Ich hatte geglaubt, der gefährlichste Moment auf meinem Heimweg wäre die dunkle Sydney Road gewesen – nicht die Entscheidung, die ich fünf Minuten vorher traf. Mein Kollege Tom bot mir an, die 700…

Ich hatte geglaubt, der gefährlichste Moment auf meinem Heimweg wäre die dunkle Sydney Road gewesen – nicht die Entscheidung, die ich fünf Minuten vorher traf. Mein Kollege Tom bot mir an, die 700...

Jill McKeon kannte zwei Heimaten: Irland, wo sie geboren wurde, und Australien, wo sie aufwuchs. 2009 kehrte sie endgültig dorthin zurück, mit ihrem Ehemann Thomas an ihrer Seite. In Melbourne baute sie sich eine Karriere beim Sender ABC auf, fand Freunde, träumte von einem Haus und einer Familie. Ihr Leben war nicht außergewöhnlich.

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Es war voller Pläne. Am 21. September 2012 verabschiedete sie sich morgens um 7:50 Uhr von Thomas. Es sollte ein langer Abend werden: Eine Kollegin feierte Geburtstag, ein anderer Freund hatte gerade erfahren, dass er zum zweiten Mal Vater wird.

Nach der Geburtstagsfeier zog Jill mit drei Kollegen weiter, erst in eine Bar, dann in eine zweite namens Etiquette. Thomas schlief währenddessen zu Hause auf der Couch ein. Er sah ihre Nachricht, ob er nicht dazustoßen wolle, nicht mehr. Gegen 1:30 Uhr verließen Jill und ihr Kollege Tom die Bar.

Toms Weg führte nach Hause, also rief er sich ein Taxi. Er bot Jill an, die fünf Minuten mitzufahren. Sie wohnte doch direkt um die Ecke. Nur 700 Meter trennten sie von ihrer Wohnung.

Sie lehnte ab. Er bot es ihr ein zweites Mal an. Sie winkte ab. Die Sydney Road war beleuchtet, es waren noch Menschen unterwegs.

Sie hatte diesen Weg unzählige Male alleine gemacht. Tom ließ sie gehen. Kurz darauf rief Jill ihren Bruder Michael in Irland an, um nach dem Vater zu fragen, der vor Kurzem einen Schlaganfall erlitten hatte. Das Gespräch war kurz, ihre Stimme besorgt.

Dann legte sie auf. Es war das letzte Lebenszeichen von ihr. Thomas wachte in der Nacht auf und fand die Wohnung leer. Gegen 2 Uhr morgens begann er, sie anzurufen.

Keine Antwort. Um 4 Uhr hielt er es nicht mehr aus und lief selbst durch die Straßen. Er fand sie nicht. Am Samstagmorgen meldete er sie als vermisst.

48 Stunden lang blieb jede Spur aus. Erst dann entdeckte die Polizei ihre Handtasche, nur 20 Meter von der Sydney Road entfernt, in einer Nebenstraße. Merkwürdig: Genau dort hatte man bereits am Vortag gesucht. Die Tasche musste später dorthin gebracht worden sein.

Jills Kreditkarte war noch drin. Ihr Handy fehlte. Jemand versuchte Spuren zu verwischen. Die Mordkommission übernahm.

Am Dienstag durchsuchte die Polizei die Wohnung von Jill und Thomas, fünf Stunden lang, in sechs Tüten wurde Beweismaterial abtransportiert. Thomas und sein Schwager harrten währenddessen auf dem Balkon aus. Die Polizei stellte schnell klar: Thomas sei kein Verdächtiger. Es gab Überwachungsvideos.

Aufnahmen von der Sydney Road zeigten Jill, wie sie gegen 1:38 Uhr an einem Brautmodengeschäft vorbeilief. Sie hatte fast die Hälfte ihres Heimwegs geschafft. Auf den Bildern war sie nicht allein. Sie sprach mit einem Mann in einem blauen Hoodie.

Mehrere Menschen gingen an ihnen vorbei, Autos fuhren vorbei. Die Polizei veröffentlichte das Material und hoffte auf Zeugen. Eine Frau meldete sich und behauptete, sie habe Jill gesehen, wie sie vor diesem Mann davongerannt sei. Wenige Stunden später, am Nachmittag des 27.

Septembers, vermeldete die Polizei eine Festnahme. Der Mann hieß Adrian Bailey. Die Ermittler waren ihm über eine Handy-GPS-Analyse auf die Spur gekommen. Jills Telefon und das von Bailey hatten sich in derselben Nacht synchron durch Brunswick bewegt, über den Freeway bis nach Sunbury.

Das war kein Zufall. Bailey brach schnell zusammen. Er sagte der Polizei, er habe Jill nicht töten wollen, nur vergewaltigen. Sie habe sich gewehrt, gedroht, die Polizei zu rufen.

Das habe ihn wütend gemacht. Er habe ihr den Mittelfinger gezeigt und das habe ihn erst recht aufgebracht. In der Vernehmung sagte er: „Sie hat mir den Mittelfinger gezeigt und das hat mich wütend gemacht, weil ich doch nur nett sein wollte. Verstehen Sie das?

Am Abend führte er die Polizisten zu einer ruhigen Stelle an der Blackhill Road, etwa 50 Kilometer von Melbourne entfernt. Dort, in einem flachen Grab am Straßenrand, lag Jill McKeon. Um 1:45 Uhr morgens wurde Adrian Bailey offiziell wegen Mordes verhaftet. Nachbarn beschrieben ihn als den ganz normalen Typen von nebenan.

Er ging oft ins Gym, war Vater mehrerer Kinder. Seine erste Ehe hatte er mit 18 geschlossen. Die zweite Beziehung scheiterte ebenfalls. Sechs Monate vor der Tat war er nach Coburg gezogen.

In der Tatnacht war Bailey mit seiner damaligen Freundin in Melbourne unterwegs. Sie stritten sich im Club. Seine Eifersucht und sein besitzergreifendes Verhalten waren der Auslöser. Die Frau floh heimlich mit einem Taxi.

Bailey versuchte sie anzurufen, vergeblich. Nach Mitternacht fuhr er nach Hause, wechselte die Kleidung, zog einen blauen Hoodie über und fuhr zurück nach Melbourne. Auf der Sydney Road traf er auf Jill. Er zerrte sie in einen Hinterhof und missbrauchte sie.

Sie wehrte sich, schrie, drohte mit der Polizei. Danach tötete er sie. Ihren Leichnam ließ er zunächst in dem Hinterhof liegen. Erst um 4 Uhr morgens, während Thomas bereits auf den Straßen nach seiner Frau suchte, kehrte Bailey zurück.

Er holte eine Schaufel von zu Hause, lud Jills Körper in den Kofferraum und fuhr nach Gisborn South. Am nächsten Tag ließ er in einer Autowerkstatt den Kofferraum-Belag und alle vier Reifen auswechseln. Jills Handy zerstörte er. Die zerbrochene SIM-Karte fand später seine Ex-Freundin in ihrer Waschmaschine.

Dass ausgerechnet Jill sein Opfer wurde, war Zufall. Es hätte jede Frau treffen können, die in dieser Nacht allein auf der Sydney Road unterwegs war. Doch die Empörung wurde noch größer, als Baileys Vergangenheit ans Licht kam. Seine Strafakte umspannte zwei Jahrzehnte.

Mit 19 Jahren wurde er wegen Vergewaltigung verurteilt – zwei Fälle, beide Opfer waren 16. Er saß nur 22 Monate von fünf Jahren ab. Offiziell, weil er an einem Täterprogramm teilgenommen hatte. Später gab er zu, sich durch dieses Programm nur „durchgefaked“ zu haben.

Ab dem Jahr 2000 beging er mindestens fünf weitere schwere Sexualstraftaten, alle gegen Sexarbeiterinnen. Die Strafe: acht Jahre. Für fünf Taten. Als er Jill tötete, war er seit vier Jahren wieder frei – eigentlich auf Bewährung.

Im Februar 2012 hatte er die Auflagen bereits verletzt: Er schlug einen Mann in einer Bar bewusstlos. Dafür erhielt er drei Monate Haft, legte aber Berufung ein und kam frei. Die Körperverletzung galt nicht als schwerwiegend genug, um seine Bewährung zu widerrufen. So konnte er am 22.

September 2012 zur Sydney Road fahren und Jill McKeon das Leben nehmen. Einen Psychologen erzählte Bailey, er habe versucht, Jill anzufassen und zu küssen. Sie habe ihn geohrfeigt. Er habe sich abgewiesen gefühlt, sei ausgerastet und habe seinen Willen durchsetzen wollen.

Nach der Vergewaltigung habe sie sich weiter gewehrt, also habe er sie erdrosselt. Er behauptete, selbst als Kind misshandelt und missbraucht worden zu sein. Der Psychologe sagte, Bailey verspüre anhaltende Schuldgefühle und Selbsthass. In der Vernehmung weinte er und sagte, er wünsche sich, Australien hätte die Todesstrafe.

Für Leute wie ihn sei das das einzig Richtige. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Haft mit einem Minimum von 35 Jahren. Sein Einspruch wurde abgewiesen. Nach der Verhandlung meldeten sich weitere Frauen, die Bailey zur Anzeige brachten.

Es kamen 18 weitere Jahre hinzu. Jills Witwer Thomas zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. In den Jahren danach machte er sich aber immer wieder dafür stark, Gewalt gegen Frauen als strukturelles Problem zu begreifen. Er sagte einmal: „Ich werde nie überzeugt sein, dass die früheren Opfer von Bailey nichts mit der Milde seines Urteils zu tun hatten.

Denn was sagt das Frauen? Seid vorsichtig, was ihr tut, denn wenn uns euer Verhalten nicht gefällt, bekommt ihr keine Gerechtigkeit. “

Nach Jills Tod gab es Trauerveranstaltungen in Australien und Irland. Bei einem Trauermarsch über die Sydney Road kamen 30.

000 Menschen. Sie gedachten Jill und allen Frauen, die auf ihren Heimwegen um ihr Leben fürchten – selbst wenn es nur 700 Meter sind. Der Staat Victoria räumte ein, dass die Gesetze versagt hatten. Es wurden strengere Regeln eingeführt: Wer während der Bewährungszeit wegen desselben Delikts verurteilt wird, dem wird die Bewährung zwingend entzogen.

Jill musste sterben, damit solche Gesetze entstehen konnten. Ihr einziger Fehler war, an diesem Abend alleine nach Hause gehen zu wollen.