passiert sein sollte. Er gab an, durch das Schlafzimmerfenster in meine Wohnung eingestiegen zu sein. Er sei gekommen, um Unterwäsche zu stehlen.
Aber die Dinge seien nicht nach Plan gelaufen. Ich hätte ihn überrascht. Es sei zu einer kurzen Auseinandersetzung gekommen. Dann habe er mich angegriffen und gewürgt, so lange, bis ich tot war.
Und damit endete es nicht. Er versuchte, die Tat zu vertuschen. Er wickelte meinen Körper in eine Decke ein, reinigte die Wohnung und entwendete meine Schuhe, Handtasche und meinen Geldbeutel. Alles, um den Eindruck zu erwecken, dass ich die Wohnung freiwillig verlassen hatte.
Dann versteckte er meine Leiche zunächst in seiner Wohnung, bis er sie in ein nahe gelegenes Waldstück brachte und dort vergrub. Als die Polizei den Suchradius erweiterte, geriet er unter Druck und entschied sich, die Leiche noch einmal umzulegen. Weiter weg, noch abgelegener. Die Ermittler entdeckten meine Leiche schließlich in einem Waldstück bei Amberg in der Oberpfalz.
Und damit schien der Fall aufgeklärt zu sein. Die Fragen waren beantwortet, die Wahrheit war heraus. Aber dann kam eine weitere Wendung. Stefan widerrief sein Geständnis.
Der Prozess begann am Landesgericht in Regensburg. Er zog sich über dreieinhalb Monate hin. Dreieinhalb Monate voller Aussagen, Gutachten und Details. Meine Familie wurde Tag für Tag mit dem konfrontiert, was mit mir passiert war, was man mir angetan hatte.
Stefans Verteidigung versuchte, die Tat als Totschlag darzustellen, und forderte eine Strafe von elf Jahren Haft. Es war ein Versuch, das Geschehene in ein anderes Licht zu rücken. Irgendwann schilderte Stefan noch einmal eine Version der Tat. Er behauptete, ich hätte ihn in meiner Wohnung überrascht und gerufen: „Hey Stefan, was machst du denn da?
“ Dann hätte ich ihn in den Schritt gefasst und gefragt: „Oder willst du etwa das? “ Er hätte mich zurückgestoßen, ich hätte mich gewehrt, und dann hätte er mich gewürgt. „Ich wollte nur, dass sie aufhört, mich zu schlagen. “ Eine Schilderung, die Unglauben und Fassungslosigkeit auslöste.
Es schien, als wolle er die Situation drehen, als wolle er sich selbst als Opfer darstellen. Aber die Fakten sprachen eine andere Sprache. Er war in die Wohnung eingebrochen. Er hatte meine Unterwäsche gestohlen.
Er hatte versucht, die Tat zu vertuschen. Der Richter hörte sich alles an und kam am Ende zu einem klaren Schluss. Er verurteilte Stefan B. wegen Mordes.
Der Richter nannte die Tat eine menschliche Tragödie, die monatelang die Öffentlichkeit in Atem gehalten hatte. Und ja, das war es. Eine schreckliche Tragödie. Ein Fall, der juristisch geklärt war, aber emotional noch lange nachwirken würde.
Der Täter war verurteilt, aber für meine Familie endete die Geschichte hier nicht. Ein neues Leben begann, ohne mich. Fünf Jahre später, im Jahr 2017, führte eine andere Frau ein Leben, das auf den ersten Blick ebenfalls normal wirkte. Ihr Name war Yvonne, sie war 39 Jahre alt und lebte in Schlamersdorf in Schleswig-Holstein.
Ein Ort mit weiten Feldern und Wiesen, schmalen Landstraßen und Baumreihen. Yvonne hatte blonde Haare und einen freundlichen, offenen Gesichtsausdruck. Sie wirkte natürlich und bodenständig. Und da war etwas, das ihr Leben ganz besonders bereicherte: Sie war Mutter.
Sie hatte einen Sohn. Eltern kennen das: Sobald man ein Kind bekommt, beginnt ein neues Leben. Man trägt Verantwortung. Es geht um Windeln, Beikost und Einschlafbegleitung, aber auch um die ersten kleinen Schritte, das erste Lachen und die ersten Worte.
Die Sorgen werden größer, aber auch die schönen Momente. Doch in Yvonnes Leben lief nicht alles perfekt. Im Spätsommer 2017 trennte sie sich von ihrem langjährigen Lebenspartner Stefan. Wieder ein Stefan, aber ein anderer.
Dieser Stefan war zwei Jahre jünger als Yvonne und gelernter Fliesenleger. Er betrieb eine Tankstelle in Schwarzenbek. Fünf Jahre lang waren die beiden ein Paar gewesen. Bei den beiden hatte es schon länger Probleme gegeben.
Stefan selbst gab an, während der Beziehung mindestens eine intime Affäre mit einer anderen Frau gehabt zu haben. Und offenbar blieb es nicht bei der einen. Immer wieder war die Rede von anderen Frauen und Untreue. Das war wohl auch der Grund für die Trennung.
Eine Beziehung, die über Jahre hinweg von Verletzungen, Misstrauen und Konflikten geprägt war. Mehrere Expartnerinnen beschrieben diesen Stefan als eifersüchtig und cholerisch, als jemanden, der schnell aufbrausend und kontrollierend gewesen sein soll. Er hatte selbst mehrere Affären, aber gleichzeitig war er eifersüchtig. Es ging ihm wohl nicht um Liebe, sondern um Macht, um Kontrolle, um das Gefühl, einen Menschen nicht loslassen zu wollen.
Noch verstörender war die Information, dass Stefan sogar ein Tagebuch über seine sexuellen Kontakte geführt haben soll. Als würde es nicht um echte Menschen oder Gefühle gehen, sondern um eine Art Sammlung, ein paar Trophäen. Nach der Trennung begann für Yvonne ein neuer Abschnitt. Ab dem 30.
September 2017 zog sie in eine eigene Wohnung in Schlamersdorf. Ein neues Zuhause, vielleicht endlich mehr Ruhe und Freiheit. Endlich nicht mehr kontrolliert werden, keine Eifersucht mehr ertragen müssen. Und zunächst schien das neue Leben es tatsächlich gut mit ihr zu meinen.
Yvonne lernte relativ schnell einen neuen Mann kennen. Sein Name war Cirko, und er lebte zu diesem Zeitpunkt in Berlin. Cirko hatte kurze, braune, dunkle Haare, einen Dreitagebart und eine Brille. Auf Fotos wirkte er eher zurückhaltend.
Die beiden wirkten glücklich miteinander. Und genau das schien ein anderer nicht ertragen zu können. Während Yvonne nach vorne schaute, schien Stefan nicht abschließen zu können. Er soll Yvonne mit einer Spionagesoftware überwacht haben.
Das eigene Handy ist für viele etwas sehr Privates, fast ein geschützter Raum, ein digitales Tagebuch. Und all das soll Stefan kontrolliert und überwacht haben. Damit nicht genug. Er soll außerdem versucht haben, unter einem falschen Namen Cirko im Internet schlecht zu machen.
Es war kein normales Maß an Eifersucht oder Herzschmerz mehr, sondern ein verzweifelter Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen. Mit Liebe hatte das nichts mehr zu tun. Stefan wurde Yvonne gegenüber handgreiflich, und immer wieder dachte er sich neue Vorwände aus, um sie wiedersehen zu können. Kleinigkeiten, Ausreden, Dinge, die noch geklärt werden mussten.
Und obwohl Yvonne es geschafft hatte, sich von ihm zu trennen, riss der emotionale Druck nicht ab. Am 25. Oktober 2017 war es wieder so weit. Ein weiteres Treffen zwischen Yvonne und ihrem Ex Stefan stand an.
Am Abend machte sich Yvonne auf den Weg. Doch bevor sie losfuhr, schickte sie ihrem neuen Partner Cirko eine Sprachnachricht. „Ich fahre noch mal zu Stefan. Wunder dich nicht, wenn ich nicht erreichbar bin.
“ Der Grund für das Treffen schien organisatorischer Natur zu sein. Yvonne und Stefan hatten gemeinsam einen Pachtvertrag für eine Tankstelle unterschrieben, und jetzt, nach der Trennung, wollte Yvonne diesen Vertrag beenden. Sie wollte das Kapitel endgültig abschließen. Die beiden trafen sich dafür in Stefans Wohnung in Rümpel, einem kleinen Ort rund zehn Kilometer von Yvonnes Wohnung entfernt.
In den Stunden nach dem Treffen war Yvonne nicht mehr erreichbar. Keine Antworten, keine Rückrufe, kein Lebenszeichen. Cirko saß in Berlin und schaute immer wieder auf sein Handydisplay, wartete auf eine Nachricht, auf irgendein Zeichen. Doch es herrschte komplette Funkstille.
Dieses Gefühl des Unwohlseins war so stark, dass er schließlich handelte. Am 26. Oktober, einen Tag nach dem Treffen, wandte er sich an die Polizei. Er meldete Yvonne als vermisst.
Die Polizei leitete sofort eine groß angelegte Suchaktion ein. Einsatzkräfte durchsuchten Felder, Wege und Grünflächen. Auch Spürhunde wurden eingesetzt, aber die Suche blieb ohne Erfolg. Trotzdem gingen die Ermittler bereits von einem Tötungsdelikt aus.
Für Yvonnes Angehörige und Cirko begann eine Zeit voller Angst. Cirko beteiligte sich selbst an der Suche, hängte Vermisstenplakate auf. Er wollte aktiv werden. Auch in den sozialen Netzwerken suchte Yvonnes Familie nach Antworten.
Und während des Chaos der ersten Ermittlungen rückte eine Person in den Fokus. Es war wieder ein Stefan. Cirko erzählte den Ermittlern von der Sprachnachricht, die Yvonne ihm vor dem Treffen mit ihrem Ex geschickt hatte. Stefan war offenbar der letzte Mensch, der Yvonne gesehen haben soll.
Dann die Vorgeschichte mit den Spannungen, dem Betrügen und dem Kontrollieren. Stefan wurde schnell zu einem Verdächtigen. Doch es fehlten die Beweise. Es gab keine Leiche, keine Tatwaffe, keine eindeutigen Spuren.
Stefan selbst bestritt in zwei Vernehmungen im November 2017, etwas mit Yvonnes Verschwinden zu tun zu haben. Stattdessen schilderte er seine eigene Version des Abends. Er sagte aus, dass er Yvonne nach dem Treffen mit ihrem Auto zurück zu ihrer Wohnung gefahren habe, weil es ihr nicht so gut gegangen sei. Dort sei es zu einem Streit gekommen.
Anschließend, so behauptete Stefan, sei Yvonne gegen 23 Uhr etwa 200 Meter von ihrer Wohnung entfernt an einer Bushaltestelle ausgestiegen, um frische Luft zu schnappen. Die Bushaltestelle lag im Grünen, in der Nähe einiger Häuser. Es war eine einfache kleine Haltestelle, ohne Sitzmöglichkeiten, ohne Häuschen, ohne Bank. Nur das Schild an einem roten Masten.
Zunächst klang diese Version nicht unrealistisch. Dass es bei den beiden zu einem Streit gekommen war, konnte man sich vorstellen. Dass Yvonne danach allein sein wollte, war auch möglich. Aber warum verschwand sie danach spurlos?
Sie war doch nur 200 Meter von ihrer Wohnung entfernt gewesen. Drei Monate nach Yvonnes Verschwinden kam es zu einer neuen Entwicklung. Am 14. Januar 2018 machte Cirko eine Entdeckung an genau der Bushaltestelle, an der Stefan Yvonne damals abgesetzt haben wollte.
Dort fand er plötzlich ein Handy. Es handelte sich tatsächlich um Yvonnes Telefon. Monatelang fehlte jede Spur, und dann tauchte ausgerechnet dort ein Handy auf. Wie kam es dorthin?
Dass es die ganze Zeit dort gelegen hatte, war kaum vorstellbar. War es bewusst platziert worden? Im September 2018 entschied sich die Polizei für einen weiteren wichtigen Schritt. Yvonnes Verschwinden wurde Teil der Sendung Aktenzeichen XY.
Am 19. September wurde der Fall ausgestrahlt. In der Sendung wurde gezielt nach Zeugen gesucht, die rund um den 14. Januar etwas an der Bushaltestelle beobachtet haben könnten.
Ein Polizeikommissar sagte: „Wir haben keinerlei Zweifel an der Version des Lebensgefährten von Yvonne. Irgendjemand muss das Telefon dort abgelegt oder vielleicht aus dem Auto geworfen haben. “ Er war davon überzeugt, dass irgendjemand mehr wusste. Wochen und Monate vergingen.
Die Ermittler arbeiteten weiter. Im Frühjahr 2019 kam neue Bewegung in den Fall. Ein Landwirt war in der Region unterwegs. Eigentlich ein ganz normaler Tag, bis er eine grausame Entdeckung machte.
Am 25. April 2019 fand er in einem Waldstück in der Nähe des Autobahnkreuzes an der A1 bei Hammoor eine Leiche. Später wurde bekannt, dass die Leiche in Plastiksäcke verpackt war, so als hätte jemand diesen Menschen einfach entsorgt. Außerdem wurde bei der Leiche eine Jacke gefunden.
Die Ermittler begannen sofort mit den Untersuchungen, aber schnell zeigte sich ein Problem. Der Leichnam lag offenbar bereits viel zu lange dort. Eine spätere Obduktion konnte die genaue Todesursache nicht mehr feststellen. Die Zeit hatte viele Spuren zerstört.
Trotzdem war den Ermittlern relativ schnell klar, wen sie dort gefunden hatten. Es handelte sich um die Überreste der seit Monaten vermissten Yvonne. Mit diesem Fund wurde aus dem Vermisstenfall endgültig ein Tötungsdelikt. Und eine Person rückte wieder in den Fokus der Ermittlungen.
Stefan. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Ermittler ihm nie konkret etwas nachweisen können. Es gab Verdachtsmomente, aber keine eindeutigen Beweise. Doch die Situation war jetzt eine andere.
Mit dem Fund der Leiche eröffnete sich plötzlich die Möglichkeit, Spuren zu finden, die zum Täter führten. Und tatsächlich stießen die Ermittler auf mehrere Details, die Stefan zunehmend belasteten. Ein erstes wichtiges Indiz waren die Säcke, in denen der Leichnam eingepackt war. Es handelte sich um spezielle Plastiksäcke, die ausschließlich an Betriebe der Mineralölwirtschaft ausgegeben werden.
Damit konnten leere Öldosen entsorgt und zurückgegeben werden. Und Stefan betrieb eine Tankstelle. Er hätte Zugang zu genau solchen Säcken gehabt. Natürlich bewies das noch keinen Mord, aber es entstand ein Zusammenhang, der nicht ignoriert werden konnte.
Dann machten die Ermittler die nächste Entdeckung. Sie werteten Stefans Handydaten aus, und diese Daten offenbarten etwas. Am 25. Oktober, noch vor dem Treffen mit Yvonne, hatte Stefan sich offenbar am späteren Ablageort der Leiche aufgehalten.
Das konnte kein Zufall sein. Warum fährt jemand unmittelbar vor dem Verschwinden genau an den abgelegenen Ort, an dem später eine Leiche gefunden wird? Die Leiche der eigenen Expartnerin? Die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft sagte: „Es besteht der dringende Verdacht, dass er dabei den späteren Ablageort auskundschaften wollte.
“ Das veränderte den gesamten Fall. Aus einem Verdächtigen wurde jemand, gegen den sich die Hinweise immer stärker verdichteten. Jemand, der die Tat vermutlich geplant hatte, der genau wusste, was an diesem Abend mit Yvonne passieren würde. Am 30.
April wurde Stefan festgenommen. Und was machte er? Er schwieg. Keine Erklärung, kein Geständnis, keine Antworten.
Zwei Jahre nach dem Verschwinden von Yvonne begann der Prozess. Insgesamt wurden 49 Zeugen geladen. Und dann passierte der Moment, auf den alle gewartet hatten. Stefan gestand.
Yvonne wurde von ihrem Expartner getötet. Er erklärte, dass ihm nach einem Streit die Sicherung durchgebrannt sei. Er habe Yvonne am 25. Oktober gewürgt.
Das bedeutet mehrere lange Sekunden oder gar Minuten extremer Gewalt. Ein Mensch, der immer weiter zudrückt. Stefan sagte: „Ich wollte noch mal mit ihr reden, ihr sagen, dass ich mich ändern will, doch sie hat nur schnippisch reagiert und das mit einer Handbewegung abgetan. Sie hat mich verhöhnt.
Da ist bei mir die Sicherung durchgeknallt. “
Laut Stefans Aussage sollte es bei dem Streit vor allem um Yvonnes neuen Partner Cirko gegangen sein. Sie soll ihm gesagt haben, dass Cirko besser im Bett sei. Stefan beschrieb dann weiter, wie er Yvonne getötet haben will.
Er habe die Hände um ihren Hals gelegt und zugedrückt. Danach habe er ihren leblosen Körper auf den Beifahrersitz ihres Autos gesetzt und sei zunächst ziellos umhergefahren. „Ich habe die Tote in ihr Auto gesetzt und bin zu dem Waldstück bei Hammoor gefahren, das ich vom Vorbeifahren kannte. “ Genau dort legte er ihre Leiche ab.
Seine Wortwahl war bei allem so kalt. Er redete nicht von Yvonne, nicht von ihr, einer Mutter. Er sagte einfach „die Tote“, als wäre es ein Protokoll, ein Nachrichtenbericht, anstatt ein echter Mensch, den er mal geliebt hatte. Als wäre sie nicht eine Frau gewesen, mit der er Jahre seines Lebens verbracht hatte.
Als wäre sie bloß ein lebloser Körper. Anfang 2019, noch bevor die Leiche von Yvonne entdeckt wurde, fuhr Stefan erneut zum Ablageort. Dort bemerkte er, dass man die Plastiksäcke möglicherweise von der Straße aus sehen könnte. Vor Gericht sagte er: „Ich habe dann meine Jacke darüber gelegt, denn ich wollte, dass man die Spur zu mir verfolgen kann, falls die Leiche gefunden wird.
“ War das ein Zeichen von Reue? Ein schlechtes Gewissen? Oder der Drang, auch in diesem Fall die Kontrolle zu behalten? Hätte er wirklich bereut, dann hätte er zur Polizei gehen und sich stellen können.
Nach insgesamt 27 Verhandlungstagen, zahlreichen Zeugenaussagen und der Auswertung aller Beweise kam man zu einer Einschätzung. Die Handydaten von Stefan zeigten, dass er bereits vor der Tat am späteren Ablageort gewesen war. Dieses Detail war ein Indiz dafür, dass die Tat sehr wohl vorbereitet und geplant gewesen sein könnte, keine Affekttat, so wie er es beschrieb. Der zentrale Beweggrund soll Eifersucht gewesen sein.
Ein psychologisches Gutachten bestätigte, dass Stefan starke Probleme mit Eifersucht hatte. Eine psychische Erkrankung lag aber nicht vor. Eine Gutachterin erklärte ihn für voll schuldfähig und unterstützte die These, dass die Tat nicht spontan geschehen war. Und dann fiel das Urteil.
Stefan zeigte dabei keine Emotion, keine erkennbare Reaktion. Der Richter verurteilte ihn wegen Mordes an Yvonne aus niedrigen Beweggründen zu einer lebenslangen Haftstrafe. Er fand deutliche Worte. Er bezeichnete Stefan als einen notorischen Fremdgeher mit Kontrollzwang, der Frauen wie Trophäen sammeln würde und die Zurückweisung durch Yvonne nicht habe akzeptieren können.
„Es war keineswegs so, dass für ihn mit der Trennung eine Welt zusammenbrach“, sagte der Richter. Es ging hier nicht um einen Mann, der aus tiefer Verzweiflung und Liebeskummer handelte, sondern um Kontrolle, Ego und Besitzdenken. Zwei Fälle. Zwei Frauen.
Mareike und Yvonne. Sie beide kannten ihre Täter. Sie beide hatten einmal vertraut, hatten vielleicht helfen wollen. Mareike hatte Stefan unter die Arme gegriffen, wollte ihm ein Leben in einem sozialen Umfeld ermöglichen.
Und Yvonne wollte noch einmal abschließen, noch einmal mit ihrem Ex reden und die Dinge klären. Beide Frauen mussten mit ihrem Leben bezahlen. Diese Fälle hinterlassen ein beklemmendes Gefühl. Beide Frauen hätten wahrscheinlich niemals damit gerechnet, wie gefährlich die Menschen in ihrem Umfeld tatsächlich werden würden.
Das Böse ist nicht immer laut und auffällig. Manchmal ist es ganz leise, wirkt vielleicht sogar verletzlich. Mareike hat sich um Stefan gekümmert, hat hingeschaut, hat einem Mann die Hand gereicht, den andere ignoriert haben. Sie hat ihn wahrgenommen, hatte ein offenes Ohr.
Und genau der Mann nahm ihr das Leben. Das ist einfach nur schrecklich.


