Im zweiten Winter fingen unsere Pferde an, die Holzpfosten anzuknabbern. Ich dachte erst an Langeweile oder Hunger. Doch dann sah ich mir das Holz genauer an: Alles war mit Leinöl gestrichen,…

Im zweiten Winter fingen unsere Pferde an, die Holzpfosten anzuknabbern. Ich dachte erst an Langeweile oder Hunger. Doch dann sah ich mir das Holz genauer an: Alles war mit Leinöl gestrichen,...

Im zweiten Winter fingen unsere Pferde an, die Holzpfosten anzuknabbern. Erst dachte ich an Langeweile. Vielleicht auch an Hunger, schließlich lag nicht mehr überall frisches Grün. Aber dann sah ich mir die Pfosten genauer an: alle schön mit Leinöl eingepinselt, damit sie lange halten.

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Das Leinöl war bis in Nagehöhe hochgezogen. Für uns war das Holzschutz. Für die Pferde waren es Salzstangen. Genau in dem Moment habe ich begriffen: Wenn ich Pferde zu Hause halte, ist nichts mehr selbstverständlich.

Ich muss mitdenken. Und ich darf mich nie darauf verlassen, dass irgendjemand anderes schon alles richtig macht. Vor fast zwei Jahren sind die ersten beiden Pferde bei uns eingezogen. Inzwischen sind es drei.

Sie sind eine Familie geworden. Da ist Mia, das Norika, mit fünf Jahren die körperlich Größte. Daneben Bell, die schwarze Tinkerstute mit sechzehn Jahren Erfahrung und Ruhe. Und dann noch Prinzessin Lotti, ebenfalls Norika, ein Tigerschecke mit sieben Jahren, die manchmal so wirkt, als wolle sie mir den Hof erklären.

Am Anfang waren es nur zwei. Das war okay. Aber drei Pferde, das ist etwas anderes. Da steht auf einmal eine Herde im Paddock.

Und die Herde hat ihre eigenen Gesetze. Was für Pferde am wichtigsten ist, bleibt das Futter. Unsere Rassen sind leichtfuttrig. Sie brauchen kein Kraftfutter, höchstens bei richtig viel Arbeit.

Sonst gibt es Heu, Kräuter, Raufutter, Mineralfutter. Kein Drama. Aber beim Heu habe ich mehr gelernt als in all den Jahren vorher, als ich bloß Einsteller war. Der Stallbesitzer hat damals das Heu besorgt.

Ich habe mir keine Gedanken gemacht. Jetzt muss ich das selbst verantworten. Deshalb gibt es bei uns Heu vom ersten Schnitt. Und die Futterpausen bleiben kurz, möglichst unter vier Stunden.

Die Pferde können sich auf dem Paddock Trail den ganzen Tag bewegen. Trotzdem will der Magen gefüllt sein. Um die Pausen zu überbrücken, hängen immer wieder Äste herum, frisches Raufutter, Knabberhölzer. Oder sie knabbern an der Linde, die im Bereich steht.

Weiter nach unten kommt die Linde nicht mehr, da ist sie längst abgeknuspert. Die Heuraufe benutze ich eigentlich nur im Winter oder bei starkem Regen. Grundsätzlich sollen die Pferde die Nase am Boden haben, wenn sie fressen. Das entspricht ihrer natürlichen Haltung.

Deshalb lege ich das Heu auf mehrere Plätze auf den Boden. So kann jedes Pferd in Ruhe fressen. Inzwischen fressen sie zwar oft zusammen, wie eine Familie, aber die Möglichkeit zum Rückzug bleibt. Gleich neben dem Unterstand liegt der Bereich, der von Anfang an fertig war, als die ersten beiden ankamen.

Inzwischen ist neuer Sand dazugekommen. Da wälzen sie sich gerne. Man sieht richtig, wie sie ihre eigenen Wege laufen. Da ist eine Vertiefung, die nicht ich geplant habe.

Die haben sie selbst eingetrampelt. Das ist ihr Vorgarten. Der Weg führt direkt zum Unterstand. Der Unterstand ist ein alter Stall, den wir wieder nutzen.

Im Winter ist er eingestreut, dann liegen sie auch hier. Im Sommer räumen wir alles raus. Der Steinboden bleibt kühl. Wenn es richtig heiß ist, machen wir das Fenster zu, damit es dunkel ist.

Das lieben sie. Vor allem Bell, die schwarze Stute, sucht dann den dunklen, kühlen Stall. Tagsüber stehen sie drinnen, fern von Fliegen und Bremsen, und kommen erst abends wieder raus. Der Stall hat mehrere Eingänge, mindestens zwei.

Das ist wichtig. Die Pferde können sich ausweichen, keiner fühlt sich in die Enge getrieben. Ich habe Kameras an verschiedenen Ecken installiert. So kann ich nachts sehen, ob sie wirklich liegen, ob sie schlafen, ob sie sich zanken.

Mittlerweile schlafen sie zu dritt aneinander, Nase an Nase, Rücken an Rücken. Das ist ein Bild, das ich nie erwartet hätte. An den Wänden hängen alte Besen als Kratzbürsten. Einfach überall angeschraubt.

Die Pferde nutzen sie ständig. Wenn ich nachmittags hereinkomme, kommen sie manchmal an und zeigen mir: Kratz mich mal. Das ist die schönste Art von Uni und Betteln zugleich. Wasser war auch so eine Sache.

Im Stall haben wir eine frostfreie Tränke eingebaut. Die kennen alle Pferde. Aber benutzen tun sie sie kaum. Höchstens im äußersten Notfall.

Was sie wirklich wollen, steht draußen: zwei große, lebensmittelechte Bottiche. Die fülle ich mit Brunnenwasser. In den einen kommt zusätzlich Salz. Gerade im Sommer, wenn sie mehr schwitzen, trinken sie erstaunlich regelmäßig das Salzwasser.

Ich hätte nie gedacht, dass sie das so annehmen. Aber sie können selbst wählen, was sie brauchen. Und das ist vielleicht das Wichtigste, was ich gelernt habe: Pferde wissen oft besser als wir, was sie brauchen, wenn man ihnen die Wahl lässt. Dann ist da die Pfütze.

Sie steht mitten im Gelände und sieht aus wie eine große Schlammstelle. Genau das ist sie. Ich habe sie nicht angelegt, um sie schön zu finden. Ich habe sie angelegt, weil der Boden dort sowieso tief lag.

Aber diese Pfütze ist viel besser als alles, was ich hätte planen können. Mia wälzt sich darin. Sie ist dann komplett eingekrustet, wie ein Seepferdchen, perfekt geschützt gegen Insekten. Das Fell danach ist wunderbar.

Sie trinken daraus. Sie machen ihre Hufe nass. Und nicht nur die Pferde. Die Vögel kommen auch.

Schwalben, Meisen, Raben, manchmal sogar Störche. Sie baden hier. Sie sitzen in der Totholzhecke, die ich aus alten Ästen angelegt habe. Die sieht auf den ersten Blick aus wie purer Unordnung, ist aber inzwischen der sicherste Ort für die kleinen Vögel.

Und die Vögel fressen die Insekten, die die Pferde ärgern. Das greift alles ineinander. Ich wollte den Tieren etwas Gutes tun und habe am Ende dem ganzen Ökosystem geholfen. Dabei habe ich noch etwas anderes gelernt.

Am Anfang habe ich die Zäune mit Holzpflöcken gebaut. Das war stabil, sah ordentlich aus. Und ich habe sie mit Leinöl gepflegt. Was ich nicht bedacht habe: Leinöl zieht in den Winter hinein und schmeckt den Pferden offenbar hervorragend.

Im ersten Winter passierte nichts. Im zweiten fingen sie an zu knabbern. Ich habe nicht lange überlegt. Ich habe die Pfosten mit Kabelbindern umwickelt und ihnen Alternativen hingestellt: frischen Äste, Knabberhölzer, attraktiver als jeder Zaun.

Seither bleiben die Zäune heil. Neue Holzzäune setze ich nicht mehr. Mittlerweile benutze ich elastische Litzenbänder und T-Pfosten. Die sind leichter in den Boden zu bringen und flexibler.

Nicht alles ist perfekt, die Isolatoren finde ich noch nicht ideal, aber da finden wir einen Weg. Ich will nicht so tun, als hätte ich alle Antworten. Was ich euch zeige, ist unser aktueller Stand. In drei Jahren wird das wahrscheinlich wieder anders aussehen.

Und das ist gut so. Der große Paddockbereich ist mehr als nur eine Fläche. Ich kann ihn abteilen. Dann kann ich einzeln mit einem Pferd arbeiten, zum Beispiel Zugtraining machen.

Letztens sind wir mit Lotti hier gelaufen, mit einem Gerät hinter ihr her. Die Palettenspuren sieht man noch im Boden. Der Bereich hat sich als total wertvoll erwiesen, weil er mehrere Möglichkeiten bietet. Gleichzeitig liegen überall Äste, dicke Baumstämme, Wurzeln.

Die Pferde scheuern sich daran, manchmal sieht es aus wie Pferdeyoga. Ein dicker Baumstamm aus der Nachbarschaft dient gleichzeitig als Aufsteighilfe. Ohne Trecker hätten wir den nicht herbekommen. Es gibt auch Nachbarn, die dir einfach Grünzeug vorbeibringen, wenn du Pferde hast.

Die Pferde freuen sich jedes Mal wie Kinder. Ein bisschen Leinöl auf die Knabberäste gibt zusätzlichen Spaß. Muss man nur mit Maß machen. Dann wird aus einem einfachen Ast ein langes Vergnügen.

Der Trail, der Rundlauf um die Innenwiesen, ist mein liebstes Stück. Tagsüber ist er offen. Die Pferde laufen ihn immer wieder, allein oder zusammen. Sie haben ihre eigenen Pfade eingetrampelt.

Man sieht genau, wo sie am liebsten langlaufen. Das ist Selbstbestimmung. Ich würde gerne wissen, wie viele Kilometer sie dabei am Tag machen. Aber sie laufen ohne Halfter herum.

Ich habe noch keinen Tracker gefunden, den man einfach so am Pferd befestigen kann. Wenn jemand einen kennt, sag Bescheid. Ich bin ja nicht den ganzen Tag dabei. Obwohl man, wenn man mit Pferden zusammenlebt, sehr viel mitbekommt.

Die Versorgung ist aufwendiger, als ich dachte. Man findet Routinen, aber es geht Zeit drauf. Ich mache es gerne, das ist die besondere Zeit am Tag. Aber es ist eben kein Nebenbei-Projekt.

Wer Pferde zu Hause hat, weiß das. Das Schöne daran ist: Training passiert nicht nur auf dem Platz. Wenn ich mit ihnen zusammen gehe, wenn sie mich beobachten, wenn wir gemeinsam den Bereich ablaufen, dann ist das Kommunikation. Sie lernen, wie ich ticke.

Ich lerne, wie sie ticken. Diese kleinen Momente sind die eigentliche Beziehungsarbeit. Unsere drei haben übrigens keine feste Rangordnung im klassischen Sinn. Sie ist dynamisch.

Lotti sagt Bell Bescheid, Bell sagt Mia Bescheid, und Mia sagt wieder Lotti Bescheid. Bei uns herrscht eine Ringordnung. Es klappt trotzdem. Oder genau deshalb.

Auch beim Weidemanagement habe ich viel gelernt. Wir haben nicht eine riesige Wiese, auf der die Pferde den ganzen Tag stehen. Wir haben mehrere kleine Bereiche, die ich immer wieder abzäune. Wenn eine Fläche abgefressen ist, kommt sie zu.

Der andere Teil hat sich dann schon erholt. So bleibt die Feuchtigkeit im Boden, die Pflanzen regenerieren schneller, und die Pferde haben trotzdem Abwechslung. Sie sind Selektivfresser. Sie holen sich aus der Wiese, was sie brauchen.

Das sieht dann nicht aus wie ein gepflegter Rasen. Aber es ist genau richtig. Zu dem, was die Pferde fressen, gehören auch Brennnesseln. Allerdings nicht frisch.

Wenn ich Lotti eine frische Brennnessel anbiete, dreht sie den Kopf weg. Erst wenn die Blätter angewelkt sind, bekommen sie einen gewissen Reiz. Und sie sind voller Mineralstoffe. Deshalb gehe ich mit der Sense an den Zäunen entlang und schneide die Litzen frei, damit der Strom fließen kann.

Das ist Arbeit, aber sie gehört zu diesem Leben dazu. Auch Bepflanzung ist ein Thema. Weiden wachsen schnell, Haselnuss auch, Wildrosen sind unkompliziert. Weißdorn lockt die guten Insekten an.

Holunder fressen die Pferde nicht, aber er hält die Fliegen fern. Eine Birke hatten wir gepflanzt, die haben die Wühlmäuse kaputt gemacht. Man muss dranbleiben. Gepflanzt wird nur im Herbst, alles andere bringt nichts.

Und dann sind da die kleinen Vorlieben. Lotti liebt Hagebutten. Bell mag sie nicht so gerne. Mia macht bei Hagebutten immer einen kleinen Smiley, das sieht man richtig.

Hagebutten sind mein Lieblingsleckerli: vitaminreich, kein Zucker, keine Melasse. Die kann ich guten Gewissens geben. An diesem Tag sind wir den Rundweg weitergegangen, vorbei an Kamille und Klee. Lotti blieb kurz stehen, knabberte an etwas, das sie entdeckt hatte.

Die Mädels haben ihre eigenen Ecken, ihre eigenen Pfade, ihre eigenen Ideen. Sie laufen mal hier, mal da. Sie entscheiden selbst, wohin. Ich schaue nur zu und passe auf, dass der Rahmen stimmt.

Am Ende des Rundgangs sind wir wieder auf dem großen Paddock gelandet. Ich hätte noch gerne einen Kiesbereich, damit die Hufe noch mehr unterschiedliche Untergründe kennenlernen. Fester Sand ist da, Erde ist da, ein bisschen Stein. Kies fehlt noch.

Aber das dauert, wie alles bei so einem Projekt. Man macht Schritt für Schritt. Wer eigentlich Garteninhalte erwartet hat, muss nicht enttäuscht sein. Nächste Woche geht es wieder um Gemüse und Aussaat.

Der Gartenkanal bleibt ein Gartenkanal. Die Pferdegeschichten lagere ich aus, auf einen eigenen Instagram-Kanal. Dort zeige ich weiter den Alltag mit den Pferden, das Leben am Hof, die kleinen und großen Abenteuer. Wer mag, kann dort eintauchen.

Wir sehen uns auf dem Hof. Aber dieser Teil ist eine eigene Geschichte. Ich schaue noch einmal zurück. Die drei stehen am Trail, dicht beieinander.

Mia hat einen Fleck Schlamm auf der Schulter, Bell hat sich in den Schatten gestellt, Lotti knabbert mit schiefem Kopf an einem Ast, als wolle sie sagen: Das hier ist unser Zuhause. Und ich denke: Ja, das ist es. Es ist nicht perfekt, es wird sich weiter verändern, aber es ist unser Weg.

Und die Pferde haben ihn mit mir zusammen gefunden.