Der Festsaal der Villa Wallner glänzte in 400 Kerzen. Es war der 50. Hochzeitstag des verstorbenen Kommerzialrats Stefan Wallner, und seine Witwe Christine hatte darauf bestanden, das Fest zu feiern. Katharina Hofer, 26, seit vier Monaten Dienstmädchen, trug ein Tablett durch die Gäste, als Rupert Wallner auf seine Mutter zuging.

„Mutter, ich muss jetzt mit dir sprechen. ”
„Gleich, mein Sohn. ”
Rupert hob die Hand zum Schlag. Katharina ließ das Tablett los, machte zwei Schritte und schloss ihre Finger um sein Handgelenk – mitten im Schwung.
Der ganze Saal erstarrte. Ein Dienstmädchen im grauen Kittel hielt den Arm des mächtigsten Mannes der Stadt fest. „Lass mich los”, zischte Rupert. „Gerne.
Sobald Sie den Arm herunternehmen. ”
Christine legte ihre Hand auf Katharinas Unterarm – ein stummes Danke. Rupert senkte den Arm. Die Musik setzte wieder ein, die Gespräche kehrten zurück.
Doch Rupert blickte seiner Mutter kein einziges Mal mehr an. Sein letzter Blick galt Katharina. Die Antwort kam um sieben Uhr morgens in Gestalt von Markus, Ruperts Handlanger. „Der Herr Rupert erwartet Sie.
”
Rupert stand am Fenster. Er saß nicht, weil Stehen ihn größer wirken ließ. „Ihr Dienstverhältnis endet am heutigen Tag. Sie haben sich eine Freiheit herausgenommen, die Ihnen nicht zusteht.
”
„Was ich getan habe, würde ich wieder tun. Wenn jemand die Hand gegen eine ältere Person erhebt, schreite ich ein. Egal, wer es ist. ”
„Heben Sie sich diesen Mut für Ihre nächste Anstellung auf.
Sie können gehen. ”
Was er nicht einkalkuliert hatte, war seine Mutter. Christine erfuhr es um halb neun von Frau Hertha. Sie kam in Katharinas kleines Zimmer im dritten Stock, während diese packte, und setzte sich auf die Bettkante.
„Hat mein Sohn dir gesagt, dass du gehen musst? Und du hast ja gesagt? ”
„Welche Wahl hätte ich? ”
Christine hob die Hand.
„Dieses Haus trägt den Namen Wallner, weil mein Mann es mit meinem Erbe gebaut hat. Solange ich lebe, wird hier niemand gekündigt, ohne dass ich es weiß und zustimme. Und ich stimme nicht zu. ” Eine Pause.
„Pack wieder aus. ”
Das Gespräch zwischen den beiden dauerte vierzig Minuten. Danach herrschte Waffenstillstand – bis Rupert eine andere Lösung fand. „Ab morgen arbeitest du im Garten”, teilte Frau Hertha Katharina mit.
„Kein Zutritt zu den Wohnräumen. Keine Anwesenheit bei gesellschaftlichen Anlässen. ”
Katharina blickte durchs Küchenfenster. „Es ist alles in Ordnung.
”
Was niemand im Haus ahnte: Katharina Hofer trug ein Gedächtnis für Details in sich. Papiere auf offenen Schreibtischen, Gespräche auf Fluren, Namen bei diskreten Telefonaten. Vier Monate der Unsichtbarkeit waren vier Monate der Archivierung gewesen. In einem blauen Notizbuch, das sie in der Innentasche ihrer Jacke trug, sammelte sie Daten und Widersprüche – Dinge, die in Ruperts Verwaltung des Familienvermögens nicht zusammenpassten.
Am Donnerstag rief Christine sie ins Haus. „Schließ die Tür. Setz dich. Ich will eine ehrliche Antwort: Was ist dir in diesem Haus aufgefallen?
”
Katharina sprach zwanzig Minuten. Von der Rechnung eines Lieferanten, dessen Name zu keinem bekannten Dienstleister passte. Von einem Telefonat, in dem der Name Dr. Bacher fiel.
Von einem Umschlag mit Christines Namen in Ruperts Handschrift, der drei Tage später verschwunden war. Christine schloss die Augen. „Danke. Sprich mit niemandem darüber.
Und pass auf dich auf. ”
Markus war an der Tür vorbeigekommen. Er hatte nichts verstehen können, aber die geschlossene Tür und die lange Dauer des Gesprächs genügten. Noch am selben Abend wusste Rupert davon.
Poldi, der Pförtner, kam am nächsten Morgen mit seiner Thermoskanne in den Garten. „Markus ist gestern herumgeschlichen. Fragt nach dir. Pass auf dich auf, Mädchen.
”
„Frau Wallner hat mir dasselbe gesagt. ”
„Dann hör auf die gnädige Frau. Das ist die einzige in dieser Hütte, die den Verstand am rechten Fleck hat. ”
Es war Poldi, der ihr die entscheidende Information lieferte.
Ein Chauffeur der Nachbarfamilie hatte Erik Wallner am Flughafen gesehen – vor zwölf Tagen. Erik, der ältere Bruder, war in Wien, im Hotel Bristol. Und er wusste offenbar nicht, dass seine Mutter versuchte, ihn zu erreichen. Am Samstag, als Rupert gesellschaftliche Verpflichtungen hatte, bat Katharina Frau Hertha um freie Stunden.
„Um fünf bist du wieder da”, sagte die Hausdame, ohne Fragen zu stellen. Das Hotel Bristol empfing sie mit der Selbstverständlichkeit großer Häuser. Katharina nannte der Dame an der Rezeption ihren Namen und erklärte, sie komme im Auftrag von Christine Wallner. Acht Minuten später stand Erik Wallner in der Lobby – 35, dunkle Jeans, blaues Hemd, und eine Anspannung im Gesicht, die Katharina sofort erkannte.
Es war dieselbe Anspannung wie bei Christine. „Sie kommen im Auftrag meiner Mutter? ”
„Ja. Ich arbeite in der Villa.
Ihre Mutter weiß nicht, dass ich hier bin – aber sie weiß alles, was ich Ihnen gleich sage. ”
Sie sprachen eine Stunde und fünfzehn Minuten. Katharina erzählte von der Gala, von der Kündigung, vom Garten, von den Dokumenten, vom Gutachten des Arztes, von der Marchfeld Immobilien GmbH. Erik hörte schweigend zu, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen.
Als sie endete, sah er sie lange an. „Wissen Sie, wie lange ich schon versuche, meine Mutter zu erreichen? Drei Wochen. Meine Anrufe gehen auf die Mailbox.
Zweimal versuchte ich, zur Villa zu fahren. Beim ersten Mal sagte mir Markus, sie schlafe. Beim zweiten Mal war das Tor verschlossen – Anweisung, niemanden einzulassen, der nicht auf der Liste stand. ”
„Warum erzählen Sie mir das alles?
Sie riskieren Ihren Arbeitsplatz. ”
„Weil Ihr Bruder an jenem Abend die Hand gegen sie erhoben hat. Und weil Ihre Mutter eine klare, gerechte Frau ist, die in diesem Haus allein gelassen wird. Was man ihr antut, ist Diebstahl.
Und Diebstahl ist Unrecht, egal wer wen bestiehlt. ”
Erik nickte langsam. „Was brauchen Sie von mir? ”
„Ich brauche Sie in der Villa.
Vor dem Dreißigsten. ”
Am Sonntagmorgen öffnete Poldi das Tor. Erik Wallner betrat das Anwesen zu Fuß und ging direkt ins Zimmer seiner Mutter. Christine brachte zehn Sekunden lang kein Wort heraus.
Dann schloss sie ihn in die Arme, mit der stummen Kraft von Müttern, die viel zu lange gewartet haben. Rupert erfuhr es vierzig Minuten später. Das Gespräch der Brüder dauerte zwanzig Minuten. Als es endete, kam Rupert allein herunter.
Eine Stunde später trat Frau Hertha in den Garten. Ihr Gesicht war blass. „Du musst mit mir kommen. Da sind Leute im Salon, die mit dir sprechen wollen.
”
Die Polizei. Anzeige wegen Diebstahls im privaten Wohnbereich und Entwendung vertraulicher Dokumente. Katharina ging ohne Widerstand mit. Im Kommissariat roch es nach schlechtem Kaffee und feuchtem Papier.
Sie saß auf einem orangefarbenen Kunststoffsitz, unterschrieb Formulare, beantwortete Fragen mit präziser Zurückhaltung und wartete. Sie dachte an das blaue Notizbuch in ihrer Jackentasche. Und an Erik. Gegen vier Uhr trat der Beamte aus seinem Büro.
„Frau Hofer, Sie haben Besuch. ”
Es war Erik, in Begleitung eines älteren Herrn im dunklen Maßanzug mit einer Aktentasche aus feinstem Leder. Dr. Gasteiger, der langjährige Anwalt der Familie.
„Poldi hat gesehen, wie sie Sie abgeholt haben”, sagte Erik. „Geht es Ihnen gut? ”
„Ja. ”
Dr.
Gasteiger sprach kurz mit dem Beamten. Dann kehrte er zurück. „Wir gehen. Die Anzeige wird vorübergehend ausgesetzt, während die Glaubwürdigkeit des Klägers geprüft wird.
” Er sah Katharina an. „Haben Sie etwas, das den Anzeigenden belasten könnte? ”
Katharina zog das blaue Notizbuch aus ihrer Jacke und legte es auf den Tisch. In der Stille klang es wie ein Paukenschlag.
„Alles, was Sie brauchen, steht hier drin. ”
Dr. Gasteiger schlug die erste Seite auf, dann die zweite. „Haben Sie eine juristische Ausbildung?
”
„Nein. ”
„Wie haben Sie gelernt, Sachverhalte so zu dokumentieren? ”
Katharina dachte an ihre Oma Rosa, die ihr beigebracht hatte, Probleme wie Schmutzwäsche zu sortieren. „Ich habe gelernt zu überleben.
Und dafür muss man hinsehen. ”
In der Kanzlei auf der Wieden sprach sie zwei Stunden. Gasteiger schrieb unaufhörlich, stellte präzise Zwischenfragen, übertrug jedes Detail aus dem Notizbuch auf seine gelben Blätter. Erik saß im Ledersessel und registrierte jedes Wort.
Sein Blick wurde dunkler, je klarer das Muster hervortrat: ein gefälliges Gutachten, eine gefälschte Unterschrift, eine Gesellschaft, die ohne Wissen seiner Mutter gegründet worden war. „Wir haben eine solide Basis”, sagte Gasteiger. „Die Unterschrift auf den Übertragungsurkunden kann kriminaltechnisch untersucht werden. Der Bericht von Dr.
Fischer kollidiert mit den echten Krankenakten. Und die Marchfeld Immobilien GmbH steht im Firmenbuch – jeder Richter kann das einsehen. ”
„Zeit? “, fragte Katharina.
„Wenn Sie morgen früh zur Staatsanwaltschaft kommen und Ihre Aussage protokollieren lassen – und wenn Sie”, er blickte zu Erik, „Zugang zu den Konten des Unternehmens bekommen – dann haben wir vor dem Dreißigsten alle Trümpfe in der Hand. ”
„Und Dr. Fischer? “, fragte Erik.
„Das schwächste Glied. Ärzte, die Gefälligkeitsgutachten erstellen, knicken meist ein, wenn man sie mit den Konsequenzen konfrontiert. ”
Sie arbeiteten bis in die Nacht. Katharina schlief im Gästezimmer einer pensionierten Kollegin von Dr.
Gasteiger. Erik öffnete mit Christine den Safe in ihrem Zimmer und fotografierte die Krankenakten der letzten drei Jahre – Befunde, die im Widerspruch zu Dr. Fischers Gutachten standen. Dazu Kontoauszüge: Überweisungen an die Marchfeld Immobilien GmbH, deklariert als Instandhaltungskosten, und zwei Schecks mit Christines Unterschrift an Daten, an denen sie nachweislich verreist war.
Am Montag wurde die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft eingebracht. Das blaue Notizbuch lag als zentrales Dokument bei den Akten. Rupert erfuhr es noch am selben Nachmittag. Er rief seinen Anwalt zur Krisensitzung.
Aber er wusste noch nicht, dass das Notizbuch existierte. Am Mittwoch, dem 28. Oktober, zwei Tage vor dem Stichtag, betrat Dr. Fischer um zehn Uhr die Kanzlei von Dr.
Gasteiger. Allein, ohne Rechtsbeistand. Katharina saß im Vorraum und erkannte seinen Gang. Es war die Miene eines Mannes, der gekommen war, ein Geständnis abzulegen.
Die Tür schloss sich. Nach fünfzig Minuten öffnete sie sich wieder. Dr. Fischer trat heraus, wich Katharinas Blick aus und verließ die Kanzlei, ohne ein Wort zu sagen.
Erik stand in der Tür. Die Anspannung in seinem Gesicht war verschwunden. „Er hat alles zugegeben”, sagte er leise. Katharina nickte.
Zwei Tage vor dem Dreißigsten.


