Der August macht keine Kompromisse. Ich stand zwischen den Beeten, hundertfünfzig Porreestangen in der Hand, als mein Mann vom Zaun rief: „Das wird nichts mehr. Vergiss es.” In diesem Moment…

Der August macht keine Kompromisse. Ich stand zwischen den Beeten, hundertfünfzig Porreestangen in der Hand, als mein Mann vom Zaun rief: „Das wird nichts mehr. Vergiss es." In diesem Moment...

Der August macht keine Kompromisse. Wer jetzt nicht sät, dem bleiben die Beete im Herbst leer. In meinem Aussaatkalender sind die kleinen Sternchen gesetzt – sie markieren alles, was in diesen Wochen keine Gnade mehr kennt. Die Zeit drängt, aber sie drängt schön.

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Zuerst nehme ich mir den Radicchio vor. Die meisten Salate sind Lichtkeimer, doch der Radicchio ist anders. Er will einen Zentimeter Erde über sich, dunkel und ruhig. Ich streue die feinen Körner in die stabile grüne Anzuchtschale, drücke sie vorsichtig an und decke sie ab.

Nicht vergessen, das Schildchen zu stecken, sonst weiß am Ende niemand mehr, was hier wächst. Dann auf die Nordseite zu den anderen Aussaaten, einmal kräftig angießen, fertig. In wenigen Minuten ist die Arbeit getan. Wenn man ein bisschen Pflege dranhängt, wird der Garten bunt und voll – und ich will nicht nur unsere Erntekörbchen voll haben, sondern auch eure.

Der Radicchio, der jetzt in der Erde liegt, ist nicht der, den wir alle aus dem Supermarkt kennen. Die klassische Sorte ist weiß mit rotvioletten Köpfen. Dieser hier trägt grüne Blätter mit roten Sprenkeln, als hätte jemand Farbe über das Gemüse gespritzt. Er lässt sich warm zubereiten, mit einem guten Dressing anmachen, zu Wildkräutern und Blumen auf dem Teller anrichten.

Es ist erstaunlich, welche Vielfalt das Gemüse bereithält, wenn man sie ihm zugesteht. Die Sternchen im Kalender erinnern an alles, was jetzt nicht mehr warten darf. Mangold, Radicchio, klassischer Salat, außerdem Kohlrabi und Chinakohl, die Anfang August unbedingt in die Erde müssen. Beim Blattgemüse haben wir den Postelein, der später den Kälteimpuls braucht.

Spinat für die Späternte, wobei man auf die richtigen Sorten achten muss, früh und spät, damit alles zur Jahreszeit passt. Batavia, Lollo und Eichblatt lassen sich noch einmal säen – aber im Haus brauchen wir jetzt nichts mehr vorzuziehen. Alles darf raus, auf die Nordseite, wo es nicht zu warm steht. Feldsalat bekommt erst Mitte Ende August seine Chance, wenn die Keimtemperaturen sinken.

Winterkresse bringt Schärfe aufs Brot und ein bisschen Pep in den Salat. Asia-Salate mischen sich wunderbar als Schnittsalat, verspielt kräuselig, dazu Pak Choi und die Gartenmelde. Und wer Kimchi liebt wie wir, setzt jetzt noch einmal Chinakohl an. Radieschen und Eiszapfen sind Pflicht.

Dazu die Mairübe für alle, die sie gerne essen, und der Rettich mit seiner feinen Schärfe, der gerade im Süden so beliebt ist. Bei den Kräutern gibt es den Koriander – die einen mögen ihn, die anderen nicht. Ich säe ihn aus. Es wächst, was wachsen will, und es schmeckt, was wächst.

Doch Aussaat ist nur der erste Schritt. An den Jungpflanzen zeigt sich, was aus der Arbeit geworden ist. Der Fenchel ist wunderschön gekommen, dicht und kräftig, man kann die Reihe schon von weitem sehen. Daneben stehen Blumenkohl, Chinakohl und Brokkoli – und sie sind nicht allein.

Die Raupen haben sie entdeckt. Sie wollen sie auch fressen, aber das lassen wir nicht zu. Wer später selber ernten will, muss täglich nachsehen, absammeln und die kleinen Pflanzen beschützen. Es ist wie bei Babys: Man lässt sie nicht allein.

Im hinteren Beet fangen die Blätter an, sich zu wellen. Endivie, Radicchio, Puntarelle – genau die Sorte, die ich so sehr liebe. Daneben der Zuckerhut, alles schön pikiert. Mein Mann war fleißig.

Auf der gemischten Platte ist nachgewachsen, was letzte Woche noch winzig war, und der Blumenkohl, etwa vier Wochen alt, steht gut da. Nur eine Sache hinkt hinterher. Der Winterporree hätte schon im Juli in die Erde gemusst. Jetzt ist Anfang August.

Vielleicht verzeiht er es uns. Vielleicht nicht. Aber wir versuchen es – ab ins Beet. Der Gemüsegarten liegt üppig vor uns.

Die Zuckerschoten sind abgeerntet, die Melde daneben ist schon geräumt. Alte Pflanzen raus, Gitter raus, einmal mit der Radhacke durch, dann ist das Beet bereit. Mein Mann zieht drei schnurgerade Rillen, in denen der Porree später stehen soll. Die jungen Pflanzen aber kann man nicht einfach so hineinstecken.

Sie müssen vorbereitet werden, damit aus ihnen kräftige Stangen wachsen. Oben ein Drittel abschneiden, unten die Hälfte der Wurzeln. Das regt das Wachstum an. Vorher will ich die Pflanzen vereinzeln – und dafür gibt es einen Trick, der zum Wetter passt: ab ins Wasser.

Die Wurzeln kommen in die Schale, kurz andrücken, und schon löst sich der ganze Klumpen. Ein bisschen wie Freibad, nur ohne Badehose. Die Pflänzchen planschen im kühlen Nass, während ich die größten und schönsten heraussuche. Sie kommen zuerst in die Löcher, die kleineren folgen, wenn noch Platz bleibt.

Hundertfünfzig Pflanzen brauchen wir für drei Reihen, Pi mal Daumen, gezählt habe ich nicht. Wurzeln auf gleiche Höhe kappen, oben ein Drittel stutzen: Zack, fertig. Das ist die ganze Kunst. Dann kommen die Pflanzlöcher.

Ein angespitzter Besenstielpfosten sticht sie in die Erde, es sieht ein bisschen ulkig aus, aber es funktioniert wunderbar. Pflanze für Pflanze wird gesetzt, zehn bis fünfzehn Zentimeter Abstand, die Reihen dreißig bis vierzig voneinander entfernt. Ein Schlückchen Wasser, mehr nicht. Das schlemmt die Erde langsam zu.

Sehr meditativ. Als alle hundertfünfzig Pflanzen drin sind, gießen wir mit effektiven Mikroorganismen an, mit unserem Gartenbodenaktivator. Das gibt den Wurzeln Kraft. Wer jetzt dasteht und die vielen jungen Stangen sieht, kann sich den Winter schon vorstellen: Schnee auf den Reihen, Porree, der trotzdem noch da steht.

Wir werden ihn in den nächsten Wochen und Monaten begleiten. Vom einen Zwiebelgewächs geht es direkt zum nächsten. Die Steckzwiebeln sind reif. Die Schoten knicken um – ein deutliches Zeichen, das sie uns geben, wenn sie erntereif und lagerfähig sind.

Kein Regen angesagt, trockenes Wetter. Perfekt. Wir ziehen die Zwiebeln aus der Erde und lassen sie erst einmal drei, vier Tage auf dem Feld liegen, bis die Schloten weich werden und sich zurückziehen. Dann kommen sie in die Scheune, werden gebündelt oder in Kisten gepackt – oder sie wandern direkt in die Küche.

Zwiebelgewächse sind in jedem Stadium essbar. Mein Mann und ich ziehen die Zwiebeln aus dem Beet, Reihe für Reihe. Es sind gelbe und rote, und ich liebe diese Vielfalt im Garten, all die verschiedenen Zwiebeln über das Jahr verteilt. In diesem Jahr sind sie nicht alle gleich groß geworden.

Die kleinsten und die größten liegen nebeneinander, alle aus denselben zwei Reihen. Das trockene Frühjahr hat seine Spuren hinterlassen. Unsere Pflanzen werden nur einmal beim Setzen gegossen, danach müssen sie allein zurechtkommen. Meist klappt das gut.

Diesmal eben nur meist. Trotzdem: Es ist eigenes Gemüse. Und das wiegt viel auf. Die Zwiebeln trocknen jetzt in der späten Sommersonne, der Winterporree steht in drei geraden Reihen daneben.

In ein paar Wochen wird der Garten wieder so bunt sein, wie ich ihn liebe. Wer jetzt die Lücken findet und sie schließt, der wird im Herbst ernten können, was er heute gepflanzt hat. Ich freue mich schon darauf – auf all die Farben und auf das, was daraus wachsen wird.