Am 26. August 1991 entdecken Kinder unter der Teufelstalbrücke an der A4 bei Jena die Leiche eines zehnjährigen Mädchens. Es ist Stefanie Drevs aus Weimar, die zwei Tage zuvor beim Spielen im Göthepark verschwunden war.

Die Obduktion ergibt: Das Kind starb an den Folgen des Sturzes aus 48 Metern Höhe, hatte aber Beruhigungsmittel im Blut. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel – und der Fall bleibt 27 Jahre lang ungelöst.
Die Teufelstalbrücke, ein markantes Bauwerk über das Hermsdorfer Kreuz, wird zum Symbol eines Verbrechens, das die Region erschüttert. Stefanie war mit anderen Kindern am „Ochsenauge“ im Park, als ein Unbekannter sie ansprach und mit 50 Mark lockte. Sie folgte ihm, um sich einen Füller zu kaufen.
Danach verliert sich ihre Spur. Zwei Tage später wird ihr Körper unter der Brücke gefunden – die Kleidung verändert, der Slip auf links gedreht. Ein Sexualdelikt liegt nahe, doch Beweise fehlen.
Die Polizei in Thüringen ermittelt monatelang, schaltet sogar die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ ein. Ein Fahrzeug mit Dresdner Kennzeichen wird gesucht, Zeugen werden vernommen, Sexualstraftäter überprüft. Doch nichts führt zum Täter.
1992 wird die Akte geschlossen. Der Fall Stefanie Drevs scheint für immer ungelöst zu bleiben.
25 Jahre später, 2016, gründet die Polizeiinspektion Jena eine Sonderkommission „Altfälle“. Ihr Leiter, Lutz Schnelle, stellt ein Team von rund 40 Ermittlern zusammen. Sie sollen drei ungeklärte Kindermorde aus den 1990er Jahren aufklären: Stefanie Drevs, Bernt Beckmann und Ramona Kraus.
„Der Täter steckt in der Akte“, lautet ihr Motto. Doch die Ausbeute ist ernüchternd – nur 18 Ordner im Fall Stefanie, kaum objektive Spuren.
Die Ermittler stehen vor einem Problem: Die Teufelstalbrücke wurde 1997 abgerissen und neu aufgebaut. Das Gelände ist verändert. Ohne die Originalbrücke lässt sich nicht klären, ob Stefanie gestoßen wurde oder durch einen Unfall starb.
Nur wenn es Mord war, ist die Tat nicht verjährt. Die Soko beauftragt Professor Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida mit einer digitalen Rekonstruktion.
Labudde und sein Team vermessen die Topografie des Teufelstals und finden in Archiven die Baupläne der Brücke von 1938. Sie modellieren die Szene im Computer und simulieren den Sturz. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Auffindeort der Leiche – acht Meter vom Brückenrand entfernt – passt nicht zu einem freien Fall.
Stefanie wurde mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 2,5 Metern pro Sekunde beschleunigt. Sie wurde gestoßen oder geworfen. Es war Mord.
Doch wer ist der Täter? Die Soko konzentriert sich zunächst auf die anderen Fälle. Kriminalhauptkommissarin Claudia Becker-Fritz wertet die Akten aus.
Im Februar 2017 stößt sie auf Spur 305: Hans Joachim G. , ein Lkw-Fahrer aus Weimar. Er ist sechsmal wegen Kindesmissbrauchs vorbestraft.
Seine Taten folgen einem Muster: Er spricht Mädchen an, fragt nach dem Weg, bietet Geld, lockt sie ins Auto, gibt ihnen Beruhigungsmittel und setzt sie später aus. Nur Stefanie überlebte nicht.
Becker-Fritz ist überzeugt: „Diese Spur passt zu 100 Prozent auf den Fall Stefanie. “ Sie präsentiert ihre Erkenntnisse der Soko-Leitung. Schnelle lässt Hans Joachim G.
observieren. Der Mann ist inzwischen 65 Jahre alt, lebt in Berlin und arbeitet wieder als Lkw-Fahrer. Er wirkt unauffällig, doch die Ermittler sind sich sicher: Er ist der Täter.
Aber sie haben keine harten Beweise – nur Indizien. Ein Geständnis ist ihre einzige Chance.
Genau zu dieser Zeit besucht Sokoleiter Schnelle einen Vortrag der Verhandlungs- und Verhaltensexpertin Sabrina Ritzo aus Hamburg. Sie hat ein Konzept entwickelt, um Menschen zu lesen: Emotionen, Überzeugungshebel, Fragetechnik und Inkongruenzen. Schnelle spricht sie an.
Ritzo sagt zu, die Ermittler zu beraten. Wochenlang arbeitet sie sich in den Fall ein – und hört abgehörte Telefonate des Verdächtigen ab.
In einem Gespräch mit seinem Stiefsohn macht Ritzo eine entscheidende Entdeckung. Hans Joachim G. spricht über Kinder und seine Vergangenheit.
Seine Stimme sinkt tiefer in die Trauer als normal. Ritzo analysiert: „Wenn die Nullinie unterschritten wird, muss neben dem sexuellen Missbrauch noch mehr passiert sein. “ Sie ist überzeugt, dass er gestehen wird – wenn die Vernehmung richtig choreografiert ist.
Am 4. März 2018 schlägt die Polizei zu. Ein Spezialeinsatzkommando der Berliner Polizei stürmt die Wohnung in Reinickendorf.
Hans Joachim G. ist gerade dabei, sich Eier zu kochen. Er wehrt sich kurz, wird aber überwältigt.
Die Ermittler Dirk Stibitz und ein Kollege betreten das Schlafzimmer. Stibitz, der schon 1991 im Fall Stefanie ermittelt hatte, setzt sich links neben den Verdächtigen – auf die emotionale Seite, wie Ritzo empfohlen hat.
Die Vernehmung beginnt. Hans Joachim G. streitet zunächst alles ab.
Doch dann sagt er: „Ich hatte noch ein Geheimnis. “ Er spricht von einem Vorfall in Weimar, von einem Kind, das nach dem Weg fragte. Stibitz weiß: „Ab dem Zeitpunkt wussten wir, dass wir richtig sind.
“ Der Verdächtige räumt den Kontakt zu Stefanie ein, aber nicht den Mord. Die Vernehmung zieht sich über Stunden hin.
Im Vernehmungsraum im Landeskriminalamt Berlin wird Hans Joachim G. mit den Fakten konfrontiert. Er behauptet, Stefanie an einer Nothaltebucht abgesetzt zu haben.
Doch die digitale Rekonstruktion beweist, dass sie gestoßen wurde. Ritzo beobachtet hinter einem Einwegspiegel. Sie erkennt an seiner Körpersprache, dass er kurz vor dem Geständnis steht.
Sie gibt den Ermittlern ein Zeichen: „Jetzt oder nie. “
Einer der Vernehmer schlägt mit der Hand auf den Oberschenkel und sagt: „Das ist mir zu blöd, ich lasse mich nicht länger verarschen. “ Der Druck wirkt. Hans Joachim G.
bricht zusammen. Er gibt zu, Stefanie von der Brücke gestoßen zu haben. „Ja, das stimmt“, sagt er.
Die Ermittler fallen sich in die Arme. Nach 27 Jahren ist der Mord geklärt.
Noch am selben Tag fahren die Beamten mit dem Geständigen nach Weimar. Auf der A4 passieren sie die Teufelstalbrücke. Auf Nachfrage zeigt Hans Joachim G.
die genaue Stelle, wo er das Kind hinabgeworfen hat. Er weint und sagt: „Ich habe ein Kind auf dem Gewissen. “ Die Mutter von Stefanie Drevs wird informiert.
Sie reagiert erleichtert – endlich Gewissheit.
2018 wird der Fall vor dem Landgericht Gera verhandelt. Hans Joachim G. wird wegen Mordes zu zwölf Jahren Haft verurteilt.
Das Gericht berücksichtigt sein Alter und die vorangegangenen Strafen. Er nimmt das Urteil emotionslos auf. Stefanie Drevs wäre heute 43 Jahre alt.
Die Arbeit der Soko Altfälle hat gezeigt: Es ist nie zu spät für Gerechtigkeit.
Der Fall bleibt ein Mahnmal. Die Ermittler haben bewiesen, dass Beharrlichkeit und moderne Forensik selbst nach Jahrzehnten noch Täter überführen können. Die Teufelstalbrücke steht noch heute – ein stiller Zeuge eines Verbrechens, das endlich gesühnt wurde.


