Der 21. Dezember 2015 ist kalt und dunkel, als Georg Medger das Haus in Ruperswil verlässt. Er hat seiner Lebensgefährtin Carla noch einen Kaffee ans Bett gebracht, wie so oft. Ein Kuss, ein kurzes Abschiedswort, dann steigt er ins Auto.

Er ahnt nicht, dass nur wenige Meter entfernt jemand im Dunkeln wartet. Jemand, der genau diesen Moment abgepasst hat. Als Georgs Auto davonfährt, nähert sich die Gestalt dem Haus. Kurz darauf klingelt es an der Tür.
Carla öffnet. Der Mann stellt sich als Schulpsychologe von Devins Schule vor. Er zeigt eine gefälschte Visitenkarte und ein gefälschtes Schreiben vor. Die Botschaft ist schockierend: Devin, ihr 13-jähriger Sohn, soll in einen schweren Mobbingfall verwickelt sein.
Eine Mitschülerin habe sich das Leben genommen. Carla hat keinen Grund, an seiner Geschichte zu zweifeln. Sie lässt ihn ins Haus und weckt Devin. Der Junge setzt sich zu dem Fremden.
Doch nach wenigen Minuten verändert sich die Situation. Der Mann zieht ein Messer und bedroht Devin. Dann zwingt er Carla, ihre Freundin Simona und ihren älteren Sohn Dion zu wecken. Alle vier werden gefesselt und geknebelt.
Der Täter fordert Geld. Carla soll zur Bank fahren und abheben, was sie kann. Er erzählt ihr von einem Komplizen, der sie beobachte. Wenn sie Hilfe hole, würden ihre Kinder sterben.
In Wahrheit gibt es keinen Komplizen. Aber Carla weiß das nicht. Sie sieht, wie der Mann ein Foto von ihr macht und es angeblich an seinen Partner schickt. Carla fährt los.
An einem Bankautomaten in Lenzburg hebt sie tausend Franken ab. Danach geht sie in Wildeck zur Kantonalbank und holt dort fast zehntausend Schweizer Franken. Auf den Überwachungsbildern sieht man eine Frau, die vor Angst kaum noch geradeaus schauen kann. Sie kehrt zurück zum Haus und übergibt das Geld.
Auch sie wird jetzt gefesselt und geknebelt. Was danach in dem Haus passiert, lässt sich später nur bruchstückhaft rekonstruieren. Der Täter nimmt Devin mit in ein anderes Zimmer und filmt ihn mit seinem Handy. Acht Videos entstehen.
Auf ihnen ist zu sehen, wie der Junge um sein Leben kämpft. Die Ermittler gehen später davon aus, dass Dion sich zuerst aus seinen Fesseln befreien konnte. Er ist das erste Opfer. Danach tötet der Täter auch Carla, Simona und Devin.
Alle vier sterben durch Messerstiche. Anschließend verteilt der Mann Brandbeschleuniger im Haus und zündet es an. Er will seine Spuren vernichten. Als die Feuerwehr um 11:20 Uhr alarmiert wird, klingt das zunächst nach einem gewöhnlichen Einsatz.
Doch als die Einsatzkräfte das Haus betreten, finden sie im ersten Stock die erste leblose Person. Kurz darauf vier. Schnell ist klar: Sie sind nicht durch das Feuer gestorben. Ihre Körper weisen zahlreiche Stich- und Schnittverletzungen auf.
Sie waren gefesselt. Für die Ermittler beginnt eine Suche nach einem Täter, von dem sie zunächst nichts wissen. Georg Medger erfährt von dem Brand, als er mit zwei Kollegen in der Gondel nach Davos sitzt. Ein Kollege bekommt eine Nachricht von seiner Frau.
Es brenne in Ruperswil, schwarze Rauchwolken seien zu sehen. Kurz darauf ruft Carlas Vater an: “Du solltest nach Hause kommen. Bei dir brennt es. Die Feuerwehr und Sanitäter sind da.
”
Bei der Rückfahrt denkt Georg zuerst an einen Unfall. Vielleicht eine vergessene Kerze. Dann an die Sanitäter, die erwähnt wurden, und die Sorge wird größer. Auf dem Weg zur Polizei erfährt er die Wahrheit: Carla, Dion und Devin wurden ermordet.
Erst später begreift er, dass auch Simona tot ist. Für ihn bricht an diesem Tag alles zusammen. Die Polizei beginnt mit den Ermittlungen. Die Spurenlage ist schwierig.
Das Feuer hat vieles zerstört. Trotzdem finden die Forensiker DNA-Spuren und Fingerabdrücke, die vermutlich vom Täter stammen. Aber ohne einen Treffer in einer Datenbank nützen diese Spuren zunächst nichts. Und es gibt keinen konkreten Verdächtigen.
Deshalb richtet sich der Fokus zuerst auf Georg. Er hat im Haus gelebt und ist am Tattag der Einzige der Familie, der überlebt hat. Für die Ermittler ist das ein naheliegender Ansatz. Georg wird aufs Revier gebracht.
Er muss Kleidung und Handy abgeben, seine Fingernägel werden auf Rußspuren untersucht. Er selbst sagt später, dass er in diesem Moment realisiert hat, dass er verdächtigt wird. Auch seine Exfrau und seine Kinder werden vorgeladen. Besonders belastend ist das für Georgs jüngsten Sohn, der stundenlang nicht weiß, wer die vierte tote Person ist.
Er hat Angst, dass es sein Vater sein könnte. Georg selbst erfährt erst später, wie lange er im Fokus der Ermittlungen stand. Durch eine Akteninsicht erhält er vier dicke Ordner über sich selbst. Darin findet er Hinweise auf Telefon- und E-Mail-Überwachung.
Sogar ein Peilsender wurde an seinem Auto angebracht. Unterdessen wächst die Angst in Ruperswil. Die Medien berichten ausführlich über den Vierfachmord. Anwohner werden befragt, Reporter belagern den Ort.
Niemand weiß, ob der Täter noch in der Nähe ist. Die Polizei bildet eine Sonderkommission. Rund fünfzig Beamte durchsuchen Felder und Abfallcontainer. Sie suchen nach der Tatwaffe, nach Kleidung, nach irgendetwas, das zu einem Verdächtigen führen könnte.
Wichtig werden die Aufnahmen der Banküberwachung. Carla Schauer ist auf ihnen deutlich zu erkennen. Die Polizei veröffentlicht die Bilder und hofft auf Zeugen. Hat jemand sie gesehen?
Ist jemandem ein Auto aufgefallen? Doch die Hinweise führen zunächst ins Leere. Im Februar 2016 wird eine Belohnung von einhunderttausend Schweizer Franken ausgesetzt. Die Ermittler arbeiten mit Profilern aus ganz Europa zusammen.
Die Spurenlage deutet darauf hin, dass der Täter nicht vorbestraft ist. Auch die Auswertung von Handydaten wird später als möglicher Ansatz genannt: Man prüfte, welche Mobiltelefone sich am Tattag in Funkmasten in der Nähe des Tatorts eingeloggt hatten. Offiziell bestätigt wird diese Methode bis heute nicht. Nach mehreren Monaten haben die Ermittler einen konkreten Verdächtigen.
Sie beobachten ihn stundenlang, bevor sie zuschlagen. Am 12. Mai 2016, knapp fünf Monate nach der Tat, wird ein Mann in einer Starbucks-Filiale in Aarau festgenommen. Er ist allein, ahnt nichts und leistet keinen Widerstand.
Es ist Thomas N. , 33 Jahre alt, nicht vorbestraft. Er lebt fünfhundert Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt, bei seiner Mutter. Nach außen wirkt er unauffällig.
Im örtlichen Fußballverein trainiert er die Juniorenmannschaft. Bekannte beschreiben ihn als höflich und zurückhaltend. Auch für die Ermittler ist die Festnahme eine Überraschung. Ein Mann ohne Vorstrafen, ohne erkennbares Motiv.
Georg Medger ist erschrocken, als er Thomas N. zum ersten Mal sieht. Nicht weil der Mann bedrohlich wirkt, sondern weil er so gewöhnlich aussieht. Dieses unauffällige, fast vertrauenswürdige Auftreten hat es ihm ermöglicht, an diesem Morgen die falsche Rolle glaubhaft zu spielen.
Thomas N. erzählte seiner Mutter und seinem Umfeld, er studiere Medizin. Tatsächlich hat er mehrere Studiengänge begonnen und abgebrochen. Er lebt vom Erbe seiner Großmutter, das langsam aufgebraucht ist.
Seine Tage verbringt er häufig in Cafés und im Internet. Er fühlt sich zu Jungen hingezogen, sucht sich aber keine Hilfe. Er redet sich ein, alles unter Kontrolle zu haben. Irgendwann wird Devin zu seinem Ziel.
Die Familien kannten sich nicht. Es gibt keine persönliche Verbindung zwischen Opfern und Täter. Thomas N. hat das Haus trotzdem gezielt ausgewählt und die Familie beobachtet.
Neben dem sexuellen Motiv spielte auch Geld eine Rolle. Deshalb hat er Carla zur Bank geschickt. Nach der Tat kehrt Thomas N. zu seinem Zuhause zurück.
Er duscht. Als er hört, dass in der Nachbarschaft ein Haus brennt, geht er zum Tatort und stellt sich unter die Schaulustigen. Er beobachtet, wie Feuerwehr, Polizei und Spurensicherung arbeiten. Am Nachmittag geht er mit seiner Mutter und den Hunden spazieren.
Am Abend fährt er mit Freunden nach Zürich ins Casino. Einen Teil des erpressten Geldes gibt er dort aus. Mit dem Rest kauft er Hundefutter, Markenkleidung, bucht einen Skiurlaub und eine Parisreise für seine Mutter. Zwei Tage nach der Tat postet er auf Facebook Weihnachtsgrüße und Bilder seiner Hunde.
Im Verein spricht er mit anderen über den Mordfall in Ruperswil. Niemand ahnt, dass er selbst der Täter ist. Gleichzeitig sieht er sich immer wieder die Videos an, die er während der Tat aufgenommen hat. Bei der Hausdurchsuchung finden die Ermittler einen Rucksack mit einer alten Armeepistole, vorbereiteten Strümpfen, Kabelbindern und Klebeband.
Dazu Notizen mit Informationen zu möglichen weiteren Opfern: Jungen im Alter zwischen elf und fünfzehn Jahren. Zwei weitere Familien hatte er offenbar im Visier. Am Tag vor seiner Festnahme soll er bereits mit einem Rucksack vor dem Haus einer dieser Familien gestanden haben. “Wir müssen davon ausgehen, dass der Täter weitere gleichgelagerte Delikte konkret geplant hatte”, sagt die Staatsanwaltschaft später.
Thomas N. legt ein vollständiges Geständnis ab. Am 7. September 2017 wird Anklage erhoben.
Der Prozess beginnt am 13. März 2018 in Schafisheim, im Gebäude der mobilen Einsatzpolizei. Als der Gerichtspräsident die Verhandlung eröffnet, schlägt er mit dem Hammer auf. Später beschreiben mehrere Anwesende diesen Moment als besonders schwer.
Jeder Schlag steht für eines der Opfer: Karla, Dion, Devin und Simona. Thomas N. sitzt mit gesenktem Kopf im Saal, schaut häufig auf den Tisch und beantwortet Fragen klar und sachlich. Die Anklage umfasst mehrfachen Mord, räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme, sexuelle Handlungen mit einem Kind, Nötigung, Brandstiftung, Urkundenfälschung und strafbare Vorbereitungshandlungen.
Im Mittelpunkt des Prozesses steht die Frage, ob Thomas N. nach der lebenslangen Freiheitsstrafe zusätzlich verwahrt wird. Zwei unabhängige psychiatrische Gutachten diagnostizieren eine narzisstische beziehungsweise eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Beide Gutachter sehen eine hohe Rückfallgefahr.
Beide halten ihn für voll schuldfähig. Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslängliche Verwahrung. Diese strengste Maßnahme kommt nur infrage, wenn ein Täter dauerhaft nicht therapierbar ist. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass die diagnostizierten Störungen zwar einzelne Teile der Tat erklären könnten, nicht aber die Morde selbst.
Die Mehrheit des Gerichts sieht das anders. Der Gerichtspräsident erklärt später, die Voraussetzung einer dauerhaften Untherapierbarkeit sei nicht erfüllt. Für die Angehörigen ist der Prozess kaum zu ertragen. Simonas Mutter und Schwester vermeiden es, Thomas N.
anzusehen. Ihr Bruder betritt den Gerichtssaal erst zur Urteilsverkündung. Davor hält er es nicht aus, mit dem Mörder seiner Schwester in einem Raum zu sein. Carlas Eltern sind ebenfalls da.
Sie haben ihre Tochter und beide Enkel verloren. Kurz vor dem Prozess schickt Thomas N. Briefe an die Angehörigen. Sie wirken nicht wie eine echte Entschuldigung, sondern strategisch.
In jedem Brief steht fast dasselbe. Am 16. März 2018 fällt das Bezirksgericht Lenzburg sein Urteil. Thomas N.
wird zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich ordnet das Gericht eine ordentliche Verwahrung an: Auch nach Verbüßung der Strafe kann er verwahrt bleiben, wenn er weiterhin als gefährlich gilt. Die lebenslängliche Verwahrung wird nicht ausgesprochen. Die Voraussetzungen seien nicht erfüllt.
Thomas N. nimmt das Urteil äußerlich ruhig auf. Beobachter berichten, er sitze mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen im Saal. Beide Seiten gehen in Berufung.
Thomas wehrt sich gegen die ordentliche Verwahrung. Die Staatsanwaltschaft fordert weiterhin die lebenslängliche Verwahrung. Am 13. Dezember 2018 bestätigt das Aargauer Obergericht die ordentliche Verwahrung.
Damit ist der Fall juristisch abgeschlossen. Carla, Dion, Devin und Simona wurden an einem kalten Dezembermorgen in ihrem eigenen Zuhause getötet. Ihr Tod bleibt ein schwerer Verlust für ihre Familien.
An dem Tag, an dem Georg Medger wie immer zur Arbeit fuhr und nicht ahnte, dass im Dunkeln bereits jemand auf sein Haus wartete.


