Die Küchenschublade stand offen. Im Schlafzimmer lag Karl O. in seinem Bett, neben ihm ein Messer. Monika O.

lag auf dem Boden, übersät mit Dutzenden Einstichen. Das ganze Zimmer war voller Blutspuren. Angehörige hatten die beiden am 22. April 2023 gefunden, nachdem Monika nicht zur Arbeit erschienen war.
Tochter und Schwiegersohn hatten gegen 13 Uhr im Haus nachgesehen, in dem Monika mit ihrem Ehemann Karl lebte. Der Anblick, der sie erwartete, war grauenvoll. Für die Beamten des Kriminaldauerdienstes stellte sich zunächst die Frage: Hatte der 70-jährige Karl zuerst seine Frau und dann sich selbst getötet? Die Familienangehörigen berichteten von Streit zwischen Karl und Monika.
Karl war gesundheitlich angeschlagen, starker Raucher, hatte kurz zuvor eine ärztliche Untersuchung hinter sich. Ein erweiterter Suizid schien möglich. Doch die Obduktion am nächsten Tag zerstörte diese Theorie. Karl O.
hatte tiefe Schnitte an beiden Unterarmen – die postmortal entstanden sein mussten, da kein Blut mehr sichtbar war. An Füßen, Schultern und Knien fanden sich Einblutungen und Schürfwunden, die darauf hindeuteten, dass er verlagert worden war. Karl und Monika O. waren ermordet worden.
Anschließend hatte jemand den Tatort verändert, um einen erweiterten Suizid vorzutäuschen. Die Kripo Neu-Ulm gründete eine Sonderkommission. Über 30 Beamte sicherten Spuren, werteten Videoaufzeichnungen aus, vernahmen Zeugen. Selbst der Fluss vor dem Tathaus wurde abgesucht.
Zunächst gerieten mehrere Personen in den Fokus: ein Ex-Partner von Monika, der wegen Körperverletzung mit einem Messer vorbestraft war. Eine Ex-Lebensgefährtin von Karl, die in der Tatnacht einen Polizeieinsatz ausgelöst hatte. Eine Nachbarin, mit der Karl Streit gehabt hatte. Alle schieden aus.
Die Ermittlungen richteten sich schließlich gegen Patriks Sohn Patrick und dessen Ehefrau Julia. Die beiden lagen seit Monaten in erbittertem Streit mit Karl und Monika. Es ging um die beiden benachbarten Häuser der Familie. Karl hatte beide Häuser an seinen Sohn überschrieben – nicht aus Güte, sondern um seinen Exfrauen und seiner Tochter aus erster Ehe keinen Anspruch auf Unterhalt zu ermöglichen.
Doch an die Schenkung war eine Bedingung geknüpft: Patrick durfte die Häuser nicht mit Hypotheken belasten. Als Patrick und Julia für Sanierungsarbeiten einen Kredit aufnahmen, drohte Karl, die Schenkung rückgängig zu machen. Ein Notartermin eskalierte. Patrick und Julia hatten finanziell keine Sorgen.
Sie besaßen zwei Häuser, mehrere Autos, waren in der Tuningszene aktiv. Ihr soziales Umfeld war klein – einer der wenigen Kontakte war der Softwareentwickler Joffrey S. Bei ihm wollten sie in der Tatnacht mit ihrer Tochter übernachtet haben. Früh am Morgen hätte das Kind Bauchschmerzen bekommen, sie seien nach Hause gefahren, hätten eine Tasche gepackt und seien ins Krankenhaus nach Memmingen gefahren.
Überwachungskameras bestätigten ihre Aussage. Doch die Auswertung der Chats zwischen Patrick und Joffrey S. erzählte eine andere Geschichte. 40.
000 Nachrichten aus zwei Jahren mussten gesichtet werden. Bereits ein halbes Jahr vor dem Doppelmord schrieb Patrick an seinen Freund: „Der Scheißkerl von Erzeuger will meine Familie auf die Straße setzen, also eskaliere ich komplett jetzt. ”
Das Landgericht Memmingen bestätigte kurz darauf: Karl O. konnte die Schenkung rückgängig machen.
Patrick fragte Joffrey, ob er ihm behilflich sein könne – ob er eine Waffe besorgen könne. Sein Ziel: seinen Vater aus dem Haus zu bringen, ihn ins Gefängnis zu bringen. Als Belohnung versprach Patrick seinem Freund, er könne in das frei werdende Haus einziehen. Joffreys Versuch, eine Waffe über das Darknet zu kaufen, schlug fehl.
Zwei Wochen vor dem Mord bat Patrick seinen Freund um eine Übernachtungsmöglichkeit. „Freitag auf Samstag wäre ideal, wird uns sehr helfen. Ja, würden noch ein letztes Mal das eine versuchen wollen. Geht für mich halt quasi um alles.
”
Die Ermittler waren überzeugt: Patrick und Julia hatten die Nacht bei Joffrey verbracht, um ein Alibi zu haben. Das Amtsgericht Memmingen erließ Haftbefehle gegen alle drei. Am frühen Morgen des 16. Mai 2023 wurde Joffrey bei sich zu Hause festgenommen.
Zeitgleich griff ein Spezialeinsatzkommando im Haus von Patrick und Julia zu. Die kleine Tochter war anwesend. Im Beisein der Mutter wurde das Kind dem Jugendamt übergeben. Die Atmosphäre war auffallend kühl.
Für die Ermittler wirkte es, als habe das Ehepaar die Festnahme erwartet. Die Auswertung der Handys zeigte, wie sich eine Hassspirale entwickelt hatte. Der Hass auf Monika und Karl war immer größer geworden. Karl wurde von seinem Sohn aufs Übelste beleidigt.
In den Chats stand: „Mir kam gerade da in der Straße ein Krankenwagen entgegen. Vielleicht liegt er schon tot hinten drin. Würde mich ja gerade freuen. Okay, das wäre geil.
”
Die Ermittlungen ergaben, dass mutmaßlich Julia die treibende Kraft war. Sie organisierte, Patrick führte aus. Er stellte den Kontakt zu Joffrey her. Patrick und Julia schwiegen nach ihrer Festnahme.
Joffrey entschied sich, als erster auszusagen. Er räumte ein, das Alibi gedeckt und ein Handy entsorgt zu haben. Er hatte den beiden sein Auto zur Verfügung gestellt. Überwachungsbilder zeigten den Honda Civic in der Tatnacht Richtung Unterreichen.
Noch mehr: Bereits einen Monat vor der Tat hatte es einen ersten Anlauf gegeben. Ende März hatten Patrick und Julia ihr Kind bei Joffrey gelassen und sich nachts zum Tatort begeben. Der Plan scheiterte, weil Karl auf dem Balkon rauchte. Die Beamten rekonstruierten die Tatnacht.
Patrick und Julia trugen mehrere Kleidungsschichten übereinander, um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen. Sie betraten das Haus mit einem Nachschlüssel. Einer holte das Tatmesser aus der Küche. Dann drangen beide gleichzeitig ins Schlafzimmer ein.
Monika wurde im Schlaf getötet – die Messerführung deutete auf eine Linkshänderin hin. Julia war Linkshänderin. Ihre Körpergröße ließ den Schluss zu, dass sie sich um Monika gekümmert hatte. Zeitgleich wirkte Patrick auf seinen Vater ein.
Anschließend betraten sie ihr eigenes Haus und hinterließen dabei Blutspuren von Karl an einer Zimmertür. Zurück bei Joffrey waren beide aufgelöst. Patrick sagte, es sehe jetzt wohl nicht mehr wie ein Selbstmord aus. Vielleicht wäre es besser gewesen, einfach auszuziehen.
Sie wuschen sich – blutig. Wochen später fanden die Spurensicherer in Joffreys Waschbecken noch Blut der Opfer. Sie fuhren nach Hause, beseitigten Spuren, fuhren ins Krankenhaus. Kameraaufnahmen zeigen sie am Eingang – die perfekte Inszenierung.
Yvonne Zettler, Karls Tochter aus erster Ehe, hatte ihren Vater kaum gekannt. Er hatte nie Kontakt zu ihr gewollt. Als sie erfuhr, dass ihr Halbbruder der Täter war, war sie geschockt. „Das werde ich wahrscheinlich auch nie verdauen, dass er es war, weil ich mich immer fragen werde, warum ist man zu sowas fähig?
“, sagt sie. Sie trägt nun den Stempel „Halbschwester von” – obwohl sie mit der Sache nichts zu tun hatte. Ein Jahr nach der Tat wurde Joffrey S. vom Landgericht Memmingen wegen Beihilfe zum Mord zu drei Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt.
Patrick und Julia O. erhielten jeweils lebenslänglich. Bei beiden wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Die kleine Tochter, damals zwei Jahre alt, wuchs bei Pflegeeltern auf.
Sie hatte weder Eltern noch Großeltern. Ihr wurde alles genommen, obwohl sie keinerlei Schuld traf.


