Ich stand mit dem Rücken zur Tür, als die Nachricht hereinkam – das Bild eines Mannes, der mit einer Maschinenpistole über den Parkplatz lief, war überall. Ich erkannte ihn sofort, denn ich hatte…

Ich stand mit dem Rücken zur Tür, als die Nachricht hereinkam – das Bild eines Mannes, der mit einer Maschinenpistole über den Parkplatz lief, war überall. Ich erkannte ihn sofort, denn ich hatte...

Drei Maskierte stürmen einen Geldtransporter am Flughafen Köln/Bonn. Ein Wachmann wird schwer verletzt. Einer der Täter läuft mit einer Maschinenpistole im Anschlag über den Parkplatz eines Möbelhauses. Kameras zeichnen das Fluchtfahrzeug auf.

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Zwei Jahre später führt diese Spur die Ermittler zum Haupttäter: Thomas Drach, 63 Jahre alt, einer der bekanntesten Schwerverbrecher Deutschlands. Seine kriminelle Karriere beginnt früh. Mit 13 Jahren wird er zum ersten Mal von der Polizei aufgegriffen, weil er Autos aufgebrochen haben soll. Er bricht das Gymnasium ab, dann die Lehre zum Kfz-Mechaniker.

Mit 18 überfällt er einen Supermarkt und bekommt zwei Jahre Jugendstrafe. Mit 21 raubt er zusammen mit seinem Bruder Lutz eine Sparkasse aus. Dafür gibt es siebeneinhalb Jahre Gefängnis. Sein bislang größter Coup gelingt ihm im Jahr 1996.

Drach entführt Jan Philipp Reemtsma, den Hamburger Millionenerben. 33 Tage lang halten er und drei Komplizen den 43-Jährigen angekettet in einem Keller in Niedersachsen gefangen. Zuerst fordern sie 20 Millionen D-Mark Lösegeld. Zwei Geldübergaben scheitern.

Die Familie des Opfers ist verzweifelt. Die Täter erhöhen die Forderung auf 30 Millionen D-Mark – die höchste Lösegeldsumme in der deutschen Kriminalgeschichte. Die Familie zahlt. Der dritte Übergabeversuch gelingt.

Vier Wochen später wird Reemtsma freigelassen. Er ist körperlich und seelisch schwer gezeichnet, aber am Leben. Zwei der Täter werden schnell gefasst. Drach verschwindet.

Er taucht unter, taucht wieder auf im Nobelbadeort Punta del Este in Uruguay. Dort mietet er eine Villa für umgerechnet 20. 000 Dollar im Monat – ein Jahr im Voraus, bar bezahlt. Er lebt im Luxus, fährt teure Autos, genießt das Leben in vollen Zügen.

Sein erklärtes Ziel, so wird ein Richter später sagen, war ein Leben im Wohlstand ohne jede Anstrengung. Die Polizei hört die Telefone seiner Bekannten ab. Im März 1998 wird Drach in Buenos Aires festgenommen, während er ein Konzert der Rolling Stones besuchen will. Er lebt zu diesem Zeitpunkt unter falscher Identität als britischer Staatsbürger.

Das wird sein Glück: Wegen Passfälschung wird er nach argentinischem Recht angeklagt, und seine Anwälte nutzen das Verfahren, um die Auslieferung zu verzögern. Zwei weitere Jahre vergehen, bis Drach nach Deutschland überstellt wird. In Hamburg beginnt der Prozess. Drach gibt seine Beteiligung an der Entführung zu, schweigt aber zu den Details.

Er wirft der Staatsanwaltschaft illegale Ermittlungen vor. Im Oktober 2001 wird er zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Selbst im Gefängnis bleibt Drach kriminell. Er bedroht Justizbeamte, ist aggressiv, unkooperativ.

Dann fällt er erneut auf: Aus der Haft heraus versucht er, seinen Bruder Lutz um das vermeintlich unterschlagene Lösegeld zu erpressen. Drach glaubt, Lutz habe Millionen vom Entführungsgeld an sich genommen. Er plant, Komplizen zu beauftragen, den Bruder unter Druck zu setzen. Diese Pläne fliegen auf.

Seine Haftstrafe wird verlängert. Im Jahr 2013 kommt Thomas Drach nach 15 Jahren frei. Die Frage, ob er jetzt ein bürgerliches Leben führt, beantwortet er selbst – mit einer Serie von Überfällen auf Geldtransporter in Nordrhein-Westfalen und Hessen in den Jahren 2018 und 2019. Die Täter sind maskiert, bewaffnet mit Maschinenpistolen.

Sie verletzen Geldboten schwer. Ein Opfer schwebt in Lebensgefahr. Die Überfallenen leiden noch jahrelang: Panikattacken, Albträume, Arbeitsunfähigkeit. Beim Überfall am Flughafen Köln/Bonn filmen Kameras das Fluchtfahrzeug.

Zwei Jahre dauern die Ermittlungen. Im März 2021 wird Drach in Amsterdam festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Im Februar 2022 beginnt der Prozess am Landgericht Köln. Vorwurf: besonders schwerer Raub und versuchter Mord.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Drach wird an jedem der 100 Prozesstage per Helikopter, mit verbundenen Augen und Kopfhörern, ins Gericht geflogen. Die Behörden haben Angst, Verbündete könnten einen Befreiungsversuch unternehmen. Kurz vor dem Urteil sagt Drach selbstsicher, er gehe von einem glasklaren Freispruch aus.

Das Gericht sieht das völlig anders. Es verurteilt ihn zu 15 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Drei Raubüberfälle seien ihm nachzuweisen. Das Gericht sagt: Das Wohl seiner Opfer sei ihm völlig egal gewesen.

Er habe nur sein Ziel erreichen wollen – schnell an Geld zu kommen und ein Leben im Luxus zu führen. Ihm mangele es an Empathie. Die Staatsanwaltschaft sieht in ihm eine Gefahr für die Allgemeinheit. Weitere schwere Delikte seien zu erwarten.

Die Sicherungsverwahrung ist das schärfste Instrument des deutschen Rechtssystems gegen rückfallgefährdete Straftäter. Wer nach Verbüßung seiner Strafe immer noch als gefährlich gilt, wird nicht entlassen. Es gibt regelmäßige Überprüfungen, Therapieangebote. Aber die Hürden für eine Entlassung sind hoch.

Das Lösegeld aus der Entführung – 18 Millionen Euro – ist bis heute nicht vollständig gefunden. In geheimen Verstecken in Aachen und Uruguay entdeckte man nur unter einer Million Euro. Drachs Bruder Lutz wurde verurteilt, weil er einen Teil des Geldes gewaschen hatte. Die Behörden nehmen an, dass Drach einen großen Teil selbst durchgebracht hat: für Luxus, für die Flucht, für Anwälte.

Der Bundesgerichtshof lehnt Drachs Revision ab. Im November 2025 wird das Urteil rechtskräftig. Deutschlands bekanntester Schwerverbrecher, der sich immer wieder erwischen ließ, wird vermutlich nie wieder freikommen.